Warum sich neue Medien immer schwer tun

Aber wie soll man damit Geld verdienen?

Das Internet wird im Englischen häufig als eine „dispruptive technology“ beschrieben. Leider ist der Ausdruck schwer zu übersetzen, auch wenn Wikipedia etwas vorlaut Synonyme vorschlägt wie „etwas Bestehendes auflösend“ oder „ zerstörend“. Im Englischen ist der Begriff viel subtiler und suggeriert einen schleichenden Niedergang, eine unverhoffte Zeitenwende, deren Bedeutung sich den meisten erst sehr viel später erschließt. Es ist kein Säurebad, in dem eine Cleopatra ihre Perle vor den Augen eines staunenden Markus Antonius auflöst und trinkt, sondern schon eher ein saurer Regen, der eine mächtige Kathedrale über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg auffrisst und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet.

Das Internet wird gerne als die endgültige „disruptive“ Technologie beschrieben, und die Auswirkungen werden gerne mit denen der Druckerpresse verglichen. Wenn der Sprecher allerdings gebeten würde zu sagen, was genau die disruptiven Folgen der Erfindung beweglicher Lettern sei, geriete er vermutlich (ich schließe mich da ausdrücklich mit ein) schnell ins Stottern: Na ja, die Kopisten in den Klöstern waren irgendwann arbeitslos, aber sonst? Irgendwie scheint der Übergang vom Handgeschriebenen zum Bedruckten doch rückblickend ziemlich glatt über die Bühne gegangen zu sein.

Deswegen bin ich Andrew Pettegree dankbar, dem britischen Historiker, der an der ehrwürdigen St. Andrews-Universität die Geschichte der Reformation lehrt und der jetzt ein wunderbares Buch geschrieben hat, „The Book in the Renaissance“, in dem er einen Überblick über die turbulenten Frühtage des Buchdrucks gibt.

Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der von 1400 bis 1468 lebte, am Ende verarmt und enttäuscht in seiner Heimatstadt Mainz starb. Sein Jahrtausendwerk, die Gutenberg-Bibel, erreichte nur eine Gesamtauflage von 180 Stück und war, wirtschaftlich gesehen, ein Jahrhundert-Flopp. Es hat lange gedauert, bis jemandem ein tragfähiges Geschäftsmodell für den Buchdruck einfiel. Und die Fragen, mit denen sich die Zeitgenossen herumschlugen, klingen heute irgendwie vertraut: Wie vermarktet man eigentlich Bücher? Wie hoch sollte die Auflage sein? Wie bekämpft man Piraterie und Plagiatentum? Was tun gegen unautorisierte Verbreitung oder Verfälschung von Inhalten? Wie wehrt man sich gegen anonyme Verleumdung oder üble Nachrede? Welche Folgen hatte der Buchdruck für persönliche Ausdrucksfreiheit? Was haben die Oberen dazu gesagt?

Pettegree ist ein viel zu guter Wissenschaftler (und ein zu guter Autor), um explizite Vergleiche mit dem Internet zu bemühen. Aber die impliziten Parallelen sind offensichtlich. Hochgeschraubte Erwartungen verpufften schnell, statt erbaulicher Schriften liefen in kürzester Zeit Schund und Schand von den ersten Druckerpressen: Poster, Pamphlete, Prophezeiungen. Betrüger nutzen das neue Medium, Pornoanbieter füllten Seite um Seite mit obszönen Darstellungen. „News, sensation and excitement“, so Pettegree, das waren die Renner schon in der Renaissance. Gut, als ersten Bestsellerautoren der Welt gilt zwar Martin Luther, aber dessen Werke galten der Obrigkeit im Grunde auch nur als subversive Volksverdummung, die sie nach Kräften mit Sperren – in diesem Fall physikalische – zu bekämpfen versuchten. Im Zweifel wurden der Autor gleich mitverbrannt, wie der Genfer Arzt und Theologe Michael Servetus, der als Erster die Blutzirkulation im menschlichen Körper beschrieb, sich im gleichen Band aber ketzerisch über die Dreifaltigkeitslehre ausließ, wofür er zusammen mit seinen Büchern auf dem Scheiterhaufen landete.

Für Verlage und Buchschreiber stellte sich früh die Frage, wie sie denn mit diesem neuen Medium Geld verdienen sollten. Pettegree erzählt die Geschichte von Ludovico Arriosto, der Dan Brown des 15ten Jahrhunderts, der seinen Roman „Orlando Furioso“ lieber im Eigenverlag drucken ließ, weil er sonst keinen einzigen Piaster verdient hätte: Die Drucker sahnten damals alles ab, die Autoren konnten allenfalls darauf hoffen, „dass die Publikation ihrer Karriere nützen würde“, wie Pettegree süffisant bemerkt. Hört Ihr das, Ihr Blogger?

Der Buchdruck hatte damals auch seine Feinde wie den einflussreichen Benediktiner Filippo de Strata, sozusagen der Frank Schirrmacher des Mittelalters, der noch zu Gutenbergs Lebzeiten schrieb: „Das ist es, was Druckerpressen tun: Sie führen leichtgläubige Herzen in die Irre.“ Und indem er den Besitz von Büchern erschwinglich machte, raubte der Buchdruck den Bibliotheken ihren einstigen Glanz. „Die großen Büchersammlungen als kulturelle Institutionen mussten darum ringen, sich der neuen Zeit anzupassen“, wie Pettegree es beschreibt.

Das muss einem doch alles sehr bekannt vorkommen, oder? Ich denke da an Tim Berners Lee, der sich auch vorgestellt hat, das seine Erfindung des World Wide Web, indem es das Wissen der Welt für jedermann zugänglich macht, die Menschen klüger, die Gesellschaft reifer und die Welt besser machen würde. Stattdessen ist das Web heute voll von Pornobildchen, YouTube-Videos und Stefan Raab. O tempore, o mores!

Eine amüsante Fußnote zum Schluss: In seiner Quellenangabe vermerkt Pettegree mit feiner Ironie, dass es das Internet gewesen sei, das sein Buch überhaupt erst möglich gemacht hat. Ohne die disruptive Technologie der zweiten Informations-Revolution wäre es gar nicht möglich gewesen, die Geschichte der ersten zu recherchieren und zu schreiben.

4 Gedanken zu „Warum sich neue Medien immer schwer tun“

  1. Vielleicht sollte man den Stellenwert und die Beurteilung von Schund überdenken. Finanziert er doch schon immer Technologie. Eine Venus aus Marmor zu meisseln, ein paar Nackerte durch die Camera Obscura zu werfen … Wo wären wir künstlerisch oder technologisch ohne Schund und Pornographie.

  2. Lieber Alexander,
    der Schund als Gärbottich der Hochkultur … das mag als Bild ja noch angehen. Aber wer will ernstlich aus dem Gärbottich saufen? Wer mit Texten von Günther Grass lesen lernen?
    Nein, man sollte Schundbuchautoren nicht zu Illuminaten der Aufklärung machen. Wirklich nicht 😉

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