Zwischen Bhagwan und Autowahn

Das Elend des Philosophen

Friedrich Nietzsche hatte sein Leben lang ein gesundes Misstrauen gegen fest angestellte Philosophen, vom Staat bezahlte Denker, Professoren, die sich den Luxus von Wortspielereien und ein materiell sorgloses Leben auf unkündbaren Lehrstühlen leisten konnten. Einer von diesen heißt in der Gegenwart Peter Sloterdijk. Er hat sich zu einer Art philosophischem Popstar entwickelt, mit eigener Fernsehsendung und alle Jahre wieder einer mehr oder minder umfangreichen Buchveröffentlichung. Früher hing er mal dem Bhagwan an und reiste ins indische Poona, um den Ashram in Augenschein zu nehmen und die sexuelle Befreiung zu begutachten (oder zu erfahren). Nietzsche hat er auch gelesen und darüber geschrieben. Naja, spricht wirklich nicht gegen ihn, und wenn Universitäten für folgenloses Wörterjonglieren auch noch Geld ausgeben … Wer wollte es ihm verdenken, wenn er es sich überweisen lässt und sich heimlich ins Fäustchen lacht.

Nun hat er also ein neues Werk herausgebracht, und ich nehme es zum Anlass, wie der Igel dem Hasen zuzurufen: Ich war zuerst da. Im April 2008 fing ich an, auf meiner Website ein tazblog einzurichten, weil ich den Eindruck hatte, dass bei diesem Täglichblatt einige Leute nicht mehr wissen, wozu es ursprünglich ins Leben gerufen wurde. Und ich habe einen undogmatischen Linken zitiert, der mir noch aus den späten sechziger Jahren als wahrhaftiger und aufrechter Charakter in Erinnerung war, Tariq Ali, ein Pakistani mit Wohnsitz in London. Der hatte Anfang April 2008 im tazmag zum Thema „Was ist heute links?“ geschrieben: „… dass Menschen nicht an ihrem materiellen Besitz gemessen werden sollten, sondern ihrer Fähigkeit, das Leben der anderen – der Armen und Benachteiligten – zu verändern; dass die Wirtschaft gemäß den Interesssen aller und nicht einiger weniger neu organisiert werden müsse; und dass Sozialismus ohne Demokratie niemals funktionieren würde.“

So weit, so schön. Nur hatte ich schon immer eine Abneigung dagegen, sich auf Veränderungen „da draußen“ zu beschränken. Das war schon recht, aber nur veränderte Einzelne würden eine veränderte Gesellschaft ergeben – das ist auch ein alter Hut, von Donovan über John Lennon („you better free your mind instead“) bis zu Krishnamurti. Also ergänzte ich den Satz von Tariq Ali und schrieb: „Hinzufügen sollte man: Die Fähigkeit, nicht nur das Leben der anderen, sondern auch und vor allem sein eigenes zu verändern.“

Das steht da jetzt seit etwas mehr als 12 Monaten, und ich hab‘ mich doch etwas gewundert und mir die Augen gerieben, als mir neulich der Titel von Peter Sloterdijks neuem Buch untergekommen ist: „Du musst dein Leben ändern“. Sollte ich mich geschmeichelt fühlen, dass der große Meister endlich auf den Trichter kommt? Dass er seinen Buchtitel bei mir klaut? Dass er endlich was Sinnvolles schreibt? Dass er mich und seine Leser duzt?

Für die taz kam der blitzgescheite Robert Misik auf die Idee, Sloterdijk zu interviewen. Nun weiß ich wenigstens, was der Karlsruher Professor mit verändern meint: „Wir gelangen durch entfesselten Konsum an die Grenzen der Naturproduktivität. Die Menschheit erweist sich als eine Gattung, die es fertigbringt, die Natur leerzufressen.“

Wenn das eine neue Erkenntnis für ihn sein sollte, möchte ich ihm ein herzliches „Guten Morgen, lieber Peter!“ zurufen (ich duze zwar nicht jeden, der mich duzt, aber manchmal mache ich Ausnahmen). Und was schlägt er vor, um dem Übel abzuhelfen? Wortspielereien: Er will in seinem Buch „das Konzept des Ko-Immunismus begründen“.

Ko-Immunismus. Er schwurbelt dann noch eine Weile vor sich hin, bis ihn Robert Misik mit der Feststellung unterbricht: „Das heißt ja Gemeinwohl: dass Kooperation mit anderen nicht Altruismus ist, sondern zu meinem eigenen Nutzen.“ Das gibt Sloterdijk durchaus zu, „aber das muss bewiesen werden.“

Na schön, dann beweis mal. Ob der Planet wohl noch bewohnbar ist, wenn Sloterdijk seinen Beweis erbracht hat?
Ich glaub, es wird wieder Zeit für Kurt Vonnegut:

Requiem

Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»
Den Menschen hat es hier nicht gefallen.

Foto: Axel Ganguin

Foto: Axel Ganguin

7 Gedanken zu „Zwischen Bhagwan und Autowahn“

  1. Lieber Hans Pfitzinger,
    ja, wenn das alles so einfach wäre – dann müsste man wirklich nur noch die taz lesen, und alles würde gut.

