Wenn die Peer Group bloggt – Die Debatte um das peerblog ist albern

peerblog

Nun zerreißen sie sich wieder die Bloggstifte: der SPD-Kanzlerkandidat lässt bloggen. Und dahinter steht – einmal mehr – das geheime Großkapital!

Die Empörung der Blogger Community empört mich. Ja merkt denn niemand, dass er sich hier vor den Karren eines miesen Anti-Steinbrück-Mobs spannen lässt? Selten hat es ein Oppositionspolitiker mit einer solch geballten Gegenmacht zu tun bekommen wie Steinbrück. Und selten tappste ein einzelner Mann bereitwilliger in alle aufgestellten Fettnäpfchen. Aber mehr als die Fehlleistungen der “PR-Berater” des sperrigen Genossen interessiert mich eigentlich die Reaktion der Medien und deren Macher auf den Kandidaten. Aus jeder Mücke wird bei Steinbrück ein Elefant geblasen. Das war bei seinen Vortragshonoraren so und das ist heute wieder so, wenn es um das peerblog geht.

Angefangen hat dieses Mal der SPIEGEL.

Dabei hat der SPIEGEL noch fair auf eine Unart der Blogmacher hingewiesen: die Macher des Blogs geben sich nämlich unabhängig, der Redaktionsleiter des Blogs ist aber niemand anderes als Karl-Heinz Steinkühler, und der ist – und darauf verweist der SPIEGEL zu Recht – ein alter Vertrauter von Hans-Roland Fäßler, der nach dem Vortragshonorar-Debakel als PR-Berater bei Steinbrück eingestiegen ist. Dann verweist der SPIEGEL noch mehr oder weniger süffisant darauf, dass die Blog-Macher einen “amerikanischen Stil” in den Wahlkampf einführen, in dem sie mit dem peerblog ein klassisches Unterstützer-Blog etablierten. Die tümelnde Stimmung “Igitt – wie drüben in Amerika” kommt eher sublim im Artikel rüber. Vor einiger Zeit noch konnte der SPIEGEL die Online-“Yes we can”-Kampagne der Obama-Strategen David Axelrod und David Plouff gar nicht genug loben. Aber wenn’s Steinbrück mal mit angeblich amerikanischen Methoden versucht, wird’s zur Lachnumer erklärt.

Der Focus heulte schnell hinterher, titelte am Montag reißerisch “PeerBlog im Zwielicht. Wer steckt hinter dem Schattenwahlkampf für Steinbrück?” und machte dabei gleich noch ein paar interne Rechnungen auf: schließlich war der Blog-Macher Karl-Hein Steinkühler bis 2009 Leiter des Düsseldorfer Focus-Büros. Er hatte nicht unwesentlich zur Aufklärung der zahlreichen Skandale um den CDU-Ministerpräsidenten Rüttgers beigetragen. So enthüllte der Focus die E-Mail-Affäre der Staatskanzlei und später die Bespitzelung der damaligen SPD-NRW-Chefin Hannelore Kraft durch die Staatskanzlei. Dem Focus war das damals wohl zu viel Investigations-Journalismus und Steinkühler musste Ende 2009 gehen.  So kann man mit einer Kritik am peerblog nicht nur den ungeliebten Steinbrück, sondern gleich auch noch dem vorlauten Ex-Mitarbeiter eins auswischen. Bei der aufgeregten Debatte um das peerblog geht es einigen gar nicht um das Blog, sondern um die Macher dahinter, die umbequem sind und sich in der Vergangenheit als unbequem erwiesen haben.

Was aber ist am peerblog wirklich problematisch? Dass Blogger parteiisch sind und offen einen Kandidaten unterstützen wollen? Dass Steinbrück “bloggen lässt”? Aber lässt er wirklich bloggen? Die Nähe zwischen Steinkühler und Fäßler könnte so interpretiert werden. Das hat ein “Gschmäckle”. Aber das ist noch lange kein Gestank! Und wenn da einfach Leute schreiben, weil sie offen den Kandidaten unterstützen wollen: soll der denn das Blog verhindern? Und wäre die Beziehung offen, wäre es dann wirklich skandalös, wenn Steinbrück bloggen lassen würde? Das können doch wirklich nur Graswurzel-Blogger-Seppen der 90iger Jahre meinen.

Oder ist es wirklich skandalös, dass Leute mit Geld das Blog finanzieren? Ja wer finanziert denn die Parteitage aller großen Parteien? Und die Jubiläumsschriften (siehe Czyslansky zur  Raucher-Lobby)? Stört denn plötzlich, dass das Blog “teuer gemacht” aussieht? Lobbycontrol nennt das peerblog eine “intransparente Wahlkampfhilfe” und damit “inakzeptabel”. Ja glaubt Ihr denn, dass Leute nicht schon immer Wahlkampf mit den Mitteln, die ihnen nun einmal zur Verfügung stehen, gemacht haben? Die Kirchen mit der Wucht der Kanzelsprache, die Unternehmer immer mit Geld und meistens für den Unionskandidaten. Der einzige Unterschied ist doch, dass die peerblog-Macher auch noch stolz schreiben, dass “fünf Unternehmerpersönlichkeiten” das Blog finanzieren. Während die CDU in der Vergangenheit ihre Spenden als Vermächtnis verstorbener Juden deklarierte, ist man in der SPD halt stolz darauf, wenn es Unternehmer gibt, die die Sozialdemokraten unterstützen. Kommt ja nicht allzu oft vor. Wieviele der Kritiker des peerblog messen hier mit zweierlei Maß?

