Was ist eigentlich ein „Vollpfosten“?

Warum auch immer sich mir diese Frage stellt, ich will versuchen sie zu beantworten. Kommunikationsexperten von Unternehmen halten den „Vollpfosten“ manchmal für eine Schmähkritik und mahnen die Entfernung eines solchen Begriffs an. So entstehen zwangsläufig zwei interessante Fragestellungen:

1. Was muss in einem Kundengespräch schief laufen, damit der Kunde sein Gegenüber nachträglich in Form einer Glosse mit realgeschichtlichem Hintergrund einen „Vollpfosten“ nennt? Eine Frage, die grundsätzlich diskussionswürdig erscheint. Aber irgendwie will das niemand diskutieren. Schade.

2. Die zweite Frage lautet schlicht: „Was ist eigentlich ein ‚Vollpfosten‘?“ Und handelt es sich dabei zweifelsfrei um eine Beleidigung?

Diese zweite Frage soll uns nun ein wenig beschäftigen:

Was sagt der, der alles weiß, der Duden?

Der Duden hat den Begriff im Jahr 2013 aufgenommen und erklärt

Vollpfosten, der; Substantiv, maskulin (es gibt also keine „Vollpfostin“), Trennung Voll/pfos/ten

und er definiert als Bedeutung des Begriffs, bei einem Vollpfosten handele es sich um einen sehr dummen Menschen. Das Wort Dummkopf könne als Synonym gelten.

Ganz ähnlich formuliert die nicht-amtliche Wikipedia:

„Man vermutet eine Bezugnahme auf die intellektuellen Fähigkeiten des Bezeichneten, die nicht größer seien als die eines stehenden Holzstücks“.

Die Quelle, auf die Bezug genommen wird, ist jedoch aktuell nicht verfügbar. Sehr mysteriös. Aber die Wikipedia ist ja auch nicht-amtlich. Vermutlich werde ich den Eintrag in der Wikipedia in nächster Zeit mal überarbeiten.

Was sagt die Populärkultur?

Da gibt es zum Beispiel einen Film mit dem Titel „Die Stooges – Drei Vollpfosten drehen ab“. (Quelle: Movie Maze) Ich kenne den Film nicht, aber bei den Vollpfosten soll es sich um ein verrücktes Trio zu handeln, dem eigentlich nichts Schlechtes nachgesagt wird.

Ferner gibt es offenbar ein mir gleichfalls nicht inhaltlich bekanntes Buch mit dem Titel „Vollpfosten hoch 2“. Eine Buchbesprechung definiert den Begriff wie folgt:

„Als »Vollpfosten« bezeichnet man einen – vorwiegend männlichen – Menschen, der den Volltrottel gibt und ständig irgendwelche idiotischen Sachen macht. Und genau das tun Julian und Jan, unsere beiden Helden in dieser Geschichte.“

Aha: Die Vollpfosten tun also nur so, als ob. Sie sind außerdem noch die „Helden“ eines Buches.

Im Sport kommt der Vollpfosten zu sich selbst

Arjen Robben musste vor einiger Zeit, nachdem er ausgerechnet im Stadion meines Lieblingsvereins 1.FCN den Schiedsrichter als Vollpfosten bezeichnet hatte (Quelle), nach dem Urteil eines Sportgerichts 15.000 Euro Geldstrafe bezahlen. Abgesehen davon, dass man, spielt der FC Bayern in Nürnberg nur Unentschieden, das wirklich nicht einem Schiedsrichter anlasten kann – ich kenne meinen Club – mag das Wort Pfosten bei Fußballern auch irgendwie eine andere Qualität haben, als unter normalen Menschen.Nach dem Vorfall beim Club musste übrigens Hamit Altintop Herrn Robben beim nächsten Spiel ersetzen. Herr Altintop: hätten Sie Lust mich mal hier in meiner Agentur für ein paar Wochen zu ersetzen? Für den Fall, dass ich wegen eines Vollpfostens gesperrt werde? Man weiß ja nie.

