Darf man für Springer bloggen? – eine Replik auf die aktuelle Diskussion um die Blogger-Ausgabe der WELTkompakt

“’Wir bloggen nicht für Springer’ = Jugendsprache für ‘Enteignet Springer’” lese ich eben in meiner Twitterrolle. Und Deef Pirmasens echauffiert sich in seiner “gefühlskonserve” darüber, dass die WELTkompakt für ihre Ausgabe zum 1. Juli Blogger eingeladen hat KOSTENLOS eine Ausgabe der Zeitung redaktionell zu übernehmen. @bov zwitschert vom “embedded journalism”. Man hat den Eindruck, ganz Bloggingen empört sich. Bald werden wir Czyslanskys als letzte Vollstrecker Josef Bachmanns vorgeführt. Ja, habt Ihr sie noch alle?

Worum geht es eigentlich: Die WELTkompakt, ein traditionelles Printmedium – ja: aus dem Hause Springer – geht schon seit vielen Jahren recht offen mit dem Phänomen des Online-Journalismus und den neuen sozialen Medien um. Für den 30. Juni wurden nun einige Blogger – darunter wir Czyslanskys – eingeladen für einen Tag die Redaktion der Zeitung zu übernehmen und die Ausgabe für den 1. Juli zu erstellen. Ein Heidenspaß für Leute, die gerne schreiben, aber Printredaktionen entweder  nur aus Filmen kennen oder die – wie die meisten von uns – die journalistischen Wärmestuben vor mehr oder weniger vielen Jahren freiwillig verlassen haben. Einen Tag lang gehört uns nun die ganze Welt, oder doch wenigstens die kompakte.

Dafür muss man uns nichts zahlen, denn wir schreiben am 30. Juni nicht für Springer oder die liebe WELTkompakt-Redaktion, sondern aus Spaß. Und der Verlag wird deshalb keinen einzigen Arbeitsplatz abbauen. Und wir glauben auch nicht daran, dass das wirklich ein “Experiment” ist, wie der Verlag in seiner Pressemeldung verlautbaren ließ. Der Erkenntnisgewinn aus der Aktion wird gegen Null gehen. Wir kennen doch nun wirklich die Unterschiede zwischen Blog- und Blocksatz zur Genüge.  Vielleicht gibt es im Rahmen der Aktion ein paar spannende Gespräche zwischen Redakteuren und Bloggern, zwischen Blatt- und Blogmachern. Mag ja sein. Aber sehr viel schlauer werden wir in zwei Wochen alle nicht sein.

Gewinnen wir weltmachenden Blogger an Reputation? Das glaube ich kaum. Zumindest wir Czyslanskys schreiben keine Lebensläufe für Bewerbungsschreiben mehr und Czyslansky selbst wird niemals ein kommerzielles Projekt werden. Wer sich heute darüber mokiert, dass der Verlag uns armen Bloggerseelen kein Honorar bezahlt, der sollte lieber mal über die aktuellen Vergütungsregeln für Freie Journalisten bloggen, die Gewerkschaften und Zeitungsverleger in diesem Jahr beschlossen haben. Diese Kollegen sind nämlich wirklich auf eine faire Entlohnung ihrer täglichen Arbeit angewiesen und werden durch diese Vergütungsregeln hart benachteiligt: sie verzichten in aller Regel auf Folgeeinnahmen durch (Online-)Mehrfachnutzung ihrer Arbeitsergebnisse – und das in Zeiten, in denen das Online-Geschäft  in immer stärkerem Maße traditionelles Print-Business ersetzt.

Bleibt der Vorwurf, sich ausgerechnet “Springer” anzubiedern. Das einzige, was die WELTkompakt mit der BILD-Zeitung der späten 60iger Jahre verbindet ist die Tatsache, dass sie schwarz auf weiß drucken. Und außerdem: die publizistische Enteignung Springers erfolgt doch längst: aber nicht über den Druck der Straße, sondern über die Blogs und Communities des Internet. Das große Zeitungssterben geht an Springer nicht vorbei.

Ich habe wirklich keine Lust mir die Rolle des Springer Verlags in der Restaurationsepoche der Bundesrepublik von Gefühlsrevolzzern anhand ihrer bunten Geschichtsbücher erklären zu lassen. Echt nicht!

