Gewagte Gartner-Prognosen zu social Software in Unternehmen

Im Vorfeld des von ihm veranstalteten „Content and Collaboration Summit“ in London veröffentlicht das Analystenhaus Gartner fünf Schlüsselprognosen wie Unternehmen künftig mit social Software umgehen werden. Teilweise liegen sie so fern jeder Unternehmensrealität, dass sie gegenläufige Einschätzungen verdienen:
1. Prognose: Im Jahr 2014 werden 20 Prozent der Business-Nutzer social Networking Services als wichtigstes Transportmittel für interpersonelle Kommunikation benutzen und nicht mehr E-Mail. Laut Gartner werden die meisten Unternehmen in den nächsten Jahren interne soziale Netzwerke aufbauen oder ihren Mitarbeitern die Nutzung sozialer Netze für Geschäftszwecke erlauben. Diese höhere Verfügbarkeit, die größere Effizienz dieser Kommunikationsform und der demografische Wandel in den Unternehmen unterstützt laut Gartner diesen Nutzungswandel.
Kommentar: Trotz Facebook und anderen social Networks lassen die meisten hiesigen Unternehmen diese Kommunikationsplattformen links liegen. Nur einige Unternehmen experimentieren mit geschlossenen Nutzergruppen auf Facebook und Co. Aus gutem Grund: Noch ist der Datenschutz absolut nicht gewährleistet, die Collaboration-Tools der Plattformen lassen sehr zu wünschen übrig und die Betreiber machen bisher keine Anstalten, Unternehmen gezielte Angebote zumachen. Die Unternehmen dürften eher die von Microsoft, IBM und anderen Anbietern angebotenen Collaboration-Plattformen nutzen. Diese bieten ähnliche Funktionalitäten, lassen sich aber gut in die Enterprise IT einbinden. Das sogenannte Unified Communications and Collaboration (UCC) überlässt bei entsprechender Implementierung dem Nutzer die Wahl des passenden Kanals. Außerdem können die Unternehmen auf diese Weise die Beachtung von Compliance-Regeln und Security-Policies besser sicherstellen.
2. Prognose: Bis 2012 werden mehr als 50 Prozent der Unternehmen Microblogging a la Twitter betreiben, aber unvernetzte Microblogs für einzelne Unternehmen werden nur von fünf Prozent der Mitarbeiter genutzt.
Kommentar: Zurzeit werden Microblogs in erster Linie von Privatleuten, Medien, P- und Werbeagenturen benutzt, die ihre Botschaften im Kurztextstil verbreiten wollen. In der Regel weisen Medien und Agenturen auf längere Inhalte hin, die sie in ihre Internetauftritte eingestellt haben. Die wenigsten Unternehmen sehen einen Sinn darin, ihre Mitarbeiter ständig über die verschiedensten Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten. Außerdem haben sie dafür keine Kapazität und kein Know-how. Eventuell werden es einige Unternehmen versuchen, aber – und hier hat Gartner absolut recht – unternehmensinterne Microblogs werden nicht funktionieren. Genauso wenig, wie die meisten Intranets nicht funktioniert haben und die wenigsten unternehmensinternen Wikis ernsthaft bespielt werden. Zunächst muss sich die Kultur in vielen Unternehmen ändern. In hierarchisch orientierten Strukturen funktionieren diese Kommunikationsmittel nämlich nicht.
3. Prognose: Bis 2012 werden 70 Prozent der IT-dominierten Initiativen zu sozialen Netzwerken scheitern. Gartner führt als Begründung ins Feld, dass die IT es gewöhnt sei, Plattformen zur Verfügung zu stellen und keine sozialen Lösungen, die auf einen bestimmten Geschäftswert abzielen. Bis 2013 würden die IT-Abteilungen noch zu kämpfen haben, bis sie sich vom Plattform- zum Lösungsanbieter gewandelt haben. Bis dahin haben etwa 50 Prozent der vom Business getrieben social Media Aktivitäten Aussicht auf Erfolg und nur 20 Prozent der entsprechenden IT-Initiativen.
Kommentar: Das ist insofern richtig, als 70 Prozent aller dieser Initiativen scheitern werden – gleichgültig von wem sie angetrieben werden. Da bisher der konkrete Business-Nutzen dieser Aktivitäten nicht nachgewiesen werden kann, dürfte sich der Zeitaufwand, mit dem sich IT- und andere Abteilungen mit social Media beschäftigen, in sehr engen Grenzen halten. Auch die Mitarbeiter und Kunden lassen wahrscheinlich die Gelegenheit aus, zu Social-Media-Couch-Potatoes zu mutieren. Sie haben einfach keine Zeit dazu, weil sie zu Recht von ihren Unternehmen zu wertschöpfenden Tätigkeiten angehalten werden.
4. Prognose: Bis 2015 werden 70 Prozent aller auf PCs genutzten Communications- und Collaboration-Anwendungen nach ähnlichen Prinzipien gestaltet werden wie erfolgreiche Smartphone-Applikationen. Schon bald werden laut Gartner 3 Milliarden mobile Telefone weltweit im Dienst sein.
Kommentar: Diese Prognose klingt absolut plausibel. Zwar sind von den 3 Milliarden Handys, nur ein Bruchteil Smartphones, aber ihre Zahl wächst rapide und ihre wichtigste Aufgabe ist neben der Sprachverbindung, das Bereitstellen von Tools zur Zusammenarbeit. Und was auf den Winzlingen funktioniert, deren Formfaktor immer wieder Einschränkungen in der Handhabung mit sich bringt, das funktioniert auch auf den stationären Endgeräten im Büro. Übrigens wer sagt, dass das in fünf Jahren noch PCs sind, wie wir sie heute kennen. Auch dem Rat von Gartner sollten die CIOs folgen. Schließlich gibt es unangenehmere Aufgaben, als die neuesten mobile Devices auf ihre Alltagstauglichkeit und die Brauchbarkeit ihrer Collaboration-Funktionen zu testen.
5. Prognose: Bis 2015 werden nur 25 Prozent der Unternehmen kontinuierlich Analysen ihrer sozialen Netze vornehmen, um die Leistung und Produktivität zu erhöhen.
Die Analyse sozialer Netze sei eine nützliche Methode, doziert Gartner, um Interaktionsmuster und Informationsflüsse zwischen Mitarbeitern und Gruppen im Unternehmen und zwischen Geschäftspartnern und Kunden zu untersuchen.
Kommentar: Es ist nicht ganz klar, warum Gartner diese Prognose wagt (fehlte noch eine?), zumal sie im nächsten Satz zurückgenommen wird. Nutzer würden in Umfragen ungern die Wahrheit sagen, wenn es darum geht, ihr Verhalten zu analysieren,, warnt Gartner. Richtig! Und noch zurückhaltender reagieren Nutzer, wenn sie wissen, dass sie von automatischen Tools überwacht werden. Auch Richtig! Der geneigte Interessent fragt sich deshalb, was diese Prognose soll. Schließlich baut doch die ganze Idee der sozialen Netzwerke auf gegenseitigem Vertrauen und der Bereitschaft zu Austausch auf. Wer das dann kontrollieren und optimieren will – damit auch das Richtige ausgetauscht wird, scheint die Sache nicht verstanden zu haben.

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