Freunde, wir gehen zu Charlie

Sei personaggi in cerca d’autore

Mit diesem Klassiker schuf der italienische Schriftsteller und Nobelpreisträger Luigi Pirandello nicht nur einen Meilenstein der modernen Literatur. Nein: Er legte auch die Grundlagen des modernen Dramas.

    • Das in sich geschlossene Drama , dessen Verlauf auf eine Lösung oder eine Katasrophe zusteuert, ist aufgelöst. Für das Moderne Drama ist typisch, dass es den Konflikt, um den es sich dreht, nicht löst, weil es die Mittel für eine Lösung nicht kennt oder vorgibt nicht zu kennen.
    • Akte und Szenen verschwinden und machen Platz für nahezu gleichrangige Bilder und Impressionen.
    • Der Text wird zum gleichberechtigten Bestandteil eines gestischen, musikalischen und visuellen Gesamtzusammenhanges.
    • An die Stelle des dramatischen Konflikts, der sich in Wort und Gespräch, niederschlug, tritt zunehmend der Versuch, etwas Unaussprechliches in Worte zu fassen. Die Sprache als Form der Welterkenntnis und der intersubjektiven Mitteilung versagt zusehends.

Warum erzähle ich Ihnen das alles?
Nun: 1925 suchten sechs Personen auf dem Theater einen Autor. 2013 suchen sechs Personen ein Restaurant. Auch das ist Theater, geradezu ein Drama, das auch viel von dem Absurden im Sinne Albert Camus‘ enthält. Es hat fast etwas vom „Mythos des Sisyphos“.
Worum geht es?

Die Freunde Czyslanskys (in alphabetischer Sortierung) Alexander Broy, Tim Cole, Michael Kausch, Lutz Prauser, Sebastian von Bomhard und Christoph Witte treffen sich in sporadischer Regelmäßigkeit zum Gedankenaustausch, zur gegenseitigen Motivationsförderung und geselligem Beisammensein. Der Termin ist meist schnell gefunden – was nicht heißt, dass den jeder auch in seinen Kalender einträgt oder im Hinterkopf abgespeichert hat. Demzufolge klaffen schon mal Lücken in diesem illustren wie illuminativem Kreis.

Hin und wieder gelingt es aber doch, diese Rundezusammenzubringen und man trifft sich in einem Münchner Restaurant.  Und dieses Mal, nämlich heute, wollen wirklich alle kommen.

Was wird geschehen?

Der Denker Club. Karikatur von 1819. Ein früher Vorläufer der Gesellschaft der Freunde Czyslanskys.

Nichts: Zumindest nicht das, was sich die verklärten Historiker romantisieren könnten: Ein konspiratives Treffen bei Bier und Tabak im Hinterzimmer, um ja nicht von den anderen Gästen belauscht zu werden, um Revolutionen anzustacheln, wie weiland in Paris , St. Petersburg, Moskau oder zur Vorbereitung des Hambacher Fests. Keine roten Mützen, keine Kokarden am Revers aber trotzdem lange Hosen, ganz wie die Sansculottes. Und kein Hinterzimmer. Wir haben keine Sorge, dass ein Gendarmerie-Spitzel oder Denunziant am Nebentisch etwas aufschnappen könnte. Das wäre angesichts von NSA, PRISM und Vorratsdatenspeicherung auch geradezu lächerlich, wo doch eh jeder alles über alle in Erfahrung bringen kann, wenn er nur ein paar digitale Daten zusammenstellen kann.
Wie dem auch sei.
Nun liegt der vorangegangene  nette Czyslansky-Abend schon einige Zeit zurück – nicht so lang, dass wir hoffen dürfen, dass bei unserem aktuellen Treffen wieder ein Papst gewählt wird. Aber doch so lange, dass es an der Zeit ist, sich wieder zusammenzusetzen, damit man sich gehörig auseinandersetzen kann.

Das moderne Drama mit seiner Nähe zum Absurden setzt dann ein, wenn die Freunde Czyslanskys versuchen, sich auf ein Restaurant zu einigen: Sechs Personen suchen einen Tisch. Dazu braucht es nämlich mindestens 30 Mails aller Beteiligen, denn zu jedem Vorschlag hat mindestens einer der anderen einen Gegenvorschlag. Nicht, weil ihm das Restaurant XY nicht passt, denn wir sind alle anständig genug, die Vorschläge der anderen als wohlüberlegt und auf uns abgestimmt zu akzeptieren. Aber es kann ja nicht sein, dass sechs Alphatiere diskussionslos zu einem gemeinsamen Tisch kommen.

