Czyslanskys Feigenblatt

Hier hat niemand etwas zu verbergen

Geht es nur mir so, oder ist die Tatsache, dass sich ausgerechnet Julian Assange, der Ober-Lecker, sich darüber beschwert, dass Dokumente der schwedischen Staatsanwaltschaft über das Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Vergewaltigung und/oder sexueller Nötigung an die Öffentlichkeit gelangt sind, komisch oder nicht? Ich meine: Der Kerl predigt die totale Offenlegung, leitet damit nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Privatheit ein – und regt sich auf, weil Dokumente über ihn plötzlich hintenrum auftauchen.  Er müsste sich doch freuen: Die Staatsanwälte haben sich seine Lehren zu Herzen genommen!

Wie wir wissen, war Czyslansky selbst ein großer Befürworter der totalen Offenheit und ein Mitbegründer der (allerdings nur kurzlebigen) „Wacky League“, deren Mitglieder sich dazu verpflichteten, alle vertraulichen Dokumente über sich wie Kontoauszüge, Steuererklärungen, Zeugnisse, Tagebücher und pubertäre Liebesbriefe zu veröffentlichen.  Man hielt sie deshalb für verrückt (englisch: „wacky“), woraus sich der Name der Liga ableitet. Ihr Erkennungszeichen war übrigens ein Feigenblatt, dass sie am Revers trugen. Wenn sich zwei Wacky Leaguer begegneten, nahmen sie das Feigenblatt ab zum Zeichen dafür, dass sie nichts zu verbergen hätten.

Leider standen ihnen damals nur vergleichsweise rudimentäre Kommunikationssysteme zur Verfügung, die im Wesentlichen aus zwei angemieteten Großflächenplakaten bestanden (siehe Foto).

Bemerkenswert ist die Aufschrift „Hoosier“ auf der Tafel, denn es handelt sich dabei um die Eigenbezeichung der weitgehend aus Schweden eingereisten Bewohner des US-Bundesstaats Indiana. Von Czyslansky wissen wir, dass er an der University of Indiana in Bloomington Kontakt zu der Gruppe von Computerpionieren hatte, aus der später das Institute for Cognitive Sciences entstand. Auch diese hatten mehrheitlich schwedische Wurzeln. Schließt sich hier etwa der Kreis? Sind die Staatsanwälte in Stockholm womöglich die letzten versprengten Überbleibsel der Wacky League, die nun anheben, Czyslanskys Ziel einer Welt ohne Feigenblätter zum verspäteten Durchbruch zu verhelfen? Dann wären sie und Assange ja heimliche Verbündete – eine wunderbare Konspirationstheorie. Weitersagen!

4 Gedanken zu „Czyslanskys Feigenblatt“

  1. Es geht doch mitnichten um das Ende der Privatheit, sondern um die Transparenz von Staaten und Grossunternehmen. Man kann nun darüber streiten, ob Julian Assange inzwischen eine Person von öffentlichem Interesse ist.

    Wiki Leaks ist aber in erster Näherung kein Portal auf dem man die Nacktbilder seiner Ex veröffentlicht, oder?

  2. Mein lieber Tim,

    es ist wie immer, wenn Du hier Dein Wissen niederlegst: tiefgründige Erkenntnisse und umfassendes Wissen vermählen sich auf einzigartige Weise mit Halbwissen, mit verhängnisvollen Irrtümern, ja mit eigenwilliger Borniertheit.

    Der Begriff „Hoosier“ ist ja nicht einfach eine Eigenbezeichnung der Einwohner Indianas, sondern lässt sich ethymologisch auf die Frage „Who ist there?“ zurückführen (siehe Wikipedia), jene Frage, die entwicklungsgeschichtlich Google Streetview vorausgeht, ja nachgerade Google Streetview erst möglich (und nötig?) machte. Der Hinweis auf StreetView ist von größter Wichtigkeit für ein adäquates Verständnis Indianas, da Ed Parsons, der Entwickler von Streetview, vor seiner Tätigkeit bei Google bekanntlich als EMEA Applications Manager for the Geographical Information Systems (GIS) bei Autodesk beschäftigt war. Bei Autodesk muss er aber auch auf Lars Åke Moureau gestoßen sein, dem wohl wichtigsten Autodesk-Manager außerhalb der U.S.A.. Moureau aber ist – richtig! – Schwede!(siehe die Aufzeichnungen Moureaus zur Frühgeschichte des Unternehmens Autodesk).

