Wie man sich bettet…

Wie man sich bettet, so liegt man.

Sicher kennen Sie diesen Spruch. Geht man mit dem Lebensalter auf die 80 Jahre zu, hört man nicht selten eine zwanghaft-lustige Variante des Versleins:

Wie man gebettet wird, so liegt man!

Damit ist auf die letzte Ruhestätte angespielt, vor allem aber auf die Kiste, in die man gelegt wird: Den Sarg.

Nun ist Sarg nicht gleich Sarg, die Konkurrenz ist groß und da müssen sich die Hersteller schon einiges einfallen lassen, damit ihr Modell von Bestattern bevorzugt ver- und Hinterbliebenen gekauft wird; nur damit die Kiste umgehend gut gefüllt verbuddelt oder verheizt wird.
Der polnische Sarghersteller Lindner, einer der größten seiner Zunft,  nimmt zur Befeuerung seines Geschäfts unverkennbar Anleihe am italienischen Reifenhersteller Pirelli:  Er kalendert. Und das bereits schon im fünften Jahr.  Während sich bei Pirelli fast nackte weibliche Wesen zur Bewerbung der Produkte in lasziver Weise auf den Hauben ps-starker Boliden räkeln, finden sich vollbusige Schönheiten (oder solche, die sich dafür halten) in ähnlichen Posen an oder auf…
Na? Kommen Sie drauf?
Richtig: Särgen.

kalender

 

Die fünfte Edition des Kalenders Lindner ist eine große Rückkehr zur Natur, die sich in der vollkommenen Harmonie zwischen den Särgen von Lindner und dem lebenden Holz, dem Blau des Meeres, den roten Blumen, den grünen Wiesen und der Schönheit des weiblichen Körpers, ausdrückt,  preist der Sarg- und Kalenderhersteller Lindner das gute Stück auf seiner Internetseite an. Dort kann man ihn auch bestellen.
Nach den Männern der freiwilligen Feuerwehr an der Pumpenspritze und auf der Drehleiter, den Burschen der Landjugend im Heuschober samt Mistgabel und/oder Traktor, den Bäckerinnen einer Großbäckerei mit der Teigschüssel und Quirl sowie diversen anderen mehr oder weniger professionellen Calendar Boys & Girls darf es also jetzt auch Monat für Monat die Nackte auf dem Sarg sein.
Das dazugehörige Making Of wurde gleich beim Fotoshooting mit gedreht und soll via Youtube helfen, die Kalenderproduktion anzukurbeln:


Ob das als Tabubruch durchgeht, bleibt fraglich. Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Lindner mit nackten Frauen Särgen Umsatz generieren will.  Und die ganz große Empörung ist ausgeblieben – dieses Jahr wie auch in den Vorjahren. Weder von kirchlicher Seite (Polen ist noch immer ein zutiefst vom Katholizismus geprägtes Land) noch von #Aufschrei-Agitatorinnen ist Lindner bisher social-medial mit Shitstorms und Bashings überzogen worden.  Die Meldung über den Kalender tröpfelte bisher lediglich in die Rubriken Kurioses und Sonderliches diverser Nachrichtenportale und -magazine. Und das ist der Grund, warum auch Czyslansky das Thema schnell noch aufgreift. Den kurios ist das Ganze schon.

Ob „Sex sells“ tatsächlich den Abverkauf befeuert, steht auf einem ganz anderen Blatt. Immerhin bietet der Sarggroßhändler PT den Kalender nebst diverser Sargkollektionen auch an, ob damit – wie bei Pirelli – allerdings breite Käuferschichten erreicht werden, ist wohl eher zweifelhaft.  Am Endverbraucher (selten trifft das Wort es besser als hier) des Sarges geht diese Werbemaßnahme ganz sicher vorbei.

Nötig scheint es der Sarghersteller Lindner aber zu haben, sein Geschäftsmodell besser abzusichern. Hierzulande sinkt die Begeisterung für Erdbestattungen dramatsich: Nur noch 29 Prozent der kalender2Deutschen wollen Sargbestattung, meldete im März Aspetos.de, eine Online-Trauerbegleitung, die sich ebenfalls zum Lindner-Kalender geäußert hat: Gerade in einem katholischen Land wie Polen sorgt die wenig pietätvolle Werbeaktion für Irritation. Selbst für deutsche Verhältnisse ist ein solches Werbegebaren zumindest unseriös, der Werbewert auch bei Experten umstritten.
Damit dürften für den Sargmarkt finsterste Zeiten anbrechen.

Bleibt wie so oft die Frage des Guten Geschmacks, über den man bekanntlich nicht streiten sollte aber trotzdem trefflich streiten kann.

Und die Frage des praktischen Nutzwertes: Vielleicht liebe Czyslansky-Leser, dekorieren Sie Ihren Sparkassenwerbekalender 2014 in der heimischen Küche wieder ab und bestellen sich doch schnell noch den neuen Lindner… und müssen sich dann die Frage daheim gefallen lassen: „Liebling, was willst Du mir damit sagen?“

 Bilder: Screenshots der Lindner-Seite und des Youtube-Videos

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