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Ein Ticket in die Vergangenheit

Das Digitalzeitalter hat uns manchen Fortschritt beschert. Wie mühsam war doch damals die Fliegerei, als man noch ein Papierticket brauchte, das man sich im Reisebüro oder bei der Fluggesellschaft besorgen musste. Und wenn er weg war, war er weg, meistens jedenfalls. Ich erinnere mich mit Schrecken an eine Rucksackreise nach Indonesien im Jahre des Heils 1980, wo man mir selbigen samt Pass, Bargeld, Reiseschecks und natürlich auch die Rückflugkarte klaute und ich bettelarm und reichlich hilflos im Büro der staatlichen Fluggesellschaft Garuda um Ersatz vorsprach. Nach mehreren Stunden – das Telefax-System in Jakarta streikte gerade, wie so oft – erbarmte sich meiner eine hübsche junge Angestellte und stellte mir, ohne dass sie dazu autorisiert war, sozusagen auf Verdacht einen Flugschein aus, bat mich aber innständig, mich gleich nach der Ankunft beim Ticketschalter in Singapur zu melden und die Sache klar zu stellen. „Wenn Sie das nicht tun, bin ich meinen Job los. Und an meinem Gehalt hier hängt meine ganze Familie – meine Kinder, meine Großeltern und Schwiegermutter“, sagte sie besorgt.

Ich weiß nicht, was es ihr den Mut zu einem so tollkühnen Regelverstoß gab, aber ohne sie säße ich vielleicht immer noch in Fernost fest. Jedenfalls ging die Sache für uns beide gut aus: Ich gelangte wieder zurück in der Zivilisation, und sie konnte ihre Arbeitsstelle behalten. Heute wäre die Sache natürlich ganz einfach: Ich würde mir das eTicket einfach nochmal aufs Handy runterladen und es beim Einchecken der freundlichen Stewardess zeigen.

Ja, wir sind weit gekommen in der Zwischenzeit, jedenfalls  beim Fliegen. Als Konzertbesucher jedoch steckt man leider noch mitten in der digitalen Steinzeit. Weiterlesen

Bald die papierlose Toilette?

Das papierlose Büro hat sich ja, wie wir wissen als Mythos herausgestellt. Die Computer konnten das Papier in den Büros nicht überflüssig machen, denn kaum hatte der Mensch den Computer erfunden, erfand er gleich darauf den Drucker.

Wenn ich vom Papier-Sterben auf Toiletten spreche, assoziiert vermutlich der eine oder andere in eine völlig andere Richtung. Ich spreche nicht von leeren Klorollen, sondern in erster Linie vom Sterben der gedruckten Klolektüre.

Mal abgesehen von dem ein oder anderen Mittelstands-Manager, der sich E-Mails und Tweets von seiner Sekretärin ausdrucken und auf den Lokus legen lässt, wird das iPhone, Blackberry oder andere Smartphone ein immer wichtigerer Bestandteil des stillen Ortes der Besinnung. Stapelten sich noch vor Jahren die Illustrierten, Bücher, Zeitschriften, Versandhauskataloge und Tageszeitungen auf unseren Aborten, wird dort inzwischen die Auswahl immer dünner. Beim Studium des Sortiments der Villeroy & Boch Bibliotheken unserer Mitmenschen konnte man oft sehr genau den Grad der Intellektualität des „Besitzers“ beurtelien. Heutzutage müsste man schon den Cache seines Smartphones scannen um auf die Lesegewohnheiten zu schliessen.Wir verzeichnen also einen erhöhten Grad an Privatsphäre, das ist eindeutig positiv zu bewerten, aber leider langweilig. Der Schutz von Privatsphäre führt leider immer zu einer Verringerung des Unterhaltungswertes der Mitmenschen, das ist aber anderes Phänomen, was wir an anderer Stelle betrachten wollen.

Wäre es nicht großartig mal in einer ausgedehnten wissenschaftlichen Studie die Entwicklung der Lesegewohnheiten auf Toiletten zu betrachten?

Wer nutzt alles einen Kindle, oder überhaupt eBook-Reader? Wer twittert gern über die Beschaffenheit seines Stuhlgangs? Wer liest in Foren, oder arbeitet mit seinem Blackberry E-Mails ab? Und was geschieht mit den Printmedien auf unseren Toiletten?

Ohne Papier keine Kultur

Papier ist überall. Es nimmt unsere Ideen und Gedanken auf, transportiert und konserviert sie. Wir wickeln darin unsere Frühstücksbrötchen ein und trinken aus ihm unseren Morgenkaffee. Es hängt neben der Toilette und in den größten Museen der Welt, von Künstlern wie Pablo Picasso und George Braque zu Kunstwerke von unschätzbarem Wert verarbeitet. Wir wickeln darin unsere Wertsachen ein, legen sie in Umzugskartons und ziehen damit um. Wir falten daraus kleine Flugzeuge und lassen sie mit unseren Träumen davon fliegen. Wir schleifen Unebenheiten mit ihm glatt und isolieren damit Elektroleitungen. Wir bezahlen damit beim Einkaufen oder blättern gedankenverloren darin  herum, wenn wir beim Friseur oder beim Zahnarzt warten müssen. Manchmal ziehen wir es sogar an und laufen darin herum. Papier ist vielseitig und funktionell, flexibel und verfügbar, billig und benutzerfreundlich, anpassbar und allgegenwärtig, natürlich und authentisch, leicht und kräftig, zuverlässig und zeitlos.

„Ohne Papier gäbe es unsere Kultur nicht“, sagte mir neulich Dr. Dorothea Eimert, Leiterin des Deutschen Papiermuseums in Düren, einer Kleinstadt am Nordrand der Eifel, das jahrhundertelang von Papier gelebt hat und immer noch als Zentrum der deutschen Papierindustrie gilt. Hätte Guttenberg einen anderen, ähnlich variablen und robusten Beschreibstoff für den Buchdruck gefunden? Zwar hat der Mensch in seiner Geschichte Zeichen und Buchstaben in Tontafeln und auf Baumrinde geritzt, die alten Ägypter hatten ganze Bibliotheken auf Papyrusrollen, im Mittealter haben Mönche ihre Illuminationen auf Rinderhäute gepinselt. Aber die Entstehung unserer heutigen allgegenwärtigen Bild- und Schriftsprache verdanken wir mit einiger Sicherheit dem namenlosen Erfinder des Papiers.

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