Gut, lobbycontrol warnt grundsätzlich vor einer Amerikanisierung des Wahlkampfstils in Deutschland. Und natürlich ist das nachvollziehbar, da die Macht des Geldes in den USA noch viel direkter und brutaler wirkt, als in Deutschland. lobbycontrol schreibt: “In Deutschland fällt peerblog nach Ansicht des Speyerer Staatsrechtlers Joachim Wieland in einen Graubereich der Wahlkampffinanzierung:Solange die Steuerung des Blogs nicht aus der Parteizentrale erfolgt, greift keine Regulierung von Parteispenden wie Offenlegungspflichten’, sagte Wieland dem Handelsblatt. ‘Es ist aber ein Graubereich, da die Grenze schwer zu ziehen ist, inwieweit es Absprachen gibt.’”

Was aber für Steinbrück wirklich gefährlich – nein: fatal – ist, ist der Zusammenklang von drei Kritikergrüppchen, die ansonsten wenig miteinander zu tun haben:

  • kritischen Demokraten, die mehr Transparenz einfordern
  • Graswurzelromantikern, die an ein kommerzfreies und interessensgleiches Internet glauben und denen es nicht darum geht zu erfahren wer das Blog finanziert, sondern, dass es jemand finanziert
  • und jene, die ihr machtpolitisches Süppchen kochen und denen man als Sozialdemokrat oder Grüner letztlich nicht entkommen kann. Da geht es Steinbrück nicht anders, als seinerzeit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm.

Was kann man Steinbrück heute eigentlich noch raten?

  • Er muss sein Credo der Transparenz bis zum Ende durchhalten, d.h. er darf das peerblog nur unterstützen, wenn er auf die Veröffentlichung der Namen der Geldgeber besteht. Und ja: damit legt er an sich andere Maßstäbe an, als die Medien dies gegenüber seinen Gegnern tun.
  • Er muss sich Bescheidenheit in seinem Auftritt angewöhnen. Ein schlichter Blog kann auch sauber getextet sein. In den sozialen Medien wirken hochgestylte Auftritte wie das peerblog schnell unauthentisch. Setzt endlich auf Inhalte und geht sparsam mit formalem Glanz um.
  • Seine Berater sollten verstehen, dass Steinbrück keine Chance hat, wenn man ihm ein Schröder-Image überstülpt: ein Kandidat der Bosse hat so kurz nach Schröder auch gegen eine wirtschaftspolitisch angeschlagene Merkel und “Mutti der Nation” keine Chance.
  • “Amerikanisierung” kann man machen – wenn man weiß wie’s geht – aber man spricht nicht drüber und schmückt sich schon gar nicht damit.
  • Seine Berater sollten den Kandidaten in den Mittelpunkt stellen und nicht sich selbst. Die Selbstbeweihräucherung der Macher des peerblog ist zum Teil unerträglich. Hier wird noch die heftige Schelte – um das Wort shitstorm nicht schon wieder zu gebrauchen – als Hinweis auf die eigene Bedeutung mißverstanden.
  • Setzt auf die wirkliche Kraft der sozialen Medien, also auf Kommunikation und Interaktion. Das peerblog ist unkommunikativ, lädt nicht zur Diskussion, erzählt nicht von den Menschen,kurz: das peerblog ist aber auch so was von Web 1.0, das es schon fast wieder sozialdemokratisch ist!

Das peerblog ist den Skandal nicht wert.

Nachtrag und Lesetipp: zu diesem Thema gibt es wenige Lesetipps, da der Schrott die Szene zukleistert und die Presse mal wieder eine Schrottpresse ist. Wohl aber muss ich dieses Mal auf Robert Basic hinweisen, der sich erfreulich von den Neigungsempörern abwendet und auf ein ordentlich polarisierendes und spannendes peerblog hofft. Ich fürchte nur, dass diese Hoffnung unerlöst bleiben wird: http://www.robertbasic.de/2013/02/politblogger-im-gegenseitigen-bla-revier/

Eben sehe ich, dass auch Kollege Klaus Eck eine ähnliche Position vertritt und v.a. die Webeinsnulligkeit und die Wagenburgmentalität des peerblog kritisiert. Gut so: http://pr-blogger.de/2013/02/05/viel-larm-um-nichts-das-peerblog

SPD-Mann und Blogger Nico Lummer äußert heute in der w&v dezente Kritik am peerblog: http://www.wuv.de/digital/lumma_und_die_social_media_sozis_peerblog_ist_nicht_hilfreich.

5 Gedanken zu „Wenn die Peer Group bloggt – Die Debatte um das peerblog ist albern“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .