Die Sarrazin/Schirrmacher-Debatte: It takes one to know one

Ein Enthüller wird enthüllt

Propaganda bezeichnet laut Wikipedia einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion. Folgt man dieser Definition, dann sind die beiden Medienphänome Thilo Sarrazin und Frank Schirrmacher ziemlich eindeutig als Propagandamacher einzustufen.

Beide Erfolgsautoren sind zum Beispiel Meister in der Kunst der Verknappung, der Reduktion von komplexen Inhalten auf einfache, leichtverdauliche Häppchen, die beim unbedarften Leser eine Art geistigen Schluckreflex auslösen. Beide arbeiten mit dem klassischen Propagandamittel des Feindbilds – Muslime, Migranten, Alte, Präkarier,  Algorythmenschreiber.  So simpel lässt sich die Welt erklären, wenn man es nur, wie Sarrazin oder Schirrmacher  versteht, die Fakten und Zahlen richtig zu interpretieren, sprich durch Weglassen von Details auf den eigentlichen Kern des Problems zu reduzieren. Das klingt einleuchtend für denjenigen, dem die Welt ohnehin zu komplex erscheint oder der das Gefühl hat, sein Kopf kommt nicht mehr mit.

Das einzige Mittel, um einen Propagandisten zu entlarven, besteht darin, seine Zahlenbasis anzugreifen. Wenn nachweislich und nachvollziehbar mit falschen, geschönten oder frei erfundenen Fakten und Statistiken gearbeitet wurde, dann bricht das kunstvoll errichtete Argumentationsgebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Wenn zum Beispiel Schirrmacher im „Methusalemkomplott“ behauptet, die damals (2004) Zwölfjährigen würden den stärksten Jahrgang der 60jährigen in der deutschen Geschichte stellen, so genügt ein kurzer Blick in die Geburtenstatistik, um klar zu machen, dass ein so geburtenschwacher Jahrgang nie und nimmer die notwendigen Heerscharen von Weißhaarigen hervorbringen kann, um diese Rekordmarke zu knacken. In „Minimum“ behauptet er, „38 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen leben ohne Kinder.“ In Wirklichkeit heißt das natürlich nicht, dass sie keine Kinder haben. Bei einigen sind sie schon aus dem Haus, andere bekommen vielleicht noch ihr erstes Kind. Laut Prof. Gert Wagner von der TU Berlin liegt der Anteil kinderloser Akademikerinnen heutzutage zwischen 25 und 30 Prozent und damit im Normbereich. Und in „Payback“ versteigt sich Schirrmacher gar zu der als rhetorische Frage getarnten unsinnigen Behauptung: „Wieso wächst bei der Mehrzahl der Bewohner der westlichen Welt das Gefühl, keine Kontrolle mehr über ihr Leben…zu haben?“  Hat er sie etwa alle befragt?

Es wäre nun interessant zu wissen, ob sich ähnliche Manipulationen auch bei Sarrazin nachweisen lassen. Immerhin brüstete er sich kürzlich in der von Schirrmacher herausgegebenen FAZ: „Die von mir genannten Statistiken und Fakten hat keiner bestritten.“

Genau das hat aber die Berliner Politologin Naika Foroutan getan, die an der Humboldt-Universität das Forschungsprojekt Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle (HEyMAT) leitet. In einem  Dossier mit dem Titel „Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand“ nimmt ihr Team die Kernthesen Sarrazins mit Hilfe der statistischer Quellenforschung komplett auseinander. Ein paar Beispiele:

  • Der Bildungsanstieg von Sarrazin als besonders lernunfähig bezeichneten Personen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland beträgt von der ersten zur zweiten Generation sage und schreibe 800 Prozent! „Die Dynamik des Bildungserfolges ist über die Generationenfolge klar erkennbar und müsste in eine Zukunftsprognose als solche mit einfließen“, schreiben die Berliner. Statistisch gesehen machen mehr deutschtürkische Jugendliche Abitur als einheimische.
  • Die PISA-Studie 2009 stellt einen Rückgang der Disparitäten durch einen stetigen Bildungsanstieg bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund fest, während im Erhebungszeitraum bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund kaum Kompetenzsteigerungen zu verzeichnen sind.
  • 70 Prozent der Personen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland besitzen gute bis sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache, wie Allensbach letztes Jahr ermittelt hat. So viel zu Sarrazins Vorwurf, gerade diese Gruppe würde sich gar nicht erst bemühen, Deutsch zu lernen.
  • Auch die Töchter eingewanderter Türken tragen Kopftuch, behauptet Sarrazin. In Wahrheit tragen 70 Prozent der Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund kein Kopftuch.
  • Muslims heiraten nur andere Muslims, was die Ghettobildung befördere, behauptet Sarrazin. Tasache ist, dass 33,5 Prozent der muslimischen Männer in Deutschland 2008 eine nichtmuslimische Frau geheiratet haben. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: 92 Prozent der deutschen Männer heiraten eine Deutsche ohne Migrationshintergrund.
  • Der von Sarrazin suggerierte Zusammenhang zwischen Islam und Kriminalität in Deutschland wird von seriösen Forschungseinrichtungen und der Polizei zurückgewiesen.
  • Deutschland würde durch die stetige Zuwanderung bald in seinen Strukturen nicht mehr erkennbar sein und zukünftig mehrheitlich aus arabisch- und türkisch-sprechenden muslimischen Menschen bestehen, behauptet Sarrazin. Wahr ist: Gerade bei der Gruppe der Personen mit türkischem Migrationshintergrund ist seit acht Jahren ein negativer Wanderungssaldo zu beobachten. Die Nettozuwanderung von türkischen Staatsangehörigen ist seit 2002 rückläufig.

Und so geht es weiter, 70 Seiten lang. Womit klar wird: Das „hierzulande am schnellsten verkaufte Sachbuch seit 1945“ (so die Verlagswerbung) ist auf einem Gerüst von Halb- und Unwahrheiten aufgebaut. Bleibt nur noch die Frage: Ist Sarrazin der größte Propagandaltrickser seit Joseph GoebbelsWilly Münzenberg („Alle Nachrichten sind Lügen!“) und Albert Norden? Oder glaubt er womöglich selbst den Unsinn, den er da verzapft?

Vielleicht war es ja geradezu zwangsläufig, dass Frank Schirrmacher sich, wortgewaltig wie immer, in die Sarrazin-Debatte werfen würde. Die Kritik der herrschenden Klasse, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, sei voreilig und unüberlegt, die maximale Bestrafung des ehemaligen Bundesbankvorstands durch Entzug des Arbeitsplatzes ungerecht und menschenunwürdig. Sarrazins Meinungsfreiheit, und damit natürlich auch seine eigene, sei durch eine heimliche ideologisch Koalition der etablierten Politik gefährdet, die Schirrmacher als die „Herrschaft des Gerüchts“ bezeichnet.

Nun, mit der Gerüchtemacherei muss sich Schirrmacher ja auskennen. Wie sagen die Amerikaner? „It takes one to know one…“.

3 Gedanken zu „Die Sarrazin/Schirrmacher-Debatte: It takes one to know one“

  1. Hallo Herr Cole,

    ohne umfassend auf alle Argumente der Diskussion eingehen zu wollen,
    nur 2 Anmerkungen:

    1)
    „Der Bildungsanstieg … beträgt von der ersten zur zweiten Generation sage und schreibe 800 Prozent!“

    N. Foroutan (Original): „Speziell für die Gruppe der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland ergibt sich mit den hier im Mikrozensus 2009 ermittelten 22,5 Prozent nicht nur ein wesentlich höherer Bildungsabschluss im Generationsverlauf: Gegenüber den 3 Prozent der ersten Generation ergibt dies eine Steigerung von ca. 800 Prozent!“

    Abgesehen davon, dass es sich um eine Steigerung UM 650% (übliche Interpretation der missverständlichen Formulierung „Steigerung von“) bzw. AUF 750% handelt,

    welchen Sinn macht der Bezug auf eine 1. Generation, die vermutlich wesentlich schlechtere Bildungsbedingungen hatte? (Außer den, große Zahlen zu fabrizieren …)

    Dass der Anteil an FHS-Reife/Abitur nur 53% des Wertes Deutscher ohne Migrationshintergrund ausmacht (S.27), ist natürlich weniger effektvoll.

