NoPad for me

Ich habe die Zukunft gesehen – und sie kann mir gestohlen bleiben. Genauer: Ich hatte vor zwei Tagen auf der European Identity Conference zum ersten Mal ein Apple iPad in der Hand, und ich bleibe bei meiner bereits auf czyslansky.net geäußerten ersten Meinung (siehe „Newton lässt grüßen„): Der iPad ist überflüssig! Schlimmer noch: Er ist ein Rückschritt.

Überflüssig, weil ich schon ein iPhone habe, und mehr kann der iPad auch nicht. Dafür ist er groß und klobig (die elegant abgerundeten Ecken sind nur eine optische Täuschung). Er ist genauso langsam wie mein iPhone, die digitale Touchscreen-Tastatur ist für einen mit Wurstfingern wie ich genauso schlecht zu benützen, und nach wie vor fehlt die wichtigste Taste von allen, nämlich „delete“, also eine Möglichkeit, an den Anfang eines Wortes zu gehen und den ersten Buchstaben zu löschen. Das ist eine alte Apple-Krankheit (auf den Notebooks aus Cupertino gibt es den Knopf auch nicht), was nur von der mangelhaften Lernfähigkeit der Appleianer zeugt. Wie sie es schaffen, diese arrogante Borniertheit als Genialität zu verkaufen, ist mir ein Rätsel.

Und Rückschritt deshalb, weil der iPad die gerade mühsam erworbene Mündigkeit des selbstbestimmten Web 2.0-Menschen rückgängig macht. Gerade hatten wir alle gelernt, wie schön es ist, selbst Inhalte zu generieren, Kommentare über Gott und die Welt zu schreiben, mitzumachen und uns als Teil eines partizipatorischen Ganzen zu begreifen, da kommt Apple mit einem Gerät heraus, das uns wieder zu dummen, passiven Konsumenten von Inhalten degradiert, die uns von anderen vorgekaut werden. Kein Wunder, dass die Verlage alle ganz wild danach sind: Das ist ihre Welt! Sie müssen nichts dazu lernen, können weiter munter ihre Inhalte nach Gutdünken hübsch verpacken und vertreiben. Der iPad ist der Zeitungskiosk des 21sten Jahrhunderts. Aber der Zeitungskiosk selbst ist ein Modell des 20sten Jahrhunderts, also von vorgestern.

Jedenfalls hat mich die erste Begegnung mit dem iPad beruhigt. Ich brauche ihn nämlich nicht zu kaufen. Und Sie auch nicht, geneigter Leser. Das ist eine Seifenblase, die wir getrost ohne uns platzen lassen können – und sollten.

11 Gedanken zu „NoPad for me“

  1. Mit der Seifenblase bin ich nicht so sicher. Ich bin ein begeisterter Leser und muss dauern für Übergepäck im Flugzeug zahlen. Ich überlege ernsthaft ,ob ich mir einen Reader (Kindle? oder der deutsche I-Pad-Clone) zulegen soll. Aber noch gibt es zu wenig zeitgenössische Literatur (sprich Krimis, Sience Fiction und oder das ein oder andere literarische Werk zwischendurch), um die E-Reader zu einer echten Alternative zur Schlepperei zu machen. Aber eins ist sicher: Apple wird es nicht. Zum einen geht mir Jobs Gehabe deutlich auf den Zeiger! Zum anderen geht mir die monoplistische Politik zunehmend auf den Wecker (I-Tunes) und zu guter letzt kaufe ich bei keiner Firma ein, die ihre Verkäufer hinter der Ladentheke als „Genius“ titulieren lässt, sie aber bei Verlassen des gleichen Ladens einer Leibesvisitation unterzieht, wie man sie vom Flughafen her kennt. Kurz und gut: Apple sucks!