    Nun schließt sich der Kreis zügig, wenn man unterstellt, dass Kolumbus zwar am 14. Oktober 1492 vermeintlich an der Ostküste Indiens landete und die dort angetroffenen Ureinwohner entsprechend als „Indianer“ bezeichnete, dass aber knapp zweihundert Jahre später (1679) französische Forscher das Territorium des späteren Indiana als erste Weiße betraten und angesichts der Küste des Michigansees glaubten, sie hätten die Nordroute nach Schweden entdeckt. Mangels eigener Erfahrungen (Napoleon war damals ja erst zehn Jahre alt und kam auch später niemals bis Schweden) nannten sie die „entdeckten“ Indianer „Schweden“. Welch ein Irrtum. Die wahren Schweden sind heute noch beleidigt und es ist ja kein Zufall, dass sich von den heute 37 us-amerikanischen IKEA-Einrichtungshäusern kein einziges in Indiana befindet (Eine Liste der IKEA-Einrichtungshäuser in den U.S.A. findet sich hier).

    Das aber ist natürlich nur die halbe Wahrheit und bringt uns auch irgendwie nicht wirklich weiter. „Hoosier“ hat ja noch eine zweite – heute fast vergessene – Herkunft: als Hoosiers bezeichneten man im Mittelalter die sogenannten „Hosenmacher“ (italienisch: „Braghettone“), deren wichtigster Repräsentant sicherlich Daniele da Volterra war. Volterra übermalte im Auftrag des Papstes Pius IV die anstößigen Blößen des jüngsten Gerichts von Michelangelo im Vatikan mit – na was wohl? richtig: – Feigenblättern, die Geschichte vom Sündenfall aus dem Alten Testament zitierend (1. Mose 3, 7). Spätestens jetzt wird deutlich, dass der Hinweis „Hoosier“ auf den von Dir, lieber Tim, genannten Werbetafeln gerade für das Gegenteil von dem steht, was Du diesen Tafeln zuschreibst: die University of Indiana steht eben nicht für die Wacky League, sondern für deren Gegenteil: für die Verschleierer, die Übermaler, die Fälscher, die Geschichtsklitterer, die „Hosenmacher“. Die Rolle der Schweden muss also ganz anders gedacht werden: der Schwede ist der natürliche Feind Julian Assanges. Und seine aktuellen Probleme wären längst vorherzusehen gewesen, hätte man die Botschaft auf den von Dir, mein lieber Tim, wiederentdeckten Werbetafeln nur rechtzeitig korrekt entschlüsselt.

  3. Wunderbar! Aber an einer Stelle wurde ich stutzig. Zum einen teile ich die Ansicht vieler, dass Transparenz für Großunternehmen und Regierungen etwas komplett anderes ist als Transparenz des Privaten. Andererseits ist es kein Zeichen von digitaler Öffnung, wenn man Material über andere veröffentlicht, bevor man sein eigenes freigibt. So gesehen sind jene Staatsanwälte unangemessen indiskret, fertig, und das alles unter dem Mäntelchen der Öffentlichkeit der Prozesse in einem Rechtsstaat.

    Suchst Du was wirklich komisches? Überschrift in der BILD: Assange packt aus!
    (http://www.bild.de/BILD/politik/2010/12/21/wikileaks-chef-julian-assange-mein-leben-in-der-knast/hoelle.html)

    Was ist das denn für eine dämliche Schlagzeile? Eine echte Sensation wäre doch:

    Assange hält dicht!

    🙂

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