Also: Czyslansky schreibt gerne in der WELTkompakt. Warum denn nicht? Ich würde sogar in der F.A.Z. schreiben und meine Beiträge von Schirrmacher korrekturlesen lassen. Tim: irgendwelche Einsprüche?

29 Gedanken zu „Darf man für Springer bloggen? – eine Replik auf die aktuelle Diskussion um die Blogger-Ausgabe der WELTkompakt“

  1. Bringt nichts: Ich freu mich einfach auf einen Tag Redaktionsarbeit in Berlin – außerdem bringt es uns meiner Ansicht nach schon etwas – die printschreibenden Blogger können so einem großen Publikum ihre Sicht der Welt erklären und ihm den großen Czyslansky näher bringen. Was die Welt davon hat, interessiert mich dagegen nicht so sehr.

    Kostenlose Arbeit: Die Welt fragt ganz freundlich, da kann jeder Nein sagen, der das nicht will. Aber Blogger sind die Sache mit ohne Kohle ja gewöhnt. In unserem Fall streben wir außerdem unserem großen Vorbild Czyslansky nach, der mindestens 50 Prozent seiner Schaffenskraft pro bono für sich selbst eingesetzt hat. Den Rest der Zeit hat er sich der Muße hingegeben und überlegt, wie er mit möglichst wenig Aufwand auf möglichst großem Fuß leben kann.

    Politik: Ja, das ist eine schwierige Sache. Springer ist konservativ. Bild ist ein Krawallblatt. Aber die Welt? Sicher ist ihre Grundhaltung eher konservativ, aber wenn sie Leute wie uns einlädt (eingetragene Monarchisten, Spontis, Ex-Jusos, Männermagazin-Autoren, Predigerkinder, Werbeleute, PR-Jünger und allem voran Czyslansky-Gläubige) zeigt sie eine gewisse Weltoffenheit. Also bleibt alles locker im demokratischen Rahmen.

    Vielleicht sind die von Michael zitierten „Vorfeldkritiker“ ja doch positiv überrascht, was kostenlos schreibende Blogger in einer Printtageszeitung so zustande bringen. Vielleicht wird´s ja genauso vergnüglich, die Sachen zu lesen, wie sie zu schreiben.

  2. Dass man sich den reflexartigen Anti-Springer-Rufen entgegenstellt, kann ich ja nachvollziehen. Aber die Tatsache, dass ein Konzern, der zu den Besserverdienern der Branche gehört und bei Umsatz und Überschuss derzeit sogar noch zulegt, für Arbeit (denn wenn es das nicht sein soll, können all die Probanden des Versuchs auch gleich zu Hause bleiben) nicht zahlen will, damit zu rechtfertigen, dass es anderswo ja auch nicht gut aussieht mit der Zahlungsmoral, halte ich doch für arg schwach argumentiert.

  3. Oh mein Gott. Wofür ich Geld nehme, ist meine Sache. Aber eines weiss ich genau: Die Artikel, die ich schreiben werde an dem Tag, die werde ich geschrieben haben und nicht „Springer“. Damit ein Problem zu haben ist ziemlich spießig. Ich würde meine Meinung ändern, wenn an meinen Artikeln unbequeme Passagen gestrichen würden. Wobei ich noch nicht mal sicher bin, ob ich „unbequeme Passagen“ schreiben werde 🙂

    Die ganze Diskussion erinnert mich an den Tag, als in der Mathematik-Erstsemestervorlesung in Heidelberg (das muß dann so 1980 gewesen sein) ein paar Spontis Alarm machten, weil viele Lehrbücher vom Springer-Verlag seien. Das nennt man Konditionierung … Und selbst wenn die Lehrbücher von Axel Cäsars Verlag verlegt worden wären, was ja bei diesem Springerverlag nicht mal der Fall war, wäre es doch immer drauf angekommen, was drinsteht.

    Und so werde ich es auch am 1.7. halten und freue mich auf Berlin und den Spaß, den wir haben werden.

