rudi kulzer

Rudi Kulzer – ein später verzweifelter Nachruf

Rudi, das war nicht fair – diese Welt durch den Hinterausgang still und heimlich zu verlassen. Während meines Urlaubs. Ohne letzte Zigarre. Ohne ein letztes Gläschen. Aber ich habe es nicht anders verdient. Nach deinem Schlaganfall im vergangenen Jahr haben wir uns nicht mehr getroffen. Und so habe ich von deinem Tod im Juli diesen Jahres erst sehr spät erfahren. Und das werde ich mir so schnell nicht verzeihen. Schließlich hast du mich wie nur wenige andere Fachjournalisten mein langes Berufsleben hindurch begleitet.

Richtig kennengelernt habe ich dich irgendwann Ende 1988 bei der Vorankündigung des Microsoft SQL Servers in einem dieser üblichen Münchner Hof-Hotels – „Bayerischer Hof“, „Königshof“, … irgendeiner dieser Vorhöfe zur Hölle. Ich war damals Pressesprecher von Microsoft und am Ende der Veranstaltung, in der wir gemeinsam mit Ashton Tate den SQL Server vorstellten, erhob sich in der letzten Reihe der tiefe grollende Bass hinter einem mächtigen Rauschebart mit den Worten

„Rudi Kulzer, Handelsblatt. Ja schämt’s Ihr Euch gar ned bei Äschton Täit, dass Ihr jetzt Euer wichtigstes Produkt über die Feinde von Microsoft vertreiben müsst? Geht ohne den Gates jetzt gar nix mehr? Seids Ihr schon so vor die Hunde gekommen?“ 

Du warst damals neben dem unvergessenen Dieter Eckbauer von der Computerwoche der meistgefürchtete Journalist bei den IT-Unternehmen. Du warst ein Bleisatz unter vielen Luftnummern. Vielleicht bin ich deshalb grad mit Euch beiden so gut ausgekommen.

Rudi Kulzer mit Dieter Eckbauer

Rudi Kulzer (rechts) mit Dieter Eckbauer zu Gast bei vibrio auf einer vibLounge

Jedenfalls warst du 1990 einer von zwei deutschen Journalisten, die mich zur Pressekonferenz mit Bill Gates nach Moskau begleiten durften. Ein legendäres Event. Das war die frühe Gorbatschow-Zeit und es gab nicht viel im Hotel, außer natürlich Wodka bis zum Abwinken. In einem umfassenden Selbstversuch angebotsgesteuerten Konsumverhaltens schafften wir drei es am Vorabend der Pressekonferenz ausweislich meiner Spesenabrechnung 2.250 Gramm dieses ungetrübten Lebenswässerchens in unsere getrübten Birnen umzufüllen.  Im Digisaurier-Blog beschrieb ich das schwankende Resultat jenes Abends so:

„Während der Pressekonferenz, während der mir meine russische Einleitung überraschend flüssig von den Lippen glitt, konnte ich die beiden Kollegen schwer angeschlagen mit Wachsfigurenmiene in den hinteren Reihen entdecken. Sie machten den Eindruck perfekter Kopien früherer KPdSU-Vorsitzender während der Mai-Parade. Wobei der schmalere der beiden auch gut als einbalsamierter Lenin im Mausoleum durchgegangen wäre. Es stimmt schon: PR-Jobs erforderten seinerzeit eine große Leber. Natürlich nur in Russland …“

 

microsoft moskau

Von Rudi auf der Pressekonferenz gibt es aus fürsorglichen Gründen nur arg verschwommene Bilder …

Auch in späteren Jahren während meiner Zeit als Agentur-Chef warst du mir immer ein kritischer und liebenswerter Begleiter und Freund. Einmal saßen wir bei einem Italiener in der Bezirksstraße in Lohhof. Und nachdem du dich endlich von der „Mama“, die dort das Regime in der Küche führte, losreißen konntest, blicktest du plötzlich wehmütig durch die große Fensterscheibe auf den dichten Autoverkehr auf der Straße und meintest mit großem Jammer in der Stimme: „Was die bloß aus meiner Strass gmacht ham“. Und so erfuhr ich dann, dass du in deinem früheren Leben als Stadtplaner tätig warst und irgendwann in den siebziger Jahren eben diese Straße geplant hattest.

Für Überraschungen warst du immer gut. Und immer für eine gute Geschichte. Du warst ein Storyteller, da gab es diesen Begriff noch gar nicht. Der IT-Journalismus – nein: die ganze deutsche Computer-Branche – hat dir viel zu verdanken. Und ich auch. Danke dafür. Und bis später.

 

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