Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt

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Bild: Michael Fischer-Art

Eigentlich sollte man einen, der nicht zwischen köperbindigen Gewebe mit eingestreuten Noppen aus grobem Wollgarn und einem Eintrag in einem neuartigen sozialen Netzwerk unterscheiden kann, nicht besonders ernst nehmen. Wenn er aber Frank Schirrmacher heißt und sich anmaßt, ein Buch über das Informationszeitalter zu schreiben, dann kann man nicht umhin, sich mit ihm auseinander zu setzen. Schließlich wird er einem ja gerade von allen Seiten vorgesetzt, im „Spiegel“, in der „Zeit“, in der alten Tante „FAZ“ (deren Herausgeber er ist) und natürlich auf den Feuilletonseiten der „Süddeutschen“ – dort wenigstens mit der nötigen kritischen Distanz. Immerhin ist dem SZ-Autoren Andrian Kreye der hochnotpeinliche Tippfehler in Schirrmachers anfänglicher Aufzählung der apokalyptischen Reiter des Digitalen aufgefallen („SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds…“).

Ansonsten könnten wir alle zur Tagesordnung übergehen und „Payback“, das jüngste Angstmacherbuch Schirrmachers, auf den gleiche Müllhaufen der Geschichte werfen wie sein böswilliger Versuch, im „Methulsalem-Komplott“ die Jungen gegen die Alten aufzubringen, oder sein prekäres Gelabere über soziale Entwurzelung in „Minimum“. Die Bretter, die Schirrmacher bohrt, sind von solch hauchdünner Konsistenz, dass es sich kaum lohnt, die Sägespäne wegzuwischen. Wenn er aber in „Payback“ nun die „kognitive Krise“ ausruft und den drohenden Kollaps  des menschlichen Denkvermögens unter der Last der digitalen Informationsflut ankündigt, dann muss man vielleicht doch innehalten und erwidern. Obwohl er ja selbst im Grunde ja zugibt, von seinem Thema überfordert zu sein. „Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, heißt ja auch das erste Kapitel. Da kann man ihm nur beipflichten: Stimmt, Herr Schirrmacher, Ihr Kopf kommt offenbar nicht mehr mit.

Aber wieso nimmt er sich das Recht heraus, über die Köpfe der anderen zu reden? Wo hat er diese Chuzpe her? Warum darf einer, der erkennbar weder Digital native noch Digital Immigrant, sondern in Wahrheit ein digitale Xenophobe der verbohrtesten Sorte ist, einem Millionenpublikum seine halbfermentierten, selbstbezogenen Geistesverirrungen als Gelehrtenmeinung verkaufen? Wo bleiben die faulen Tomaten, wo die Saaldiener, um ihn durch den Bühneneingang in die Gasse hinter dem Theater zu werfen?

Schirrmacher ist, wie Andrian Kreye richtig erkannt hat, der Boulevardjournalist unter den Philosophen, einer der mit sichere Instinkt die vagen Ängste seines Publikums auf den Punkt bringt und kulturpessimistisch veredelt.  [SATZ UNTER VOIRBEHALT GESTRICHEN*] „Er ist an zwei Dingen interessiert“, sagt Michael Douglas in „American President“, „er will Ihnen Angst davor machen und Ihnen sagen, wer schuld daran ist. So, Ladies und Gentlemen, gewinnt man Wahlen.“ Und so, möchte man mit Blick auf Frank Schirrmacher hinzufügen, verkauft man in Bedenkenträger-Deutschland Bücher.

Schirrmachers Sicht der Informationsgesellschaft ist eine mechanistische, und sie ist zutiefst menschenverachtend. Überflute die Leute nur lange genug mit Informationen, und sie werden aufhören, selbständig zu denken und nur noch fremdgesteuert durchs Leben torkeln. Er kann sich nicht vorstellen, dass Menschen sehr wohl die Fähigkeit besitzen – oder dabei sind, die Fähigkeit zu entwickeln – haarscharf zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden. Er sieht sie als Vieh, das nur stumm widerkäuen und sich ansonsten von medialen Hirten, wie er selbstverständlicher einer ist, vorantreiben lassen muss in eine ungewisse Zukunft.

Und Schirrmacher hat wohl auch keine Ahnung von Evolution. Er kann – oder will – nicht erkennen, dass Homo Sapiens sich in den vergangenen 30.000 Jahren stets und immer wieder einer veränderten Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen musste, und dass er es ganz gut gemacht hat.

Der Mensch des Jahres 2009 ist nicht die Krone der Schöpfung, für die sich Schirrmacher selbst offenbar hält, sondern eine Zwischenstufe in einer Entwicklung, die erst dann zu Ende sein wird, wenn unsere Sonne vielleicht einmal verglüht und der letzte Mensch die Augen schließt. Bis dahin werden wir fortfahren, und immer und immer wieder den neuen Herausforderungen zu stellen, die Veränderung – wir wollen lieber nicht von „Fortschritt“ reden – in den Informations- und Kommunikationstechnologien ihnen abverlangt.

Ja, Jugendliche leiden immer häufiger unter CPA, dem „Continous Partial Attention Syndrome“, den die Microsoft-Anthropologin Linda Stone vor Jahren diagnostizierte und die eine starke Ähnlichkeit mit dem Multitasking eines PC hat. Das ist aber keine Zivilisationskrankheit, sondern eine evolutionsbedingte Anpassung an eine veränderte Umwelt. Stone selbst beschreibt CPA als eine Reaktion auf die wachsende Zahl von Kommunikationsangeboten, die uns über eine wachsende Zahl von Kanälen erreichen. Unsere Reaktion darauf sei triebgesteuert, sagt sie, denn wir nehmen den Versuch, mit uns zu kommunizieren, als Hilferuf wahr: Hier ist ein Mensch, der will zu dir!

