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Eine Granate namens Hitler wirkt immer – (Netiquette2015.beta #06)

keep-calm-and-follow-netiquetteDies ist der sechste Text unserer kleinen Serie zum Thema Nett im Netz. Weitere Beiträge folgen in loser Reihenfolge. Eine Übersicht über die erschienenen Beiträge finden Sie jeweils am Ende des Textes.

 

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So eine kleine Revolution ab und zu ist eine gesunde Sache, finden Sie nicht?
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Irgendwie erinnere ich mich an diese legendäre Erkenntnis des U-Boot-Kommnndanten Marko , als ich mit meinem Czyslansky-Freund Alex telefoniere. Ramius hat Recht. Alex allerdings auch. Der nämlich proklamiert, dass hin und wieder eine Handgranate in einer Forendiskussion oder Facebook-Gruppe auch eine gesunder Sache wäre: „Einfach mal eine Handgranate in die Diskussion werfen, Kaffee holen, sich zurücklehnen und schauen, was passiert.“ Dann erzählt er mir, dass er in einem Tabakforum eine solche Granate gezündet hat, als er sich über die dogmatisch-besserwisserische Klugscheißerei der Diskutanten aufgeregt hat. Beste Erfahrungen, so sein Post, hätte er damit gemacht, gebrauchte Pfeifenreiniger in der Spülmaschine zu säubern. Die Ironie hätte nicht jeder verstanden, es habe genug gegeben, die das für bare Münze genommen haben.

bombenstimmung2Auch ich kenne solche Diskussionen, die in Themenforen und mittlerweile auch zahlreichen Facebook-Foren geführt werden. Und überall verläuft es gleich. Es gibt die Empörungs- und Erregungsmaschinisten, die gefühlsduselig gleich („OMG“) stöhnen, vor allem in Tierforen, wenn eine gequälte Kreatur gezeigt wird. Es gibt die Rufer nach dem starken Staat („Warum tun Behörde/Stadt/Gemeinde/Staat… nichts. Man müsste die anzeigen…“), die aber selbst nie aktiv werden. Es gibt die, die niemals aufhören, die provozieren. Es gibt die Ironiker und Zyniker, die selten verstanden werden, die intellektuell Erhabenen, die sich auch so aufführen und es gibt die störrischen Dogmatiker, die Klugscheißer, die trotzigen Besserwisser, die immer aggressiver werden, je mehr man auf ihre Ratschläge und Empfehlungen nicht hören will. Da fallen dann Beschimpfungen wie „beratungsrestsitenter Anfänger“ bis hin zu „Ernährungsfaschist“, als es mal wieder ums Essen ging und ein überzeugter Vertreter der veganen Küche seinen feuer- und schwertmissionarischen Eifer nicht im Griff hatte. Und schon sind wir bei den „Radlnazis“, den „Tierschutzfaschos“  oder dem „Political-Correctness-Diktator“, den „Tugendterroristen“ oder, oder, oder… Von Netiquette keine Spur, von Beachtung der oft aufgestellten Foren- oder Facebookgruppenbenutzerregeln ebenfalls nicht. Es ist eine wahre Freude, zuzuschauen, wie sich erwachsene Menschen verbal an die Gurgel gehen, Tiefschläge austeilen, zutiefst beleidigen oder beleidigt werden. Oder auch nicht! Weiterlesen

Lasst mich mit eurem Scheiss in Ruhe! – Netiquette2014.beta #05

keep-calm-and-follow-netiquetteDies ist der fünfte Text unserer kleinen Serie zum Thema Nett im Netz – Netiquette2014.beta. Weitere Beiträge folgen in loser Reihenfolge. Eine Übersicht über die erschienenen Beiträge finden Sie jeweils am Ende des Textes.

