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Niemand soll zu Kreuze griechen … Griechenland und der bundesdeutsche Journalismus

Es übelt einen mächtig an, wenn man sich die Qualität der deutschen Berichterstattung zur Griechenland-Krise anschaut. Ich habe im Moment keine Zeit das Ganze seriös aufzubereiten. Leider. Aber eigentlich illustriert die hübsche Medienbeobachtung des NDR schon ganz gut, was ich meine:

Die Krise bietet vielen Journalisten endlich mal wieder die ganz große Chance die eigene arrogante und dümmliche Selbstgefälligkeit herauszulassen. Journalismus auf Stammtisch-Niveau. Viel können die sozialen Medien da nicht mehr kaputt machen …

Ich möchte mich noch bei Wolfgang Sommergut bedanken, der mich auf dieses Elend hingewiesen hat.

Ich muss endlich für Journalismus bezahlen!

Genau weiß ich gar nicht, warum ich so geschockt reagiert habe, als ich von der Insolvenz der Abendzeitung gehört habe. Ich habe das Münchner Traditionsblatt eigentlich seit vielen Jahren nicht mehr gelesen, erstens weil ich gar keine Zeitungen mehr lese und zweitens, weil seit dem Weggang des großen Sigi Sommers (Blasius der Spaziergänger) für mich auch gar nichts mehr an der AZ interessant gewesen ist. Ich lese Bücher zu 90% aus Papier und Nachrichten 90% digital, denn Tageszeitungen sind mir zu groß. Mit dem Format DIN A1 kann ich einfach nicht umgehen. Schon bei der Hälfte der Lektüre befinde ich mich in einer Altpapierkugel von zwei Kubikmetern. Mit der Weltkompakt hatte ich es einmal ein halbes Jahr versucht, die war zwar kleinformatig, aber auch irgendwie inhaltlich Schmalspur.

szZeitungen sterben dauernd, das kennt man nun schon seit ein paar Jahren, bei der Financal Times Deutschland war ich sogar noch ein wenig schadenfroh. Die großen amerikanischen Blätter betreffen mich nicht, aber bei der Abendzeitung war ich geschockt. Vielleicht weil ich eben Münchner bin, aber vielleicht auch, weil es jetzt langsam eng wird für den Journalismus. Die Süddeutsche, die FAZ, der Spiegel, vielleicht noch die Welt, aber das war es auch schon mit vernünftigen journalistischen Medien. Was machen wir, wenn die auch noch sterben? Was machen wir ohne Journalisten? Also richtige, recherchierende, unabhängige Journalisten? Wir wären auf die Regenbogenpresse und irgendwelche Blogs angewiesen.

Reflexartig habe ich die iPad-Version der Süddeutschen (Dieser Link zum Probeabo, mit dem ich für die SZ Werbung machen wollte, ist leider aus Leistungsschutzrechten gesperrt) bestellt (erstmal auf Probe) und ich möchte, dass es mir gefällt, sie zu lesen, denn wenn wir nicht bald alle für richtigen Journalismus bezahlen, wird es ihn nicht mehr geben und was dann?

Der Journalist als Auslaufmodell

Der Mensch im Zeitalter von Vernetzung und digitaler Beschleunigung hat mehr Information zu Verfügung als je zuvor – zu viel, wie Kulturpessimisten vom Schlage eines Frank Schirrmacher behaupten. Das Bild einer riesigen Tsunamiwelle aus Bits und Bytes, die uns alle zu überfluten droht, ist zum gängigen Klischee geworden, das vor allem von denjenigen beschworen wird, die bisher selbst gewohnt waren, an den Schleusentoren zu stehen und zu regulieren, welche Informationen letztlich bis zum “Konsumenten” der Information gelangten. Mit Floskeln wie “Qualitätsjournalismus” oder “Sorgfaltspflicht” haben die Nachrichten-Jäger und -Sammler selbst, vor allem aber diejenigen, die sie bezahlt haben – die Bosse in den Verlagen, Medienhäusern und Fernsehsendern – die angeblich so wichtige Funktion der Vorselektion und Interpretation der Ereignisse durch für eigens dafür ausgebildete und deshalb angeblich besonders kompetente “Informations-Profis” besungen. Wie die delphischen Orakel von einst sollen ihrer Meinung nach nur Eingeweihte in der Lage sein, aus dem wirren Geflecht von Fakten die allein seligmachende Wahrheit zu extrahieren, die sie dann bedeutungsschwanger auf den Leitartikelseiten oder mit sonorer Stimme in den “Tagesthemen” dem ungebildeten Volk verkünden.

