Schlagwort-Archive: Print

So sehen Bestseller aus!

Wie sich die Bücher gleichen…

„Deutschland schafft an, müste der Titel von Thilo Sarrazins neuem Buch eigentlich lauten. Das Ding geht jedenfalls schneller weg als warme Semmeln. Wie eine dpa-Umfrage ergab, war das Buch bereits am Freitag bei vielen Buchhändlern vergriffen. DVA erklärte, das bereits 70.000 Bücher ausgeliefert wurden und am Montag bereits die vierte Auflage mit weiteren 80.000 Exemplaren folgen soll. Auch die fünfte und sechste Tranche sei schon in Auftrag gegeben, so eine Sprecherin der Deutschen Verlags-Anstalt in München. Die Gesamtauflage werde bei 250 000 Exemplaren liegen, denn das Buch sei ein grosser Verkaufsschlager.

Auf der Bestsellerliste von Amazon ist das Buch längst auf dem ersten Platz zu finden, gefolgt von dem Werk „Das Ende der Geduld“ von der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Auch in meinem eigenen Online-Buchladen, wo das Werk von Sarrazin neben Schirrmachers Pestseller unter der Rubrik „schlechte Bücher – die man aber trotzdem gelesen haben muss, um mitreden zu können“ feilgehalten wird, liegt der Noch-Bundesbanker deutlich vorn: 2 Besucher meiner Website haben dort in dieser Woche den roten Einband bestellt, nur einer griff zu grün. Im Übrigen entschuldige ich mich jetzt schon, wenn es noch ein bißchen dauert: Laut dpa liegt die Wartezeit für die Auslieferung bei bis zu drei Wochen.

Weiterlesen

Berlin – ein Tag Paralleluniversum

Es wurde hier ja bereits angekündigt: Heute war ich in Berlin, zusammen mit meinen Mit-Czyslankys Tim Cole, Christoph Witte und Alexander Broy. Wir sind hier auf Einladung der WELT kompakt. Ein Blatt aus dem Springer-Konzern – und wir sollten es einen Tag lang schreiben, zusammen mit anderen Bloggern aus der Szene. Meine Selbstbefragung ergab keine Berührungsängste. Ich würde auch einen Tag lang die BILD machen – solange ich keine Vorgaben bekommen würde, was genau ich zu schreiben hätte.

Für die Berührungsängste haben die „anderen“ gesorgt. Im Vorfeld hatte es einiges an Ärger gegegeben. Man darf nicht für Springer schreiben, weil man von denen kein Geld nimmt, weil sie kein Geld zahlen würden, weil wir ehrlichen Journalisten den Job wegnehmen, weil wir einen Tag lang deren Job machen würden. Nun ja, nicht sehr realistisch, viele von uns haben über Geld nicht einmal nachgedacht. Blogger leben entweder davon, dann ist so ein Tag eine gute Chance für neue Eindrücke. Ein Angebot. Kann man annehmen oder ablehnen. Weiterlesen

Ich spiele Weltkompakt

Ein wenig fühle ich mich wie das Kamerakind bei der Kindersendung „Eins, zwei oder drei …“ (war das mit  Michael Schanze?) Gekennzeichnet durch einem rosa Rahmen im Bild darf ich die große Kamera durchs Studio schwenken.

In diesem Fall ist es keine Kamera, sondern die Weltkompakt an der ich mich versuchen darf. Mein Beitrag über Literatur im Netz, der morgen übrigens nahezu ungekürzt erscheinen wird, war mehr oder weniger ein Heimspiel, aber was ich mir dann aufgehalst habe, war etwas völlig Neues für mich.

„Kamerakind“ Alexander ist nämlich jetzt einen Tag der „Sportchef“ der rechten Spalte mit den Meldungen, die keinen so richtig interessieren, die man aber der Vollständigkeit halber unbedingt erwähnen muss. Und jetzt beginnt das, was für Journalisten ganz normal ist und für mich richtig anstrengend. Agenturmeldungen lesen, sortieren, Themen vorschlagen, Texte verfassen, Texte kürzen, Nachrichten rausschmeissen, andere Prioritäten setzen … Wenn wichtigere Nachrichten hereinkommen, müssen Unwichtige weichen, wenn Neue kommen, müssen Alte weg …

Ein komisches Medium dieses Print … Anstatt das alles einfach auf der Timeline nach unten zu verschieben …

Bald die papierlose Toilette?

