Wie ein Belgier das Internet erfand

Willkommen im Web 1.0

Wer hat den Hyperlink erfunden? Na klar: TBL, natürlich! Tim Berners-Lee verwendete für sein „World Wide Web“ bekanntlich ein System namens „Hypertext“, um Verbindungen zu Inhalten auf anderen Rechnern herzustellen. Die Idee stammte allerdings nicht von ihm. Schon 1978 schufen die Macher des legendären Aspen Movie Map einen Video-Stadtführer, der mit Hyperlinks arbeitete. Ted Nelson verwendete das Wort „Hypertext“ in der Beschreibung eines Computermodells, das er später zusammen mit Andreas van Dam an der Brown University entwickelte. Die Idee, Informationen zu verbinden, taucht aber auch schon bei Jorge Luis Borges in seiner 1944 verfassten Erzählung „El jardín de senderos que se bifurcan“ („Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“) auf.

Alles ein alter Hut! Der wahre Erfinder des Hyperlinks (und damit natürlich auch des Internets) war nämlich ein Belgier namens Paul Otlet. Wenn Sie noch nie etwas von ihm gehört haben, dann macht das nichts, denn Sie sind in guter Gesellschaft. Außer ein paar ziemlich verstaubten Museumswärtern im mittelalterlichen Städtchen Mons scheint ihn kaum jemand zu kennen. Im so genannten Mundaneum-Museum von Mons wird sein Andenken noch gepflegt, denn Paul Otlet hatte schon 1895 die Idee, ein weltweites Netzwerk (er benützte dafür das französische Wort „réseau“) zu schaffen, mit dessen Hilfe die Menschen in der Lage sein sollten, Millionen von vernetzten Dokumenten zu durchsuchen, sich gegenseitig Nachrichten und Dateien zu schicken und sich zu Gemeinschaften – auf Internetdeutsch sagt man heute dazu „Communities“ – zusammenzuschließen.

Otlet gründete zusammen mit seinem Landsmann Henri La Fontaine am 12. September 1895 das Office International de Bibliographie mit dem Ziel, eine universelle Weltbibliothek zu schaffen, die er Mundaneum nannte. Er bekam dafür sogar ziemlich viel Geld von der belgischen Regierung, die sich damals (allerdings vergeblich) Hoffnung machte, Sitz des neugeschaffenen Volkerbunds zu werden. Otlet machte sich daran, Informationen über jedes jemals veröffentlichte Buch, jede Zeitschriftenartikel, Pamphlet oder Poster zu sammeln und sie auf ca. 8×13 Zentimeter große Karteikarten zu vermerken. Am Ende waren es mehr als 12 Millionen Stück davon, die alle durch ein von ihm erfundenes Notationssystem aufeinander verwiesen, ähnlich wie das heute wesentlich eleganter durch elektronische Hyperlinks passiert. Otlets System war sogar noch intelligenter als das von TBL, denn seine Links waren bereits kontextsensitiv, konnten sogar auf inhaltliche Übereinstimmungen oder Gegensätze hinweisen oder Beurteilungen enthalten – etwas, das Google & Co. heute mehr schlecht als recht nachzumachen versucht.

1934 schrieb Otlet ein Buch („Monde“) in dem er die Vision eines weltweiten Netzwerks von „mechanischen kollektiven Gehirnen“ beschrieb, die er „elektrische Teleskope“ nannte. Schon vorher hatte er darüber spekuliert, dass sich Informationen und Daten irgendwann elektronisch speichern lassen würden. Er hatte also bereits den modernen Computer vorausgesehen.

Leider haben die Deutschen das Gebäude, in dem das Mundaneum untergebracht war, nach dem Einmarsch 1939 in eine Ausstellung von Nazi-Kunst umgewidmet, und die meisten von Otlets Karteikarten wanderten auf den Müll. Er starb 1944, ein gebrochener Mann. Es dauerte bis 1968, ehe ein junger Student namens W. Boyd Rayward in einem alten Gebäude der anatomischen Fakultät der Freien Universität von Brüssel unter Staub und Spinnweben auf die kläglichen Reste der Sammlung stieß und sich daran machte, ein Museum zum Andenken an den Erfinder des weltweiten Datennetzwerks zu machen.

Doch jetzt bekommt Otlet endlich die Anerkennung, die er verdient: Google hat jetzt eine Partnerschaftsvereinbarung mit den analogen Vorgängern unterschrieben und will eine weltweite Wanderausstellung mit Artifakten aus dem Mundaneum sowie Vortransveranstaltungen im Museum sponsorn. William Echikson, ein Google-Sprecher, nannte im Interview der „New York Times“  das Mundaneum ein „faszinierendes und weitgehend unbekanntes Beispiel für die Wurzeln des Web.“

Wenn das so ist, dann hat TBL jetzt ein Problem: Kritiker werden ihm vermutlich demnächst Plagiatentum vorwerfen. Schließlich erhielt er ja 1995 den Ehren-Nica des Prix Ars Electronica für die Einführung des Hypertext, und 2007 wurde er dafür sogar von Königin Elisabeth in den Ritterstand erhoben. Muss er diese Auszeichnungen jetzt zurückgeben, womöglich zusammen mit den diversen Preisgeldern (zum Beispiel die $500.000, die er für den Charles-Stark-Draper-Preis der United States National Academy of Engineering bekam)?

