Wahlversprechen

Unglaubliches ist passiert. Die Griechen haben keine Lust mehr, weiter am Hungertuch zu nagen. Klar, das führt zu Extremismus, und so paktieren die neuen Linken mit den neuen Rechten, also die SYRIZA (Die Koalition der radikalen Linken, ΣΥΡΙΖΑ) mit der ANEL (Die unabhängigen Griechen, ΑΝΕΛ), um endlich die alten Linken (Pasok, ΠΑΣΟΚ) und die alten Rechten (Nea Demokratia, ΝΔ) loszuwerden. Das ist nicht nur verständlich, das ist konsequent. Und überrumpelt wurde niemand – alles war ehrlich angekündigt. Es gab sogar eine Partei mit dem netten Namen „Bewegung ich zahle nicht“ (Κίνημα Δεν Πληρώνω) oder auch einfach nur eine namens „Nein“ (OXI). Die Griechen haben aber nicht diese monothematischen Wutbürgerbewegungen gewählt, sondern durchaus „echte“ Parteien.

Nun ist es aber so, daß unsere Definition von rechts und links in Griechenland nicht greift. Links von der Mitte gibt es eben die SYRIZA (36,34 %, 149 Sitze) und dann noch die Kommunisten KKE (5,47 %, 15 Sitze) und die tief gefallene PA.SO.K (nur noch 4,68 %, 13 Sitze). 151 Sitze braucht man in Griechenland, und die besorgte sich die SYRIZA nicht links, sondern eher rechts, bei der ANEL.

Rechtspopulisten! Die Stimmung in der EU schäumt. Dabei wird allerdings klar, wie fahrlässig heute bei uns mit dem Vorwurf „extreme Rechte“ umgegangen wird, denn rechts von der ANEL gibt es noch viel Platz: Im Parlament vertreten ist nicht erst seit der letzte Wahl auch eine Partei Völkischer Bund Goldene Morgendämmerung (Χρυσή Αυγή, 6,25 %, 17 Sitze), und das sind Nationalsozialisten, nicht nur erkennbar am Logo.

Das also ist die Situation in Griechenland, die zu kommentieren mir schwer fällt. Zum einen habe ich wenig Ahnung, was in Griechenland wirklich los ist, ich lebe ja nicht dort, und zum anderen mische ich mich ungern ein, obwohl ich Deutscher bin und damit schon genetisch verpflichtet, den Griechen ihre Politik zu erklären und letztere durch eine bessere zu ersetzen. Ich stille lediglich meine Neugier: Der Name ΣΥΡΙΖΑ hat es mir angetan. Ausgeschrieben heissen die neuen Linken nämlich  Synaspismos Rizospastikis Aristeras (Συνασπισμός Ριζοσπαστικής Αριστεράς). Was mag das wohl bedeuten … Aristeras ist Genitiv, also „der Linken“. Aristos heißt übrigens „ausgezeichnet“, früher auch „der Beste“, das lebt noch in der Aristokratie, der Herrschaft der Besten. So gesehen haben die Griechen jetzt endlich eine Aristerokratie …

Uns ist das schwer erklärlich, wo wir doch das Herz auf dem rechten und nicht auf dem linken Fleck haben, und auch Gott will wem auch immer die rechte Gunst erweisen. Jemanden zu linken ist nicht nett. Für die Griechen, wen wundert das, ist auch das andersrum, denn rechts (δεξιά, dexia), richtig (σωστός, sostos), das Recht (νόμος, nomos, im Sinne von Gesetz) und Recht (δικαιοσύνη, dikeosyne im Sinne von Gerechtigkeit) sind sprachlich weit auseinander.

Lustiger wird es beim Synaspismos, denn der ασπασμός ist zunächst der Kuß, aber mit „syn“, also συνασπισμός ist es die Koalition. Bleiben die Rizospatiki, die ριζοσπαστικόι. Risa (ρίζα) ist die Wurzel, lateinisch Radix, und wie im Lateinischen kommt man so zum Radikalen. Also zu jemand, der bis zur Wurzel geht, nicht an der Oberfläche bleibt. Aber was bitte machen die Spastiki hier? Das gute(?) griechische Wort Spastikos (σπαστικός), ich traue mich kaum es hinzuschreiben, ist gebräuchlich und heißt einfach frei übersetzt „Nervensäge“.

Womit wir endlich beim Thema sind, diese SYRIZA-Leute sind Nervensägen für das Establishment. Mag sein, dass das genau ihr Wunsch ist, und wenn es das ist, erfüllen sie ihn bereits. Martin Schulz (SPD) ist nach 48 Stunden schon so genervt, dass er nur noch hervorwürgt, er habe keinen Bock, mit einer Regierung, die noch keine 48 Stunden im Amt sei, über Dogmen zu debattieren. Das aber ist noch nichts gegen Markus Ferber (CSU). Im Radio (Bayern 5) und kurze Zeit lang auf dem B5-Webserver konnte man erfahren:

Der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber sieht die Entwicklung der neuen griechischen Regierung mit großer Sorge. Im Bayerischen Rundfunk sagte der stellvertretende Chef im Parlamentsausschuss für Wirtschaft und Währung, die „Brutalität“, mit der Athen seine Wahlversprechen umsetze, sei sehr bedenklich. Mit Anspielung auf die Börsenentwicklung sagte Ferber, Tsipras bekomme die Rechnung für seine Politik bereits präsentiert, er wolle aber, dass andere diese Rechnung bezahlten.

Amüsant! Ein weiterer kultureller Unterschied zwischen den Griechen und uns wird offenbar: Bei den Griechen werden also Wahlversprechen brutal umgesetzt, bei uns brutal gebrochen, und unseren Politikern fällt nicht mal auf, wenn sie das kaltschnäuzig zugeben. Vielleicht lernen wir am Ende wieder einmal von den Griechen mehr als umgekehrt.

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