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Google allein macht nicht glücklich…

Meine wertgeschätzten Czyslansky-Kollegen mögen es mir verzeihen, wenn ich an dieser Stelle ein wenig aus den Nähkästchen plaudere. Ein Blog zu betreiben, ist eine Sache. Spannend aber wird es erst dann, wenn man ein wenig über die Reichweiten, die Klickraten und Statistiken nachdenkt. Warum macht man mit einigen Artikeln besonders viele Leser?
Zwei Beiträge waren es, die in den vergangenen Wochen außerordentlich viele Klicks verursacht haben, und das verdient einen genaueren Blick auf das Geschehene:

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Journalismus aus dem Automaten

…und immer an den Nutzer denken!

Ich habe die Zukunft des Journalismus gesehen, und mir graut vor ihr.

Jürgen Schlott ist ein netter, freundlicher Mann, der sich „Direktor Marketing“ bei Focus Online nennt, dem „führenden deutschsprachigen Nachrichten- und Nutzwertportal“, wie es auf der Impressumseite heißt. In Düsseldorf auf der „Conversion Conference“ hat er einen Vortrag gehalten mit dem Thema „userzentriertes Arbeiten bei Focus Online.“ Und ich habe ihn dort gefragt: „Sollte das nicht besser ‚leserzentriertes Arbeiten‘ heißen?“ Er hat den Kopf geschüttelt. „Leser gibt es bei uns nicht. Das Wort steht bei uns auf dem Index.“

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Der TV-Komplott: Wie ARD und ZDF heimlich nach der Weltherrschaft greifen

Die üblichen Verdächtigen!
Die Chefs von ARD und ZDF haben die Bundesregierung aufgefordert, das Handelsabkommen ACTA „sofort“ zu unterzeichnen, wie es in einer Erklärung der Deutschen Content Alliance heißt, der neben den beiden großen öffentlich-rechtlichen Sendern auch der Verband Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT) und die GEMA angehören. Dass am vergangenen Wochenende Hunderttausende von Internet-Fans gegen ACTA auf die eisigen Straßen Deutschlands gegangen sind, beeindruckt die Medienbonzen nicht – im Gegensatz zu der Politik, die ganz schnell einen Rückzieher machte und ACTA erst mal ad acta gelegt hat. Für die Fernsehmacher ist das Internet nach wie vor ein Hort von Kriminellen, die ständig versuchen, sich an ihren kostbaren Inhalten zu vergreifen.

Damit stellen sich ARD und ZDF in eine Reihe mit jenen Medienkonzernen, deren Geschäftsmodell zunehmend darin besteht, ihre Kunden strafrechtlich zu verfolgen und Teenagern die Staatsanwaltschaft ins Haus zu schicken, weil sie den Ausdruck „information wants to be free“ allzu wörtlich genommen haben. Notabene: Es sind die gleichen Herren, die sich gegenseitig dicke Jahresgehälter aus den Taschen ihrer unter Zahlungszwang stehenden Fernsehgebührenzahler spendieren. Nein, sie kennen keine Scham, die Sender-Popanze!

