Mein Kindle

Eines ist jetzt schon klar. Ich gebe ihn nicht wieder her. Auf Reisen ist er absolut Gold wert, nur leichter als das Edelmetall und viel leichter als die vielen Paperbacks, die ich sonst immer mitschleppen muss.
Als ich allerdings das auch E-Reader genannte Gerätchen zum ersten Mal in Händen hielt, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es ein ganzes Buch geschweige denn bis zu 1400 (Herstellerangabe) ersetzen könnte. So unscheinbar, ohne Touchscreen (ich habe einen Kindle 4) nur dunkelgrau/hellgrau anzeigend, wirkte er. Und auch der Bildschirm mit seinen in den Seitenpanelen eingelassenen Tasten zum Vor- und Zurückblättern beeindruckt eher durch seine Mickrigkeit. Dafür passt er, wie ich später feststellte, in die Innentasche jedes Sakkos.
Aber wild entschlossen, nicht weiter am althergebrachten Papier zu kleben – Print-Sozialisierung hin oder her – habe ich den Kindle ins WLAN eingeklinkt und das erste Buch heruntergeladen. Dabei machte ich mit einer weiteren Besonderheit Bekanntschaft. Der Tastatur. Eigentlich darf man dieses Etwas nicht so bezeichnen. Es handelt sich eher um die willkürliche Anordnung alphanumerischer Zeichen auf vier verschiedenen Bildschirmen. Die richtigen Buchstaben muss man mit dem Hinundherbewegen einer Cursortastenwippe erwischen, damit man ein Wort oder einen Buchtitel zusammenstopseln kann. Nur gut, dass die Software schon nach dem ersten Wort Buchtitel zuhauf listet. Das ganze funktioniert wie eine der bereits etwas angestaubten Steuerungen eines Autonavigationssystems nur ohne den Drehknopf. Überhaupt ist die Bedienug des Kindles außerhalb des eigentlichen Lesens eher Nutzer unfreundlich. Inzwischen habe ich begriffen, dass man den Bücherkauf besser über den heimischen PC oder Laptop erledigt. Nach dem Einrichten des Amazon-Kontos, ist das auch ganz einfach, weil die gekauften Bücher auf Wunsch direkt an den Kindle übertragen werden.

Innige Verbindung

Das bringt mich zum nächsten Kritikpunkt – sie merken schon, so ungebrochen ist das Verhältnis zu meinem neuen Lesegerät nicht – der innigen Verbindung von Lesegerät und Buchhändler. Amazon macht es Kindlenutzern leicht, die Bücher aus den eigenen virtuellen Regalen zu kaufen, alle anderen Buchhändler sind jedoch tabu. Zumindest bin ich noch nicht drauf gekommen, wie man sich Bücher aus anderen Internet-Buchhandlungen auf den Kindle lädt. Das Ding hat nur einen als „experimentell“ bezeichneten Browser, der nichts anderes kann, als den Nutzer mit dem von Amazon zu verbinden. Dagegen nimmt sich selbst Apples berüchtigte Abschottungspolitik nachgerade nachlässig aus. Auch das Sharen von Büchern ist, obwohl erlaubt, nicht ganz simpel. Ich versuche seit Tagen vergeblich, meiner Frau, die eine Kindle-App auf dem iPad nutzt, ein Buch zu schicken (ironischerweise die Biografie über Steve Jobs). Doch das scheitert entweder an der Autorisierung meiner E-Mail-Adresse, am Format des Attachments oder daran, dass die Kindle-App die Datei nicht öffnen kann. Jetzt kann der geneigte Leser durchaus zu Recht annehmen, dass ich ein dummer Benutzer bin, der sich nicht auskennt und das Handbuch nicht gelesen hat. Nun, dann bin ich zumindest in der mehr oder weniger guten Gesellschaft der iPad-Nutzer (unseren Bundesfinanzminister haben die Nachrichten heute auch auf einem iPad tippend abgefilmt) , die auch kein Handbuch haben, aber eben auch keins brauchen.
Doch wenn man das alles ausblendet und endlich zu lesen anfängt, ist das alles schnell vergessen. Die Buchstabengröße lässt sich schnell einstellen, der Bildschirm ist nicht viel kleiner als eine Taschenbuchseite und das Lesen ist, sofern der Inhalt des Buches erlaubt, absolut ermüdungsfrei. Auch die Grafiken in Fachbüchern sind gut zu erkennen, wenn sie eine ordentliche Legende haben und sich ihre Linien nicht nur durch unterschiedlich gewählte Pastellfarben unterscheiden. Die werden nämlich auf dem dunkelgrau/hellgrauen Bildschirm trotz Grauabstufung nicht gut dargestellt. Inzwischen habe ich einige durchgelesene Nächte hinter mir und weiß, wovon ich spreche. Und energieeffizient ist der Reader außerdem. Das E-Ink-Verfahren braucht nur Strom, wenn umgeblättert wird, weil nur dann die I-Ink-Teilchen ihre Ladung ändern. Auf diese Weise hat der Kindle bei durchschnittlich zweistündigem täglichem Gebrauch und durchschnittlicher Lesegeschwindigkeit (ich nehme hier an, dass ich kein Schnellleser bin) durchaus für eine Woche oder mehr Saft. Ich schließe ihn allerdings öfter an das Netzteil (muss man extra kaufen) an, damit mir unterwegs nicht irgendwo der Strom ausgeht. Außerdem kann man auch im grellen Sonnenschein lesen. Wo Laptopnutzer längst ein schattiges Plätzchen gesucht haben und iPad-Adepten durch zwanghaftes Augenzukneifen noch etwas zu erkennen versuchen, setzt der Kindlianer einfach nur die Sonnenbrille auf und schmökert weiter. Das Einzige, an das ich mich nocht nicht gewöhnt habe, ist das Fehlen der Pagina. Nur Prozentangaben künden vom fernen oder nahen Schluss des Buches, den man je nach Lektüre herbeisehnt oder fürchtet.
Fazit: Trotz der gelungenen Kundenverhaftung ein absolut empfehlenswertes Teil .

