Es hat sich ausgewichst, kleine Hexe

 

Vorab die gute Nachricht:Der Neger ist draußen! Endlich, wurde ja auch Zeit!

Der Thienemanns-Verlag hat reagiert: „… In jener Szene, in der das Wort ‚Neger‘ auftaucht, wird Fasching gefeiert. Otfried Preußler ist dabei wichtig, diese Tradition darzustellen. Die Kinder verkleiden sich auf verschiedene Weise und darunter muss nicht notwendig eine Verkleidung als ‚Neger‘ sein. Der Inhalt der Szene, der Witz und die Intention werden nicht verändert, wenn eine andere, nicht ethnische Verkleidung gewählt wird. Dies ist ein Beispiel für eine behutsame Veränderung, ohne dass dabei die Geschichte verfälscht oder unsinnig gemacht wird.
Niemand hat Otfried Preußler je Rassismus vorgeworfen. Im Kontext der Entstehungszeit waren die fraglichen Begriffe neutral, aber aus heutiger sind sie es eben nicht mehr.

Viele Worte, die der Thienmanns-Verlag in seiner Pressemitteilung macht, weil er in Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ das Unwort „Neger“ eliminiert hat und sich plötzlich in eine öffentliche Diskussion gezerrt fühlt. Und schon wieder sind wir mitten in der wunderbaren Debatte um Political Correctness, um Genderisierung und vorauseilendem Gehorsam und um die Angst vor Shitstorms und öffentlicher Anprangerung.
Jetzt also Preußler, der Generationen von Kindern mit dem Räuber Hotzenplotz, der kleinen Hexe, dem kleinen Wassermann und dem kleinen Gespenst entzückt hat: Bücher, an denen sich ablesen lässt, wie es damals war, gemütlich, spießig, proviniziell, bieder – aber auch heimelig, eben in der guten „alten“ Zeit.
Der Thienemanns-Verlag folgt dabei ohne Not einem Trend, der – wo auch sonst – seinen Anfang in den USA nahm, aber längst in Deutschland angekommen ist. Spätestens als Deutschlands Saubermann par excellence, die Familienministerin Schröder, die die Verlage gezielt darum gebeten hatte, Neuauflagen zu überarbeiten und diskriminierende Begriffe zu eliminieren. Neger raus! Zigeuner gleich mit! Also die Wörter, wohlgemerkt!

Ging es in den USA Mark Twain ans Leder, weil er zu oft das Wort „Nigger“ verwendete, traf es Anfang 2009 Astrid Lindgren. Da ließ der Verlag Friedrich Oetinger 2009 „Neger“ und „Zigeuner“ aus dem Werk von Astrid Lindgren streichen und nennt Pippi Langstrumpfs Vater jetzt den „Südseekönig“.  Aber: In rund 70 alten Exemplaren in der Stadtbibliothek Bonn ist immer noch die Rede vom „Negerkönig“. Das macht Kaisa Ilunga sauer: Der Ausdruck sei rassistisch, sagt er. Der Mann aus dem Kongo lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Der Schwarze ist Mitglied im Bonner Integrationsrat.  Und diese Bücher müssten aus dem Verkehr gezogen werden. So wurde 2011 auf diversen Nachrichtenportalen wie auch  n-tv berichtet.

Derweil das „Nigga/Neger“-Thema derzeit eine besonders pikante Variante in einem Interview mit Samuel Jackson anlässlich des Filmstarts von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ erfährt, geht der Thienemanns-Verlag in die Offensive.


Zurück zu Preußler: Nun also geht es nach den Negern dem Wichsen an den Kragen. Damit ist im Kontext des Buches nicht etwa das gegenwärtige fast schon umgangssprachliche und doch noch immer leicht vulgär klingende Synonym für  Masturbation gemeint. Dazu der Thienemanns-Verlag: Wir halten eine Modernisierung auch bei anderen veralteten und ungebräuchlichen Wörtern für sinnvoll. Zum Beispiel kennen Kinder das Wort ‚wichsen‘ nicht mehr im Sinn von ‚putzen‘ oder ‚polieren‘. Früher wurden Stiefel eben gewichst. Wenn also im Text steht, dass Kinder ‚durchgewichst‘ werden, erscheint es uns sinnvoll, daraus ‚verhauen‘ zu machen.