  4. @trotzendorff
    sagen wir mal so: wenn die aktion für springer wirklich ein solcher erfolg wird, dass die das öfter machen wollen, dann biete ich meine geisteskraft definitiv nur noch gegen geld an. denn dann wärs wirklich auftrag und arbeit und wir wollen ja keine unterstützungsaktion für den verlag fahren. erstmal ists für uns spaß und der verlag wird damit nichts verdienen.

    aber vielleicht lesen die springers das hier ja mit (ein gutes monitoring traue ich ihnen zu) und vielleicht kommen sie in berlin ja auf die idee eine spende für einen sozialen zweck zu entrichten, der von der community definiert werden darf. das wäre für springer nochmal ein pr-effekt, einigen kritikern wäre der wind aus den windeln gestrichen und der spendenempfänger könnte sich freuen. hallo … axel-springer-straße … lest ihr das …

  5. Nachtrag: Mein Kommentar war nicht die Antwort auf den Beitrag von „Trotzendorff“. In der direkten Konfrontation wäre ich mit dem Vorwurf der Spießigkeit sparsamer umgegangen, also bitte nicht falsch verstehen, ja?

    In der Sache hat sich meine Meinung nicht geändert. Natürlich wäre es vielleicht zu beanstanden, wenn wir in Zukunft dem Springerverlag kostenlos eine Zeitung schreiben würden, weil wir öffentlichkeitsgeil? ruhmsüchtig? zu reich? blöd? was auch immer wären. Aber wir schreiben EINEN Tag lang für lau, sieht man mal vom Spesenersatz ab. Da werden keine Arbeitsplätze vernichtet. Und als Blogger muß ich sagen, Spesenersatz ist mehr als ich gewöhnt bin.

    Außerdem bleibe ich dabei: Ich nehme von Springer keine Gage (*lach* bzw. keines der üblichen Zeilenhonorare)

  6. jaaaaaaaaa! wir sind politische Streikbrecher und – wie war das noch? – Schreibknechte des
    Kapitalismus? Iss auch egal. Wollte ich eh schon immer mal sein. 🙂

  7. Oha, gab es da mal wieder einen Gutmenschen Alarm? Habe ich gar nicht mitbekommen.
    Die erhabenen Moralisten des Netzes erheben sich? Vielleicht weil SIE nicht eingeladen wurden? Vielleicht weil SIE, weil zu spät geboren, damals nicht bei der „Enteignet Springer Party“ mitfeiern konnten? Oder einfach weil ihnen langweilig ist?

    Solange ich nicht für den Völkischen Beobachter schreibe oder blogge, brauche ich mir doch so einen Schwachsinn nicht anzuhören.

    Ich freue mich auf einen Tag Zeitung machen und mit den anderen Czyslansky-Jüngern und den anderen Bloggern zu feiern.

    Den einzigen Vorwurf, den ich gelten lasse ist, dass ich mit meinem Flug nach Berlin die CO2 Belastung erhöhe. Aber wie sagt Jürgen von Manger: Ich werde durch ein schönes Leben alles wieder gut machen!

  8. Tja, manche Dinge geschehen schneller, als man sie sieht: Robert Basic, als Blogger bei der WELTkompakt auch dabei, hat einfach mal auf Grund der Vorwürfe von Deef Pirmasens bei Frank Schmiechen vom Verlag wegen eines Honorars angefragt und die Antwort erhalten, „dass die Blogger, die an diesem Tag mit uns arbeiten, natürlich ein Honorar bekommen. Das wollten wir in der Kommunikation dieser Aktion aber nicht in den Mittelpunkt stellen, weil wir Leute gesucht haben, die in erster Linie am Experiment selber interessiert sind.“ (Quelle: http://www.robertbasic.de/2010/06/welt-kompakt-scrolling-edition/).
    Robert Basic ist übrigens ebenso wie Sachar Kriwoj (http://www.massenpublikum.de/blog/) der Meinung, dass es für diese Aktion keines Honorars bedarf. Also meine Herren von Czyslansky: an wen geht das Honorar als Spende?

  9. lustige debatte.

    1. ich mach auch mit, weil wann komm ich sonst in meinem leben nochmal ins axel springer haus?
    2. wird sicher ein interessanter tag, hat an nicht alle tage
    3. das geschrei nach honorar finde ich albern, mir hat man direkt einen lininenflug, ein vier sterne hotel und ein fettes abendessen und eine party angekündigt, daher habe ich gesagt: ja gerne, passiert nicht alle tage das einen „der“ axel springer verlag (ja, die dunkle seite der macht) einfliegt, als eher linke meinungssau aus dem bösen intenret. also warum nicht?
    4. finde die debatte stellenweise echt murksig.

    klar ist das schwierig, axel springer und so. aber auch eine einmalige gelegenheit und ich schreibe es HINTERHER drüber. vielleicht stellen die sich ja weiterhin so nett an, dann ist es völlig okay.

