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Nichtwissen darf man nicht glauben

Es lebe der Qualitätsjournalismus!

Was treibt Wissenschaftler wie die (bislang) anonyme Doktorandin an der renommierten Chartié in Berlin oder Journalisten wie die so genannten Qualitätsjournalisten der „Süddeutschen“ an, Lügen über Handystrahlen in die Welt zu setzen? Es gibt nur eine vernünftige Erklärung: religiöse Unvernunft. Die Diskussion um Handystrahlen hat längst Ton und Form einer klerikalen Debatte angenommen, in der es nicht um Fakten, sondern um den wahren Glauben geht.

Physikalischer Fakt ist: Strahlen von der Art und der Intensität, wie sie von handelsüblichen Mobilfunkgeräten ausgehen, können nicht zu Brüchen im DNA-Strang des Menschen führen. Daraus folgt mit zwingender medizinischer Logik: Handystrahlen können keinen Krebs verursachen. Punkt. Ende der Debatte.

Aber was kümmert uns die Physik? Wenn die Zahlen nicht das gewünschte Ergebnis bringen, dann stimmen die Zahlen nicht. Das dachte sich jedenfalls eine junge Doktorandin in Berlin, die angebliche Beweise für die genverändernde Wirkung von Handystrahlen vorlegte.

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100% positiver Bericht durch volle Inhaltskontrolle

Liebe Leser, ich finde die Süddeutsche total toll (Das ist dieser Stapel Papier neben Tim Cole’s Kamin ) Ihr iPhone App ist bestimmt auch echt super (Wenn ich ein iPhone hätte, würde ich es sicher auch mal testen)<Textbaustein> „Die bekannt hohe journalistische Qualität von SZ und sueddeutsche.de kann jetzt auch komfortabel mit dem iPhone genutzt werden</Textbaustein> Und das schreibe ich nicht, weil ich dafür eine Badehose von Trigema Geld von Trigami bekomme und die natürlich „volle Inhaltskontrolle“ und der Süddeutschen „100% positive Berichte“ versprochen haben.

Ich schreibe das einfach mal so, weil ich Lust dazu habe. Ich habe einfach mal Lust auf Schleichwerbung. Und damit bin ich nicht alleine. Zur Unabhängigkeit eines Bloggers gehört meines Erachtens auch, dass er so viel Schleichen und Werben kann wie er will, ich weiss nicht warum sich dafür auf einmal Blogger, Süddeutsche und Trigami kollektiv schämen. Redaktionelle Werbung ist doch ganz normal, das machen doch alle … Rezensionen auf Amazon, Bewertungen auf Youtube, die kann man doch auch kaufen, was ist denn mit euch allen los? Habt ihr wirklich geglaubt, das Internet ist ein advertorialfreier Raum?

So sieht Qualitätsjournalismus aus!

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…und das machen sie richtig gut!

In unserer Reihe zum Thema Qualitäts-, bzw. Print-Journalismus wollen wir uns heute wieder unserer Haus- und Hof-Tageszeitung, der „Süddeutschen“, zuwenden, die zwar manchmal Dubletten produziert (siehe „Quadratur des Qualitätsjournalismus: Die SZ-GDAZ„), manchmal aber auch richtig gute Einblicke in die Aufs und Abs der Medienlandschaft. Christine Brinck hat sich heute Lorbeeren verdient mit ihrer Analyse („Homer Simpsons Wendepunkt“) des „Economist“, dem weltweit einzigen bedeutenden, wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin, das sich erfolgreich gegen den allgemeinen Anzeigen- und Leserschwund der letzten Jahre behauptet hat. Klartext: Während beispielsweise die Auflage von „Focus“ von 800.000 auf gerade mal 656.000 geschrumpft ist und „Businessweek“ angesichts einer Halbierung der Leserzahl im Frühjahr den Rückzug aus dem Nachrichten-Business verkündet hat, steigt und steigt die Auflage des „Economist“, und auch die Anzeigeneinnahmen sind im vergangenen (Krisen-)Jahr um 25 Prozent gestiegen.

„Was macht der Economist richtig?“, fragt die Autorin, und liefert eine absolut korrekte Erklärung nach: Qualität! Während andere die Zahl der Korrespondentenbüros reduzieren und den Schwerpunkt in Richtung Häppchenjournalismus und seichtem „Tittitainment“ verlageren, bleiben die Macher der ältesten Wirtschafts-Wochenzeitung der Welt (erscheint seit 1843) stur bei ihren Leisten, nämlich einer Mischung aus bestechender Analytik, eine manchmal ans Esotherische grenzende Themenauswahl und einem Tiefgang, der durch verspielten Witz geschickt getarnt bleibt. Ach ja, und dann sind da diese wunderbaren seitenlangen Texte, die zum richtigen Lesegenuß einladen! Die wenigen mehr oder weniger willkürlich zwischengestreuten Bildchen sind mit Unterzeilen versehen, die mehr den Charakter von Suchrätseln haben (Beispiel aus der neuen Ausgabe, unter einem Foto von Erwin Schrödinger: „But what about the other eight lives?“), und fast jede Headline löst beim Betrachter ein befriedigendes inneres Lächeln aus, wie „The end is nigh (again)“ zu einem Artikel über die Zukunft der Aktienkurse.

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Quadratur des Qualitätsjournalismus: Die SZ-GDAZ

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Wie sich die Bilder gleichen: Zwei Grenzfälle auf einmal in der Donnerstags-SZ

Ein Dauerthema dieser Tage nicht nur auf Czyslansky ist die Frage, wie die armen, vom Aussterben bedrohten Tageszeitungen vor der digitalen Bedrohung des Internet gerettet werden können. Die SPD verstieg sich kürzlich, wie an dieser Stelle ausführlich diskutiert, zur gewagten Gleichung „Qualitätsjournalismus = Printjournalismus“ , was natürlich bei jedem Online-Journalisten eine offene Wunde weiter aufriß.

Seitdem schleichen wir Cyber-Schreiber mit hochgeklapptem Revers nachts durch dunkle Gassen und starren voller Neid auf die hellerleuchten Büros, zum Beispiel auf die der „Süddeutschen“ in ihrem neuen Hochhaus im Münchner Osten, wo die „richtigen“ Journalisten an hochqualitativen Texten arbeiten, mit denen sie emsig Tag für Tag ihre langen Papierbahnen füllen. Ja, das sollte uns allen eine neue Zeitungs-Steuer wert sein. Gut, diesmal hat es nicht geklappt, weil die SPD das Thema zu spät in die politsiche Debatte warf, um damit ihren chronischen Wählerschwund zu stoppen, der übrigens fatal an jenen Leserschwund erinnert, der die eigentliche Ursache für die ganze Diskussion um Qualitäts- und/oder Printjournalismus gewesen ist. Aber in vier Jahren sind ja wieder Wahlen, und vielleicht ist es bis dahin dann so weit. Falls es bis dahin noch Tageszeitungen gibt.

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