Überhaupt scheint das Thema Vollpfosten unter Fußballern häufig zu Auseinandersetzungen zu führen. Im Spiel des 1. FC Heiningen gegen den SV Ebersbach musste „der stark aufspielende Caglar Celiktas“ in der 55. Minute vom Platz, weil er zuvor den „SVE-Motor Thomas Scheuring“ als Vollpfosten bezeichnet hatte. Dabei gilt beim 1. FC Heiningen das Wort sicherlich nicht als Schimpfwort. Schließlich trägt dort sogar das offizielle Stadionmagazin den Titel „vollpfosten“.

Das sagen die Richter zum Vollpfosten

Am Landgericht Bayreuth äußerte sich ein Richter über einen CSU-Mann der dieses Wort womöglich unsachgemäß verwendet hatte: das Wort Vollpfosten sei „ein klarer Grenzfall. Laut Bundesverfassungsgericht dürfen Sachäußerungen provokativ, abwertend, ironisch, übersteigert, schonungslos und sogar ausfällig sein.“ (zitiert nach dem Nordbayerischen Kurier)

Das Hattinger Amtsgericht wiederum stellte im Jahr 2012 fest, dass man einen Polizisten nicht als „begnadeten Vollpfosten“ bezeichnen kann. Welch Anteil dem Adjektiv „begnadet“ in diesem Zusammenhang zukommt, erschließt sich mir zur Stunde noch nicht.

Auch das Amtsgericht Hannover urteilte im Oktober 2014, dass man einen Polizisten nicht „Vollpfosten“ nennen dürfe und im Fall eines Wolfratshausener Autofahrers wurde von einem einheimischen Richter entschieden, dass man einen Polizisten nicht „Vollpfosten“ nennen dürfe. Polizisten sind offenbar mit Vollpfosten nicht kompatibel.

Der Vollpfosten in der Politik

Andererseits blieb wohl ungesühnt, dass der ehemalige Parlamentarische Geschäftsführer der ehemaligen bayerischen FDP-Landtagsfraktion die ehemalige Vizechefin der ehemaligen FDP Birgit Homburger als „Vollpfosten“ bezeichnete.“ (Quelle) Da tun sich dann gleich eine ganze Reihe Fragen auf: Muss ein „männlicher“ Vollpfosten nicht jede Frau beleidigen? Müsste es nicht heißen „Vollpfostin“? Die sieht der Duden gar nicht vor. Und wäre, falls es sich nicht um eine Schmähung, sondern gar um eine Tatsachenbehauptung handelte, die ehemalige Vizechefin der ehemaligen FDP dann heute als „ehemalige Vollpfostin“ zu bezeichnen? Ich tue das natürlich nicht. Ich frage nur so vor mich hin.

Der Vollpfosten in den Medien

Das sicherlich hochgradig seriöse, weil aus der Finanzwirtschaft und für die Finanzwirtschaft schreibende Magazin „tagesbriefing für die Versicherungswirtschaft“ titelt einen Beitrag „Wie bedient man heute Kunden, die keine “Vollpfosten” sind…?“.

Die gleichfalls hochgradig seriöse weil von mir gerne gelesen Tageszeitung „tageszeitung“ stellt auf ihrer Online-Seite gar die „Vollpfosten des Jahres“ vor. Zu den erwählten zählen nahmhafte Personen des veröffentlichten Lebens: Helene Fischer, Pegida, Marine Le Pen, Xavier Naidoo, Wölfchen Biermann, Meinhard Schmidt-Degenhard., Matthias Matussek, Margot Käßmann, Thomas Middelhoff, Edmund Stoiber, Uli Hoeneß usw…

Letzterer bringt uns zum Sport zurück und da zeichnet der gleichfalls hochseriöse weil bayerische Sender BR in seinem Jugendfunk puls die Vollpfosten des Fußball-Jahres aus. Hollands Nationaltorwächter Tim Krul machte hier das Rennen. Typisch Oranje eben.

Der Vollpfosten ist, so scheint mir, ein weites Feld: Polizisten fühlen sich als Vollpfosten offenbar beleidigt, Stadionzeitschriften werden schon mal nach dem Vollpfosten benannt, an Politikern tropft der Begriff offenbar ab, wie so vieles anderes auch.

Ich möchte meinen, der Begriff ist so unscharf und in der Deutung so vielgestaltig, dass er für deskriptive Anlässe wenig tauglich scheint. Ich werde seine Verwendung künftig unterlassen. Es gibt sicherlich Besseres.

6 Gedanken zu „Was ist eigentlich ein „Vollpfosten“?“

  1. Vollpfosten ist keinesfalls eine Beleidigung. Ein Pfosten ist eigentlich eine Art Stütze oder Säule und die Vorsilbe „voll“ ist ja das Gegenteil von „hohl“. Ein Vollpfosten ist also eine massive Stütze oder Säule. Jemanden einen Vollpfosten zu nennen, heisst ihn als wichtige, stabile Stütze der Gesellschaft zu bezeichnen. Das ist doch ein Kompliment. Wenn ein Kundenbetreuer irgendeines beliebigen Unternehmens, zum Beispiel einer Bank, ein Vollpfosten ist, dann meint man, dass er eine wichtige, tragende Funktion in diesem Unternehmen innehat. Mit seiner Leistung steht und fällt dieses Unternehmen. und damit: q.e.d.

  2. Wenn das Gegenteil von Vollpfosten Hohlpfosten ist, was ist dann das Gegenteil von Vollmilch? Und traut man der Etymologie, dann wurde das Wort Vollpfosten erfunden, um im Fussball einen Begriff zu haben, der eben keine Beleidigung ist. Was Robben auch nichts geholfen hat.
    Kurz: Ich empfehle, Begriffe aus vogonischen Gedichten zu verwenden:
    Oh zerfrettelter Grunzwanzling
    dein Harngedränge ist für mich
    Wie Schnatterfleck auf Bienenstich.
    Grupp, ich beschwöre dich
    mein punzig Turteldrom.
    Und drängel reifig mich mit krinklen Bindelwördeln
    Denn sonst werd ich dich rändern in deine Gobberwarzen
    Mit meinem Börgelkranze, wart’s nur ab!

  3. Lieber SvB: ehrlich? Ich traue dir, wie du weist, bis ins Grab. Sollte ich demnächst meine Kundenberater bei Banken, Autohäusern, Whiskydestillen, Schallplatten- und Buchversänden ernsthaft „punzig Turteldrom“ nennen? Ich werde es versuchen. Und berichterstatten.
    Vergelt’s Gott, liebe Gobberwarze, vergelt’s Gott.

  4. Und da Du ja international vernetzt bist, brauchst Du auch die englische Version:

    Oh freddled gruntbuggly
    thy micturations are to me
    As plurdled gabbleblotchits on a lurgid bee.
    Groop I implore thee,
    my foonting turlingdromes.
    And hooptiously drangle me with crinkly bindlewurdles,
    Or I will rend thee in the gobberwarts
    with my blurglecruncheon, see if I dont!

  5. Ich persönlich liebe ja das zu höchsten politischen Ehren gekommene Wort GURKENGRUPPE für die Kollektiv-Verunglimpfung.
    Abgeleitet wäre ein Mann dann das MITGLIED EINER GURKENTRUPPE, die genderisierte Fassung erspare ich mir.
    Evtl. geschlechtsneutral ein/eine einer GURKENGRUPPE ZUGEHÖRIGE oder ANGEHÖRIGE EINER GURKENTRUPPE.

    Hach, das Feld ist weit…

  6. Ich mag ja deine kritischen und spitzfindigen Beiträge immer sehr. Ob der besagte Fall in der Ursache nun schlechte Kommunikation und/oder schlechter Kundenservice war, kann ich nicht beurteilen. Und man kann als Kunde ganz sicher drüber schreiben und Unmut deutlich kundgeben. Aber gerade wir Kommunikationsexperten können da ganz besonders versiert und kreativ sein Unzufriedenheit, Ärger und vielleicht auch Wut richtig zu verpacken, ohne uns allgemeiner und vielleicht kritischer Floskeln zu bedienen.

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