Schlagwort-Archive: Ossi Urchs

Vom Wesen und vom Arbeiten des „Redakteurs“

Das kommt raus, wenn Redakteure schreiben

Das kommt raus, wenn Redakteure schreiben

Das Frauenmagazin „Brigitte“ kürzt Stellen, was erwartungsgemäß zu einem heftigen Aufschrei unter den so genannten „Qualitätsjournalisten“ geführt hat. Die „Welt“ titelte gar: “Brigitte schafft ihre schreibenden Redakteure ab“.

Offenbar ist dem schreibenden Redakteur der „Welt“ gar nicht aufgefallen, was für einen Stuss er da abgesondert hat. Aber er ist alles andere als alleine damit.

Das Wort „redigieren“ kommt vom lateinischen Verb redigere und bedeutet “zurückführen“ oder „in Ordnung bringen”. In der Schweiz heißen Kollegen, die redigieren, „Redaktor“, sind also diejenigen, die redigieren. Es sind also nach helvetischem Selbstverständnis Mitarbeiter, die innerhalb der Redaktion eher Herstellungsaufgaben übernehmen, also bei einem Magazin beispielsweise die Heftplanung, die Beauftragung der Schreiber (sprich: der Journalisten) sowie die Korrektur von Rechtschreibung und Grammatik, aber auch Überwachung der inhaltlichen und stilistischen Qualität.

Damit ist ein guter Redakteur mehr als ausgelastet; zum Schreiben bleibt ihm in aller Regel gar keine Zeit. Weiterlesen

Saulus, Paulus und die disruptive Wucht des Internets

Would the real Internet Guru please stand up?

Es gibt gewisse Ähnlichkeiten zwischen Jaron Lanier, der gerade in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen nahm, und meinem kürzlich verstorbenen Freund und Coautoren Ossi Urchs. Ja, die Dreads – aber da hört die Ähnlichkeit nicht auf. Beide kannten sich gut, und ich habe sie in San Francisco bei einer Konferenz von Silicon Graphics zusammen erlebt, als wir uns nach einem Vortrag Jarons über die Zukunft von Virtual Reality auf ein Kaffee und ein Ratsch hingesetzt haben und uns völlig einig waren, dass die damals noch recht primitiven VR-Computer eines Tages unsere Sicht der Welt verändern würden. “Irgendwann wirst du gar nicht mehr sehen können, ob du dich in der Wirklichkeit oder in der virtuellen Realität befindest”, schwärmte Jaron damals. Und er hat ja Recht behalten, wie Ossi und ich in “Digitale Aufklärung” geschrieben haben. Nur, dass man dazu keine zentnerschweren Indy Workstations mehr braucht: Du setzt dir einfach ein Google Glass auf, und schon verschwimmen Realität und Virtualität zu einer neuen Dimension der Wahrnehmung.

Ossi und Jaron haben sich in den letzten paar Jahren aber weit auseinander entwickelt. Ossi, der Netzwerker und Vordenker, blieb davon überzeugt, dass wir dank Internet bessere Menschen und damit Teile einer besseren Gesellschaft sein werden. Jaron sah und sieht das anders. Er glaubt im Gegensatz zu uns nicht an den Netzwerkeffekt, nämlich dass das Ergebnis größer ist als die Summe der Teile. Für ihn ist das Kollektivismus und damit nichts anderes als eine Art von Digitalem Maoismus, wie er in “You Are Not A Gadget” schrieb. Wikipedia und die Open Source-Bewegung zerstören angeblich die Möglichkeiten für die Mittelklasse, die Erzeugung von Inhalten zu finanzieren. Und er hat Angst vor digitalen Massenbewegungen, weil sie seiner Meinung nach direkt in die “digitale Barbarei” führen.

Es konnten also keine zwei gegensätzlicheren Menschen unter den roten Mähnen stecken. Weiterlesen

In memoriam: Ossi Urchs

RIP

RIP

Ossi Urchs, der heute verstorbene Guru des Internets in Deutschland, gehörte nicht zum engen Kreis der Freunde Czyslanskys, obwohl er den Freunden alle nahestand. Unser Sinn für Humor war nicht der Seine – obwohl er einen feinen Sinn für Humor hatte und wir immer viel gelacht haben zusammen. Der Versuch, ihn für die Gesellschaft der Freunde Czyslanskys zu gewinnen, war kein Erfolg. Aber er war ein regelmäßiger Leser und ein strenger Kritiker unseres Blogs. Nur eben im Hintergrund.

Was erstaunlich ist für einen, der immer im Vordergrund stand, der das Rampenlicht genoss und ständig seine Nase in die Kamera hing. Aber niemand wäre deshalb auf die Idee gekommen, ihm zu unterstellen, er dränge sich vor. Die Menschen und die Medien fühlten sich vielmehr zu ihm hingezogen, weil sie spürten, dass er ihnen etwas Wichtiges zu sagen hatte und sie seinen Rat brauchten. Weiterlesen

25 Jahre WWW (I): Wir stehen noch ganz am Anfang

So, jetzt feiert mal schön!

So, jetzt feiert mal schön!

Im März 2014 feiert das World Wide Web 25jähriges Jubiläum, Anlaß für die Freunde Czyslanskys (alles Männer der ersten Stunde) Rückblick zu halten. Den Anfang macht „Internet-Urgestein“ Tim Cole.