Wer München kennt, weiß: Es gbit viele Restaurants in der Sadt. Und so wächst die Liste der Vorschläge und Kommentare ins Uferlose. Wir alle sind ja auch rücksichtsvoll genug, nicht mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und goethe-artigzu agieren: „Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Taten sehn!“  Das wäre ja auch klassisches, und nicht modernes Drama.

Also läuft diese Restaurantsuche ganz nach den Gesetzen der Moderne nicht auf eine Lösung zu, allerdings auch nicht auf eine absehbare Katastrophe.  Der Konflikt ist das Thema. Ein Ausweg nicht in Sicht, es wird immer absurder, Restaurantnamen werden immer unaussprechlicher und die vornehme „Mir ist es egal, ich bin gern dabei, egal, wo wir hingehen, ich freu mich“ Zurückhaltung hilft auch nicht weiter. Keiner weiß mehr einen Ausweg aus diesem Konflikt.

Die Restaurantwahl an der historischen Bedeutung unseres Treffens festzumachen (heute ist der 4. Juli) scheitert ebenso. Nicht alle sind davon überzeugt, am Indepence Day zu einem guten American Diner zum Burger-Essen zu gehen.

Irgendwann gewinnt doch die Vernunft Oberhand:
Freunde wir treffen uns beim Vietnamesen. Passt ja irgendwie auch zum Indepence Day.
Freunde: Wir gehen zu Charlie.

Ein Gedanke zu „Freunde, wir gehen zu Charlie“

  1. Lieber Lutz

    Die Realität ist noch viel dramatischer. Ich habe hier mal nur ein paar der typischsten O-Töne aus gefühlten 136 Mails herausgepickt, die wir erst wechseln mussten, bevor wir uns auf ein Treff einigen konnten. Übrigens: Wer ist „Charlie“?

    MK: Alternativideen:

    1. Wir gehen ungarisch essen: Am 4. Juli 907 zog Markgraf Luitpold von Bayern mit einem Heer in der Schlacht von Pressburg gegen die Ungarn.
    2. Arabisch: Am 4. Juli 1187 unterlag das Heer der Kreuzfahrerstaaten in der Schlacht bei den Hörnern von Hattin gegen die Truppen von Saladin.
    3. Wir essen rheinischen Sauerbraten. Am 4. Juli 1253 besiegt ein niederrheinisches Ritterheer während des Flämischen Erbfolgekriegs ein franko-flämisches Heer in der Schlacht bei Westkapelle.
    4. Wir gehen zum Spätzleschaber. Am 4. Juli 1376 wurde immerhin der Schwäbische Städtebund gegründet.
    5. Wir könnten natürlich auch mal schauen, ob es irgendwo in München Rinderhoden gibt. Schließlich meldet die Wikipedia für den 4. Juli auch: “ 2003: Sackaffäre im Norden des Irak.“

    AB: Koschere Currywurst und veganes Weissbier im Atzinger?

    MK: Ich hab ja gesagt, dass ich für den ersten konkret genannten Vorschlag bin. Das war wenn ich mich recht erinnere der Rotkäppchen-Burger. Ich steh zu meinem Wort: (m)eine Stimme für Rotkäppchen.

    SvB: Ich kann heute nicht, ich hab Kinderhütedienst und muss zuhause bleiben. Ich könnte mich höchstens per Skype zuschalten.

    CW: Hallo zusammen, gibt’s das Autokino eigentlich noch? Da gäbe es in jedem Fall Parkplätze.

    CW: Burger mit Ökoanstrich müsste jemand anders machen, das bringe ich nicht übers Herz.

    AB: Börger sind super!

    LP: Hey… ich bin für so was zu alt. Vieleicht mailt mir wer, wann und wo…

    AB: Was ist denn das für ein Anhang? Ist das Outlook? Ich kann das hier leider nicht äppeln äh öffnen

    SvB: Was ist Outlook?

    AB: Am Amerikanischen Unabhängigkeitstag zu „Charlie“ Essen gehen … Ihr seid ja so geschmacklos …

    LP: Warum bist Du nicht einfach still und fügst Dich? Das Thema ist durch. Das wird so gemacht und fertig. 😉

    AB: Ich wollte nur Tims Gefühle nicht verletzt sehen, sonst erzählt er uns noch den ganzen Abend, wie er 1969 Skatmeister der Embedded Journalists wurde, während das Napalm seine Karten angekokelt hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .