Muttertiere

Rebecca R ist ein Muttertier. Und das ist stinksauer. So bekundet Recca R. das auf Facebook und setzt gleich das entsprechende Emoticon dahinter. Denn Söhni wurde Leid angetan. Und schon ballen sich die Fäuste des Muttertiers – und noch mehr. Ihr brennen die Sicherungen durch, was heißt: Sie handelt ohne nachzudenken. Absolut emotional und absolut stinksauer.
Das Söhni eine geklatscht bekommen ist natürlich nicht in Ordnung, und das steht auch gar nicht zur Debatte, das nur vorweg…

Worum geht es?
Laut Rebecca R. wurde Söhni von der Kinderärztin geohrfeigt, weil sie – wie auch immer – von ihm etwas Spucke abbekommen hat. Schreibt Rebecca R. Nun sollen Kinder andere Menschen nicht anspucken. Auch das steht wohl außer Frage, zeugt vielleicht von optimierungsbedürftiger Erziehung, aber auch um diese Frage geht es hier nicht. Söhni für eine Spukattacke zu ohrfeigen ist – wie erwähnt – absolut nicht in Ordnung. Aber darum geht es hier nicht.
Es soll einzig und allein um die Reaktion des tobenden Muttertiers gehen:
Für die Klärung solche Vorkommnisse hat Rebecca R. die Möglichkeit, zur Polizei zu gehen und die Ärztin anzuzeigen. Das hat sie auch getan, sofern ihre in Versalien gesetzte Bemerkung „Anzeige läuft“ wahr ist. Aber das reicht nicht. Hier muss das ganz große Fass aufgemacht werden.

Vor einigen Jahren haben Menschen in ähnlicher Situation, wenn sie Gott und die Welt mobilisieren wollten, (weil es nichts, aber auch gar nichts wichtigeres gibt, um das sich Gott und die Welt kümmern müsstenals um solch kleinteiligen Scheiß) gedroht: „Ich wende mich an die Presse…“ Dann haben sie dort angerufen oder Leserbriefe geschrieben und sich gewundert, dass die Presse solche Fälle normalerweise nicht thematisiert.
Es sei denn, man schafft es die Boulevardpresse zu interessieren, die dann vielleicht getitelt hätte: Ärztin angespuckt – da schlug sie erbarmungslos zu.

Es hatte einen guten Grund, dass der redaktionelle Filter sich solcher Inhalte verweigert, ebenso, wie die Entscheidung, solche Leserbriefe nicht abzudrucken. Denn abgesehen von einer Vorverurteilung, abgesehen davon, dass man nur eine Seite des Vorfalls kennt und der letztlich für eine breitere Öffentlichkeitkeine Relevanz vorhanden ist:  Solche Vorfälle sind etwas, was die Betroffenen untereinander klären sollten.
Statt also die ganze Sache zunächst mit Hilfe der Polizei zu klären, sucht Rebecca sich die größte Glocke raus, an die sie sie hängen kann: Facebook und desen digitalen Pranger.sauerneu

Rebecca R. also nimmt den Kampf auf, fotografiert die Wange des Kindes (Beweissicherungsfoto), schreibt ein paar Zeilen und ab damit ins Netz. Klugerweise hat sie zwar den Namen der Ärztin verschwiegen, aber sie macht deutlich, wo in ihrer Stadt das Ganze passiert ist, ist ja kein Problem, der Straßenname ist ja gleich mit angegeben. Der Rest ist eine 5 sekündige Google-Recherche. So in etwa hat sie sich das sicher auch gedacht.

Und wie andere Mütter so sind, solidarisieren sie sich automatisch und per Mausklick. Der Beitrag wurde in nicht mal 24 Stunden über 3.300mal geteilt und – natürlich auch von Müttern gleicher Wesensart empört kommentiert… selbstverständlich parteilich, dem Muttertier jedes Wort glaubend, was sie zum Vorgang des Geschehens gepostet hat, auf das, was die des Schlägerns beschuldigte Ärztin eventuell dazu zu sagen hat, wird gar nicht erst gewartet: Die versammelte Facebookgeschworenenschaft plädiert auf schuldig und schwupps ist Frau Doktor vorverurteilt.
Dass das Muttertier dabei Söhni zutiefst bestürzt  blickend und oberkörperfrei zeigt, war clever. Das weckt natürlich Mutterinstinkte. Das Bild ließe sich (nebenbei bemerkt) sicher monetarisieren – sprich einer spendensammelnden Hilfsorganisation verkaufen.
Dass Mutti aber nicht mal das Gesicht abdeckt so wie im obigen Screenshot, um ihn halbwegs zu anonymisieren und zumindest das Personenrecht des eigenen Kindes zu schützen, ist sicher der Übererregung geschuldet, in der sie das Foto hochgeladen hat – vermutlich noch direkt aus der Praxis heraus. Klug ist etwas Anderes, Besonnenheit und Verhältnismäßigkeit auch.
Wie veröffentlichte vor einigen Wochen noch die Hagener Polizei im Netz:
MuttertierEin Appell, der bei Rebecca R. offensichtlich ungehört verschollen ist. Oder ignoriert wurde: Der Zweck heiligt eben die Mittel – auch im beginnenden Privatkrieg gegen eine Kinderärztin. Was zählt da schon die schützenswerte Privatspähre?
Nichts davon hat auf Facebook etwas zu suchen – so wie früher eben auch nicht in der Zeitung. Aber Muttertiere hat das noch nie gestört- und die vielen anderen, die das weiterteilen, ohne auch nur einen Moment daüber nachzudenken, wohl auch nicht.
Aber weil Rebecca die Öffentlichkeit wollte, bekommt sie diesen Beitrag von Czyslansky gratis  oben drauf. Gern geschehen.

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