Das papierlose Büro hat sich ja, wie wir wissen als Mythos herausgestellt. Die Computer konnten das Papier in den Büros nicht überflüssig machen, denn kaum hatte der Mensch den Computer erfunden, erfand er gleich darauf den Drucker.

Wenn ich vom Papier-Sterben auf Toiletten spreche, assoziiert vermutlich der eine oder andere in eine völlig andere Richtung. Ich spreche nicht von leeren Klorollen, sondern in erster Linie vom Sterben der gedruckten Klolektüre.

Mal abgesehen von dem ein oder anderen Mittelstands-Manager, der sich E-Mails und Tweets von seiner Sekretärin ausdrucken und auf den Lokus legen lässt, wird das iPhone, Blackberry oder andere Smartphone ein immer wichtigerer Bestandteil des stillen Ortes der Besinnung. Stapelten sich noch vor Jahren die Illustrierten, Bücher, Zeitschriften, Versandhauskataloge und Tageszeitungen auf unseren Aborten, wird dort inzwischen die Auswahl immer dünner. Beim Studium des Sortiments der Villeroy & Boch Bibliotheken unserer Mitmenschen konnte man oft sehr genau den Grad der Intellektualität des „Besitzers“ beurtelien. Heutzutage müsste man schon den Cache seines Smartphones scannen um auf die Lesegewohnheiten zu schliessen.Wir verzeichnen also einen erhöhten Grad an Privatsphäre, das ist eindeutig positiv zu bewerten, aber leider langweilig. Der Schutz von Privatsphäre führt leider immer zu einer Verringerung des Unterhaltungswertes der Mitmenschen, das ist aber anderes Phänomen, was wir an anderer Stelle betrachten wollen.

Wäre es nicht großartig mal in einer ausgedehnten wissenschaftlichen Studie die Entwicklung der Lesegewohnheiten auf Toiletten zu betrachten?

Wer nutzt alles einen Kindle, oder überhaupt eBook-Reader? Wer twittert gern über die Beschaffenheit seines Stuhlgangs? Wer liest in Foren, oder arbeitet mit seinem Blackberry E-Mails ab? Und was geschieht mit den Printmedien auf unseren Toiletten?

So sieht Qualitätsjournalismus aus!

economist_cover_20081

…und das machen sie richtig gut!

In unserer Reihe zum Thema Qualitäts-, bzw. Print-Journalismus wollen wir uns heute wieder unserer Haus- und Hof-Tageszeitung, der „Süddeutschen“, zuwenden, die zwar manchmal Dubletten produziert (siehe „Quadratur des Qualitätsjournalismus: Die SZ-GDAZ„), manchmal aber auch richtig gute Einblicke in die Aufs und Abs der Medienlandschaft. Christine Brinck hat sich heute Lorbeeren verdient mit ihrer Analyse („Homer Simpsons Wendepunkt“) des „Economist“, dem weltweit einzigen bedeutenden, wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin, das sich erfolgreich gegen den allgemeinen Anzeigen- und Leserschwund der letzten Jahre behauptet hat. Klartext: Während beispielsweise die Auflage von „Focus“ von 800.000 auf gerade mal 656.000 geschrumpft ist und „Businessweek“ angesichts einer Halbierung der Leserzahl im Frühjahr den Rückzug aus dem Nachrichten-Business verkündet hat, steigt und steigt die Auflage des „Economist“, und auch die Anzeigeneinnahmen sind im vergangenen (Krisen-)Jahr um 25 Prozent gestiegen.

„Was macht der Economist richtig?“, fragt die Autorin, und liefert eine absolut korrekte Erklärung nach: Qualität! Während andere die Zahl der Korrespondentenbüros reduzieren und den Schwerpunkt in Richtung Häppchenjournalismus und seichtem „Tittitainment“ verlageren, bleiben die Macher der ältesten Wirtschafts-Wochenzeitung der Welt (erscheint seit 1843) stur bei ihren Leisten, nämlich einer Mischung aus bestechender Analytik, eine manchmal ans Esotherische grenzende Themenauswahl und einem Tiefgang, der durch verspielten Witz geschickt getarnt bleibt. Ach ja, und dann sind da diese wunderbaren seitenlangen Texte, die zum richtigen Lesegenuß einladen! Die wenigen mehr oder weniger willkürlich zwischengestreuten Bildchen sind mit Unterzeilen versehen, die mehr den Charakter von Suchrätseln haben (Beispiel aus der neuen Ausgabe, unter einem Foto von Erwin Schrödinger: „But what about the other eight lives?“), und fast jede Headline löst beim Betrachter ein befriedigendes inneres Lächeln aus, wie „The end is nigh (again)“ zu einem Artikel über die Zukunft der Aktienkurse.

