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Germanwings und die medialen Reiter der Apokalypse

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Bei einer Katastrophe, wie dem Absturz der Germanwings A320, überwiegt bei mir gelegentlich doch die Wut die Trauer. Es ist so schäbig ansehen zu müssen, wie Blogger, Twitteristi, Facebook-„Freunde“, alte Medien und ganze Firmen die Katastrophe dazu nutzen, ihr eigenes billiges Süppchen zu kochen.

Ich habe den gestrigen Tag als Referent auf einem Storytelling- und Social-Media-Workshop bei Lufthansa Systems verbracht. Da war die Betroffenheit der Teilnehmer über das Unglück, das sich ja quasi in der eigenen Unternehmensfamilie abgespielte, sehr sehr groß. Und natürlich zwang mich das gestern die Reaktionen der Zeitzeugen in den sozialen Medien intensiver zu studieren, als ich dies sonst wohl getan hätte. Manche Leutchen in den sozialen Kanälen mögen ja wirklich betroffen gewesen sein und sie versuchten vielleicht ihre Trauer durch Postings, Tweets und Kommentare durch Teilen abzuarbeiten. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass viele Selbstdarsteller unter den Trauernden die „Story“ auch für ihre ureigensten wirtschaftlichen oder publizistischen Interessen zu nutzen trachteten.

Den Gipfel bildete gestern wohl jenes Unternehmen, das seine Fähigkeiten zur Datenrettung mit einer Sonderaktion für die Hinterbliebenen in einem Pressetext so beworben hat:

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Der Journalist als Auslaufmodell

Der Mensch im Zeitalter von Vernetzung und digitaler Beschleunigung hat mehr Information zu Verfügung als je zuvor – zu viel, wie Kulturpessimisten vom Schlage eines Frank Schirrmacher behaupten. Das Bild einer riesigen Tsunamiwelle aus Bits und Bytes, die uns alle zu überfluten droht, ist zum gängigen Klischee geworden, das vor allem von denjenigen beschworen wird, die bisher selbst gewohnt waren, an den Schleusentoren zu stehen und zu regulieren, welche Informationen letztlich bis zum “Konsumenten” der Information gelangten. Mit Floskeln wie “Qualitätsjournalismus” oder “Sorgfaltspflicht” haben die Nachrichten-Jäger und -Sammler selbst, vor allem aber diejenigen, die sie bezahlt haben – die Bosse in den Verlagen, Medienhäusern und Fernsehsendern – die angeblich so wichtige Funktion der Vorselektion und Interpretation der Ereignisse durch für eigens dafür ausgebildete und deshalb angeblich besonders kompetente “Informations-Profis” besungen. Wie die delphischen Orakel von einst sollen ihrer Meinung nach nur Eingeweihte in der Lage sein, aus dem wirren Geflecht von Fakten die allein seligmachende Wahrheit zu extrahieren, die sie dann bedeutungsschwanger auf den Leitartikelseiten oder mit sonorer Stimme in den “Tagesthemen” dem ungebildeten Volk verkünden.

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Journalismus aus dem Automaten

…und immer an den Nutzer denken!

Ich habe die Zukunft des Journalismus gesehen, und mir graut vor ihr.

Jürgen Schlott ist ein netter, freundlicher Mann, der sich „Direktor Marketing“ bei Focus Online nennt, dem „führenden deutschsprachigen Nachrichten- und Nutzwertportal“, wie es auf der Impressumseite heißt. In Düsseldorf auf der „Conversion Conference“ hat er einen Vortrag gehalten mit dem Thema „userzentriertes Arbeiten bei Focus Online.“ Und ich habe ihn dort gefragt: „Sollte das nicht besser ‚leserzentriertes Arbeiten‘ heißen?“ Er hat den Kopf geschüttelt. „Leser gibt es bei uns nicht. Das Wort steht bei uns auf dem Index.“

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Empört Euch – „Science: it’s a girl thing“

Science is a girl’s thing lautet die Kampagne der EU-Kommission, deren Ziel es ist, vor allem Mädchen, Schulabgängerinnen und junge Frauen für eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz in der Wissenschaft zu interessieren. Immerhin sind Wissenschaft und Forschung noch immer weitgehend in Männerhand und der Mangel an guten und qualifizierten Forschern ist riesig. Wo, wenn nicht bei den Schulabgängerinnen, qualifizierten Nachwuchs suchen und ausbilden?