Als Tim Berners-Lee 1989 seinen Vorschlag bei der Leitung des Kernforschungszentrums CERN in Genf einreichte, dauerte es ja noch ein paar Jahre, bis das Web tatsächlich mal lief. Ich war damals aber schon in diversen so genannten „Bulletin Boards“ unterwegs. Wir surften damals noch im Schneckentempo über Akustikkoppler, in die man einen Telefonhörer legte und wie beim Faxgerät die Daten über Piepssignale hin und her geschickt wurden.

Zum ersten Mal im Web war ich schon 1992, da gab es auf der ganzen Welt erst ungefähr 400 Web-Server, und der Web-Browser war noch nicht erfunden. Man gab stattdessen lange Befehlszeilen im UNIX-Code ein und wartete, ob etwas passiert. Aber es ging dann alles ganz schnell. Schon 1995 habe ich angefangen, einen „Online-Tagebuch“ zu veröffentlichen, also den wahrscheinlich allerersten deutschsprachigen Blog – nur hieß er noch nicht so, weil das Wort erst noch erfunden werden musste.

Das Web ist im Übrigen ja nicht das einzige, das dieses Jahr Jubiläum hat. Die Simpsons werden heuer 25. Vor 25 Jahren wurde der erste GPS-Navigationssatellit ins All geschossen. 1989 war auch das Jahr, in dem der Game Boy vorgestellt wurde. Ich denke, daran sieht man einerseits, wie lange das alles her ist und andererseits wie sehr sich die Welt inzwischen verändert hat. Weiterlesen

Es gibt gar keine Digitalen Eingeborenen

Es soll ja Leute geben, deren Kopf nicht mehr mitkommt bei all dem Internet-Gedöns. Manche von ihnen schreiben darüber sogar ganze Bücher, und die sind dann Bestseller, weil es vielen Leuten vermeintlich so geht.  Aber es gibt Alte, deren Kopf noch prima funktionieren, und Junge, die komplett überfordert sind. Das ist in Wahrheit keine Frage des Alters, sondern der Einstellung.

Deshalb verwenden Ossi Urchs und ich in unseren neuerschienenen Buch „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“ den Begriff „Digital Natives“ nur spärlich und mit starken Einschränkungen. In Wirklichkeit hängt die Anpassungsfähigkeit des Einzelnen an die sich ändernde Kommunikationswelt mit der Art und Weise zusammen, wie wir unsere unmittelbare Umgebung erleben und auf sie reagieren. „Digitale Eingeborene“ sind also nicht diejenigen, die nach 1989 geboren sind, sondern diejenigen, die gelernt haben, sich mit den Phänomenen Vernetzung und Beschleunigung der Wirklichkeit auseinander zu setzen, und beides so zu nutzen, wie es für sie am besten ist. Digitale Kompetenz hat nichts mit biologischem Alter zu tun, sondern hängt viel mehr von der Fähigkeit ab, neue Bedingungen und Entwicklungen auch als solche zu erkennen und neu zu denken. Davon handelt unsere siebte These:

These 7: Das Leben in einer derart grundsätzlich anderen Welt wird damit komplexer, aber nicht komplizierter, sondern einfacher. Ganz anders stellen sich solche disruptiven Momente für die Nutzer der neuen Technologien und Medien dar, die gerade vor ihren Augen entstehen: Da sie die Folgen weder absehen noch managen müssen, können sie die neuen Möglichkeiten einfach genießen. Oder sie können sich für den Versuch entscheiden, sie zu verstehen.

Das ist in einer Welt, die sich gerade in diesen disruptiven Momenten grundsätzlich neu und anders darstellt, sicher nicht ganz leicht, aber allemal ein Versuch wert. Denn im Erfolgsfall winkt immerhin die Erkenntnis, dass das Leben in einer derart gewandelten Wirklichkeit zwar komplexer werden mag, aber damit nicht notwendig komplizierter oder gar schwieriger werden muss. Im Gegenteil: Wer die neuen Errungenschaften richtig zu nutzen versteht, oder bereit und in der Lage ist, das Neue zu erlernen, dem können sie das Leben auch einfacher oder reichhaltiger gestalten. Die Voraussetzung dafür ist allerdings die Bereitschaft, sich selbst einer gehörigen Anstrengung auszusetzen.

„Warum uns das Internet klüger macht.“ Buchvorstellung, Diskussion und öffentlicher Streit der Freunde Czyslanskys

Buchtitel Cole Urchs

Am 7. Oktober ist es endlich einmal wieder soweit: Die Freunde Czyslanskys laden zu einer öffentlichen Debatte in den Münchner Presseclub am Marienplatz.

Um 15:30 Uhr feiern wir die exkluisve Vorab-Premiere des neuen Buchs von Tim Cole und Ossi Urchs, das zwei Tage später dann vom Hanser Verlag auf der Frankfurter Buchmesse offiziell unter dem schönen Titel

„Digital Aufklärung. Warum uns das Internet klüger macht“

der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird.

Natürlich sind die beiden Autoren anwesend.  Schließlich haben sich die beiden eine Laudatio bei mir bestellt. Und geliefert wird wie bestellt. Ich habe mich in den vergangenen Tagen durch das Manuskript gewühlt, habe gelacht, geflucht, genickt, geschüttelt und ich verspreche Euch: ich werde es belobhudeln und niedermachen. Das Buch reizt zum Beziehen klarer Positionen. Die Thesen der beiden Freunde – und nur mit guten Freunden kann man so offen umgehen – reizen zur Nachfrage, zum Widerspruch:

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