Weiterlesen

Print und Online – Eine kleine Geschichte der Zeit

zeit-printonlioneDie ZEIT  hat es als erstes (Print)Medium verstanden, Inhalte zielgruppengerecht aufzubereiten. Nur so kann man die schwindende Zahl an Totholzlesern bei Laune halten und gleichzeitig der „hippen“, neuen Onlinezielgruppe um den Bart streichen. Den Artikel über die Diskussion der Internetaktivistin Franziska Heine und Familienministerin Ursula von der Leyen wird online als

… streiten über die Stoppschilder vor Kinderpornoseiten.

 angekündigt.

In der Printausgabe, die wie angenommen wird, eher von der Generation „Internet ist Teufelswerk“ gelesen wird, kann man es ruhig auch mal ein bisschen drastischer formulieren:

Die Internetaktivistin Franziska Heine und Familienministerin Ursula von der Leyen streiten über das Verbot von Kinderpornografie

Eine tolle Idee, ich bin gespannt, ob auch andere Medienhäuser nachziehen und auch ihre Inhalte zielgruppengerecht aufbereiten, vieleicht ist das der Weg aus der Krise.

Der Popel-Skandal und die Anzeigen Krise

War das nicht immer schon unser schlimmster Alptraum, dass man uns durch einen DNA-Test der „Popel-an-die-Tür-Schmiererei“ überführt?
Die Geschäftsführung einer Wolfsbuger Media Markt Filiale drohte ihren Mitarbeitern in einem Brief, bei allen männlichen Angestellten einen DNA-Test durchzuführen, um denjenigen zu ermitteln, der seine Popel an die Tür der Herrentoilette schmiert.
Ist das nicht die perfideste Art von Überwachung?
Aber ich höre schon wieder die Stimmen der Gutmenschen, die sagen werden: „Wer nichts zu verbergen hat, der braucht einen Gen-Test nicht zu fürchten“
Dabei ist das „Popel-an-die-Tür-des-Arbeitgebers-schmieren“ doch ein anerkanntes und legitimes Mittel des Arbeitskampfes, wie Demonstrationen, Arbeitsniederlegungen, Streiks und „Trillerpfeiffen-vor-dem-Werkstor-blasen“

Aber was machen die großen Zeitungen, wie SZSpiegel und sogar die TAZ?
In ihrer eigenen Misere gefangen, berichten sie lediglich über den sofortigen Anzeigenstop des Media Markts bei der Braunschweiger Zeitung, die als erstes über diesen „Popel-Skandal“ berichtet hatte. Dabei geht es laut Spiegel um ca. 300.000 Euro, auf die das Lokalblatt nun verzichten muss, weil sie ihre journalistische Pflicht wahrgenommen hatten. Als sei Einfluss der Wirtschaft auf die Presse etwas Neues …

Genossen hebt die gestreckten Zeigefinger zum Arbeitskampf, lasst euch nicht unterdrücken und kauft nicht bei Popel-Kapitalisten!

Aus dem „Guardian“ wird ein „Twitter-Tagblatt“

Aus für die Printauasgabe: Der "Guardian" erscheint nur noch auf Twitter

Aus für die Printausgabe: Der "Guardian" erscheint nur noch auf Twitter

Das Ende der Tageszeitung kommt offenbar schneller, als selbst wir Czyslanskys gedacht haben. Die angesehene britische „Guardian“ stellt nach 188 Jahren die Papierausgabe ein und erscheint als erste Traditions-Tageszeitung der Welt fortan nur noch auf Twitter. Das vermeldete gestern die Onlijne-Ausgabe www.guardian.co.uk unter der Headline „Twitter switch for Guardian, after 188 years of ink

Als eine „Nur-Twitter-Publikation“ werde das Blatt in der Lage sein, die „noch nie dagewesene Fähigkeit des Online-Dienstes in der Nachrichtengewinnung“ für sich zu nutzen, die sich am Beispiel des Fluggastes dokumentiere, der bei einem Flugzeugabsturz in Denver in der Maschine saß und ich Echtzeit von der Unfallstelle per Tweet berichten konnte – ein Eriegnis, das auch Czyslansky nicht verborgen geblieben ist (siehe: „Holy fucking shit …„).