Dass die Fernsehmacher keine Ahnung haben, was ihre Zuschauer wollen, ist ja nicht gerade eine brühfrische Erkenntnis. Dazu genügt ein Blick ins aktuelle Programm. Man könnte sie deshalb auch als eine zunehmend belanglose Irritation abtun – gäbe es nicht konkrete Hinweise darauf, dass es sich bei den Sendern in Wahrheit selbst um kriminelle Vereinigungen handelt, deren geheimer Auftrag darin besteht, die Jugend der Welt zu hilflosen, willensunfähigen Abhängigen zu machen – Drogendealer, deren „Stoff“ aus bunt angemalter Luft besteht, der aber extrem süchtig macht. Weiterlesen

Wie der Euro wirklich entstand

So, das mit dem Euro hätten wir erledigt. Sollen wir sie jetzt wieder reinbitten?

Alles Gerede und Geschreibe über eine angebliche „Krise des Euro“ sei leichtfertiges Geschwätz von Medien, von Journalisten und von Politikern, sagte Altkanzler Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag in Berlin. Nun, im Alter wird man vergesslich (ich weiß, wovon ich rede – und Schmidt steckt ansonsten denktechnisch jeden anderen Politiker, den ich kenne, in den Sack!). Und so hat er es leider verabsäumt, die schlimmsten Missetäter zu benennen: die Spekulanten.

Dass Wirtschaftsjournalisten in der Regel nichts von Wirtschaft, und Politiker nichts von Wirtschaftspolitik verstehen, ist ja der Normalzustand. Aber die Zocker wissen ganz genau, was sie tun: Indem sie ein europäisches Land nach dem anderen gegeneinander ausspielen, mal hier den Zinsdruck in die Höhe treiben, mal dort, lassen sie in der Tat eine Krise entstehen, und zwar eine Krise in den Köpfen von Bürgern und Bankern, die beide auch nicht so recht durchblicken. Schließlich lesen sie ja beide Zeitung und schauen Nachrichten, und was sie dort zu hören bekommen, ist eine journalistische Reflexreaktion: Bete einfach die Horrormeldung nach, die am besten hilft, die Auflage oder die Einschaltquote in die Höhe zu treiben.

Das ist eigentlich kein Vorwurf, denn so funktioniert das Journalistengeschäft ja schon immer. Es ist aber doch ein Vorwurf, denn ich hätte so gerne, dass sich wenigstens diesmal das ethische Verantwortungsgefühl zumindest bei denjenigen durchsetzt, die sich brüsten, „Qualitätsjournalisten“ zu sein. Eine aussterbende Spezies, sicherlich – aber irgendwo muss es doch noch ein paar von ihnen geben.

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iPad kannibalisiert die Zeitung

Überraschung! Der iPad ist nicht die ersehnte Rettung der Verlage, sondern eher das Gegenteil. Das schreibt jedenfalls die „Süddeutsche“ heute auf der Medienseite („Die große Ernüchterung„). Der gerade erst angelaufene Verkauf von elektronischen Magazinen ist nach kurzem Anfangshoch tief in den Keller gesackt: Das Digierati-Kultmagazin „Wired“ verkaufte im Juni noch 100.000 Ausgaben übers Internet, im November waren es nur noch 22.000.

Schlimmer noch: Die Verlage kannibalisieren sich mit den Apps für iPad & Co selbst. 58 Prozent der Nutzer gaben in einer Umfrage  an, ihr Papierabo in den nächsten sechs Monaten kündigen zu wollen, weil die Verlags-App in der Regel billiger oder sogar umsonst ist. Merke: Kannibalismus ist an sich nichts Schlechtes – es wird ja wenigstens einer dabei satt…

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So sehen Bestseller aus!