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„Netiquette“ kommt von „Net“ wie „Netz“ nicht von „nett“ wie der kleine Bruder von Scheisse. Nur das sei einmal mal vorweggeschickt. Ich muss also nicht nett sein. Ich befinde mich, seit ich denken kann in sozialen Netzwerken, erst mit meinen Eltern und Grosseltern, Tanten und so weiter und dann irgendwann mit Frau und Kindern. Ich war in ein paar Cliquen, Schulen, sogar Universitäten, an unzähligen Arbeitsplätzen und Filmsets. Das alles sind soziale Netzwerke. Überall waren Menschen mit denen ich gut, besser oder eben auch schlechter zurechtgekommen bin. Manchmal gab es Freundschaft, manchmal Sex, Streit oder auch mal ein paar aufs Maul, wie man in kultivierten Kreisen sagt. Aber meistens gibt und gab es Nix, gar Nichts. Langeweile, Desinteresse …

Seit ein paar Jahren, inzwischen sind es Jahrzehnte geworden sind auch einige digitale Netzwerke hinzugekommen. von Compuserve, div. MMORPGs, Mailinglisten, Newsgroups, Foren, Twitter, Facebook, Youtube etc. Und wissen Sie was? Es gibt kaum Unterschiede. Mal gibt es Freundschaft, machmal … sie wissen schon … Es ist schlicht genau dasselbe. Ob digital oder real: „same shit, different channel“, wie der Lateiner sagt.
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Was darf in einer E-Mail stehen – und was nicht? – Netiquette2014.beta #04

keep-calm-and-follow-netiquetteDies ist der vierte Text unserer kleinen Serie zumThema Nett im Netz – Netiquette2014.beta. Weitere Beiträge folgen in loser Reihenfolge. Eine Übersicht über die erschienenen Beiträge finden Sie jeweils am Ende des Textes.

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get-anybody-on-the-phone-cartoonIn einer offenen Gesellschaft – und das Internet ist mit das Offenste, was man sich vorstellen kann – dürfen Sie natürlich in Ihre E-Mails schreiben, was Sie wollen. Ob das aber unbedingt weise wäre, ist zweifelhaft. Gerade die Offenheit des Net kann sich als Nachteil auswirken, wenn es darum geht, über Dinge zu kommunizieren, die nicht jeder wissen soll.

Eine E-Mail kann auf dem Weg zum Empfänger durchaus eine Reihe von Zwischenstationen durchlaufen. In jedem dieser Rechner ist es theoretisch möglich, dass ein Fehler auftritt und Ihre Mail an jemanden ganz anderen geleitet wird. Computer sind alles andere als unfehlbar. Außerdem sind manche E-Mail-Adressen in Wirklichkeit Mailing Lists, die eingehende Nachrichten sofort an alle Mitglieder der Liste weiterleiten.

Von der Möglichkeit, dass ein böse meinender Mensch Ihre Mail absichtlich abfangen und lesen könnte, wollen wir erst gar nicht reden. Es ist auch eher unwahrscheinlich, wenn man an die ungeheuren Mengen an Mails denkt, die täglich kreuz und quer durchs Internet reisen. Wie soll ein Hacker wissen, welche Mails für ihn interessant sind und welche nicht? Weiterlesen

„Oh … der Chef liest mit …“ – Netiquette2014.beta #03

keep-calm-and-follow-netiquetteDies ist der dritte Text unserer kleinen Serie zumThema Nett im Netz – Netiquette2014.beta. Weitere Beiträge folgen in loser Reihenfolge. Eine Übersicht über die erschienenen Beiträge finden Sie jeweils am Ende des Textes.

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FatzebuckJa, in meiner Agentur haben wir uns alle lieb. Wir duzen uns natürlich. Die Hierarchien sind flacher noch, als meine Absätze – obwohl man mir in früheren Jahren schon mal zu höheren Absätzen geraten hat. Und ich meine nicht meinen Steuerberater, der schon mal seine Finger auf Absatzschwierigkeiten gelegt hat, sondern eine frühe Jugendfreundin, die sich immer zu mir bücken musste – Jungs sind ja Spätentwickler, wenn überhaupt.

Und doch stellt sich die Frage, ob man sich als „Boss“, selbst wenn man von seinen Mitarbeitern nicht immer als solcher angesehen wird, und zwar vor allem zumeist dann nicht, wenn man sein Chef-sein mal so richtig raushängen lassen möchte, darf man sich also als Arbeitgeber mit seinen Mitarbeitern und erst recht mit seinen Mitarbeiterinnen  auf Fatzebuck befreunden?