  2. Eigentlich sollte das Format des iPads einem alten Mann mit Wurstfingern entgegen kommen. Grosser Screen für extra grosse Schrift, grosse Wurstfingersensoren …

  3. Faszinierend, gell?

    Wie eine Marketing-Maschinerie eine Lücke suggerieren kann obwohl alle Welt das Ding schon hat, nur halt kleiner, mit mehr Power und/oder mit Tastatur. Und trotzdem verkauft sich das Ding wie Kuchenkrümel in der Tüte.

    Das ist beinahe so wie wenn Du ein Heimkino mit CD, DVD, BluRay, 3D und Watweissichnichwatnoch Spielern hast, aber Du jetzt unbedingt den neuen brauchst, weil der auch CDs spielen kann wenn Du sie verkehrt herum einlegst.

    Ach, ich bin ja nur bitter weil ich damals keine Apple Aktien für $10 gekauft hab….

  4. Ich finde es immer wieder erstaunlich, warum sich verschiedenste Menschen (nicht nur hier) glauben zu äußern zu müssen, ob sie das iPad brauchen oder nicht.
    Wenn ja – schön für sie. Wenn nein – auch gut.
    Gibt es da eine Art Rechtfertigungsdruck?

  5. Interessante Kritik! Die aktuell hohen Verkaufszahlen stammen meiner Einschätzung nach von den Apple- bzw. iPhone-Fans, die sich jetzt mit dem iPad eindecken. In der Breite des Marktes ist das Gerät damit noch nicht angekommen. Dazu muss der Verkaufserfolg auf hohem Niveau über längere Zeit anhalten oder sogar noch zunehmen.

    Spannend wird es aber schon, denn in den nächsten Monaten werden noch mehr Tablets auf den Markt kommen….

  6. @leser: Apple und so ziemlich jeder, der sich berufen fühlt, dazu etwas zu sagen, versucht uns weiß zu machen, der iPad wäre ein echter „game changer“. Das gilt vor allem für die Verlage, für die Steve Jobs so etwas wie Moses ist, der sie trockenen Fußes durchs Rote Meer ins Heilige Land geleiten wird.

    Das geht weit über den möglichen Erfolg oder Mißerfolg eines neuen Geräts hinaus. Hier stoßen Welten aneinander: Hier das offene Internet, in dem wir User das Sagen haben (siehe mein Buch: „Das Kunden-Kartell“), dort eine geschlossene Welt, in der Apple sagt, was wir sehen dürfen und die Verleger den Leser/Zuschauer wieder unter ihren Daumen bringen wollen. Das sind Fragen von großer gesamtgesellschaftlicher Tragweite, denn es geht um unser aller digitaler Zukunft. czyslansky.net ist das Forum, in dem wir solche Fragen diskutieren.

    Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass der iPad als ein Symbol für eine rückwärtsgerichtete Betrachtungsweise des Internets und der Digitaltechnik insgesamt steht. Das fängt schon bei der Formgebung an, die an Steintafeln der Babylonier oder an die Schultafel aus wilhelminischer Zeit erinnert.

  7. der iPad ist ein nettes teil zum filmegucken und zum spielen. man müsste sich gar nicht damit befassen, wenn es nicht den trend zur verunfreiung des internet schlimm befördern würde. und ich will keinem unternehmen der welt die zensurrechte über inhalte überlassen. aber genau darum geht es.

    um eines noch klarzustellen: apple ist nicht plötzlich böse geworden. apple ist so wie schon seit 30 jahren: ein proprietärer closed shop. als kleine butze neben big bill mag das drollig und ok gewesen sein. wenn sich jobs nun aber anheischig macht den markt des mobilen internet aufzumischen, dann wirds grausam, dann schmeckt der apfel bitter.
    tim sagt das natürlich hübscher: „Rückschritt deshalb, weil der iPad die gerade mühsam erworbene Mündigkeit des selbstbestimmten Web 2.0-Menschen rückgängig macht.“ das ist der entscheidende und einzig wirklich wichtige punkt. ob das apfelbrettchen an die schiefertafel erinnert – schwamm drüber!