    Aber den Titel hat Sloterdijk nun eben nicht aus dem taz-Blog/tazmag „geklaut“, sondern bei Rilke (was „Zitat“ zu nennen eigentlich passender wäre) – wie er selbst, allerdings in einem Interview mit der FAZ, auch freimütig bekennt und im Buch extensiv thematisiert. Und bei diesem Prozess der Veränderung („Yes, we can!“ – anyone?) setzt er nicht etwa auf Götter oder Gurus (was übrigens in Sanskrit nichts anderes als „Lehrer“ bedeutet), sondern auf die Möglichkeit der Erkenntnis. Selbst in den Zeiten der Krise, die heute an die Stelle der vorgenannten getreten ist. Auch das sagt er im FAZ-Interview:
    „Schon in der älteren Geschichte der Menschheit gab es strenge Autoritäten, Götter, Gurus und Lehrmeister, die ihre Gefolgschaft mit enormen Forderungen beunruhigten. Jetzt haben wir es mit einer ungöttlichen Göttin namens Krise zu tun, die von uns verlangt, neue Lebensformen zu entwickeln.“ (FASZ Nr. 12 vom 22. 3. 09, p. 21)

    Nun ja, manchmal hilft es eben, über den eigenen Tellerrand hinaus zu lesen und dem eigene Ego beim bloggen etwas Ruhe zu gönnen.

  2. Woher wissen Sie eigentlich, dass Sloterdijk nicht meinen Blog gelesen und sich dabei an Rilke erinnert hat? Trotzdem, herzlichen Dank für die Belehrung – hinter der FAZ steckt halt immer ein kluger Kopf! Da kann ein taz-Leser mit kleinem Bärenverstand (wie Puh) nicht mithalten. Für Ihren Ratschlag, dem eigenen Ego beim bloggen etwas Ruhe zu gönnen, möchte ich Ihnen ebenfalls danken. Es geht doch nichts über konstruktive Kritik. Wie ich mich kenne, denke ich jetzt wieder tagelang darüber nach, ob ich die FAZ abonnieren soll, damit ich endlich auch mal mitreden kann.
    Schade, dass Sie meinen tazblog nicht lesen, vielleicht wäre Ihnen dann die Selbstironie nicht so ganz an der Antenne vorbei gebeamt.
    P. S. Ja, „strenge Autoritäten, Götter, Gurus und Lehrmeister“, und die „ungöttliche Göttin namens Krise“ – die werden’s schon richten. Vor allem, wenn das in der „FASZ“ steht. Ich weiß ja nicht, wo eine gemeinsame Basis sein könnte, aber ich hab mal einen Song von Van Morrison sehr geschätzt: „No Guru, no Method, no Teacher“.
    Schönen Gruß aus dem eigenen Teller!

  3. @tim cole: Lange (bis heute) habe ich überlegt, was du mit „Bokonomismus“ gemeint haben könntest. Dann kam die Osram-Birne: Bagonalismus, der gute alte -ismus, der alle -ismen beenden sollte! Hier die Website: http://www.bago.net/def1.html
    Nicolai Sarafov, der Begründer, ist inzwischen in die Görresstraße umgezogen, lehrt aber immer noch Studenten in Würzburg das Zeichnen mit dem Bleistift. Und je länger ich nachdenke: Du warst doch mal bei einer Veranstaltung in seinem früheren Atelier in der Arcisstraße, Nähe Neue Pinakothek, „überdacht im Hof“?

  4. Der gute. alte Bagonalismus in Ehren (und ich denke gerne an den Gitarrenabend in der Arcisstrasse zurück) – aber Kurt Vonnegut ist immer noch der über allen erhabene Altmeister, wenn es um das Entlarven von Bigotterie und Aberglaube geht.

    Busy, busy, busy…

  5. Als Czyslansky Küken muss ich da mal eine unqualifizierte Bemerkung loswerden. Ausser Nietzsche und John Lennon kenne ich nämlich niemanden aus der Diskussion da oben wirklich, aber zwei Dinge weiss ich definitiv:

    1. Wir bloggen alle, weil wir ein Ego mit eigener Schwerkraft haben
    2. Es sollte heissen: ICH muss mein Leben ändern, sonst bekomme ich nämlich die Krise …

  6. „Ego mit eigener Schwerkraft“ find ich prima ausgedrückt. Aber ich glaub Ihnen nicht, dass Sie „aus der Diskussion da oben“ den Namen Donovan nicht kennen. Gibt’s doch nicht (hab ihm erst am Sonntag ein Geburtstagsständchen geschrieben!). Er hat das mit dem „ICH muss mein Leben ändern“ in einem sehr schönen Song mal so ausgedrückt:

    Everybody who read the Jungle Book knows that Riki Tiki Tavi is a
    mongoose who kills snakes
    Well, when I was a young man I was led to believe there were organisations
    to kill my snakes for me
    i.e. the church, i.e. the government, i.e. the school
    but when I got a little older I learned I had to kill them myself

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