Schlagwort-Archive: Zensur

Das Internet vergisst nichts, lieber EuGH!

Da steht es schwarz auf weiß!

Da steht es schwarz auf weiß!

Die Aufregung um das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum „Recht auf Vergessen“ hat natürlich hohe Wellen geschlagen. Während die einen das Urteil als „Sieg für den Datenschutz“ feiern, geißeln andere ihn als die „Zensur durch Datenschutzrecht“. Haben die Oberrichter die Meinungsfreiheit abgeschafft? Werden Google & Co. bald aus Angst vor der Staatsanwaltschaft jede negative Meldung vorsorglich vom Netz nehmen? Ist das Internet in ein paar Jahren nur noch roasrot und himmelblau?

Ich denke, in der Aufregung des Augenblicks vergessen die meisten, wie das Internet funktioniert. Erinnern wir uns: Den Auftrag zum Bau des „ARPAnet“ (das „Advanced Research Projects Agency Network“), kam 1962 vom US-Militär, die sich darüber sorgten, dass die Russen es schaffen könnten heimlich eine Atombombe über dem Hauptquartier der Luftwaffe zu zünden, wobei der so genannte „EMP-Effekt“, also der bei der Zündung verursachte elektromagnetische puls, die empfindlichen Kommunikationssysteme außer Gefecht setzen könnten. Der Albtraum der Generäle war, sie könnten in ihren Betonbunkern festsitzen und immer wieder vergeblich auf den roten Knopf drücken, um den atomaren Gegenschlag auszulösen, und nichts passiert. Sie wollen also ein Kommunikationssystem haben, das auch dann noch funktioniert, wenn Teile davon unbrauchbar geworden sind. Das ARPAnet verwandte deshalb das TCP/IP-Protokoll, das gerade von Vinton Cerf und Bob Kahm erfunden worden war und das die zu übertragenen Daten in winzige elektronische Pakete aufteilt, die einzeln auf die Reise geschickt und nacheinander am Zielort wieder zusammengesetzt werden. Trifft ein Datenpaket unterwegs auf eine Störung, dann leitet es sich selbst einfach drum herum. Die „Störung“ kann ein rauchender Bombenkrater sein. Sie kann aber auch ein Zensurversuch sein. Technisch macht das für TCP/IP keinen Unterschied. Weiterlesen

Hau den Recep

Ja wo isser denn, der böse Facebooker?

Ja wo isser denn, der böse Facebooker?

Recep Tayyip Erdogan, der türkische Ministerpräsident, hasst das Internet. Vor allem Facebook und YouTube sind ihm ein Dorn im Auge, seitdem dort ständig Mitschnitte seiner peinlichen Telefongespräche auftauchen und sich seine Gegner per Social Web zu Flashmobs gegen seinen zunehmend diktatorischen Regierungsstil formieren.

Er ist da natürlich in bester Gesellschaft. Vladimir Putin ist auch kein großer Fan, die gesamte chinesische Führungselite erst recht nicht, von den Ayatollahs und Militärdiktatoren in stockkonservativen islamischen Ländern von Iran bis Ägypten mal ganz abgesehen.

Erdogan & Co. würden am liebsten das ganze Social Web abschalten, was „Imam Beckenbauer“ (ein Spitzname, den ihn seine Liebe zum Fußballspiel einbrachte) seinen Anhängern neuerdings im Lokalwahlkampf verspricht, weil sie „Spionage und Sittenverfall“ erzeugen. Worüber er nicht spricht ist, wie er das denn bewerkstelligen will. Weiterlesen

Zensürdogan

ErdoganEnde vergangener Woche ging eine Riesenwelle um die Welt. Die türkische Regierung von Ministerpräsident Erdogan zensiert das Internet. Ungeheuerliches entnehmen wir dem Focus online. Aber schon bei der Lektüre beschleicht uns ein leichtes Deja-vus:

Das türkische Parlament hat ein umstrittenes Gesetz gebilligt, das die Kontrolle des Internets drastisch verschärft. Das von der Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dominierte Parlament in Ankara votierte am Mittwochabend für den Gesetzentwurf der Regierung, der es der Telekommunikationsbehörde (TIB) ermöglicht, Internetseiten ohne Gerichtsbeschluss zu sperren. Das Gesetz wird im In- und Ausland scharf kritisiert.
Die Entscheidung im Parlament fiel nach einer mehrstündigen hitzigen Debatte. Die Opposition warf der Regierung „Zensur“ vor. (…) Neben der Sperrung von Internetseiten ohne Gerichtsbeschluss sieht das Gesetz auch vor, dass die Behörden das Recht erhalten, von Providern die Herausgabe von Nutzerdaten zu verlangen und das Surfverhalten von Internetnutzern aufzuzeichnen und zwei Jahre lang zu speichern.

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Ich möchte nicht über Autobahnen schreiben…

… aber ich muss.
Dabei könnte ich es mir so einfach machen und sagen: Ich habe schon mehrfach über Autobahen geschrieben. Ist zwar ’ne Weile her, aber vielleicht gilt das ja trotzdem. Damals habe ich mich in meinem Blog ausgelassen über mein Vergnügen, bei Verkehrshinweisen die Staukilometer aufzuaddieren, dass es mirt scheißegal ist, wie das Kind heißt, das im Wagen vor mir durch die Gegend kutschiert wird, und dass ich besser Beethoven dirigieren kann als Bernstein.
Das zählt aber nicht, denn ich muss ein paar Zeilen absondern, in denen die Wörter „Männerrechte“, „Systempresse“, „Rassismus gegen Weiße“, „Gutmensch“, „Meinungsfreiheit“ und „Zensur“ auftauchen.
Und warum?

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Entgegen anderslautender Behauptungen: Eine Zensur findet nicht statt.

Résurrection de la Censure. La Caricature, Paris, 5. Jan. 1832

Gleich vorweg. Ich gebe zu, „Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ nicht gelesen zu haben. Und ich habe es auch nicht vor. Das hat mehrere Gründe. Zum einen lese ich, wie ich in meinem Blog mal geschrieben habe, Bestseller sowieso nicht.  Zum anderen interessiert mich das Thema nicht. Und schließlich weiß ich  von jemanden, der es bereits gelesen hat, dass das Buch sprachlich eher bescheiden ist, also nichts für Genußleser.
Nun ist also der Hype um den S/M-Schocker, wie er gern positioniert wird, auch in Deutschland angekommen. Das Buch hat sich katapultartig in die Bestsellerverkaufslisten hineingeschossen.
Ihren Teil zur umfangreichen Berichterstattung trug dabei die katholische Buchhandelskette Weltbild bei, die mitteilte, aktiv nichts dafür zu unternehmen, was für die Verbreitung des Buches hilfreich sei. Das allein war wieder eine Pressenotiz wert und hilft, das Sommerloch zu stopfen.
Die hier beschriebene Unterwerfung der Frau widerspricht dem Welt- und Menschenbild, von dem wir uns als Buchhändler leiten lassen. Wir sehen das Buch als sehr problematisch an“ – so ist das Produkt in den Filialen bestickert.
W&V hat Weltbildsprecherin Eva Großnitzky interviewt. Dort sagt sie: „Deshalb distanzieren wir uns als Buchhändler inhaltlich von diesem Titel und geben kritischen Stimmen Raum. Wer allerdings das Buch in Kenntnis dieser Problematik erwerben will, kann dies über eine gezielte Suche im Onlineshop tun oder es in der Filiale bestellen.“ Nachlesbar ist die Meldung hier.

Das ist nichts Ungewöhnliches. Die Ladenkette Weltbild gehört zwölf deutschen Bistümern, ist von seiner Programmausrichtung an katholische Leitlinien gebunden und setzt diese mal mehr mal weniger konsequent um. Neu in diesem Zusammenhang ist die prompte Reaktion der von Czslanyky so geliebten Empörungsmaschinisten: Weltbild führe – so polterten sie bei Twitter und Co. – die Zensur wieder ein. Weltbild beschneide die elementaren Grund- und Freiheitsrechte des Kunden, ein Buch seiner Wahl zu erweben.

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Nicht lustig!

Es hat wahrscheinlich inzwischen jeder mitbekommen, dass der Vatikan ein Verbot des Titelbildes der Juliausgabe der Titanic erwirkt hat, weil es „uns“ – also unseren Papst mit Pipi- und Kackaflecken zeigt. (Bild bitte selber googeln) Ausgesprochen hat dieses Urteil mal wieder unser Lieblingsgericht in Hamburg, das immer gerne alles zensiert und verbietet.

Hier eine Liste alle Dinge, über die man sich jetzt echauffieren kann. Bitte drucken Sie diesen Artikel aus und kreuzen Sie Ihre Lieblings-Aufreger aus:

  • Verlust der Meinungsfreiheit
  • Verlust der Pressefreiheit
  • Fehlender Respekt vor dem Oberhaupt der kath. Kirche
  • Geschmacksgrenzen werden überschritten
  • Zensur
  • über die kath. Kirche im Allgemeinen
  • Dass der Papst über allen steht, aber eben nicht über Allem
  • über die Protestanten, die nicht mal einen Papst haben
  • über die Gottlosigkeit der Presse
  • Verhöhnung inkontinenter Menschen
  • …. (Platz für Ihre eigene Aufreger)

Konnten Sie einiges aus dieser Liste verwenden, um sich richtig aufzuregen? Dann freue ich mich, Ihnen geholfen zu haben.

Wollen Sie wissen, worüber ich mich aufgeregt habe?
Ja? Nein?
Egal, ich sage es Ihnen ohnehin:
Über die Humorlosigkeit! Es ist einfach nicht lustig, gar nicht! Der Papst, der Kaiser, Czyslansky, Robben … egal Pipiflecken sind NICHT lustig, nicht mal Heinz Erhardt, der Kalauerkönig der 50er Jahre hätte Pipiflecken lustig gefunden. Nicht mal mein dreijähriger Sohn lacht noch über Pipiflecken!
Und das ist Deutschlands bestes und tollstes und lustigstes Satiremagazin? Na dann gute Nacht und jetzt haben sie auch  noch so viel Aufmerksamkeit bekommen …
Der Papst und die Bischöfe haben auch keinen Humor, okay, aber dafür wurden sie weder gewählt noch werden sie dafür bezahlt. Ich weiss zwar auch nicht, wozu und warum sie gewählt und bezahlt werden, aber das ist einen andere Geschichte.

Es bleibt nur noch in Erinnerungen zu schwelgen, als es noch Cover gab wie Zonen-Gabi mit ihrer ersten Banane … wissen Sie noch?

Was uns der Computer sagen will

Können Computer reden? Wenn ja: Was haben sie uns zu sagen? Und ist das, was sie sagen, vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt? Diese scheinbar skurrile Frage bewegt im Moment die Gemüter in Amerika, nachdem Prof. Tim Wu von der Columbia-Universität sie in einem Meinungs(!)beitrag für die New York Times gestellt hat, die er mit den Worten überschrieb: „Free speech for computers?“

Nun wird ja in Amerika die Meinungsfreiheit eine ganze Nummer höher aufgehängt als in Deutschland, wo man im Zweifelsfall lieber seine Ruhe hat und jeden, der sich mit einer womöglich abweichenden Meinung zu Wort meldet, am liebsten den Staatsorganen übergibt. Dafür sind sie ja da, nämlich um den Staat zu organisieren. Meine Vorfahren sind vor 500 Jahren aus „Old Europe“ ausgewandert, weil ihnen das Recht der freien Rede wichtiger war als Gut und Geld. Wir haben der Meinungsfreiheit deshalb auch in unserer Verfassung als „First Amendment“ gleich an erste Stelle gesetzt, vor solchen Dingen wie dem Recht, Waffen zu tragen, sich friedlich zu versammeln oder dem Verbot der Sklaverei. Weiterlesen

Digitale Frühlingsgefühle: ACTA ad astra!