  8. Apple bietet neben dem zur Zeit in der Tat hochgehypten iPad aber auch noch an:
    – iMacs
    – MacPro
    – MacMini
    – MacBook + MacBooks Pro + MacBook Air

    D.H. auf ca 80% aller von Apple hergestellten Rechner kann man nicht „nur konsumieren“, sondern Programme installieren, selber welche entwickeln, so man die Fähigkeit hat, und – vor Jahren undenkbar gewesen, Windows installieren!!!

    Also bezüglich des iPad und einer möglichen „Entmündigung des Users“ finde ich, sollte man die Kirche wirklich im Dorf lassen.

  9. Endlich mal eine durchdachte Meinung nach all dem Hype, den ich in letzter Zeit so lesen musste!

    Ein paar Nachträge: Grundsätzlich ist nichts schlechtes daran, „nur“ zu konsumieren und nichts extrem tolles daran, etwas zu „kreieren“. Aber die Entscheidung muss beim jeweiligen Nutzer selbst liegen, und im Idealfall kann man zwischen beiden „Modi“ jederzeit beliebig wechseln. Mit anderen Worten: Im einen Moment möchte ich vielleicht den Spiegel lesen oder das neue Album der Band XYZ hören, im nächsten Moment möchte ich dann selber einen Artikel oder Kommentar schreiben und veröffentlichen (so wie hier gerade). Mit einem „normalen“ Computer ist das alles kein Problem, spätestens jedoch wenn eine Firma (wie Apple mit dem iPad) ein Gerät verkauft und als „Zukunft“ ankündigt, dass eindeutig darauf ausgelegt ist, mich sehr stark in die Rolle des reinen Konsumenten zu bringen, dann haben wir ein Problem. Größer wird das Problem noch, wenn die Firma mir nicht mal uneingeschränkt die Möglichkeit lässt, mir meine „Konsum-Quelle“ selber auszusuchen, sondern mit allen Mitteln versucht, mich an den eigenen Store zu binden.

    Ich persönlich bin Softwareewntwickler (sowohl was reine Applikationen, als auch das Web angeht) und entsprechend gewohnt, dass ich ein Programm schreiben kann, das jeder auf einer Vielzahl von Wegen (kostenlos oder gegen Geld) erwerben und auf einem großen Haufen von Geräten einfach verwenden kann. Die Idee, es könnte bald haufenweise „abgeschottete“ Geräte geben, die alle eine eigene Version meines Programms brauchen, und deren Hersteller ich explizit nach der genehmigung fragen muss, mein Programm für sein Gerät veröffentlichen zu dürfen (und er bekommt dann auch noch einen großen Prozentsatz meines Umsatzes ab) ist da schon ein Alptraum!

    Aber keine Sorge: Ich habe schon lange mit Computer und Technik zu tun und einiges erlebt, und von daher kann ich sagen: Das iPad ist im ersten Moment schön bunt und glitzert, aber nack kürzester Zeit werden den anfangs begeisterten die Limitierungen ersichtlich werden und dann war’s das mit dem Erfolg. Das iPad und ähnliche Geräte sind abgeschottete Inseln, quasi sowas wie CompuServe oder das klassische AOL, jedoch „in Hardware“ (AOL und CompuServe konnte man ja zumindest auf jedem Rechner benutzen). Wie wir wissen hat das Internet diese damaligen Online-Dienste weggefegt, und ähnlich wird es auch jetzt wieder werden.

    Von daher ist der Satz „Das ist eine Seifenblase, die wir getrost ohne uns platzen lassen können – und sollten.“ in der Tat das intelligenteste, was ich zu dem Thema bisher lesen durfte!

  10. Interessante Kritik! Die aktuell hohen Verkaufszahlen stammen meiner Einschätzung nach von den Apple- bzw. iPhone-Fans, die sich jetzt mit dem iPad eindecken. In der Breite des Marktes ist das Gerät damit noch nicht angekommen. Dazu muss der Verkaufserfolg auf hohem Niveau über längere Zeit anhalten oder sogar noch zunehmen.

    Spannend wird es aber schon, denn in den nächsten Monaten werden noch mehr Tablets auf den Markt kommen….

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