    was das gemecker einiger angeht, das da „mails von verschiedenen“ leuten kommen, den sollte auch mal klar sein, dass so ein projekt nicht nur von zwei leute gemacht werden kann – innerhalb eines verlages.

    und wer schon mal offine gearbeitet hat, der sollte das wissen.

    toll, jetzt bekommen wir auch noch ein honorar. super. was mach ich denn damit?

    schuhe kaufen. ich bin ein mädchen. und mich dann jeden tag schämen. „ich habe schuhe an, die hat indirekt axels springer gezahlt“. böse. böse. was für ein quatsch.

    ich finde es gut, wenn ich einen tag dafür sorgen kann, wenn man was gutes in der welt steht.

    cheers.

    rose

  10. MIK, Du abgefeimter Gutmensch, machst Dir gleich wieder Sorgen, wir würden das zu erwartende fette Honorar vielleicht selbst verprassen? LOL – ich fand Roses Vorschlag genial, Schuhe zu kaufen. Ich bin kein Mädchen, aber was ich echt noch nie hatte: SPRINGER-Stiefel. ROTFL.

  11. mh, aber wenn man schon einen hat. ich bin eher für schuhe. oder irgendwelchen anderen quatsch. bis vor vier stunden wusste ich ja nix vom honorar und fand es dennoch supi zwei tage „mal so“ in berlin rumzugondeln und eine kranke foto story von „ich und axel springer“ zu machen. das ist mir grund genug, mitzumachen. honorar für neue schuhe oder so sind da wie eine tonne werthers echte.

    ha, außerdem schreiben einige unter anderen blogs die ganze zeit, wie diekmann das alles machen will.

    da dachte ich mir nur: kinder, diekman macht die bild. nicht die welt. also soviel sollte man doch mindestens wissen, oder?

  12. Full disclosure: Ich habe von 1974 bis 1976 in der Landesredaktion Baden-Württemberg von „BILD“ gearbeitet und habe seinerzeit neben dem Arbeitsvertrag auch die Richtlinien unterzeichnet, die Axel Springer aufgesetzt hat und die für alle Redakteure bindend waren. Diese lauteten:

    1. das Eintreten für die Wiedervereinigung Deutschlands,
    2. die Aussöhnung zwischen Deutschland und dem jüdischen Volk,
    3. die Ablehnung jeglicher Form von politischem Totalitarismus,
    4. die Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft,
    5. die Nichtanerkennung der DDR als zweiten deutschen Staat

    Das war die einzige Form von politischer Bevormundung, die ich im Hause Springer erlebt habe, und ich würde sie notfalls auch heute wieder unterschreiben (auch wenn ich, zugegeben, bei Punkt 5 etwas schlucken musste und müsste).

    Damals mußten wir beim Betreten des Springer-Hauses in Hamburg durch die Leibesvisitation, denn seit den gewalttätigen Protesten nach 1968 waren immer noch verstärkte Sicherheitsvorkehrungen in Kraft. Das habe ich viel stärker als Einmischung in meine journalistische Arbeit empfunden als die 5 Punkte.

    Es sind inzwischen fast 40 Jahr vergangen, und wir leben heute – zum Glück – in einem anderen Staat als damals. Die Springer-Blätter waren ein Teil dieser Entwicklung, und ich sehe das mittlerweile so wie der alte Voltaire, der zum Thema Meinungsfreiheit schrieb: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Übrigens wird Rosa Luxemburg gerne mit dem gleichen Satz zitiert.

    Ich gehe davon aus, dass ich am 30. Juni das schreiben kann, was ich für richtig halte, und ich traue der „Welt“ zu, dass sie da auch mitspielt. Alles andere würde mich wundern, und ich würde auch sofort den Griffel fallen lassen, wenn es auf einmal anders wäre. Ich gehe also mit großer Gelassenheit nach Berlin und freue mich auf ein interessantes und womöglich sogar erkenntnisreiches Experiment in „social journalism.“

    Andere dürfen von mir aus anderer Meinung sein. Sie sollen mir aber meine Meinung bitte lassen. Siehe Voltaire.

  13. Inzwischen geht es bei Deef unter’m Blog einfach nur noch darum, dass Leute wie ich (also die, welche mitmachen) den anderen die Preise kaputt machen. Es werden ausserdem so Phantasietagessätze wie 810 Euro genannt, die man dem ASV gerne in Rechnung stellen will.