Im Augenblick arbeitet die Redaktion nach Angaben des Blattes mit Hochdruck daran, das gesamte Archiv der Zeitung auf das Twitter-Format umzuschreiben. Einige der wichtigsten Beiträge seien schon fertig, zum Beispiel: „“OMG Hitler invades Poland, allies declare war see tinyurl.com/b5x6e for more“ oder „JFK assassin8d @ Dallas, def. heard second gunshot from grassy knoll WTF?“

Wäre nicht das etwas verdächtig wirkende Erscheinungsdatum des Guardian-Beitrags, könnte man als altgedienter Printjournalist ob dieser neuerlichen Hiobsbotschaft vollends vom Glauben abfallen. Zufall? Wohl kaum. So bleibt uns doch noch ein Funken Resthoffnung…

Aus 300 mach 20

Eigentlich freue ich mich ja über jeden Sieg, den die Onliner gegen die Printdinos gewinnen, aber bei dieser Nachricht auf Turi2 gefror mir der Kaffee im Becher.

WAZ streicht 300 Print-Stellen und stellt 20 Onliner ein.
Print zerrinnt, Online gewinnt: Die WAZ-Gruppe sagt jetzt klar, wo’s langgeht.

Das haben wir sicherlich nicht gewollt, als wir nach schnelleren, flexibleren und interessanteren Medien riefen.

Aber sind es wirklich die Online Medien, die den Printausgaben den Garaus machen? Ist es nicht die, über die Jahre immer schlechter werdende Qualität der alten Medien, die es erst möglich machte überholt zu werden?

Und glaubt man bei der WAZ tatsächlich, die Qualität des Angebotes, sei es nun Print oder auch Online, mit Stellenstreichungen verbessern zu können?

Wie schreibt Florian Treiß so treffend:

Und die Kinder bringt der Klapperstorch.

mit besten Grüßen, ein traumatisierter Onliner, der gleich irgendein Printmedium kaufen geht, um den Markt zu stützen.

P.S. Einen Kampfblog mit dem Namen Medienmoralnrw möchte ich als Zeichen meiner Solidarität noch verlinken. er hat sogar einen Twitteraccount mit immerhin schon 82 Followern, obs das noch rumreisst?

Das Kursbuch ist tot – Print stirbt doch

Hans-Magnus Enzensberger schreibt in der FAZ.NET einen Nachruf auf das Kursbuch. Nein, nicht auf „sein“ Kursbuch, jene von mir einst gelesene und von ihm einster gegründete Zeitschrift. Das wirkliche, wahre und echte Kursbuch der Deutschen Bahn wird eingestellt. Ein letztes Mal erscheint der dicke Wälzer, der auf dünnem Papier auflistet, wann, wo, welche Züge eigentlich abfahren sollen. Ein Werk, das in alter Zeit ebenso unverzichtbar war, wie das gelbe Telefonbuch.

kursbuch

In der elektronischen F.A.Z. erzählt der große Erzähler von seinem Vater, einem leidenschaftlichen Zeigefingerreisenden und seinem „Amtlichen Kursbuch für das Reich, Teil 4, Fremde Länder, Jahrgänge 1928-1939“, einem frühen Helge Schneider, der uns von ein paar Jahren den Expeditionsroman „Globus Dei“ auf gleicher Wissensbasis geschenkt hat.

Mein alter Freund Walter war in den 70iger Jahren weithin (jedenfalls im Fränkischen) dafür bekannt, dass er zahllose selten und nur von unbekannten Reisenden genutzte Provinzverbindungen inklusive Anschlussdaten zu den roten Bahnbussen auswendig aus dem Kursbuch rezitieren konnte. Erzählte er uns zu nächtlicher Kneipenzeit aus dem Kursbuch, so erschloss sich auch mir die Poesie dieses Werks. Ich erinnere mich auch an einen Vortrag von Gedichten Wolf Wondratscheks, in dem eines der Werke bloß aus einer Zusammenstellung solcher Kursverbindungen bestand.

Ich werde es vermissen, das Kursbuch der Deutschen Bahn, auch wenn ich es schon lange nicht mehr zur Hand genommen habe. So wie ich bald schon das konservative Rascheln der F.A.Z. vermissen werde, auch wenn ich sie seit langem schon nur in den Ausschnitten eines Clippingsdienstes lese.