Vielleicht sollte er sich darüber mal mit Karl-Theodor zu Guttenberg beraten. Der arbeitet ja bekanntlich inzwischen als Internet-Berater der EU in Brüssel.

2 Gedanken zu „Wie ein Belgier das Internet erfand“

  1. Vergesst mir nicht den Vannevar Bush, der immerhon schon 1945 die Idee des Hypertextes als „assoziative Indizierung“ beschrieb: „Der menschliche Geist arbeitet … mittels Assoziation. Kaum hat er sich eine Information beschafft, greift er schon auf die nächste zu, die durch Gedankenassoziation nahegelegt wird, entsprechend einem komplizierten Gewebe von Pfaden, das über die Hirnzellen verläuft. … Es ist nicht zu hoffen, dass sich dieser geistige Prozess vollständig künstlich reproduzieren ließe, aber mit Sicherheit sollten wir davon lernen können. In kleinen Dingen könnte dies sogar umgekehrt weiterhelfen, denn Aufzeichnungen sind relativ dauerhaft. … Stellen Sie sich ein künftiges Arbeitsgerät zum persönlichen Gebrauch vor, das eine Art mechanisierten privaten Archivs oder Bibliothek darstellt. … Wenn der Benutzer ein bestimmtes Buch zu Rate ziehen will, gibt er den Code über die Tastatur ein, und sofort erscheint die Titelseite des Buchs vor ihm, projiziert auf einen der Sichtschirme. … Jedes Buch einer Bibliothek kann so erheblich leichter aufgerufen und betrachtet werden, als wenn man es aus dem Regal nehmen müsste. … Da dem Benutzer mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und Kommentare hinzufügen. … Es braucht jedoch noch einen weiteren Schritt zur assoziativen Indizierung. Deren grundlegender Gedanke ist ein Verfahren, von jeder beliebigen Information – sei es Buch, Artikel, Fotografie, Notiz – sofort und automatisch auf eine andere zu verweisen. … Es ist ein Vorgang, der zwei Informationen miteinander verbindet. Das ist das Kernstück. … Der Benutzer drückt eine einzige Taste, und die Gegenstände sind dauerhaft miteinander verbunden. … … Danach kann jederzeit, wenn eine der Informationen auf einer der Projektionsflächen sichtbar ist, die andere sofort abgerufen werden. … Es ist genau so, als wären die jeweiligen Artikel, Notizen, Bücher, Photographien etc. leibhaftig aus weit entfernten Quellen zusammengetragen und zu einem neuen Buch verbunden worden. … Und es ist noch mehr als dies, denn jede Information kann so zu einem Teil unzähliger Pfade werden…. Ganz neue Arten von Enzyklopädien werden entstehen, bereits versehen mit einem Netz assoziativer Pfade … … Für den Patentanwalt stehen Hunderttausende ausgegebener Patente bereit, mit vertrauten Pfaden zu jedem Punkt, der für seinen Klienten von Interesse sein könnte. Der Arzt, verwundert über die Reaktion eines Patienten, folgt dem Pfad, den er bei der Erforschung eines früheren, ähnlichen Falls angelegt hat, und kann rasch andere Fallgeschichten durchgehen, mit Hinweisen auf die relevanten Klassiker der Anatomie und Histologie. Der Chemiker, der sich mit der Synthese einer organischen Verbindung müht, hat alle Fachliteratur in seinem Labor vor sich, mit Pfaden, die sich mit Vergleichen zwischen Verbindungen befassen und Seitenpfaden über ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften. Der Historiker, der eine ausführliche Chronologie eines Volkes anlegt, versieht diese parallel mit einem Schnellpfad, der nur die wichtigsten Punkte berührt, und kann jederzeit von dort aus anderen, über die gesamte Zivilisation einer bestimmten Epoche führenden Pfaden folgen. Es wird ein neuer Berufszweig von Fährtensuchern entstehen, die sich damit beschäftigen, nützliche Pfade durch die ungeheure Menge von Aufzeichnungen und Dokumenten anzulegen.“
    Der gute Mann hat also nicht nur den Hypertext, sondern auch den PC, das Kindle, Clout, Wiki und Guttenberg vorausgesehen. Vgl: http://www.czyslansky.net/?p=4355

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .