Vom Gondeln und Glotzen

rr4Wer ganz oben ist, hat den beste Überblick!

Diese Binsenweisheit gilt noch immer, von Ausnahmen einmal abgesehen. Eine dieser Ausnahmen mag der eine oder andere aus dem Arbeitsleben kennen: Ganz oben in der Firmenhierarchie zu stehen bedeutet noch lange nicht, den besten Überblick über alles zu haben. Aber das ist ein anderes Thema, das in unserem Zusammenhang nicht weiter relevant ist.

Aber so mancher Benutzer des „Real Life“ weiß auch, wie schön es ist, von oben über Stadt, Land, Fluss zu schauen.
München hat in Sachen Skyline eher wenig zu bieten. Aber sofern die Witterung mitspielt, verzaubert die Stadt mit einem betörenden Blick bis weit hinein in die Alpen; vorausgesetzt man ist hoch genug. Ansonsten ist das Münchner Panorama weniger beeindruckend als zum Beispiel das Frankfurter. Dafür hat München andere Qualitäten.
Eine davon ist das Oktoberfest. Das zieht reichlich Besucher an, so viele, dass – wie mir eine Bedienung aus einem Festzelt glaubhaft versichert, zeitweilig WhatsApp nicht mehr geht. Zu hoch ist der Datenverkehr der bierseligen Besucher. Da kann es schon mal eine halbe Stunde dauern, bis eine WA-Nachricht von einem Bierzelt zum nächsten flattert.
Auch wir haben zur Wiesn Besuch, gemeinsam flanieren wir zwischen Zelten und Schaustellerbuden, Fahrgeschäften, Biergärten und Fressständen umher und steuern irgendwann auf das Riesenrad zu. Und wie war das noch?
Wer ganz oben ist, hat den besten Überblick!

rr3Also entschließen wir, uns eine Runde mit dem Riesenrad zu gönnen und mal von oben einen Blick auf die Theresienwiese zu werfen.
Brav stehen wir in der Schlange an der Kasse, zahlen den nicht gerade günstigen Tarif von 7 Euro für ein paar Runden und eine Fahrzeit von unter 10 Minuten und stellen uns dann an. Schnell ist die Ausgangslage überblickt: Wir müssen auf der rechten Seite und möglichst weit vorne sitzen, dann hat man nicht nur die Wiesn im Blick sondern schaut nach Osten, also über die Stadt.
Irgendwann gelangen wir in die Gondel, sogar richtig platziert und zwängen uns zwischen eine eher eigenartig anmutende Familie, bzw. nur den weiblichen Teil davon. Direkt uns gegenüber nehmen noch zwei weitere, mitreisende Frauen vom Modell „Ich wäre gern die schöne Münchnerin“ Platz.
Langsam hebt sich das Riesenrad, die sonderbare Rumpffamilie, die drei Generationen überspannt, ist eifrig mit Telefonieren und WhatsApp beschäftigt. Offensichtlich ist man mit den Männern des Clans verabredet. Aber wann und wo weiß keiner so genau. Und das muss jetzt sofort geklärt werden. Riesenrad hin oder her. Die Frauen benehmen sich, als säßen sie in einer x-beliebigen Straßenbahn. Aber wir sind ja auch noch nicht so richtig losgegondelt.
Irgendwann ist unsere Gondel auf 12 Uhr angekommen: Also ganz oben. Sie bleibt stehen. Unten steigen Leute aus und andere Fahrgäste wieder ein. Alle, nur ein kleines Kind ausgenommen, fotografieren mit ihren Handys oder kleinen Digitalkameras, was das Zeug hält. Man springt auf, dreht sich zum fensterlosen Teil der Gondel und knipst und knipst und knipst… Ich mache da keine Ausnahme.
Die eine der beiden Frauen uns gegenüber versucht noch ein paar Selfies, dann geht es langsam wieder abwärts. Da es nun immer weniger draußen zu sehen gibt, beschäftigen sich fast alle Neune, das kleine Kind wieder ausgenommen, mit der jeweiligen fotografischen Ausbeute. Alle begutachten auf ihren Displays die soeben angefertigten Bilder. Wieder geht es rauf. Ich stecke mein Handy ein und genieße den Blick über die Wiesn und über die Stadt. Ich schaue und schaue und schaue.rr2
Die anderen schauen auch. Aber nur noch auf ihre Displays. Die ersten fangen an, per WhatsApp oder was auch immer die soeben gemachten Bilder irgendwelchen Freunden zuzuschicken. Die Frau in der Ecke koordiniert unter permanenter Rücksprache mit den anderen derweil die Familienzusammenführung und erzählt dabei zusammenhanglos, wie unsagbar voll es dereinst auf der Cranger Kirmes war.
Dacht ich mir doch… den Dialekt kenn ich.
Wieder geht es langsam runter und dann noch einmal wieder rauf. Ich sage zu unseren Freunden, dass es doch eigentlich Unfug sei, dauernd auf das Display zu starren, statt jetzt erst mal aus dem Fenster zu schauen und dann, wenn man ausgestiegen, die Bilder in Ruhe begutachten.
Den Schuh,den ich einfach mal so mitten in die Gondel gestellt habe, zieht sich die mir gegenübersitzende leider nicht so „schöne Münchnerin“ in Dirndl und Jeansjäckchen an pampt mich an, ob ich damit jetzt etwa sie gemeint hätte…rr5
Ich schüttle den Kopf. Das habe ich natürlich nicht. Was die tut, ist doch mir wurscht! E ist mir völlig egal, ob die Frau von den drei Runden Riesenrad mittlerweile zweieinhalb auf ihr Handy-Display gestarrt hat oder nicht. Da sie sich aber irgendwie doch angesprochen fühlt, verräumt sie trotzig ihr Handy, hebt ihr Näslein in die Luft und bemüht sich um Contenance. Derweil streut ihre Freundin weiterhin die soeben aus dem Riesenrad geschossenen Fotos in die Welt. Aus der Hüfte erlaube ich mir ein Foto, da es ja gerade mal wieder hinunter geht im Riesenrad. Da ist ja sowieso nicht viel zu sehen, und gleich müssen wir sowieso aussteigen. Wir sind genug gegondelt.
Recht hat er. Jetzt erst mal ein Bier trinken, dann die Bilder anschauen und dann geht es weiter mit fotografieren. Schließlich will man ja allen fast live mitteilen, was man gerade so treibt. Am besten per Facebook. Oder WhatsApp… oder Czyslansky.

rr1

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