Das ich das noch erleben darf! In München gehen 16.000 Menschen bei eisiger Kälte auf die Straße, um gegen Zensur zu demonstrieren. Auf Transparenten fordern sie „ACTA ad acta!“ und wollen damit verhindern, dass das von der EU wie üblich unter Publikumsausschluss durchgewinkte Abkommen „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“ (ACTA), das auf Initiative der USA und Japans ausgehandelt worden war, in Deutschland in Kraft tritt.

Die „Netzaktivisten“ (was für ein wunderschöner Ausdruck!) fordern was? Eine Reform des Urheberrechts! Wenn es irgendein Thema gegeben hätte, von dem ich angenommen hätte, dass es dem Otto Normalbürger am Arsch vorbei geht, dann dieses. Das sieht man: Irren ist menschlich. Selbst in der Heimat des vorauseilenden Gehorsams sind die Leute bereit, für ihr Recht aus die Straße zu gehen, digitale Inhalte beliebig kopieren und verbreiten zu dürfen. Was für ein Aufbruch: Wir sind das Online-Volk, und wir lassen uns das Internet nicht abdrehen!

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Warum wir unbedingt einen Bundestrojaner brauchen.

Ich habe mich immer gefragt, warum die Strafverfolgungsbehörden unbedingt eine Software brauchen, mit der sie die Computer von Verdächtigen ausspähen können. Ich will die ganzen Risiken für die Demokratie, den Rechtsstaat, das Recht auf Privatsphäre usw.  jetzt hier an dieser Stelle gar nicht ausbreiten und diskutieren. Auch die Tatsache, dass die bisherigen Versuche eine solche Schad-Software  extrem jämmerlich waren, will ich nicht vertiefen. Mir geht es schlicht und ergreifend um den Sinn diesen Vorhabens, um die simple Frage nach dem Warum. Weiterlesen

Zensur eines Bloggers: Katholische Kirche mahnt "regensburg-digital"-Macher ab

Stefan Aigner vom Blog „regensburg-digital“ hat sich einen dunklen Feind zugezogen: die Diozöse Regensburg. Zumindest wird er nicht gezüchtigt, aber vermutlich darf er nie mit den Regensburger Domspatzen singen.

Die webevangelisten berichten heute:

„Die Diözese Regensburg mahnt den Blogger Stefan Aigner (www.regensburg-digital.de) ab, weil der aus dem SPIEGEL zitierte und die Zahlung von 6.500 Mark an eine Opferfamilie als “Schweigegeld” bezeichnet.“

Stefan Aigner schreibt in seinem Blog unter Hinweis auf den SPIEGEL:

„Ein Opfer des pädophilen Pfarrers in Riekofen erhielten Schweigegeld. Das Bistum Regensburg hat das stets bestritten. Es habe keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Zahlung und dem vereinbarten Schweigen gegeben, behauptet das Bistum. „Es geht ihnen nicht um die Opfer, sondern vor allem darum, dass nichts an die Öffentlichkeit kommt. Das tut weh”, sagte eines der Opfer dem Spiegel.“

Die katholische Kirche versucht nun Aigner laut webevangelisten zu einer Unterlassungserklärung wegen des schlimmen Worts vom „Schweigegeld“ zu zwingen. Angeblicher Streitwert: 15.000 €. Stefan Aigner will derzeit offenbar nicht zu Kreuze kriechen und standhaft bleiben. Das ist mutig. Sein Blog verfügt über keine Klingelbeutel und ist nicht kommerziell. 30 Silberlinge täten’s vielleicht auch …