Wie sich die Bücher gleichen…

„Deutschland schafft an, müste der Titel von Thilo Sarrazins neuem Buch eigentlich lauten. Das Ding geht jedenfalls schneller weg als warme Semmeln. Wie eine dpa-Umfrage ergab, war das Buch bereits am Freitag bei vielen Buchhändlern vergriffen. DVA erklärte, das bereits 70.000 Bücher ausgeliefert wurden und am Montag bereits die vierte Auflage mit weiteren 80.000 Exemplaren folgen soll. Auch die fünfte und sechste Tranche sei schon in Auftrag gegeben, so eine Sprecherin der Deutschen Verlags-Anstalt in München. Die Gesamtauflage werde bei 250 000 Exemplaren liegen, denn das Buch sei ein grosser Verkaufsschlager.

Auf der Bestsellerliste von Amazon ist das Buch längst auf dem ersten Platz zu finden, gefolgt von dem Werk „Das Ende der Geduld“ von der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Auch in meinem eigenen Online-Buchladen, wo das Werk von Sarrazin neben Schirrmachers Pestseller unter der Rubrik „schlechte Bücher – die man aber trotzdem gelesen haben muss, um mitreden zu können“ feilgehalten wird, liegt der Noch-Bundesbanker deutlich vorn: 2 Besucher meiner Website haben dort in dieser Woche den roten Einband bestellt, nur einer griff zu grün. Im Übrigen entschuldige ich mich jetzt schon, wenn es noch ein bißchen dauert: Laut dpa liegt die Wartezeit für die Auslieferung bei bis zu drei Wochen.

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So sieht Qualitätsjournalismus aus!

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…und das machen sie richtig gut!

In unserer Reihe zum Thema Qualitäts-, bzw. Print-Journalismus wollen wir uns heute wieder unserer Haus- und Hof-Tageszeitung, der „Süddeutschen“, zuwenden, die zwar manchmal Dubletten produziert (siehe „Quadratur des Qualitätsjournalismus: Die SZ-GDAZ„), manchmal aber auch richtig gute Einblicke in die Aufs und Abs der Medienlandschaft. Christine Brinck hat sich heute Lorbeeren verdient mit ihrer Analyse („Homer Simpsons Wendepunkt“) des „Economist“, dem weltweit einzigen bedeutenden, wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin, das sich erfolgreich gegen den allgemeinen Anzeigen- und Leserschwund der letzten Jahre behauptet hat. Klartext: Während beispielsweise die Auflage von „Focus“ von 800.000 auf gerade mal 656.000 geschrumpft ist und „Businessweek“ angesichts einer Halbierung der Leserzahl im Frühjahr den Rückzug aus dem Nachrichten-Business verkündet hat, steigt und steigt die Auflage des „Economist“, und auch die Anzeigeneinnahmen sind im vergangenen (Krisen-)Jahr um 25 Prozent gestiegen.

„Was macht der Economist richtig?“, fragt die Autorin, und liefert eine absolut korrekte Erklärung nach: Qualität! Während andere die Zahl der Korrespondentenbüros reduzieren und den Schwerpunkt in Richtung Häppchenjournalismus und seichtem „Tittitainment“ verlageren, bleiben die Macher der ältesten Wirtschafts-Wochenzeitung der Welt (erscheint seit 1843) stur bei ihren Leisten, nämlich einer Mischung aus bestechender Analytik, eine manchmal ans Esotherische grenzende Themenauswahl und einem Tiefgang, der durch verspielten Witz geschickt getarnt bleibt. Ach ja, und dann sind da diese wunderbaren seitenlangen Texte, die zum richtigen Lesegenuß einladen! Die wenigen mehr oder weniger willkürlich zwischengestreuten Bildchen sind mit Unterzeilen versehen, die mehr den Charakter von Suchrätseln haben (Beispiel aus der neuen Ausgabe, unter einem Foto von Erwin Schrödinger: „But what about the other eight lives?“), und fast jede Headline löst beim Betrachter ein befriedigendes inneres Lächeln aus, wie „The end is nigh (again)“ zu einem Artikel über die Zukunft der Aktienkurse.

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