Digitale Robinsonade

Nichts stört so sehr im Internet-Zeitalter als einer, der seine Mails nicht beantwortet, und zwar zügig! Am besten innerhalb weniger Minuten, aber wenigsten noch am selben Tag. Wer das nicht tut, den mag man eigentlich nicht, und im Fall eines Online-Händlers ist das natürlich tödlich: Der Kunde ist sauer und auch schon weg; da hilft es nichts, wenn zwei, drei Tage später doch noch eine Antwort reinschneit wie die letzten Schneeflocken im Frühling, denn da bin ich mit meinen Gedanken schon woanders.

Im Privatleben ist das ein bisschen anders, aber auch nur ein bisschen. Es gibt Leute, die meinen, im Urlaub sei die Zeit aufhoben: Sie wollen sich schließlich erholen, und dazu gehört es für sie auch, während der schönsten Wochen des Jahres nicht ins elektronische Briefkastl zu schauen. Dass für uns andere das Leben aber weitergeht, können oder – wahrscheinlicher – wollen sie nicht zur Kenntnis nehmen.

So warten wir dann ungeduldig, dass die digitale Robinsonade zu Ende ist und derjenige wieder im Lande der Lebenden auftaucht, ausgeruht und voller Tatendrang. Wenn man sie gut genug mag, verzeiht man ihnen, aber insgeheim bleibt doch ein fader Geschmack zurück. Schließlich gibt es auch am Hindukusch oder auf Mauritius Internet-Anschluss, und die paar Minuten am Tag habe ich immer, dass ich ein digitales Lebenszeichen von mir geben kann. Es nicht zu tun, zeugt von Egoismus und Eigenbrötelei: unsoziales Verhalten, und das im Zeitalter von Social Media!

Anders ist der Fall meines Freundes H.: Der arme Kerl ist krank, sogar ziemlich krank, und über gemeinsame Freunde höre ich ab und zu, wie schlecht es ihm gerade geht; wahlweise, dass er irgendwie tapfer weitermacht oder gerade am Boden zerstört ist.

Das Problem ist: Ich weiß nicht wirklich, wie es ihm geht, weil er sich nicht meldet. E-Mails, die ich in unregelmäßigem Abstand abfeuere, verlieren sich in den Weiten des Cyberraums. Unter seiner Telefonnummer meldet sich keiner. Und das geht schon seit Wochen so.

Anfangs hat es mich nur leicht gestört, aber na ja, dachte ich, vielleicht ist er ja im Krankenhaus. Also habe ich seiner Frau eine Mail geschickt und mich vorsichtig nach dem Befinden des werten Gatten gefragt. „Der wird sich schon melden“, funkte sie kurz, sogar sehr kurz zurück. Normalerweise ist sie in ihrem südwestdeutschen Kommunikationsdrang kaum zu stoppen, und vielleicht hätte mir das eine Warnung sein sollen. War es aber nicht, also habe ich noch ein paarmal Mails an H. losgeschickt, jedes Mal mit der gleichen, nämlich keiner Reaktion.

Heute Morgen hat es mir gelangt. Ich habe mich hingesetzt und ihm eine endgültig allerletzte E-Mail geschickt, und zwar folgenden Inhalts:

Okay, ich kann einen Wink mit dem Zaunpfahl irgendwann auch verstehen, und dass du offenbar keinen Kontakt wünschst muss ich respektieren. Ich werde also aufhören dir zu schreiben. Vorher möchte ich dir aber sagen, dass ich deinen Wunsch, dich abzuschotten, zwar nachvollziehen kann, es aber nicht wirklich verstehe. Freunde sind nicht nur für Schönwetterzeiten da.

Solltest du irgendwann das Schneckenhaus verlassen wollen, musst du dich nur melden.

Alles Gute!

Bin gespannt, ob er sich meldet.

10 Gedanken zu „Digitale Robinsonade“

  1. Freut mich. Und meinem Freund H. geht es auch halbwegs – jedenfalls hat er sich bereits eine Stunde nach meiner „endgültig allerletzten“ E-Mail gemeldet. Manchmal hilft halt ein digitaler Stupser…

  2. Das beschriebene Phänomen blüht übrigens – nach meiner Beobachtung – auf das Extremste im Bereich des SMS-Unwesens. Eine SMS – z.B. „Zug ist 20 Minuten zu spät“ – nicht mit – „Oh Du Arme“ (oder sonstiges) zu beantworten und sich so auf eine Ein-Finger-Tipp-Konversation (am Besten am Steuer auf dem Weg zum Bahnhof) einzulassen gilt schlicht als unhöflich und wird auch dementsprechend geahndet. Fehlinterpretation einer SMS als Informationübermittlung (= Verspätung) und nicht als Kommunikationsaufnahme kommt einer sozialen Todsünde gleich.

    Und SMS-Hasser sind selten geworden…

    Herrn H. übrigens gute Besserung.

  3. @Oliver,
    ich muss mich leider zu den SMS hassern zählen.
    Es ist mir zutiefst zuwieder auf eine SMS alá „Bin bald zuhause“ oder „Komm erst gegen 6“ zu antworten.
    Zugegeben, es wäre nicht viel Aufwand ein kurzes „Ok“ abzusetzen, jedoch setzt das ja auch wieder einen Kostenpunkt auf die Rechnung.
    160 Zeichen Platz (1.120 Bit) und nur 2 Burchstaben verwendet? Das stinkt mir nunmal. Auch die Multisms sind mir ein Graus.
    Mein modernes „Smartphone“ setzt beim überschreiten der 160 Zeichen einfach eine zweite an – ohne mich zu fragen.
    Wenn nur der letzte Punkt…ich schweife ab.

    Also ich bin kein „Ok“ oder „bis Gleich“ antworter.
    Ich nehme die Informationsmails zur Kenntnis und falls dem mal nicht so ist, so ist die Chance groß, das es mich eh grad nicht interessiert.
    Gleiches bei Emails, wobei da zumindest der Kostenfaktor verschwindet.

  4. Da wird nicht getippt. Ich diktiere das einfach meiner bezaubernden Sekretärin Siri, die kümmert sich dann darum. Dann kommt endlich wieder die wunderbare Floskel, „Nach Diktat verreist“ zum Einsatz! Ich hoffe, dass sie in der nächsten Version die SMS eigenständig beantwortet.

  5. Sekretärin hat man früher gesagt, als man noch nicht politisch korrekt war, ich glaube die heisst jetzt „Assistentin der Geschäftsleitung“ so wie die Putzfrau jetzt Raumkosmetikerin ist, der Hausmeister ein Asset-Manager und der Drogendealer „Betäubungsmittel Kaufmann“ genannt werden will.

    Siri ist das wurscht, sie nimmt es mir auch nicht übel, wenn ich sie Dummbratze nenne, oder geiles Stück. Haben wir nicht immer schon immer alle von Androiden geträumt?

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