Soweit die Theorie.

Kaum ist jedoch der dazu gehörige Videoclip ins Netz gegangen, donnern Kritik und Häme aus allen Ecken: Die österreichische Zeitung Der Standard beschreibt die Kampagne so: Was die Macher der Kampagne allerdings präsentiert haben, ist eine Ansammlung von Stereotypen und sexistischen Bildern: In einem pink-lastigen Werbespot staksen drei junge Frauen perfekt gestylt in Highheels durch ein Labor, posieren dort wie Models und das Logo der Kampagne wird von einem Lippenstift gekrönt. Dann verweist der Standard auf die zahllosen höhnischen Kommentare, die der Spot bei Youtube mittlerweile eingefahren hat.


Thats a rather odd looking kitchen. schreibt dort ein User, ein anderer This is a fucking disgrace  ein Dritter Get back in the garage and get me a beer!

Wie zu erwarten, sind von den Kommentaren nicht nur Häme und Spott zu lesen. Umgehend  kam auch der Sexismus-Vorwurf aufs Tapet. Der W&V-Branchendienst fasst zusammen: Bunte Farben, heiße Feger, Miniröcke, Stöckelschuhe, coole Fotos in lässigen Posen vor ausgefallener Kulisse, dazu ein Lippenstift-Logo. Viele Stimmen im Netz beklagen sich, einmal mehr reduziere das Frauen darauf, dass sie heiß zu sein hätten und weiter nichts.

Gleichzeitig melden sich im Netz Wissenschaftler zu Wort, die kritisieren, diese Kampagne habe mal rein gar nichts mit ihrem Berufsbild zu tun.  Das wundert nicht, Weiterlesen

Stell dir vor, alle machen Social Media Marketing und keiner weiß, wie’s geht!

Leider ist diese Überschrift so gar nicht übertrieben. Folgt man der „Marktforschungsstudie zur Nutzung Alternativer Werbeformen im Internet“ von webguerillas und GFK, dann muss man zur Einschätzung gelangen, dass Social Media Marketing zwar einen beispiellosen Boom erlebt, die strategische Kompetenz der Unternehmen, die sich auf diesem Gebiet tummeln, aber fürchterlich ist.

Hinter PR, Online-PR und klassischer Print-Werbung hat sich das Marketing über Blog und Facebook bereits den vierten Platz im Marketing-Mix erobert:

Aber gerade einmal 40 Prozent derjenigen Unternehmen, die Social Media Marketing betreiben, verfügen auch über eine Social-Media-Strategie.

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Der TV-Komplott: Wie ARD und ZDF heimlich nach der Weltherrschaft greifen

Die üblichen Verdächtigen!
Die Chefs von ARD und ZDF haben die Bundesregierung aufgefordert, das Handelsabkommen ACTA „sofort“ zu unterzeichnen, wie es in einer Erklärung der Deutschen Content Alliance heißt, der neben den beiden großen öffentlich-rechtlichen Sendern auch der Verband Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT) und die GEMA angehören. Dass am vergangenen Wochenende Hunderttausende von Internet-Fans gegen ACTA auf die eisigen Straßen Deutschlands gegangen sind, beeindruckt die Medienbonzen nicht – im Gegensatz zu der Politik, die ganz schnell einen Rückzieher machte und ACTA erst mal ad acta gelegt hat. Für die Fernsehmacher ist das Internet nach wie vor ein Hort von Kriminellen, die ständig versuchen, sich an ihren kostbaren Inhalten zu vergreifen.

Damit stellen sich ARD und ZDF in eine Reihe mit jenen Medienkonzernen, deren Geschäftsmodell zunehmend darin besteht, ihre Kunden strafrechtlich zu verfolgen und Teenagern die Staatsanwaltschaft ins Haus zu schicken, weil sie den Ausdruck „information wants to be free“ allzu wörtlich genommen haben. Notabene: Es sind die gleichen Herren, die sich gegenseitig dicke Jahresgehälter aus den Taschen ihrer unter Zahlungszwang stehenden Fernsehgebührenzahler spendieren. Nein, sie kennen keine Scham, die Sender-Popanze!

Dass die Fernsehmacher keine Ahnung haben, was ihre Zuschauer wollen, ist ja nicht gerade eine brühfrische Erkenntnis. Dazu genügt ein Blick ins aktuelle Programm. Man könnte sie deshalb auch als eine zunehmend belanglose Irritation abtun – gäbe es nicht konkrete Hinweise darauf, dass es sich bei den Sendern in Wahrheit selbst um kriminelle Vereinigungen handelt, deren geheimer Auftrag darin besteht, die Jugend der Welt zu hilflosen, willensunfähigen Abhängigen zu machen – Drogendealer, deren „Stoff“ aus bunt angemalter Luft besteht, der aber extrem süchtig macht. Weiterlesen

So sehen Bestseller aus!

Wie sich die Bücher gleichen…

„Deutschland schafft an, müste der Titel von Thilo Sarrazins neuem Buch eigentlich lauten. Das Ding geht jedenfalls schneller weg als warme Semmeln. Wie eine dpa-Umfrage ergab, war das Buch bereits am Freitag bei vielen Buchhändlern vergriffen. DVA erklärte, das bereits 70.000 Bücher ausgeliefert wurden und am Montag bereits die vierte Auflage mit weiteren 80.000 Exemplaren folgen soll. Auch die fünfte und sechste Tranche sei schon in Auftrag gegeben, so eine Sprecherin der Deutschen Verlags-Anstalt in München. Die Gesamtauflage werde bei 250 000 Exemplaren liegen, denn das Buch sei ein grosser Verkaufsschlager.

Auf der Bestsellerliste von Amazon ist das Buch längst auf dem ersten Platz zu finden, gefolgt von dem Werk „Das Ende der Geduld“ von der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Auch in meinem eigenen Online-Buchladen, wo das Werk von Sarrazin neben Schirrmachers Pestseller unter der Rubrik „schlechte Bücher – die man aber trotzdem gelesen haben muss, um mitreden zu können“ feilgehalten wird, liegt der Noch-Bundesbanker deutlich vorn: 2 Besucher meiner Website haben dort in dieser Woche den roten Einband bestellt, nur einer griff zu grün. Im Übrigen entschuldige ich mich jetzt schon, wenn es noch ein bißchen dauert: Laut dpa liegt die Wartezeit für die Auslieferung bei bis zu drei Wochen.

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Warum sich neue Medien immer schwer tun

Aber wie soll man damit Geld verdienen?

Das Internet wird im Englischen häufig als eine „dispruptive technology“ beschrieben. Leider ist der Ausdruck schwer zu übersetzen, auch wenn Wikipedia etwas vorlaut Synonyme vorschlägt wie „etwas Bestehendes auflösend“ oder „ zerstörend“. Im Englischen ist der Begriff viel subtiler und suggeriert einen schleichenden Niedergang, eine unverhoffte Zeitenwende, deren Bedeutung sich den meisten erst sehr viel später erschließt. Es ist kein Säurebad, in dem eine Cleopatra ihre Perle vor den Augen eines staunenden Markus Antonius auflöst und trinkt, sondern schon eher ein saurer Regen, der eine mächtige Kathedrale über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg auffrisst und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet.