    Ohne Frage, Bildung ist wichtig, weil (m.E.) der einzige Weg aus dem Dilemma, und es ist nur gut, wenn der Bildungsstand muslimischer Migranten steigt, aber die Argumentation von Frau Foroutan ist dann doch einseitig und unwissenschaftlich.

    2)
    „Muslims heiraten nur andere Muslims, was die Ghettobildung befördere, behauptet Sarrazin. Tasache ist, dass 33,5 Prozent der muslimischen Männer in Deutschland 2008 eine nichtmuslimische Frau geheiratet haben. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: 92 Prozent der deutschen Männer heiraten eine Deutsche ohne Migrationshintergrund.“

    Korrekt zitiert muss es heißen
    „92 Prozent der bereits verheirateten deutschen Männer sind mit einer Deutschen ohne Migrationshintergrund verheiratet.“ (Vermutlich inklusive der, die auf die goldene Hochzeit zusteuern.) Dieser Zahl die Zahl der Hochzeiten muslimischer Männer und nichtmuslimischer Frauen im Jahr 2008 gegenüber zu stellen ist schon eine Glanzleistung.

    Dazu 3 Fragen:
    a) Wieviel Prozent der den muslimischen Männern theoretisch zur Hochzeit zur Verfügung stehenden Frauen sind muslimisch und wieviele nicht muslimisch?
    b) Wieviel Prozent der den deutschen Männern theoretisch zur Hochzeit zur Verfügung stehenden Frauen haben einen Migrationshintergrund, und wieviele keinen?
    c) Wen verwundern unter diesen Umständen verschiedene Raten?

    Der Anteil der mit deutschen Partnern verheirateten türkischstämmigen Migranten
    (der 2. Generation) beträgt nach der von Frau Foroutan zitierten Frau Nottmeyer
    8,9% bzw. 4,2% (S.45). Natürlich schreibt sie das nicht in ihren „zentralen Ergebnissen“.
    (Angabe Sarrazin 3% und 8% (S.44) …)

    Fazit:
    Frau Foroutan schöpft aus dem gleichen Datenpool wie Herr Sarrazin.
    Vielleicht hat sie ein paar neuere Daten. Sie ist ja schließlich „vom Fach“.
    (Obwohl sie mit der Mathematik ein paar Schwierigkeiten zu haben scheint.)

    Sorry, aber das willkürliche Herauspicken einzelner Zahlen zur Untermauerung der eigenen bzw. Widerlegung fremder Thesen (und ich meine jetzt Frau Foroutan 😉
    ist weder „statistische Quellenforschung“ noch wissenschaftliche Herangehensweise.
    Das ist m.E. nicht einmal seriös.

    Viele Grüße
    Gunter Hagen

  2. Da kann ich mich Herrn Hagen nur anschließen – bei aller Wertschätzung Ihrer Person!
    Aber die Thesen eines Populisten mit den Thesen einer anderen Populistin anzugreifen ist entweder unseriös oder naiv. Wobei sich im Übrigen die Motivation von Frau Foroutan schon allein aus ihrer Herkunft ergibt. Welches Motiv hingegen schreiben Sie Herrn Sarrazin zu?
    Oder entspricht das von Ihnen praktizierte, wahllose Herausgreifen von Einzelfakten und die von Ihnen vorgenommene Verknappung eben einfach dem Wesen des Publizisten? Und wo genau liegt dann der Unterschied zum Populisten?
    In Wahrheit sind wir heutzutage tagtäglich an allen Fronten Propaganda ausgesetzt, ob in der Politik oder in den Medien. Nur wird diese stets nur von den jeweiligen Vertretern abweichender Meinungen als solche bezeichnet – die eigene Meinung hingegen als kritische Aufklärung verkauft.
    Nichts für ungut,
    Klaus Kilfitt

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