“Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael” – eine Wanderung über die Photokina 2010

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Heute schließt die Photokina 2010 in Köln ihre Pforten. Ich habe die “weltgrößte Messe des Bildes” an den ersten beiden Tagen besucht.

Ich liebe diese Messe, wie kaum eine andere. Dabei sehen die Hostessen aus wie auf jeder Messe, bei den Ausstellerinnen regiert  “das kleine Schwarze”, eigentlich eher das “kurze Schwarze”, mittags schnippen auf jedem zweiten Stand kleine Chinesen süßsaure Nudeln aus kleinen “China-Pfannen”: das alles kennt man hinreichend von CeBIT und IFA. Und doch weiß man schon nach wenigen Minuten, dass man sich auf der Photokina befindet. Denn bei den zumeist männlichen Besuchern dominiert wie nirgends sonst das “lange Schwarze”, also das unvermeidliche Teleobjektiv mit ausgefahrener Sonnenblende, das zu Hunderten munter vor überdimensionalen Bäuchen schwingt. Freud wär’s eine Freude.

Aufbruch in die dritte Dimension – überall 3D

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Mit vollem Durchblick in die dritte Dimension

Das bestimmende Thema der Photokina war sicherlich die 3D-Foto- und Videografie. Während sich die klassischen großen Marken der Photographie Canon und Nikon noch einigermaßen zurückhielten, standen die Stände der Newcomer Sony, Panasonic und Samsung ganz überwiegend im Bann der dritten Dimension. Dass die Reize des 3D besondere Motive erfordert war ebenfalls schnell festzustellen: Überall waren erbauliche Dioramen aufgebaut und man konnte sich durch tiefe Straßenzüge, detailreiche Koggen und hoffnungslos überbesetzte Steppen zoomen. Noch besser aber waren die tänzerischen Einlagen weiblicher Standbesatzungen, die ständig mit irgendwelchen Tüchlein und Stangen in Richtung fotografierende Besucher stocherten, damit man auch wirklich mit 3D-Kameras und 3D-Brillen das Vorne vom Hinten unterscheiden konnte.

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3D-Fotografie vor 3D-Elephant

Auf den Ständen von Leica und Linhof trafen sich dann jene, die noch genug Probleme mit der zweiten Dimension hatten und sich folglich für das Thema 3D eher weniger interessierten. Bei Leica war es wie immer: die spannenden Dinge taten sich in den nichtöffentlichen Bereichen. Wurde vor zwei Jahren noch das erste Muster der mittelformatigen S2 von Hand zu Hand gestemmt, so lud Leica seine professionellen Kunden dieses Mal zu Photoshootings mit der inzwischen ebenso liefer- wie wunderbaren S2 ins Separée. Vorne war dann hinter Glas die Leica M9 im Titanmantel zu bestaunen. Für gut 20.000 Euro darf man sich die zweite Dimension mangels Autofocus noch selbst einrichten.

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Leicas M9 im Titanmantel: Von den Mühen mit der zweiten Dimension (Bild Leica)

Die Brücke zwischen Tradition und Zukunft baute Traditionshersteller Minox. Während die Minox DSC Silber die Tradition der Agentenkameras im 8×11-Format zitiert, stellten die Optikspezialisten aus Wetzlar mit der PX3d auf der Photokina gleichzeitig ein neues Modell für die 3D-Fotografie vor.

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Auch Traditionshersteller Minox überraschte mit einer 3D-Kamera (Bild Minox)

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Bodypainting wird sicherlich auch ein bevorzugtes Objekt dreidimensionaler Fotobegierden. Schade nur, dass ich mich – wie wohl die meisten der knipsenden Flaneure – weder an den Namen des Ausstellers noch an seine Produkte erinnere …

Damit man in der dritten Dimension nicht verloren geht: Geotagging

Ein weiteres großes Thema der Photokina war in diesem Jahr Geotagging und alles was dazugehört. So informierte auf Einladung des Branchenverbands Spectaris das Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen (IIS Nürnberg) über neue Forschungsprojekte zur dreidimensionalen Lokalisierung. Gerade in der “Indoor-Photographie” sei es von Belang, ob man eine Aufnahme in der zweiten oder aber in der dritten Etage eines Gebäude gemacht habe. Wer bei seinem Fotostreifzug durch den örtlichen Karstadt den Unterschied zwischen der Heimwerkerabteilung und den Lingerien eine Etage tiefer nicht im Bild umsetzen kann, dem wird Fraunhofer künftig zuverlässig weiterhelfen. Mehr Sinn machen solche Systeme laut Fraunhofer bei der Einbindung von Augmented Reality-Elementen in die Fotografie. Damit wird die dritte Dimension wohl die letzte Dimension der Fotografie vor ihrer Auflösung ins VRML-Labyrinth sein.