Sicher. So gesehen ist eine Sprachmodernisierung nachvollziehbar, ob sie jetzt schon notwendig ist, während man noch Stiefel und Fressen poliert, ist eine andere Frage.
Sprache entwickelt sich, Wörter verschwinden, neue kommen hinzu, vorhandene wechseln ihre Bedeutung. Wer heute einen mittelhochdeutschen Text liest, muss sich durch einen Wust unverständlicher oder nicht mehr gebräuchlicher Wörter kämpfen. Erkiesen für erwählen ist ausgestorben und lebt nur noch in seiner Partizipialkonstuktion erkoren fort. Und auch das ist ziemlich veraltet. Das barocke itzund  ist heute ein jetzt und den Lesern von Gryphius im Schulunterricht fremd.
Auch Bücher müssen sich irgendwann behutsam der Gegenwartssprache anpasssen, wollen sie heutzutage noch gelesen und verstanden werden. Für nicht mehr verständliche Wörter müssen durchaus Synonyme gesucht werden, die den Sinn des Textes nicht verfälschen. Aber nicht seine Intention. Wenn also Twain seinen Protagonisten das Wort „Nigga“ in den Mund gelegt hat, dann mit Absicht. Schon damals war es eine Diskriminierung und als solche von den Fiugren im Roman gemeint. So etwas zu glätten, hieße, die Authentizität eines Textes zu verfälschen oder ganz zu zerstören.

Misstrauisch macht, dass es bei der kleinen Hexe wieder mal die Wörter betrifft, die politisch nicht (mehr) korrekt sein mögen, eine Zweideutigkeit und Anstößigkeit haben könnten; Wörter, bei denen die Gefahr besteht, dass sie von einer sich selbst als diskriminiert fühlenden Minderheit als Ärgernis empfunden werden könnten – und natürlich mit deren entsprechendem Selbstverständnis auch empfunden werden. Und zwar aus Prinzip.
Um dem frühkindlichen Gemüt des ministerialen Nachwuchses gar nicht erst Schaden zuzufügen,  zensiert Deutschlands Tugendministerin Schröder beim Vorlesen im heimischen Kinderzimmer diese Wörter von vorneherein heraus, wie es auf Spiegel-Online nachzulesen ist. Aha! So kann man eine Welt auch rosarot tünchen.

Das Fazit aber bleibt: Es hat sich ausgewichst bei der kleinen Hexe. Bleibt abzuwarten, wann sich die Veganer und Tierrechtler um den Ochsen Korbinian sorgen und diesen aus dem Buch eliminiert wissen wollen.  Und wann wird aus der kleinen Hexe selbst endlich eine BestAger-Frau mit besonderen magischen Fähigkeiten und eingeschränkten körperlichen Möglichkeit bei gleichzteitig begrenztem vertikalem Wachstum?

Frau Schröder, handeln Sie endlich!

