Noch ein weiter Weg zum Enterprise 2.0

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Enterprise 2.0 gilt als Megatrend. Dabei geht es im Wesentlichen darum, die Segnungen des Web 2.0, die partizipative Kultur und die neuen Werkzeuge der onlinegestützten Zusammenarbeit auch in Unternehmen flächenddeckend zu etablieren. Solange allerdings Berater extrem 1.0ige Ratschläge über die Nutzung von Social Media in Unternehmen geben, bleibt das Enterprise 2.0 was es heute ist: ein Traum.
Von IT-Unternehmensberatern wird immer mal wieder kritisiert, dass Mitarbeiter in den Unternehmen zu viel Zeit mit dem Internet verplempern. Die zurzeit aktuelleste Untersuchung dazu würde über den Online-Dienst der BBC verbreitet. Sie stammt von dem britischen IT-Serviceanbieter Morse, der durch die Befragung von gut 1400 Büroangestellten herausgefunden haben will, dass die britischen Unternehmenjährlich knapp 1,4 Milliarden britische Pfund an Produktivitätsverlust durch twitternde und socialmedia-verrückte Mitarbeiter verlieren. Aufgrund der hohen Summe erscheinen deshalb Twitter und Social Networks als Produktivitätsvernichter Nummer eins.

Doch bei näherer Betrachtung ist das aus zwei Gründen völliger Unsinn: Zunächst einmal teilen sich alle britischen Unternehmen die festgestellten Verluste. Bei rund 2,2 Millionen Companies in UK bleibt pro Unternehmen noch ein Produktivitätsminus von knapp 627 Pfund pro Jahr. Das klingt nicht wirklich existenzgefährdend.
Der zweite Grund wiegt schwerer, obwohl er sich nicht so anschaulich rechnen lässt. Wie sollen Unternehmen und ihre Mitarbeiter denn lernen, die neuen Dienste und Interaktionsmöglichkeiten für ihre Unternehmen zu nutzen oder auf ihre Bedürfnisse anzupassen, wenn sie nicht damit umgehen dürfen? Außerdem gehen fast alle Web-2.0-Tools davon aus, dass sie von weitgehend selbstbestimmen Leuten mit gesundem Menschenverstand benutzt werden. Diese Vernunft setzt mit Sicherheit nicht aus, wenn der Unternehmens-PC während der Arbeitszeit zum Anschauen eines Tweets oder einer Facebook-Seite benutzt wird. Unternehmen, die den Zugang zu Facebook oder andern Social Media Netzen sperren, machen deshalb etwas grundverkehrt. In einer sich rasant verändernden Welt setzen sie nach wie vor auf hierarchische Unternehmensmodelle, in denen Mitarbeitern gesagt wird, was sie zu tun haben und was nicht. Das ist die schlechtest denkabare Voraussetzung für große Umwälzungen. Kollaborative Modelle, die von mitdenkenden und verantwortungsvollen Mitarbeitern ausgehen, sind da viel effizienter.
Deshalb sollten Unternehmen den Mitarbeitern nicht verbieten privat zu surfen oder Social Networks zu nutzen. Ein paar Richtlinien, am besten von den Mitarbeitern selbst erarbeitet, helfen hier sehr viel weite als Verbote.

4 Gedanken zu „Noch ein weiter Weg zum Enterprise 2.0“

  1. Mitarbeitern das Recht einzuräumen in ihrer Arbeitszeit zu twittern und zu bloggen was das Zeug hält ist sicherlich richtig, darf aber nicht dazu führen, dass sich das Management aus der Verantwortung rausnimmt und darauf setzt, dass die Welle auch das eigene Unternehmen irgendeinmal erfasst und ins neue Zeitalter trägt.

    Einige Dinge sind SOFORT in den Unternehmen auszusteuern:

    Da braucht es erstmal neue Social Rules, die festlegen, was ein Mitarbeiter wo sagen darf. Im Blog findet eine Zensur nicht statt. Das ist natürlich nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist, dass der Mitarbeiter Sicherheit braucht vor öffentlicher Bloßstellung, wenn er mal einen Tweet von sich gibt, der seinem Chef nicht passt. Eigenverantwortlichkeit – und ohne die geht es im Enterprise 2.0 ja nicht – setzt klar kommunizierte und diskutierte Regeln voraus.

