Auch im Internet werden Korane verbrannt

Reitet den Typen der Teufel, oder was?

Und wieder stehen die Anhänger Voltaires („Ich verabscheue das, was Sie sagen, mit ganzem Herzen, aber ich wäre bereits, Ihr Recht es zu sagen, mit meinem Leben zu verteidigen“) vor einer schweren Gewissensprüfung.

Terry Jones, der offensichtlich derangierte „Pastor“ aus Gainesville in Florida, will zum Jubiläum des Anschlags auf das World Trade Center in New York gemeinsam mit den rund 80 Mitgliedern seiner „Dove World Outreach Center“ Korane, das Heilige Buch des Islam, verbrennen.

Der Aufschrei ist riesig und weltweit: Obama sagt, damit würde die Zahl derjenigen wachsen, die bereit seien, sich in Amerika in die Luft zu sprengen. General Petreus, der Oberbefehlshaber in Afghanistan, sagt, das sei Wind in den Segeln der Taliban und würde amerikanische Soldatenleben gefährden. Frau Clinton nennt Jones „abartig“. Der oberste katholische Bischoff in Amerika sagt, Jones sei kein Christ. Sogar aus dem fernen Deutschland hat sich Charlotte Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, zu Wort gemeldet und gesagt, dass sie Koranverbrennungen „schrecklich und abstoßend“ findet.

Wir sind uns also alle einig, oder? Der Typ gehört in die Zwangsjacke. Aber darf man ihm deshalb die Website sperren?

Ja, sagt der Service Provider Rackspace aus San Antonio, und hat die Website www.doveworld.org vom Netz genommen. Der Inhakt verstoße gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, in der man sich ausdrücklich das Recht vorbehält, einseitig und fristlos den Geschäftbesorgungsvertrag zu kündigen, wenn jemand Inhalte veröffenticht, die „zu Gewalt aufrufen, Gewalt androhen oder die schickanierende Inhalte oder Haßsprache enthalten“.

Nun, viel haßerfüllter kann man kaum auftreten als Jones, der Plakate vor seiner „Kirche“ aufstellt, auf denn zu lesen steht: „Islam ist des Teufels“.

Ich habe aber trotzdem ein mulmiges Gefühl. Als bekennender Atheist finde ich ja, dass jeder einen Hau hat, der irgendwie dem Übersinnlichen (zum Beispiel einer Religion) nachhängt. Aber ich würde lieber mit ihm diskutieren als ihn abzuwürgen. Andererseits richtet der Kerl ja massiven Schaden an, wenn er nicht nur in Gainesville, sondern auch im Internet Korane verbrennt: Menschenleben stehen da auf dem Spiel. Dagegen ist Thilo Sarrazin ja ein Waisenknabe!

Wahrscheinlich müssen wir winfach noch besser lernen, unseren inneren Groll herunter zu schlucken und im Zweifel lieber für die Meinungsfreiheit im Netz zu sein. Aber es fällt mir, ehrlich gesagt, unsagbar schwer.

3 Gedanken zu „Auch im Internet werden Korane verbrannt“

  1. War es Heinrich Heine der meinte: „Wo Bücher verbrannt werden, verbrennt man bald auch Menschen?“ Wie auch immer: Bücher verbrennen ist einfach schlechter Stil.

    Er könnte doch einfach rituell E-Books löschen, es gibt doch den Koran als E-Book oder?

    Trotzdem Ob Schirrmacher, Eva Hermann oder sonst ein Knallbacke sie müssen ihre Meinung sagen dürfen … Ob Bücher verbrennen eine Meinungsäusserung ist? Wahrscheinlich schon, also muss er es machen dürfen.

  2. Frau Clinton nennt den Mann abartig? Was für eine Sprache … was für eine häßliche Denkungsart bei ihr. Der amerikanische Bischof, der sagt, Jones sei kein Christ, ist auch lustig. Aber er sollte sich vielleicht mal im Land umschauen: wenn man nur durch polemische Aktionen, Tabubrüche oder bildungsmangelsinduzierte Intoleranz bereits kein Christ mehr ist, dann ist das Christentum besser als sein Ruf (im übrigens gilt das ja nahezu 1:1 für den Islam).

    Auf den Herrn Jones weiter einzugehen lohnt sich nicht. Ob Showeffekt, gewollte Provokation, pöbelnde Naivität oder schlicht scheuklappiger Fundamentalismus: Es ist doch eigentlich sehr uninteressant, was der macht, aber dafür hat er eine Menge Aufmerksamkeit.

    Umgekehrt vergeht aber auch kaum ein Monat, in dem nicht irgendwelche amerikanische Flaggen verbrannt werden. Wenn man weiß, wie heilig dem Durchschnittsamerikaner seine Flagge ist, kann man vielleicht schon von einer Symbolverbrennunkultur sprechen.

    Und dennoch: Wäre der Mann mein Kunde, würde ich seinen Server dann und nur dann abschalten lassen, wenn es einen richterlichen Beschluß gäbe oder er seine Rechnung nicht bezahlt. Na gut, oder wenn er den Betrieb des Netzes gefährdet oder massiv stört, das hätte ich fast vergessen, aber auch das kann man hier nicht ernsthaft behaupten, solange es nur um Inhalte geht. Rackspace nimmt sich vermutlich zu viel heraus. Provider sind keine moralischen oder rechtlichen Instanzen, sie wollen und sollten es auch nicht sein.

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