Gepflegte Langeweile in Berlin

Tag der Arbeit, die sich allerdings in Grenzen hielt
War das „einmalige Medienexperiment“ des Springer-Verlags, die heute die Ausgabe der Tageszeitung „Welt Kompakt“ in die Hände von Bloggern zu geben, eigentlich ein Erfolg? Die Beantwortung dieser Frage hängt von den Erwartungen ab, mit denen die Teilnehmer – rund 20 so genannte „Premium-Blogger“ aus allen Ecken Deutschlands – am Mittwoch nach Berlin gereist sind.

Der Veranstalter hatte die Latte hoch gehängt. „Wir als Zeitungsmacher wollen lernen. Von der besonderen Sicht der Internetautoren, von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer subjektiven Art, an Geschichten heranzugehen“, hatte Projektchef Frank Schmiechen noch auf welt.de gepostet. Dass ihm der Spass in der Folge ein enig vergangen sei, weil er sich als Opfer eines „völlig überflüssigen Kulturkampfs“ sieht (siehe dazu auch die Diskussion zu Michael Kauschs Beitrag auf Czyslansky, „Darf man für Springer bloggen?“. Ihm sei das auf die Nerven gegangen, gab er in seiner Begrüßungsansprache zu, und zürnte: „Ich musste mich mit aller Kraft gegen den Shit Storm stemmen!“

Dass ihm am Ende nicht ganz wohl bei der Sache war, er mithin ein Fiasko durchaus zu den angedachten Szenarien gehörte, wurde schnell klar, als Matthias Leonhard, der als Leitender Redaktuer der „Welt“ die eigentliche Arbeit machen musste, das Konzept erläuterte. Nur nichts dem Zufall überlassen lautete ds Motto, und so hing am Morgen schon eine mehr oder weniger fertig layoutete „Scroll-Edition“ an der Wand des News Room im sechsten Stock des Springer-Hochhauses in der Kochstrasse. Gut, die Texte stammten tatschlich von Bloggern, aber erstens waren nicht alle von ihnen nach Berlin gekommen, und zweitens hatten sie die Beiträge schon vor zwei Wochen abliefern müssen. „Als Platzhalter“, so hatte es im Vorfeld geheißen. Leonhard machte aber sehr schnell klar, dass er das schon für das fertige Produkt hielt, an dem möglichst wenig geändert werden solle.

Nicht, dass man den Bloggern etwas vorschreiben wolle. „Das ist Ihre Zeitung“, beschwor Schmiechen ein ums andere Mal. Aber Versuche, tatsächlich schwerwiegene Änderungen vorzunehmen, etwa die mehr oder weniger zeitlosen Vorab-Texte gegen aktuelle  Themen auszutauschen, scheiterten stets an pragmatischen Argumenten wie „wir haben nur 32 Seiten“ oder „wenn etwas Neues reinkommt, muss etwas anderes raus.“ Was klug eingefädelt war, denn natürlich wäre keiner der Blogger – in aller Regel Menschen mit ausgeprägtem Selbstwertgefühl – bereit gewesen, ausgerechnet seinen Text der Tagesaktualität zu opfern. Es blieb also bei ein paar Dutzend Nachrichten, die von Bloggern vor Ort verfasst werden durften. Ansonsten saß die Mehrzahl der Angereisten die meiste Zeit herum und schrieb Beiträge für das Medium, mit dem sie besser vertraut sind als dem Zeitungspapier, nämlich ihren eigenen Blogs.

Dennoch drohte die Stimmung nie zu kippen, denn dazu war es viel zu spannend, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ich habe mich über das Wiedersehen mit „PickiHH“, der emsigen Twitterkönigin aus Hamburg, gefreut, und endlich hat „rose“, die auf Czyslansky scharfzüngige Kommentare hinterlässt, für mich ein Gesicht: Sie heißt Rose Jakobs, pflegt gleich drei verschiedene Blogs (www.rose.jetzt.de, sprachrodeo.de, und gesellschaftistkeintrost.wordpress.com) und ist eine richtig nette junge Person (zumindest aus meiner methusalemhaften Seniorenperspektive). Sie habe den Weg nach Berlin gesucht, weil sie es toll fand, einen Blick hinter die Kulisse einer Zeitungsproduktion risikieren zu können. Und Frank Schmiechen habe mit ihr eine „Super-Textkritik“ ihres Beitrags über  ihren Aufruf, „Rettet die Dörfer“. Es sei ein „superlustiger Tag“ gewesen, und der Kuchen sei auch ganz klasse!

Andere stießen ins gleiche Horn. Matthias Bachor, der mit seiner Frau Jessica den „Meinungsblog“ betreibt (www.meinungsblog.de) fand seine Erwartungen „rundum erfüllt“, nämlich herauszufinden, wie eine Zeitung funktioniert. Auch Tina Pickhardt (Themenriff.de) habe vor allem wissen wollen, wie es sich anfühlt, unter Druck zu arbeiten. „Das habe ich nicht wirklich erlebt“, meinte sie, was sicher als Euphemismus des Tages durchgehen kann, aber geblieben sei für sie die Erkenntnis: „Letztlich publizieren wir beide, Blogger und Journalisten, für den Leser, um den muss sich alles drehen.

Und so verrann der Tag mit einer interessanten Mischung aus gepflegter Langeweile und verspieltem Wortgeplänkel, stressfreier Kreativität und aktiver Neugier. Und im Hintergrund erzählten die Nachrichtensprecher von einer anderen Veranstaltung in Berlin, in der es so ähnlich zuging, nämlich die Bundespräsidentenwahl, deren Ergebnis bei einigen Bloggern blankes Entsetzen auslöste: „Mein Gott, da fällt ja Marienhof aus!“

6 Gedanken zu „Gepflegte Langeweile in Berlin“

  1. Im Großen und Ganzen zwar richtig. Aber in leiser nicht allzu anklagender Ironie verpackt wäre Kritik besser zu verdauuen. Ein Mann Ihres Alters müsste dieses Feingefühl doch eigentlich besitzen.

    Ohne diesen Beitrag auf den mein Name verlinkt wurde, habe ich bislang aber gar nicht gewusst, dass der sich am gestrigen Tage stetig in den Vordergrund drängende Mann, der kläglich versucht hat, die Ideen anderer als eigene zu verkaufen, Tim Cole heißt. Werde es schnell wieder vergessen.

  2. @Suzanne Salem: You want irony? I’ll give you irony:

    Du wirst zwar versuchen, meinen Namen wieder zu vergessen, aber es wird dir leider nicht gelingen. Sowas bleibt hängen. Mir geht es mit deinem genauso. Nur habe ich es besser: Ich muss ihn mir voraussichtlich nicht mehr so lange merken…

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