    Dann sollten sich Unternehmen JETZT und HEUTE zumindest um die Sicherung ihrer Markennamen in den diversen Web 2.0-Diensten kümmern: also: Adressen besetzen in YouTube, Sribd, Twitter und wo sonst noch überall.

    Dann kommen Unternehmen nicht darum herum möglichst frühzeitig für sich einige Tools auszuwählen, mit denen das Twittern und Bloggen erstmal unternehmenstauglich wird. Ich denke an Produkte wie cotweet.com und andere.

    Dann braucht es eine Strategie: was will das Unternehmen als Enterprise 2.0 erreichen? Und es macht schon viel Sinn, diese Strategie zu definieren, ehe die Mitarbeiter die Strukturen für die Kommunikation zügellos und ungesteuert betoniert haben.

    Hat eigentlich mal einer gezählt, wieviele Markennamen als Twitter-Adressen Mitarbeiter der Markenunternehmen „für sich“ bereits gesichert haben, während der Boss noch schlief??

    Also: Die Mitarbeiter machen lassen und als lernende Einheit begreifen ist das Eine. Sich selbst zügig auf die Möglichkeiten des Enterprise 2.0 einzustellen ist das Andere. Und das Eine macht ohne das Andere wie so oft keinen Sinn.

  2. Also ich als Boss in meinem eigenen Unternehmen vertrödle extrem viel Zeit mit Social-Media, ich verzeihe mir auch großzügig den einen oder anderen blöden Tweet und habe alle meine Adressen selbst gesichert …

    Ich hätte aber bestimmt ein Problem mit einem Mitarbeiter wie mir. Ich glaube nur ein Mitarbeiter, der selber Unternehmer ist oder zumindest wie einer denkt, wird die verlorene Zeit nachholen und durch seine Beschäftigung mit diesen Medien zusätzlich Gewinn erzielen.

    Nine-to-five Persönlichkeiten vertrödeln Zeit, die ein anderer bezahlen muss, aber das Modell ist vielleicht auch schon so anachronistisch, wie das Glückwunschtelegramm …

  3. Ich kann das alles so nicht ganz nachvollziehen. Wart ihr jemals abhängig beschäftigt? Wir sind hier nicht im Silicon Valley. Nach dem Selbstverständnis unserer Firmenpatriarchen hat ein Mitarbeiter sich um seinen Job und den sozialen Abstieg zu fürchten. Kontrolle und Abhängigkeit sind hier oberstes Gebot! Mitdenkende und verantwortungsvolle Mitarbeiter? So schön sich das anhört aber die Realität sieht hierzulande so aus, dass man von allen Seiten das Denken aberzogen bekommt. Sei es von Seiten der Politik, der Medien und vor allem vom Arbeitgeber. Mit einer solchen Gesellschaft, die überwiegend aus mitdenkenden und verantwortungsvollen Individuen besteht, würde unser aktuelles Wirtschaftssystem gar nicht funktionieren. Aber da sind wir ja dann auch gleich mitten drin in den Tiefen der Umwälzung welche die digitale Revolution mit sich bringt. Das diese Veränderungen unerwünscht sind braucht man wohl nicht näher zu erläutern.

  4. @Nurbs: Ich WAR abhängig beschäftigt, sogar als Chef von 60 Leuten, die noch abhänger waren als ich. Ich habe von ihnen eine bestimmte Leistung gefordert, Meilensteine festgelegt, mir den Mund fusselig geredet beim Versuch, sie zu führen und zu motivieren, das Beste aus sich zu machen. Eigentlich habe ich nichts anderes gemacht. Und war haben gemeinsam tolle Dinge zustande gebracht.

    Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihnen vorzuschreiben, was sie tun dürfen und was nicht, wenn am Monatsende das Ergebnis stimmte.

    Wer die Leute wie dumme Bauern behandelt, kriegt dumme Bauern als Mitarbeiter.

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