7 Gedanken zu „Mein Kindle“

  1. Für mich wäre der Kindle dann interessant, wenn bei jedem Papierbuch auch ein Code beiläge, der es mir erlaubt das Buch AUCH auf dem Kindle zu lesen, wenn ich das will, aber eben nur dann.
    So in etwa wie einen Vinyl zu kaufen und einen Webcode fürs MP3

  2. Bei uns gehr der Trend schon in Richtung Zweitbuch, respektive Zweit-Kindle. Als meine Frau das Ding zum ersten Mal in die Hand genommen hatte, sagte sie gleich: „Auch haben will!“

    Das heisst: Eigentlich sind wir schon beim Dritt-Kindle, denn ich habe mir einen Kindle-App für den iPad runtergeladen, und das macht richtig Spaß! So mit Backlit-Display und vernünftiger Tastatur (mehr oder weniger).

    Auf dem iPad sind schon meine ganzen Klassik-CDs drauf. Wenn ich noch die rund 2000 Bücher drauflade, die bei mir in der Wohnung in den Regalen lagern, quilt wahrscheinlich der Speicher irgendwann über…

  3. @christoph Witte: Da bin ich nicht sicher. Die Leute kaufen das Buch und laden dann den Text, während sie das Buch aktuell lesen. Das führt einfach dazu, daß mehr gelesen wird, denn ich würde oft gerne an einem Buch weiterlesen, das dann aber viele Kilometer entfernt auf meinem Nachtkastl liegt.
    Oder umgekehrt: Die Leute kaufen zunächst nur die Onlineversion und können dann auf das Buch upgraden, wenn es interessant ist. Das hebt doch beides den Umsatz eher, oder nicht? Ich glaube, der Kindle verdrängt das Buch nicht, sondern ergänzt es.
    Das kann man spätestens hier sehen: http://pic.twitter.com/azGFGnDy

  4. @svb: wenn wir unseren Grips anstrengen, fallen uns sicher noch viele Dinge ein, bei denen analoge Bücher der Konkurrenz überlegen

    1. Wenn das Klopapier alle ist…
    2. Ersatz für Backsteine beim Häuslesbau.
    3. Apropo Häuslesbau: unterschätT nicht den Dämmwert von 6 Festmeter Deutsche Klassiker im Regal!
    4. Türstopper bei starkem Durchzug.

    Noch Ideen?

  5. Ich hyperventiliere immer noch. Du würdest ein Buch schlachten, nur weil das Klopapier aus ist? Und das auf Platz 1? Mentale Notiz: Ich leihe Dir nie ein Buch.
    Weitere Verwendung für Bücher: Wepsen derschlagen. (für Nordlichter : Wespen plätten). Würde ich mit einem Kindle eher nicht machen.

  6. Eine Autodafé ist mit echten Papierbüchern auch eine viel zünftigere Geschichte. Wer weiss schon welche Idioten wieder an die Macht kommen und dann haben wir mit brennenden/schmelzenden Kindles auch noch ein Umweltproblem.

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