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Auf Pilgerreise in Triest

Einmal im Leben sollte jeder Muslim nach Mekka pilgern: „Und die Menschen sind Gott gegenüber verpflichtet, die Wallfahrt nach dem Haus zu machen – soweit sie dazu eine Möglichkeit finden.“ heißt es in der 3. Sure des Koran. Diese große Pilgerreise wird Haddsch genannt, ein Absolvent dieser Fahrt Haddschi. Das wissen wir alle aus den Tagen und Aufzeichnungen des seligen Karl May.
Zwar ist es nicht zwingend vorgeschrieben, aber eine Selbstverständlichkeit ist es, dass Freunde Czyslanskys einmal im Leben nach Triest pilgern. Dort hat der große Czyslansky sein Wirken entfaltet, nirgendwo ist man ihm näher als in der italienischen Küstenstadt. Und doch dankt es ihm die Stadt an der slowenischen Grenze nicht…

So suchen wir, als wir Ende Oktober in Triest sind, überall vergeblich nach Spuren Czyslanskys. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Keine Via, die nach ihm benannt wurde, nicht mal ein schmales Gässchen seitlich der Via dei Rettori, obwohl Czyslanky in diesem Viertel den Großteil seine Kindheit verbrachte.

Nun ist Triest der Sehenswürdigkeiten voll: Prachvollte Häuser am Canale Grande (Bild 1) und noch prachvollere Bauten der Habsburger (Bild 2).

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Bild 1: Nicht nach Mekka. Nach Triest: Auf den Spuren Czyslanskys.

Es ist also nicht gerade so, als gäbe es nicht genug, was man sich sonst in Triest anschauen könnte. Für das „gemeine“ Volk der Kreuzfahrtschiff-Touristen ist also ebenso georgt wie für die Heerscharen österreichischer Abschlußfahrt-Maturanten. Wir aber suchen das Besondere: Spuren, die sich nur in unserer Phantasie finden lassen: Weiterlesen

ein brief von marcello: auf den spuren der ella czyslansky

ella

ella czyslansky, ca. 1878

kaum aus sardischen gefilden zurückgekehrt, erreichte mich gestern ein brief meines neuen freundes marcello umbria – siehe „czyslansky, obama, der sklavenhandel und die österreichische marine“ – mit einem weiteren sensationellen fund. il capitano ludovico czyslansky, von dem an anderer stelle hier schon berichtet wurde, hinterlies offenbar in triest eine tochter: ella czyslansky. diese ella eröffnete im jahr 1875 in der via della pescheria ein etablissement, welches seine erotischen dienstleistungen nur notdürftig hinter der bürgerlichen fassade eines fischlokals verbarg. sie führte das haus nach informationen meines freundes marcello bis zu ihrem tod im jahr 1932.

im sommer 1905 freundete sie sich mit einem ihrer gäste an. dabei handelte es sich um keinen geringeren, als den irischen schriftsteller james joyce, der in jenem sommer erstmals nach triest umgesiedelt war und dem kleinen unternehmen unserer ella zeit seines lebens die treue hielt, wie auch sie ihm in guten wie in schlechten zeiten die stange hielt. sie fütterte joyce in seinen eher kargen triestiner tagen durch, verstand sie sich doch aufs beste in guter alter österreichischer tradition vor allem auf kräftig-schwere süsspeisen. geradezu berühmt war sie für ihre schokoladengerichte.

trotz ihrer zahlreichen literarischen bekanntschaften galt ella auf grund ihres zweifelhaften berufslebens unter den czyslanskys stets als schwarzes schaf. unser czyslansky erfuhr als kind nur hinter vorgehaltener hand von der existenz einer italienischen „nutten-ella“, wie sie despektierlich von seinem vater genannt wurde – ein spitzname, den sie wohl schon von der triestiner „besseren gesellschaft“ verliehen bekommen hatte.

es blieb von ihr nicht viel übrig nach ihrem tod – vom rezept eines nuss-nougat-brotaufstrichs abgesehen, der – freilich in arger verballhornung – ihren spitznamen noch heute in aller welt bekannt hält.