Hacken statt kacken – Sicherheitsrisiko bei Toiletten-App

Gibt es eigentlich in unserem Alltagsleben irgendeinen Ort, der noch nicht von der Digitalisierung durchdrungen ist?
Sie denken: Ja!
Ich wär mir da nicht so sicher.
Selbst der stille Ort, der Lokus, ist längst digitalisiert.
Seit Jahr und Tag bieten Android und Apple „Toiletten-Finder-Apps“ an. Das ist ein Segen für die Menschheit, denn wer jemals verzweifelt mit prall gefüllter Blase oder jammernden Kindern in einer fremden Stadt unterwegs war und ein WC suchen musste, der weiß diese geniale Hilfe zu würdigen.
Notausgang_WCHat man aber endlich eine Toilette gefunden, kann der Fluch der Digitalisierung unbarmherzig sein. Schlangen haben sich gebildet, jedem einzelnen steht das Wasser in den Augen, während hinter verschlossener Kabinentür ein Irgendwer seinen Beziehungsstatus per WhatsApp ausdiskutiert, Aktienpakete vertickt, sein Flugticket umbucht oder 47mal „Gefällt mir“ bei Facebook klickt.
Auf dem Klo wird gechattet und gepostet, getwittert und gemailt, was das Zeug hält. Hin und wieder auch telefoniert. Egal, ob man auf der Toilette im Nobelhotel oder im Festzelt auf dem Oktoberfest unterwegs ist, Klos sind längst Kommunikationszentralen geworden – aber das waren sie ja schon immer. Oder haben Sie niemanden in der Familie, der sich eine Stunde mit einer Zeitung aufs Häusl hockt? Wer einmal drin ist, den brauchen die Wartenden draußen vor der Tür nicht zu kümmern. Da ist es völlig unerheblich, wenn z.B. Wiesnwirte per Plakat die Toilettenbenutzer bitten, die Kabine nicht zur Telefonzelle umzufunktionieren…
In völlig neue Dimensionen stieß das japanische Unternehmen Satis vor, als es Ende 2012 sowohl ein Smart-WC als auch die dazugehörige App My Satis in den Markt brachte: Ein Klo, das mit dem Handy steuerbar ist. Eine fulminante Innovation für nur ca. 3.500 Euro. Und es macht Musik!
Hier drei der wichtigsten Funktionsbeispiele dieser wunderbaren Erfindung:

  1. Die automatische Heizung der Klobrille verhindert in Zukunft zum Beispiel Frostbrand am Gesäß in gut gelüfteten Toiletten während der Winterzeit. Einfach im Wohnzimmer klicken und bis man auf der Brille sitzt, hat diese sich auf’s Wohligste temperiert.
  2. Deckel auf – Deckel zu geht jetzt ebenfalls per App. Die Vorteile liegen auf der Hand. Zum Einen kann man den Deckel schon mal öffnen, während man sich auf den Weg macht. Damit ist wertvolle Zeit gewonnen, vor allem, wenn’s einen richtig pressiert und die Knöpfe am Hosenlatz (Leserinnen überlegen sich bitte ein textiles Pendant) einfach nicht aufgehen wollen. Zum anderen muss man nun auch den Deckel nicht mehr anfassen. Das ist ein Fortschritt in der Hygiene, wie er seit Louis Pasteur nicht mehr erreicht wurde. Man weiß ja schließlich nicht, wer den Deckel vorher alles angefasst hat. Nur darf man in aller Bescheidenheit den Gedanken aufbringen: Wenn diese Toiletten überwiegend im Privathaushalt verwendet werden, richtet sich dann dieser Hygiene-Wahn nicht gegen einen selbst respektive die Mitbewohner im eigenen Haushalt?
  3. Die App spült ab. Auch das ist unter Hygieneaspekten ein Plus. Wichtiger aber ist, dass das umständliche Drehen und Wenden, das immer mit der Gefahr, sich den Arm auszurenken oder eine Halsmuskelzerrung zu holen, vorbei ist. Ganz abgesehen davon ist das Abziehen der gefährlichste Moment für alle Smartphones Wie schnell ist es genau in diesem Augenblick versenkt?

Nun ist natürlich keine hochkomplizierte Errungenschaft der Technik frei ohne Störanfälle. Autofahrer, denen der Bordcomputer permanent unsinnige Warnhinweise mitteilt, wissen das ebenso wie Programmierer von Festplattenrekordern. Also ist auch My Satis nebst zugehöriger Toilette unter permanenter Bedrohung – vor allem durch Hacker. Da selbigen das Spielen mit ihren Handies in Flugzeugen verboten ist, suchen sie sich neue Zielobjekte. Da kommen Smart-WCs gerade recht. Wie unter anderem die PC Welt berichtet, haben es Hacker jetzt auf My Satis abgesehen. Das Unternehmen selbst gibt erhebliche Sicherheitsrisiken zu. Nicht auszudenken, was man, wenn man will, alles für Unsinn anstellen kann.

Nehmen wir nur einmal die drei Anwendungsbeispiele und was theoretisch daraus passieren kann:

  1. Ferngesteuert kann ein Hacker die Klobrille aufheizen. Das wäre gefährliche Körperverletzung, wenn der unbedarfte Benutzer sich auf eine Brille in Barbecue-Temperatur niederlässt. Der Steppenbrand am Rosettenrand erführe eine völlig neue Diemension.
  2. Ferngesteuertes Öffnen und Schließen der Klobrille ist ein besonderes Vergnügen. Wollten Se nicht immer schon mal jemanden die Brille gegen den Steiß klatschen? Oder den guten alten 1981er Klo-Geist Chopper wiederbeleben? Nichts leichter als das mit Hilfe einer gehackten My Satis.
  3. Schließlich das Abziehen: Wie schön muss es sein, dem ungeliebten Nachbarn die Spülung auf Dauerbetrieb zu stellen – vor allem Nachts. Das hält vom Schlafen ab. Und es verschafft dem Wasserversorger kräftige Umsätze.

Je länger ich darüber anchdenke, um so mehr finde ich: Das ist absoluter Sch…, den Satis in den Markt gestellt hat. Czylansky-Kollege und Freund satis_toiletteAlex Broy hat mir vor einigen Jahren ein kleines Buch geschenkt: Stille Örtchen. E zeigt Fotos von pitturesken Toiletten auf der ganzen Welt, als ein Klo eben ein Klo war, und nur ein Klo. Ich sollte mal wieder in diesem Buch blättern.

PS: Nun wollen wir mal nicht alles verdammen. Die Digitalisierung der Toiletten hat auch sein Gutes. Twitter, WhatsApp, Facebook, Kicker.de, die BildApp und Co haben etwas geschafft, was Generationen von Hausfrauen, Emanzen und Putzteufelinnen nicht vermocht haben: ein Teil der Männer ist zu Sitzpinklern geworden. Zeit, das auch mal zu würdigen.

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