Die Landkarte der Zeit

Morgen wird heute gestern sein. Oder etwa nicht? Was, wenn wir durch die Zeit reisen könnten? Dieses Thema hat schon viele Autoren zu so vielen Büchern inspiriert – niemals hätte ich gedacht, daß mich ein weiteres Zeitreisebuch so in seinen Bann schlagen würde wie „Die Landkarte der Zeit“ von Félix J. Palma, genial übersetzt aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.

Die eigentliche Zeitreise macht der Leser. Bereits nach wenigen Seiten befinden wir uns im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert, in London, dem damaligen Nabel der Welt. Wir lernen Andrew kennen, einen jungen Mann und Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten. Doch dann tritt Jack the Ripper auf, ermordet Marie, Andrews große Liebe und stürzt ihn in tiefe Trauer, so sehr, daß ihm nur der Selbstmord zu bleiben scheint. Da tritt George auf den Plan, der angeblich oberflächliche, aber dann doch so mitfühlende und geistreiche Cousin, der mit ihm zu „Zeitreisen Murrays“ geht. In der Vergangenheit, so hoffen sie, können sie Marie vor ihrem schrecklichen Schicksal bewahren.

Nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft sucht währenddessen Claire ihr Heil. Sie hat keine Lust, sich als Ehefrau im viktorianischen Zeitalter zu Tode zu langweilen, und wünscht sich ins Jahr 2000. Ob „Zeitreisen Murray“ ihr helfen kann? Inspektor Garrett hat in seiner Gegenwart ein Problem zu lösen: Er hat Morde aufzuklären. Die tödlichen Wunden der Opfer stammen von einer Waffe, die noch nicht erfunden ist. Er hat diese Waffe aber schon einmal gesehen, in der Zukunft.

Dies alles reicht natürlich, um einen schillernden Handlungsbogen zu errichten. Für die meisten Menschen, die auftreten, nimmt sich Palma erstaunlich viel Zeit. Jeder hat eine Vorgeschichte, jeder erlebt die Romanhandlung aus einem anderen Blickwinkel, und schnell wird klar, der Autor mag seine Figuren, seine Schöpfungen, die er alle detailliert schildert. So verwundert es nicht, daß man den Menschen dieses Romans immer wieder begegnet, in immer neuen Konstellationen.

Und das ist gut, man verlöre sonst schnell den Überblick, denn Palma flicht aus einzelnen Handlungssträngen ein verwirrendes Netz. Alles hängt irgendwie zusammen, und Realität und Phantasie verschmelzen. Es treten auch historische Persönlichkeiten auf, die man im Gegensatz zu Jack the Ripper wirklich gerne gekannt hätte. H.G. Wells zum Beispiel, ohne dessen Buch „Die Zeitmaschinen“ das vorliegende Werk nicht funktionieren würde.

Wunderschön ist auch die Sprache, in der das alles vonstatten geht.

„Wissen Sie, warum ich es auf meinen Reisen in die Vergangenheit stets vermieden habe, mir selbst zu begegnen?“, fragte Wells, dem es nichts ausmachte, dass ihm niemand zuhörte. „Weil ich sonst irgendwann in meinem Leben durch die Tür getreten wäre und mich selbst begrüßt hätte, was zum Glück für meine geistige Gesundheit nie passiert ist.“

[…] „Die Geräusche, die wir nachts manchmal hören, dieses Knarren, das wir alten Möbeln zuschreiben, sie sind vielleicht nichts anderes als die Schritte eines unserer zukünftigen Ichs, das unseren Schlaf bewacht und ihn nicht zu unterbrechen wagt“, mutmaßte Wells, den allgemeinen Rummel ignorierend.

Es fällt mir schwer, über das Buch zu sprechen, ohne zu viel zu verraten. Lesen Sie es bitte schnell, dann können wir weiterreden. Währenddessen warte ich schon mal sehnsüchtig auf das Erscheinen der Fortsetzung. „Die Landkarte der Sterne“ ist für September 2012 angekündigt, wir reisen nicht durch die Zeit, sondern zu den Sternen. Was mit Zeitreisen und Paralleluniversen im London von 1896 funktioniert, funktioniert zeitgleich vielleicht auch mit Aliens.

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