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Das Ende einer Erfolgsstory, oder warum ich meinen Tee jetzt bei Amazon bestelle

Schön war's - aber nun ist's vorbei...

Schön war’s – aber nun ist’s vorbei…

Die Wiege des Onlinehandels in Deutschland stand in Oldenburg in Holstein. Studenten der Fachhochschule Flensburg waren auf der Suche nach einem typischen Einzelhändler, den sie als Fallstudie ins neugeschaffene World Wide Web stellen und damit beweisen konnten, dass dieses Webs-Dingsda auch als Verkaufsplattform taugt und nicht nur als akademische Spielwiese. Der alte Frank Franken, der in Oldenburg seit vielen Jahren ein Teegeschäft betrieb, schien ihnen ein geeignetes Opfer zu sein, und sie bauten mit seiner Zustimmmung einen noch recht primitiven Webshop, der aber funktionierte. Das Problem war nur: Der alte Herr Franken hatte keinen Computer. Macht nichts, sagten sich die Kids, und programmierten ihm eine Fax-Weiche, so dass die Online-Bestellungen bei ihm halt ganz altmodisch aus dem Faxgerät herausgerattert kamen.

Der Web-Laden war ein großer Erfolg, und auch ich habe dort von Anfang an meinen Tee gekauft, zumal Herr Franken einen wunderbaren, allerdings auch sehr teuren Oolong namens „Butterfly of Taiwan“ anbot, der mir bis heute sehr gut schmeckt. 20 Jahre lang habe ich dort brav meinen Tee bestellt, auch später, als Herr Franken längst tot war und seine Nachfolger das alte Ladengeschäft geschlossen hatten und den Tee nur noch per Internet vertrieben. Ich benützte das Beispiel auch in meinen Vorträgen als eine der typischen kleinen Erfolgsstories des E-Commerce in Deutschland. Weiterlesen

Die Wiege des eCommerce

So fing alles damals an!

So fing alles damals an!

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter, aber wo die Wiege des Onlinehandels in Deutschland stand, kann ich ganz genau sagen: in Kiel!

Woher ich das weiß? Weil ich damals Chefredakteur eines winzigen Branchendienstes namens „Internet-Report war und dabei zufällig erfuhr, dass ein paar Studenten die Idee gehabt hatten, einen Webshop zu bauen. Zur Erinnerung: Ein Jahr zuvor, also 1992, hatte Tim Berners-Lee am Kernforschungszentrum CERN in Genf ein hypertext-basiertes Kommunikationssystem vorgestellt, das er „World Wide Web“ nannte. Und ein Jahr später hatte man am Informatiklehrstuhl der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel schon einen Web-Server – eines von einer Handvoll in Deutschland.

Gut, es gab damals natürlich schon Btx, und da wurde auch fleißig gehandelt. Aber das Web war etwas ganz Neues: Statt Pixelgrafiken gab es richtige Bilder und gestaltete Texte, per Hyperlink konnte man Mails versenden und überhaupt war die Welt im Web viel bunter und schöner. Das Projekt war schnell geboren, aber es gab ein Problem: Keiner der Studenten hatte etwas zu verkaufen. Aber einer von ihnen kam aus Oldenburg in Holstein, und dort gab es ein kleines Teegeschäft, das einem alten Mann namens Frank Franken gehörte. Das wäre doch was, sagten sich die jungen Internet-Pioniere: ein alter Tante-Emma-Laden im modernsten Kommunikationssystem, das es gibt. Weiterlesen

Wohnen Sie auch in einem Logistikzentrum?

(Quelle: swisslog)

Warum ähnelt eigentlich mein Wohnzimmer immer mehr einem Hochregallager? Und das hat gar nichts mit Weihnachten zu tun. Oder zumindest fast nichts. Eher schon mit der Tatsache, dass man früher zum Einkaufen in ein Geschäft ging, später das Geschäft zu mir nachhause kam, und neuerdings die Hersteller bei mir zuhause ihre Zwischenlager einrichten.

Schuhe („traumhaft – gerade im Angebot“), Handtaschen („echt günstig“), Kleider („das war vorher viel viel teurer“) stapeln sich heute turmhoch in allen Ecken. Dabei schaffen Frauen es spielend die Logistik auch ohne IT-Unterstützung zu optimieren. Links der Wareneingang, rechts die geplanten Rücksendungen (gefühlt rund 90 %). Bis vor einem Jahr hätte ich „Zalando“ noch als vom Aussterben bedrohtes südamerikanisches Faultier bei einer Jauchschen 8.000-Euro-Frage durchgehen lassen. Heute kennt man schon die Fahrer aller relevanten Paketzusteller und ihre aktuellen Urlaubsplanungen (der Netteste ist der Lette von TNT).

Ich stelle mir ernsthaft die Frage, ob ich der besten aller Frauen zu Weihnachten ein Hochregalsystem schenken soll? Mit Kragarmregalen und Caddys, farblich abgestimmt auf die Mode der Saison. Sowas muss doch zu bekommen sein.

Moment, es klingelt draußen …

… ah, Herr Skapcek von UPS. Ja, bringen Sie die Kisten einfach rein. Wo die Warenanlieferung ist? Eine Euro-Palette? Passt nicht so einfach durch die Tür?

— N…E…I…N … bitte nicht auf die kleine Schachtel. Das ist doch meine Schallplattenlieferung … H …I…L…F…E …

 

Von Nischen und Mäusen


Vielleicht kommt es ja doch auf die Schwanzlänge an. Jedenfalls hat Wilfried Ruß von der Münchner Firma 1stPlan auf seinem Firmen-Blog eine interessante Diskussion vom Zaun gebrochen über Sinn oder Unsinn der Long Tail-Theorie, nach der ein Anbieter im Internet durch eine große Anzahl an Nischenprodukten Gewinn machen kann, weil die geographischen Beschränkungen, die in einem konventionellen, realen Markt die Kosten, um Nischen anzubieten und zu erreichen, zu sehr in die Höhe treibt. Im (globalen) Internet dagegen sei die Nachfrage theoretisch so gut wie unbegrenzt, die Chancen, den einen Kunden zu erreichen, der ausgerechnet dieses äußerst esoterische Produkt besitzen will, sehr groß.

Alles Quatsch, behauptet nun die Harvard-Professorin Anita Elberse in einem Artikel für die Harvard Business Review („Should You Invest in the Long Tail?“). Nischenmärkte sind reine Zeitverschwendung, erfolgreiche Unternehmer sollen sich weiterhin auf Bestseller konzentrieren. Gut, sie sagt es sehr viel nunacierter, aber das ist jedenfalls die Botschaft, die bei mir angekommen ist.

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