Was der vorhautlose Eselficker will…

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Wenn zwei das Gleiche tun ist es noch lange nicht das Gleiche. Sollte man meinen… Denn das, was dem einen recht ist, das muss dem anderen billig sein. Das gilt unabhängig von den eigenen moralischen, gesellschaftlichen, politischen und sonstigen Ansichten; auch wenn es schwerfällt.

Seit Jahr und Tag beobachte ich und kommentiere hier auf dem Czyslansky-Blog, wenn Personen digital an den Pranger gestellt werden: Sei es, dass sie Verkehrssünder in Abensberg waren, als Ladendieb in Regensburg in die Videoüberwachung gestolpert sind oder in Louisiana als Sexualstraftäter verurteilt worden sind. Auch Autor und Freund Tim Cole hat sich ausführlich mit dieser Frage auseinandergesetzt, als Hochspringerin Ariane Friedrich einen Stalker digital angeprangert hat. Seine Sicht, wie auch meine ist kritisch, enorm kritisch. Es geht um Stigmatisierung, um (Vor-)verurteilung, um Personenschutz und informationelles Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Personen. Und es geht um den Wahrheitsgehalt, nämlich darum, ob der so Angeprangerte tatsächlich sich hat irgendetwas zu Schulden kommen lassen oder nicht.
Jetzt aber werde ich zum „Opfer“ meiner eigenen sehr kritischen Haltung zur digitalen Anprangerung.

Unter der Überschrift „Blog entlarvt Nazis im Internet“ hat die Huffington Post diese Woche einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie das Tumblr-Blog Lookismus gegen Rechts vorstellt.  Der Blog „Lookismus gegen Rechts“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Urheber rassistischer oder faschistischer Kommentare auf sozialen Netzwerken wie Facebook bloßzustellen. Auf dem Blog werden die Äußerungen dokumentiert – mitsamt eines Fotos der Person, von der sie stammen. – so beschreibt es die Huffington Post.
Das klingt doch zunächst mal gut.
Wer seine Meinung – gefragt oder ungefragt – ins Netz stellt, der muss damit leben, dass diese Meinung zitiert, wieder zitiert und so verbreitet wird. Das Netz behält alles. Das ist nicht neu, aber offensichtlich noch immer nicht jedem klar. Eine öffentliche Meinungsäußerung sollte bedacht sein. Denn sie bleibt vielleicht nicht bei denen, die sie hören bzw. lesen sollten. Sie verbreitet sich. Nichts anderes macht der Betreiber des Lookismus-Blogs, der sich – wen wundert es – namentlich nicht greifen lässt.
Das Prinzip von tumblr ist es, dass man ganz ähnlich wie bei Twitter unter einem Synonym und einem Avatar alles und jedes veröffentlichen kann, hauptsächlich geht es um Bilder. Und genau das macht dieses Blog: Es stellt Fotos und Statements von Menschen mit extrem rechter, ausländerfeindlicher, homophober, rassistischer, antisemitischer Gesinnung zusammen. Diese Art der Dokumentation, so denke ich zuerst, ist sehr zu begrüßen. Hier zeigt die rechte Sympathisantenszene ihr wahres Gesicht. So also sehen Menschen aus, die mit strammen Sprüchen von vorhautlosen Eselsfickern sprechen, wenn sie Juden meinen. lookismus1
Der Blogger hat zwar die Nachnamen allesamt unlesbar gemacht, das Gesicht aber bleibt.
Die vielen Schreibfehler in den Statements, der teilweise ans Stupide grenzende Gesichtsausdruck und nicht zuletzt mileaugeprägte Kleidung und Attribute auf den Bildern machen es dem Betrachter des Blogs leicht, sich über diese Menschen zu erheben und zu denken: Was ist das für ein dummes, ungebildetes, niveauloses Pack, Asoziale, Proleten, Spinner, Idioten. Die Bilder versammeln alle Stereotype und Klischees, die man sich so denken kann.

Ein zweiter Gedanke ist: Gut, dass diese Schnipsel, die im Überwiegenden bei Facebook gesammelt wurden, auf einer Seite gebündelt dokumentiert werden und vor dem Zugriff ihrer eigenen Autoren gesichert sind. Keine seiner Äußerungen, die bei Lookismus gegen Rechts veröffentlicht wurden, kann der Facebooker nachträglich  aus seinem Profil entfernen. Seine Facebookseite mag er putzen können – aber das Tumblr-Blog bleibt ihm verwehrt, es sei denn er ginge juristisch dagegen vor und könne auf diesem Weg seine Interessen durchsetzen.

lookismus5Ein dritter Gedanke ist: Wer sagt mir eigentlich, dass das, was ich da sehe, echt ist? Ich bin natürlich sofort gewillt, jedes einzelne Statement als echt anzuerkennen und glaube, dass der Betreiber des Blogs das alles tatsächlich gefunden und per Screenshot aus dem Netz geholt hat. Allein: Den Beweis bleibt er schuldig (wie seine Identität). Ich möchte hier keineswegs das Stichwort diskriminierender Propagandalügen und Manipulationen in den Raum werfen, wie es ja gern von Rechten wie Linken, von politischen Regimes und Unternehmen gleichermaßen schnell aus dem Hut gezaubert wird. Aber es fehlt eben auch jegliche journalistische Sorgfalt und Nachprüfbarkeit. Und es fehlt jegliche Erklärung des anonymen Autors. Der Blogtitel Lookismus gegen Rechts ist als Beschreibung des Ganzen etwas dürftig. Wer macht da was? Warum? Aus welchem Grund und mit welchem Ziel? Es fehlt ein einleitender, erklärender Text. Es gibt keine Kommentare, keine Erklärungen und scho gar keine Stellungnahme. Das macht stutzig.
Fast möchte man meinen, das Ganze könne subtil genug angelegt worden sein, dass es genau andersherum gedacht ist. Immerhin hilft Tumblr mit der spezifischen Verbreitung der einzelnen Bilder (analog zum retweeten) ja, diese Statements in die eigene Timeline und damit den eigenen Followern zuzuspielen. Und damit wird jedes einzelne Statement aus seinem ursprünglichen Kontext komplett herausisoliert und steht für sich – natürlich eben unkommentiert.