Dies ist eine Frage, die ich mit einem entschiedenem JEIN beantworten möchte:

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Papa, Du bist Scheiße! – Netiquette2014.beta #02

keep-calm-and-follow-netiquetteDies ist der zweite Text unserer kleinen Serie zum Thema Nett im Netz – Netiquette2014.beta. Weitere Beiträge folgen in loser Reihenfolge. Eine Übersicht über die erschienenen Beiträge finden Sie jeweils am Ende des Textes.

 

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Es ist über 30 Jahre her, da überraschte mich mein Vater mit einer Zeitungsmeldung. Er hatte sie gelesen, mit Textmarker markiert, auf meinen Platz am Frühstückstisch gelegt und war in die Arbeit gefahren.
Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass er mich auf diese Art auf Nachrichten, Meldungen oder Berichte hinwies, von denen er meinte, ich solle das lesen. Das war in den meisten Fällen zwar gutgemeint, aber nicht gut durchdacht. Vieles davon war weder lesenswert noch interessant – fand ich, der geborene Neinsager zu jeglichen väterliche Belehrungsansprüchen. Ich fing an, in der Fernsehzeitung Sendungen anzustreichen, die er unbedingt sehen wollte. Er verstand das Signal nicht. Noch Jahre später – wir waren längst ausgezogen und lebten in einer anderen Stadt, flatterten auf dem Postweg Schnipsel aus seiner Tageszeitung zu mir: „Das interessiert Dich doch sicher…“
Wie sehr er sich irrte. Heute, wenn ich meine Facebook-Timeline durchblättere sehe ich oft ähnliches Verhalten. Ein Vater stellt seinem Sohn in die Timeline einen Link ein, wo er sich als Praktikant bewerben könne. Natürlich kommentiert. Eine Mutter verlinkt in die Timeline ihres Sohnes unentwegt Berichte über Orte, wo die Familie mal Urlaub gemacht hat und setzt nicht selten eine Anekdote dazu: „Weißt Du noch. Da warst Du acht oder neun…“
Ein anderer zaubert Fotos seiner Kinder aus seinem Archiv und verbreitet diese via Facebook an Freunde und Verwandte, Bilder, die teilweise an die 15 Jahre alt sind. Die Kinder sind hin und wieder recht putzig, aber mal ehrlich: Wer möchte schon unkontrolliert Kleinkindfotos von sich im Netz verbreitet wissen? Ich nicht. Und genau hier steckt das Problem.
Als mein Vater meinte, mich mit Notizen aus der Zeitung belehren und hin und wieder auch provozieren zu müssen (denn nicht selten waren die Berichte genauso ausgewählt) war das eine Sache zwischen zwei Personen: Ihm und mir. Und sie fand auf dem heimischen Esstisch statt. Heute passiert Selbiges auf Facebook: Vor den Augen der Öffentlichkeit, vor eigenen Freunden und den Freunden und Bekannten der Kinder. Das Eltern-Kind-Verhältnis ist im sozialen Netzwerk ein Schwieriges, ich weiß das, denn ich bin seit Jahren bei Facebook und meine Töchter sind es auch.friendsatacebook1
Als sie vor Jahren dort mit dem ersten große Walk In einmarschierten und SchülerVZ und ähnliche Plattformen hinter sich ließen, gab es eine kleine Diskussion dazu. Ich stimmte dem Wunsch zu, dass sie sich dort anmelden durften (eine andere Wahl hatte ich sowieso nicht, sie hätten es sonst vermutlich auch alleine gemacht), erbat mir aber, dass wir fortan bei Facebook befreundet sein sollten. Weiterlesen

Muss ich Euch kennen? – Netiquette2014.beta #01

keep-calm-and-follow-netiquetteDies ist der erste Text unserer kleinen Serie zum Thema Nett im Netz – Netiquette2014.beta. Weitere Beiträge folgen in loser Reihenfolge. Eine Übersicht über die erschienenen Beiträge finden Sie jeweils am Ende des Textes.

 

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Facebook Friends

Was mir übrigens tierisch auf den Senkel geht sind Leute, die sich mit mir befreunden und das als Gelegenheit nutzen, mir Schleichwerbung für ihre Firmen oder Aktivitäten unterzuschieben. Ich werde solche Leute künftig „unfriended“ und ihre Werbeposts sofort löschen – egal, ob ich sie eigentlich gut finde oder nicht! Das ist unerzogenes Benehmen, sonst nichts!!! Vorher fragen, okay?