    Die Tatsache, dass man hier „eingeladen“ wird etc. pp., wird total ausgeblendet. Wir haben uns alle kaufen lassen, haben alle das Internet nicht verstanden und so weiter. Das ist sehr schade gerade, was man da lesen muss.

    Aber ich steh da drüber.

    Ich glaube auch, dass man uns am 30. schreiben lassen wird, was wir möchten.

    Und mal ehrlich: 800 Euro? Als Tagesatz? Das bekommt ja nicht mal ein Mc Kinsey in den heutigen Zeiten. Bin ich so blöde? Ich würde zwischen 180 und 250 ansetzen, je nachdem. Aber 800???? Wenn ich eingeladen werde, Hotel und Flug bezahlt bekomme?

    Ich finde das stellenweise schon fast gierig. Und es wird von einigen echt als pille palle abgetan, wenn man einen Tag als großes Team eine nicht ganz so kleine Deutsche Zeitung machen darf. Das geht mir nicht in den Kopf rein.

  14. Ich habe bislang kein Geld angeboten bekommen, und ich will auch keins. Wenn ich die Kommentare richtig lese, geht es anderen auch so. Was machen wir damit, wenn wir wirklich welches kriegen? Auf ’n Kopp hauen? Amnesty spenden? Einen Unterstützungsverein für notleidende B-Blogger gründen? Habt Ihr Vorschläge?

  15. Guten Morgen werte Kollegen und Herausgeber des Czyslanskys,

    ich beginne meinen Kommentar auf Euren Anmerkungen zum Springer-Projekt direkt mit einem Zitat aus Euren Anmerkungen:

    „Wer sich heute darüber mokiert, dass der Verlag uns armen Bloggerseelen kein Honorar bezahlt, der sollte lieber mal über die aktuellen Vergütungsregeln für Freie Journalisten bloggen, die Gewerkschaften und Zeitungsverleger in diesem Jahr beschlossen haben. Diese Kollegen sind nämlich wirklich auf eine faire Entlohnung ihrer täglichen Arbeit angewiesen und werden durch diese Vergütungsregeln hart benachteiligt: sie verzichten in aller Regel auf Folgeeinnahmen durch (Online-)Mehrfachnutzung ihrer Arbeitsergebnisse – und das in Zeiten, in denen das Online-Geschäft in immer stärkerem Maße traditionelles Print-Business ersetzt.“ Ich denke, dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Diese Sätze könnten auch von mir stammen. Denn ich bin selber einer von diesen freien Journalisten. Das Stichwort Online ist dabei allerdings ein Reizwort, das direkt mit dem Welt Kompakt-Projekt zusammenhängt.
    Ich hatte, als ich die erste Aufregung über die honorarlos gedachte Arbeit in Deef Pirmasens Blog Gefühlskonserve über das Springerprojekt festgestellt hatte, unter anderem Roses Beiträge gelesen. In meinen Antworten hatte ich gleichzeitig festgestellt, dass es jedem unbenommen ist, wie er oder sie entscheidet, an welchen Projekten teilzunehmen. Gleichzeitig habe ich aber meine kritischen Anmerkungen aus der Sicht eines freiberuflich arbeitenden Wort-, Bild- und Onlinejournalisten angebracht.
    Um die Kostenstruktur eines Arbeitstages, wie er bei Springer am 30. Juni ansteht, transparent zu machen, unter Ansetzung eines bei Freiberuflern nicht unüblichen moderaten Stundensatzes zuzüglich der anfallenden Spesen und möglicherweise anfallender Zusatzkosten für die Einräumung von Exklusivitätsrechten, habe ich für Deef Pirmasens Blog eine Beispielrechnung aufgemacht, die in ihrer Mindestsumme eben jene 810 Euro ergeben: http://www.gefuehlskonserve.de/das-honorarfrei-experiment-23062010.html/comment-page-2#comment-7860

    In meinem Blogmagazin Mittelhessenblog hatte ich dazu einen eigenen Kommentar verfasst mit Verweis auf den Eintrag in der Gefühlskonserve:

    http://mittelhessenblog.de/2010/06/24/kommentar-fuer-einen-feuchten-haendedruck-eine-zeitung-machen-das-weltkompakt-projekt-der-axel-springer-ag/