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Verlorene Romantik auf der Photokina 2010

Vom Häßlichen …

Ein Streifzug durch die Photokina ist immer auch ein Streifzug durch die Hässlichkeit der Welt. Nicht nur, dass man angesichts so einiger der ausgestellten “Fotobücher” über die Einführung eines allgemeinen Fotografierverbots nachdenken möchte – richtige Augenschmerzen befallen einem dann doch in der Abteilung für Hochzeitsfotoalben. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen im Wettbewerb um die brüchigste Ästhetik – nein, keine falsche Höflichkeit: es geht um Hässlichkeit, um nichts als wahrhafte Hässlichkeit – lieferte sich der Anbieter vermeintlicher “Holzbildwerke” mit einem Anbieter türkischer Brautprachtbände. Letztere sind am ehesten als Papier gewordener Zuckerguss hinlänglich exakt zu beschreiben.

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Ein “Holzbildhauer” sucht noch “Vertreiber”

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Das Bindemittel der Ehe ist der Zuckerguss

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Nur der Vollständigkeit halber sei auch das Zentrum frühpubertärer Geschmacksbildung vorgestellt

… und vom Schönen

Wie auf jeder Photokina zeigt sich das Schöne gar nicht weit entfernt vom Hässlichen: die schönste Halle ist und bleibt die Halle 1 mit der “Visual Gallery”. Neben den Werken großer Photographen – die ich immer gerne mit dem schönen alten “Ph” schreiben mag – sind es vor allem die häufig erfrischend anderen Sichtweisen der Absolventen und Studenten der Nachwuchsschulen und Photo-Akademien.

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Die “Visual Gallery” in Halle 1 – wie immer ein Höhepunkt der Photokina

So waren hier erstmals in Deutschland einige Portraits zu sehen, die Jim Rakete unter dem Wenderschen Titel “Stand der Dinge” von Stars der deutschen Schauspielzunft für  das Neue Filmmuseum geschossen hat.

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Wunderbare Portraits von Jim Rakete. Sehenswerter noch, als manche der Abgebildeten.

Zu den spannendsten Erkundungen gehört für mich immer ein Spaziergang entlang der Stelltafeln (ost-)europäischer Photoakademien. In diesem Jahr haben es mir besonders die Arbeiten von Jakub Jurdic von der Tomas Bata Universität im mährischen Zlin angetan. Unter dem Titel “Jarmil” erzählt er die Geschichte des gleichnamigen Außenseiters in eindrucksvollen strengen und dabei humorvollen Bildern.

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“Jarmil” – eine Bildergeschichte des tschechischen Nachwuchsphotographen Jakub Jurdic 

Does humour belong in photography? – Aber klar doch!

Zappatisten hätten sich vermutlich am meisten in einer kleinen Sonderschau über das krude Büchlein “Die Wahrheit über die Mondlandung” von Thomas Herbrich amüsiert. Eigentlich ist der Mann ja ein ernstzunehmender Photograph (deshalb das “ph”), aber hier hat er sich einfach mal einen Heidenspaß gemacht. Er erzählt die Geschichte, wie die Mondlandung der Amerikaner im Jahr 1969 im Fotostudio nachgestellt werden musste, weil Armstrong und Aldrin damals bekanntlich das Kamerakabel zuhause vergessen hatten.  Ich zeige hier zwei Bilder aus einer wunderbaren kleinen Ausstellung und verletze damit natürlich das Copyright das Fotografen:

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Einen Spaß will er sich machen: Thomas Herbrich “Die Wahrheit über die Mondlandung”

Damit mich nun dieser wunderbare Photograph nicht abmahnt, bitte ich alle humorbegabten Leser dieses Blogs: Schauen Sie auf die Web Site von Thomas Herbrich und bestellen Sie bei ihm den wunderbaren kleinen Band “Die Wahrheit über die Mondlandung”. Eine E-Mail genügt: tom@herbrich.com.  

Original und „Nachempfindung“

Das Thema Copyright begegnet einem freilich an vielen Stellen der Photokina und der Visual Gallery. So zeigt der deutsche Fotograf Stephan Zirwes (hier gibt es einige Bilder online zur Ansicht) einige durchaus eindrucksvolle Werke, allesamt überraschende Luftaufnahmen, die ob ihrer ungewohnten Perspektive scheinbar Bekanntes in seltsam grafische Gebilde auflöst.

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Schöne Bilder von Stephan Zirwes – die einem aber seltsam bekannt vorkommen

Nicht gefallen mag mir freilich, wie stark die Aufnahmen von Äckern und Pflanzungen an die längst bekannten Bilder des Schweizers Olivier Lasserre erinnern. Lasserre ist freilich eigentlich nicht Fotograf, sondern Landschaftsarchitekt und Biologe. Aber seine Arbeiten haben mich schon vor Jahren fasziniert. Und deshalb ärgerte es mich durchaus, in Köln Bilder zu entdecken, die seine Idee plagiieren. Zumindest ein Hinweis auf Lasserre hätte hier gut getan.

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