Diese Zeilen habe ich in vollem Brass auf meine Facebook-Seite knallt, weil mir schon wieder irgendeine Immobilien-Tussi so eine halbseitige Werbeanzeige reingeknallt hat. Das heißt: Sie hat sich erst einmal bedankt dafür, dass ich auf ihre Freundschaftsanfrage reagiert habe. Das ist ja so weit in Ordnung, auch wenn mir ein „Daumen hoch!“ schon genügt hätte.

Das Problem ist die Friends-Inflation, und daran bin ich natürlich selber schuld. Jeder muss ja für sich die Frage beantworten: Wen will ich überhaupt auf Facebook als Freund haben. Oder wie der alte Hermann Kock, Chef der Reisemobilabteilung von Karmann, es in einem meiner früheren Leben so wunderbar von oben herab sagen konnte, wenn er jemandem vorgestellt wurde, der ihm offenbar unsympathisch war: „Muss ich Sie kennen?“

Ich habe neulich die „Schallmauer“ von 1000 FB-Freunden genommen, weil ich mir vor Jahren angewöhnt habe, Anfragen anzunehmen von Leuten, mit denen ich viele Freunde teile. Ich habe keine feste Untergrenze, aber wenn wir 20 oder 30 gemeinsame Bekannte auf Facebook haben, dann kann das doch eigentlich gar kein schlechter Mensch sein, oder? Weiterlesen

Die digitale Entschleierung

Interessante Frage: Darf man jemanden, der anonym twittert, outen? Aktuell wird das gerade bei einem ziemlich heftigen Kommentar-Krieg der sich rund um das angeküdigte Video-Weinportal „TVino“ des Hamburger Weinverkosters Hendrik Thoma entzündet hat. Es handelt sich nämlich ganz offensichtlich um eine PR- und Marketingmaßnahme des mächtigen Hanseatischen Weinhandelskontors HAWESKO, was aber in den Pressemitteilungen zu einer „Zusammenarbeit“ mit Thoma verniedlicht wird.

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Per Twitter trauern

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In memoriam: @tohug twittert nicht mehr.

Ich habe plötzlich ein echtes Netiquetten-Problem. Eigentlich ist es ja ein Twittiquetten-Problem, denn mein junger, ungemein sympathischer Kollege Martin Hug (@tohug) ist am Samstag nach einer Notoperation verstorben. Er hatte erst am 5. März seinen ersten Tweet abgesetzt („Nun wird mit toolbar getwittert – und mobil krieg ich’s auch noch hin…“) und war mit Lust und Freude bei der Sache.

Er war nicht nur als Twitterer witzig und charmant („Frühjahrswetter: die reizende Nachbarin reagiert kleidungstechnisch völlig angemessen aufs warme Wetter…hüstel, hüstel“), eher hintersinnig als vordergründig („Gehe gleich zu einem Vortrag von Ba-Wü-Miniprä Oettinger. Mal sehen, ob ich so schnell hören kann wie der spricht.“). Von ihm stammte vor kurzem die wunderbar zeitgemäße Frage: „wenn die grippalen Symptome nicht gaaanz so schlimm sind, ist das dann #meerschweinchengrippe?“.

Am 8. Mai hat er einen letzten Kurztext abgesetzt („mal so gefragt: hat zufällig jemand so ein Münzfernrohr abzugeben? So eines, wie sie an Aussichtspunkten installiert sind?“). Und nun verstehen seine Kollegen und seine junge Frau die Welt nicht mehr.

Ich habe versucht, ihm einen dem Medium entsprechend knappen Nachruf hinterher zu schicken („Mein netter junge Kollege @tohug aus Freiburg wird nicht mehr twittern: Er ist am Wochenende nicht mehr aus der Narkose aufgewacht…“). Und nun weiß ich nicht: Soll ich – muß ich – ihn jetzt aus der Liste derjenigen löschen, die ich bei Twitter verfolge? Ist das pietätlos? Soll ich erst ein paar Tage oder Wochen (wie viele?) verstreichen lassen, oder gleich tabula rasa machen? Und bin ich vielleicht verrückt, weil ich mich überhaupt mit einer solchen Frage herumplage? Vielleicht weiß ja einer von Euch eine Antwort.