    Dies führte dann zu einigen Kommentaren von Presseschauer Daniel Schultz (http://www.presseschauer.de/) , der anmerkte, dass die Springer AG auf Grund des Wirbels zurückgerudert sei, sicher sei das aber nicht. Diese nun doch widersprüchliche Informationslage im Gegensatz zur glasklaren ursprünglichen Aussage der Axel Springer AG gegenüber Deef Pirmasens, es gäbe kein Honorar, veranlasste die Offene Anfrage über das Mittelhessenblog an die Axel Springer AG. Nach zweimaligen Nachhaken kam dann die Antwort, es gäbe doch ein Honorar. Und zwar zu den bei den freien Mitarbeitern der Welt-Gruppe üblichen Tagessätzen. Mir wurde mitgeteilt, ich sei offensichtlich falschen Informationen aufgesessen. Dies kann im Original auf dem Mittelhessenblog nachgelesen werden.
    Diese Nachrichtenlage und Reaktionen überlasse ich jedem selber zu kommentieren.

    Was mich nun irritiert: Wenn private Blogger, die nicht die Absicht haben, ihr Blog zu einem weiteren wirtschaftlichen Standbein zu entwickeln, sagen, dass sie für ihre Arbeit kein Geld haben wollen, ist das eine Sache.
    Wenn aber Menschen, die selber aus der Medienbranche kommen, unter Umständen selber für einen Verlag verantwortlich waren oder sind, selber als Journalisten hauptberuflich ihr Geld verdienen – ob nun frei oder angestellt- nun sagen, sie nehmen der Ehre und des Spaßes wegen an einem Projekt wie dem von Welt Kompakt teil, so wirkt das auf mich, der täglich mit diesem Kampf im Haifischbecken zu tun hat, einigermaßen verwirrend. Denn aus dem Blickwinkel eines freien Journalisten, der jede Ausgabe hart kalkulieren , dennoch mit seinen Einnahmen ein gewisses wirtschaftliches Niveau erreichen muss, um damit laufende Ausgaben, Rücklagen, Altersvorsorge und Kosten für Haus, Auto, Kinder zu bestreiten, ergibt sich ein solcher Blick.

    Deswegen freue ich mich über aufklärende Nachricht, bitte aber darum, dabei die Gebote der Fairness und Sachlichkeit nicht zu verletzen. Im übrigen halte ich es unter Kollegen für ein Gebot der Höflichkeit, nicht mit Aliasen zu arbeiten, sondern mit Klarnamen.

    Mit bestem Gruß,

    Christoph v. Gallera

  16. @rose also 800 Euro entspricht schon in etwa dem, was wir hier normalerweise alle als Tagessatz bekommen, mal mehr, mal weniger, je nach dem was und für wen wir arbeiten, das ist nicht ungewöhnlich hoch für Freiberufler.

    Bloggen tun wir hier auf Czyslansky ohne die geringsten finanzielle Entschädigung und das ist auch gut so. Wir tun das, um das Erbe des grossen Meisters zu ehren und zu verbreiten, das ist uns Lohn genug. (Die Domain und Hostingkosten, die Zigarren und Single Malt Whiskys bei unseren Treffen, das alles bezahlen wir aus eigener Tasche.)

    Wenn wir jetzt die Möglichkeit bekommen bei der Weltkompakt Das Werk Czyslanskys einem noch größeren Publikum nahe zu bringen, so tun wir das mit großer Begeisterung.

    @Christoph Ehrlich gesagt, wissen wir gar nicht, ob wir ein Honorar bekommen werden, wir haben schlicht und ergreifend nicht danach gefragt. Sollten wir mehr als unsere Spesen erstattet bekommen, werden wir die Beträge für den weiteren Fortgang der Czyslansky Forschung verwenden und uns darüber freuen. Auch Czyslansky hatte eine eher lockere Einstellung zum Geldverdienen … (siehe div. Posts in der Rubrik Czyslansky)

  17. @rose
    mein tagessatz ist besser, als mein schuhschrank dies anzeigt und der verlag würde und wird diesen satz sicherlich nicht bezahlen. macht nichts. schlimmer ist aber, dass ich am mittwoch leider wegen eines unaufschiebbaren termins nicht „live“ in berlin dabei sein werde. ich habe aber bereits stehsatz abgeliefert. das geplante kennenlernen holen wir bei gelegenheit mal nach, ok?

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