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Ein Algorithmus für das Vergessen

Da war doch noch was...

Da war doch noch was…

Das Urteil des höchsten europäischen Gerichts, des EuGH, gegen Google im Streit um das Recht aus Vergessen ist ein Skandal, kein Zweifel. Die Oberrichter haben ganz offensichtlich nicht zu Ende gedacht, was sie da angezettelt haben, denn jetzt kann ja – nicht nur – theoretisch jedermann bei Google den Antrag stellen, Fundstellen zu löschen, die irgendwie mit ihm zu tun haben. Dabei ist es ganz egal, ob dieser Antrag in irgendeiner Form berechtigt ist, also ob tatsächlich irgendein Persönlichkeitsrecht verletzt wird. Es genügt zu sagen: „Ich will das nicht“.

Wieder theoretisch wird Google in jedem einzelnen Fall prüfen, ob dieser Wunsch nach Löschen einer Information gerechtfertigt ist oder nicht. Google müsste dazu eine Heerschar von Prüfern anheuern, die jeden Tag nichts anderes tun, als Millionen von Anträgen anzuschauen, die Hintergründe (mit Hilfe der eigenen Suchmaschine) zu recherchieren und anschließend zu entscheiden: Löschen oder Nichtlöschen. Und wenn nicht? Dann kann der Löschungswütige ja – ebenfalls theoretisch – die Gerichte anrufen und versuchen, Google zu zwingen, es doch zu tun.

Was wird Google, das ja am Ende des Tages ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, stattdessen tun? Klar: Sie werden einfach jedem Löschungsantrag entsprechen, und zwar ungeprüft! Alles andere wäre wirtschaftlicher Wahnsinn. Und wo, bitteschön, bleibt da die Wahrheit? Darf einfach jeder nach Gutdünken die Geschichte umschreiben. Ich saß gestern Abend nach der IT-Sicherheotskonferenz des TÜV Rheinland in Fürstenfeldbruck, wo ich als Moderator tätig bin, mit Odad Ilam vom israelischen Cyber Gym zusammen, einem Trainingslager für Cyberwar-Soldaten, und er fand einen ziemlich drastischen Vergleich. „Stelle dir vor, Hitler wäre noch am Leben. Er hat irgendwo in Südamerika jahrelang unerkannt überlebt, und jetzt stellt er bei Google den Antrag, alle Einträge über die Judenvernichtung im Dritten Reich zu löschen. Warum? Weil er sich davon gestört fühlt, dass sowas öffentlich bekannt sein soll?“ Nun ja, wenn Google ungeprüft löscht, dann wäre der Holocaust auf einmal weg. Wollen wir das?

Beim Mittagessen saß ich dann zusammen mit meinem alten Freund Phil Zimmermann zusammen. Phil ist der Erfinder von PGP, das verbreitetste Verschlüsselungsprogramm für E-Mail auf der Welt. Ich habe ein paar bleifreie Weißbier getrunken, er ein Mango-Schorle. Das, was wir uns ausgedacht haben, war also keineswegs vom Alkohol beflügelt. Und trotzdem klingt es zunächst ein bisschen danach, als hätten wir ein paar Flaschen Rotwein intus gehabt. Weiterlesen