lookismus6Ein vierter Gedanke: Wie war das noch mit dem digitalen Pranger? Ist das bereits einer? Und wenn das so gedacht ist: Wie steht es dann mit meiner kritischen Haltung. Nur weil ich die Statements ekelhaft finde, darf ich es deshalb ein solches Projekt legitim finden? Gilt nicht zunächst einmalganz unabhängig von dem, wer für was angeprangert wird: Öffentliche Zurschaustellung und Diffamierung sind nicht in Ordnung? Immerhin heißt die Seite nicht umsonst Lookismus und das ist eben Programm. Sterotypisierung und Diskriminierung – auch wenn es gegen rechts geht.
Und sind nicht hier genauso Persönlichkeitsrechte wie das der informationellen Selbstbestimmung ebenso betroffen wie das Recht der freien Meinungsäußerung? Nur, weil ich diese politischen Positionen ekelhaft finde, darf ich nicht das, was ich sonst verurteile, einfach gut finden – weil es in meine Weltsicht passt und es ja keinen falschen trifft. heißt die Seite nicht umsonst Lookismus und das ist eben Programm. Sterotypisierung und Diskriminierung – auch wenn es gegen rechts geht.

Und was, wenn doch?

lookismus4Czyslansky ist sicher alles andere als eine Plattform zur Verteidigung oder Rechtfertigung irgendwelcher der auf Lookismus gegen Rechts gesammelten Statements oder politischen Positionen. Im Gegenteil. Nur, dass das klar gestellt ist. Aber dennoch bleibt das Projekt eine Menge Antworten auf Fragen schuldig, wenn es ernst genommen werden will. Seriös ist dies – bei aller Ambition und vermutlich gut gemeinten Absicht – nicht. Noch nicht. Nachbesserung ist erforderlich. Und erwünscht.

Die Screenshots stammen von dem im Text zitierten Tumblr-Blog. Der Autor dieses Textes übernimmt keine Gewähr für die Authentizität der in den Bildern dargestellten Personen und distanziert sich an dieser Stelle ausdrücklich von deren Meinung.

4 Gedanken zu „Was der vorhautlose Eselficker will…“

  1. Ich denke, zur Meinungsfreiheit gehört auch das Recht, solchen ekelhaften Stuss zu veröffentlichen. Da halte ich es mit Voltaire, der sagte:

    „Ich verabscheue, was Sie sagen: ich werde Ihr Recht, es zu sagen, bis zum Tod verteidigen.“

    Lookismus geht einen Schritt weiter und stellt das Verabscheungswürdige zur Schau. Das ist prinzipiell gut so, denke ich.

    Andererseits nimmt Lookismus mir bzw. denjenigen, die solchen Stuss mal, vielleicht im Stress oder im Suff geschrieben haben, das ebenfalls daraus ableitbare Recht, es wieder zurück zu nehmen. Das ist sozusagen eine Form der umgekehrten Zensur, was eigentlich auch nicht in Ordnung ist.

    Wie man’s macht ist es verkehrt…

  2. Ähh – was meinst du mit „nicht zuletzt milieugeprägte Kleidung“ unter einem Mann, der ein 60iger Trikot trägt? Ich hoffe ja mal nicht, dass es wirklich „Löwen“ gibt, die nur weil die Bayern sich wirklich lange Zeit in den 30iger Jahren als Verein dem Antisemitismus entgegenstellten und weil sie gerade in einer wunderbaren Fan-Aktion ihren langjährigen jüdischen und rassisch verfolgten Ex-Präsidenten Kurt Landauer ehrten, dass also ein „Löwe“ deshalb zum Antisemiten wird.
    Im Übrigen hast du natürlich völlig recht in deiner Abneigung gegen diese Seite: Die Zurschaustellung echter oder vermeintlich echter faschistischer Dummschwätzer impft niemanden gegen Rassismus und Intoleranz. Eher werden sich viele in den Bildern wiederfinden. Und sie werden sich schön finden. Oder schön trinken. Oder schön grölen. Dummheit schreckt nicht. Leider.

  3. Ich möchte auch noch den Aspekt in den Raum werfen, aufbauend auf Lutz’s (arr Apostroph) Argument es wäre aus dem Zusammenhang gerissen, dass es vielleicht sogar schon mal satirisch gemeint sein könnte. Ohne den weiteren Kontext und die Möglichkeit der Richtigstellung kann ich dieser Seite nichts abgewinnen. So funktioniert keine Aufklärung. So erzeugt man nur „Eisnchaltquoten“. Die privaten TV Sender könnten begeistert sein, von dem Konzept.

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