Das Internet wird gerne als die endgültige „disruptive“ Technologie beschrieben, und die Auswirkungen werden gerne mit denen der Druckerpresse verglichen. Wenn der Sprecher allerdings gebeten würde zu sagen, was genau die disruptiven Folgen der Erfindung beweglicher Lettern sei, geriete er vermutlich (ich schließe mich da ausdrücklich mit ein) schnell ins Stottern: Na ja, die Kopisten in den Klöstern waren irgendwann arbeitslos, aber sonst? Irgendwie scheint der Übergang vom Handgeschriebenen zum Bedruckten doch rückblickend ziemlich glatt über die Bühne gegangen zu sein.

Deswegen bin ich Andrew Pettegree dankbar, dem britischen Historiker, der an der ehrwürdigen St. Andrews-Universität die Geschichte der Reformation lehrt und der jetzt ein wunderbares Buch geschrieben hat, „The Book in the Renaissance“, in dem er einen Überblick über die turbulenten Frühtage des Buchdrucks gibt.
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Freiheit, Zensur und Hysterie

Beginnen wir mit der Freiheit. Dr. Grigori Perelman aus St. Petersburg hat die Poincaré-Vermutung bewiesen. Aber nicht nur das, ganz allgemein ist zumindest in Fachkreisen bekannt, dass es sich bei ihm um ein Ausnahme­genie handelt. Schon in der Ver­gangen­heit sollte er die als „Nobel­preis für Mathe­matik“ be­zeich­nete Fields-Medaille bekommen. Er hat sie nicht an­ge­nom­men. Na gut, Blech, nur Bares ist Wahres. Die Medaille bringt 15.000 Dollar, mehr nicht, neben der Un­sterb­lich­keit natür­lich. Ach ja, und es sind kanadische Dollar, zu allem Überfluß. Der gute Poincaré bringt, seit er als Millen­niums­pro­blem benannt wurde, immer­hin eine glatte Million Dollar Preis­geld. Ameri­kanische, dieses Mal. Dies sollte ihm nun über­bracht werden, allein, er machte an­geb­lich nicht mal die Tür auf und schickte die Boten fort. Weiterlesen

Der Popel-Skandal und die Anzeigen Krise

War das nicht immer schon unser schlimmster Alptraum, dass man uns durch einen DNA-Test der „Popel-an-die-Tür-Schmiererei“ überführt?
Die Geschäftsführung einer Wolfsbuger Media Markt Filiale drohte ihren Mitarbeitern in einem Brief, bei allen männlichen Angestellten einen DNA-Test durchzuführen, um denjenigen zu ermitteln, der seine Popel an die Tür der Herrentoilette schmiert.
Ist das nicht die perfideste Art von Überwachung?
Aber ich höre schon wieder die Stimmen der Gutmenschen, die sagen werden: „Wer nichts zu verbergen hat, der braucht einen Gen-Test nicht zu fürchten“
Dabei ist das „Popel-an-die-Tür-des-Arbeitgebers-schmieren“ doch ein anerkanntes und legitimes Mittel des Arbeitskampfes, wie Demonstrationen, Arbeitsniederlegungen, Streiks und „Trillerpfeiffen-vor-dem-Werkstor-blasen“

Aber was machen die großen Zeitungen, wie SZSpiegel und sogar die TAZ?
In ihrer eigenen Misere gefangen, berichten sie lediglich über den sofortigen Anzeigenstop des Media Markts bei der Braunschweiger Zeitung, die als erstes über diesen „Popel-Skandal“ berichtet hatte. Dabei geht es laut Spiegel um ca. 300.000 Euro, auf die das Lokalblatt nun verzichten muss, weil sie ihre journalistische Pflicht wahrgenommen hatten. Als sei Einfluss der Wirtschaft auf die Presse etwas Neues …

Genossen hebt die gestreckten Zeigefinger zum Arbeitskampf, lasst euch nicht unterdrücken und kauft nicht bei Popel-Kapitalisten!