3 Gedanken zu „Es hat sich ausgewichst, kleine Hexe“

  1. Ganz wunderbar. Die ganze Sprachheuchelei geht einem wirklich auf den Geist. Ich bin mit dem Sarotti-Mohren aufgewachsen und man hat mit dem Mohren einen Teil meiner Jugend mir geklaut. Denn seit einiger Zeit heißt der Mohr nicht mehr „Mohr“, sondern „Magier der Sinne“. Natürlich ist der „Mohr“ in seiner Gründungsgeschichte nicht von seiner rassistischen Doppel-Funktion zu trennen: als serviler Diener des Herrn (er bot früher Schokolade an) und als Repräsentant einer pseudonaturvölkischen Sinnlichkeit (in Afrika „schnackselt“ man gern und hat neben einer starken Libido auch ein hedonistisches Verhältnis zu allem Süßen). Kein Mensch erwartet, dass man eine solche Werbefigur heute noch kreiert. Aber muss man den braven Mohr nun ins Bleichwasser Michael Jacksons tauchen? Nein, muss man nicht. Und was man auf gar keinen Fall nicht DARF, ist die Beschneidung unserer reichen Sprache durch die bewusste Eliminierung scheinbar altertümlicher Begriffe. Gar nicht wohlfeil ist sowas, gar nicht wohlfeil …

  2. Pikanterweise, lieber Michael, heißt ja der Sarotti-Mohr nach der Berliner Mohrenstraße, in der die Firma weiland ihren Geschäftssitz hatte. Und erst über den Umweg des Straßennamens gelangte der kleine schwarze Mann auf die Schokolade. Tja, die Straße in Berlin heißt noch immer so. Wo bleiben denn da die hysterischen Sprachbereiniger?
    In Garmisch tobt der Streit, ob die Hindenburgstraße umbenannt wird, aber in der Hauptstadt drückt man sich mal wieder vor der Verantwortung?

    Angemerkt sei, dass ich die „Kleine Hexe“ noch mal herausgekramt und gelesen habe (Textfassung 1957, das wird man in Zukunft bei Zitaten in der Quellenangabe mit erwähnen müssen). Damit kamen dann Fragen auf, ob nicht noch mehr viel mehr in verständliches Deutsch gebracht werden müsste. Müssten nicht die Berufsbilder des Bierkutschers oder Schindelmachers nicht besser durch den BoFrost-Fahrer und Hartz4-Empfänger (wer braucht heute noch Schindeln) ersetzt werden, wer weiß denn heute noch, was diese Leute gearbeitet haben?
    Was ist mit den Holzweibern? Gehen heute noch arme Leute in den Wald um Klaubholz zum Heizen sammeln?
    Könnte der Händlername Balduin Pfefferkorn vielleicht eine Anspielung auf jüdische Krämer der Vorkriegszeit sein? Könnte man hier nicht vorauseilend gerhorsam Herrn Pfefferkorn umbenennen (ich vermeide das Wort umtaufen!), damit gar nicht erst der Verdacht eines subilen Antisemitismus auftaucht?
    Schließlich: Die Verwandschaftsbezeichnung „Muhme“ versteht heute kein Kind mehr. Wäre hier nicht eine Alternative zu suchen?
    Und wie ist zu verstehen, wenn die Hexe ein Pferd über den Kutscher befragt: „Treibt er es immer so arg mit Euch?“. Immerhin ist doch das „es mit jemandem treiben“ auch explizit sexuell konotiert.

    Nein, nein, mir graust genauso wie Dir vor diesen Leuten…

    Wer aber, und ich denke, das sind nicht wenige, die Überschrift „Es hat sich ausgewichst, kleine Hexe“ in seiner durchaus auch sexuellen Bedeutung und nicht auf Preußler bezogen verstanden und auf den Beitrag geklickt hat, dürfte etwas anderes erwartet haben. Und damit gibt er dem Thienemanns-Verlag letztlich recht.

    Vielleicht lieber die Kleine Hexe komplett vom Markt nehmen und nur noch Bibi Blocksberg „Hex, hex“ kreischen lassen…

  3. Was machen wir uns Gedanken darüber, ob Kinder beim Lesen über möglicherweise nicht Zeitgemäßes stolpern. Freuen wir uns, wenn sie überhaupt lesen und nicht nur stolpern.
    Mann könnte ja auch Erkan und Stefan (aka Sido und Bushido) bitten alle Wörter, die sie nicht mehr kennen durch irgendetwas Banaleres zu ersetzen …
    Dann ist Literatur wieder zeitgemäß …

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