Die Evolution hat uns mit gutem Grund mit dem instinktiven Wunsch ausgestattet, auf solche Rufe zu antworten, weil er uns einen Vorsprung verschafft im ewigen Rennen ums das Überleben des Einzelnen und seiner Art. Schirrmacher hat das nicht verstanden. Er ist also selbst irrelevant. Die dringend anstehende Diskussion darüber, wohin der Mensch im Zeitalter der Vernetzung steuert, müssen andere führen.

*Anmerkung: Aus diesem Artikel wurde am 18.12.09 aufgrund einer von Frank Schirrmacher beim Landgericht Hamburg erwirkten Einstweiligen Verfügung ein Satz bis zum Abschluß der gerichtlichen Auseinandersetzung vorbehaltlich entfernt.

17 Gedanken zu „Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt“

  1. Das man ihn nicht wirklich ernst nehmen kann, wenn es um Technikfolgenabschätzung geht, ist klar. Den Tweed muss sich aber wohl eher der Lektor anziehen 😉 Egal.

    Ich will Payback trotzdem lesen. Immerhin muss ich wissen, mit welchen Argumenten ich es in den kommenden zwei drei Jahren zu tun bekommen werde. Und ich werde, jede Wette.

  2. ich hatte mich heute früh schon über die verständnisvolle Rezension in der Zeit geärgert. Aber Tim hat alles wieder gut gemacht. Herrlich ist übrigens das FAZ-Kapitel im Buch „Loslabern“ von Rainald Goetz. Dann versteht man, warum es in der Feuilleton-Redaktion so verknöchert zugeht. Ich habe das Büchlein auch bestellt und werde es mit Freude sezieren.

  3. Damit ich das richtig verstehe: Schirrmacher hat sich also die Mühe gemacht, Alvin Tofflers 1970 erschienenes Werk Future Shock“ neu zu übersetzen?

    „This change will overwhelm people, the accelerated rate of technological and social change leaving them disconnected and suffering from „shattering stress and disorientation“ – future shocked. Toffler stated that the majority of social problems were symptoms of the future shock. In his discussion of the components of such shock, he also coined the term information overload.“

  4. Guter Artikel. Das Problem ist, dass die Situation von uns allen selbstverschuldet ist. Natürlich sollte man einem Propagandisten wie Schirrmacher nicht mit Argumenten begegnen. Nur wie konnte er es schaffen, als Experte für Alles angesehen zu sein? Wie kann man als „Nixraffer“ sich einen solchen Status erarbeiten? Nur durch ein abgeschl. Studium?

    Solche Leute wie Schirrmacher wird man nicht mehr so schnell los, wenn Sie sich erstmal eine Geldquelle erschlossen haben. Mit seinen Machwerken verdient er nämlich gutes Geld, und es ist sehr offensichtlich, warum er gegen das Internet polemisiert: Es ist die einzige Gefahr für seinen Cash Flow.

    Im Grunde möchte Schirrmacher den Leuten eine Angst vor zuviel „Choice“ einjagen. Denn Auswahl ist das, was diese Leute hassen, wenn ich täglich im Internet die NYT lesen kann, ja, wieso soll ich dann die FAZ noch eines Blickes würdigen?

    Schirrmacher hat im Grunde kein Problem mit dem Internet, sondern damit, dass er und dass, was er aufgebaut hat, als irrelevant entlarvt werden, sobald die Mehrheit der Menschen merkt, dass es noch etwas Besseres gibt, als seine News und Meinungen von einer Quelle abzuholen, was in einer Welt, wo es nur Fernsehen, Radio, und Zeitungen gibt, noch einfach zu kontrollieren war.

    Ja, ich unterstelle ihm ausschliesslich böse Absichten. Diese Schauspielerei des netten, überforderten, intellektuellen Opas nehme ich ihm nicht ab.

    Nun aber genug der schweren Worte, hier noch ein Tipp für eine Schirrmacher-Rezension, die das Thema mit dem eigentlich einzig wahren Ansatz angeht – Satire.

    Lest mal diesen Artikel auf http://www.ichwerdeeinberliner.com/25-the-internet

    Ciao, Michael

  5. Aber wieso nimmt er sich das Recht heraus, über die Köpfe der anderen zu reden? Wo hat er diese Chuzpe her? Warum darf einer, der erkennbar weder Digital native noch Digital Immigrant, sondern in Wahrheit ein digitale Xenophobe der verbohrtesten Sorte ist, einem Millionenpublikum seine halbfermentierten, selbstbezogenen Geistesverirrungen als Gelehrtenmeinung verkaufen?

    Weil er es kann.

  6. Ohne das Buch selbst gelesen zu haben sehe ich hier die Angst vor eben neuen Technologien, die es auch schon immer gegeben hat. Diese mögen begründet oder unbegründet sein, von der Verteidigung der eigenen Marktes getrieben oder eben auch nciht. Ich erwarte von Buch zu erfahren, welche Ängste es sind, und wie diese aus der Sicht von Herr Schirrmacher begründet sind, selbst wenn man es zwischen den Zeilen herausfinden muss. Mit jeder neuen Technologie, Entwicklung gibt man etwas auf um etwas neues zu gewinnen. Ich will erfahren was ich aufgeben werde oder vielleicht schon aufgegeben habe.

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