Schlagwort-Archive: Buch

Herr P. sagt „fertig“

Seit Langem wächt es… mal langsam, mal schnell. Tage gehen ins Land, Wochen, Monate. Es wechselt ständig seinen Namen. Heute habe ich es STWB-06-01-2016-1 genannt.
Das Dokument.
Und dann – ganz plötzlich – spürst Du dieses schwer beschreibbare Gefühl, dass Du sagen kannst: Fertig.

langtNach nur 35.143 Wörtern. Eine Mischung aus Stolz und Zweifel macht sich breit.
Plötzlich weißt Du, dass jedes weitere Wort eines zu viel wäre. Was jetzt vielleicht noch fehlt, kann ich mir aus meinem Kopf auch nicht mehr herauspressen. Wenn, dann müsste es schon weitaus mehr sein als nur ein weiterer Absatz, ein paar originelle Formulierungen oder eine Randbemerkung. All das braucht es nicht mehr. Es würde den Text nicht signifikant verbessern, nur noch verlängern – künstlich aufblähen und damit verwässern. Es wäre nur noch eine Kette aus Verschlimmbesserungen, die – wenn man einmal damit anfängt – nie mehr abreißt. Weiterlesen

25 Jahre WWW (III): Wir hatten ja nichts…

25 Jahre World Wide Web?

Was bitte soll man schreiben zu einem Thema, zu dem bereits Tausende von Beiträgen im Netz erschienen sind? Welche erhellenden, wissensvermehrenden Dinge könnte ich noch beisteuern?
Wenn alles gesagt ist, nur eben noch nicht von allen, wie Karl Valentin es dereinst formulierte, warum soll ich mir die Mühe machen und noch einen weiteren Text schreiben?
Lobeshymnen auf das Internet gibt es genug: Welch ein Segen es ist und welch eine Erleichterung: Trotz Ladenschlussgesetzen in Deutschland rund um die Uhr einkaufen zu können, Zugang zu allen erdenklichen Informationen und Pornos zu haben, im Mitmachnetz Shitstorms entfachen oder Onlinepetitionen ausrufen zu können, endlosen Forendiskussionen über die richtige Reparatur eines Ford Mustang zu führen… Das alles braucht’s. Unbedingt.
Sie kennen das.
Das andere das anders sehen, liegt in der Natur der Dinge. Wo, wenn nicht im Netz in irgendeinem Forum kann man zu einer simplen These zehn Meinungen von nur fünf Leuten nachlesen? Und wo, wenn nicht im Netz, kann man an allem und jedem rummäkeln? Selbst am Netz selbst. Auch das kennen Sie…
Was also schreiben?
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Kleine Notiz zum heutigen „Welttag des Buches“

(Bild: spacejunkie/photocase.de)

Heute ist also der „Welttag des Buches“. Da fällt mir eine schöne kleine Geschichte ein, die mir vor vielen Jahren einmal ein Lektor der Fischer Verlags über Jürgen Habermas erzählt hat. Der sicherlich wichtigste lebende deutsche Philosoph habe eine eigenartige Art ein Buch zu lesen: er reiße alle ihn nicht interessierenden Seiten einfach heraus und lasse nur den für ihn relevanten Inhalt stehen. Ob dies aus gerechtem Zorn oder aus dem Drang Übersichtlichkeit zu erzeugen geschieht, entzieht sich meiner Kenntnis.

Jedenfalls scheint Habermas der einzige zu sein, der das hübsche Bonmot Walter Benjamins ernst nimmt, demzufolge ein Bücherfreund sich ein Buch ebenso liebevoll zuzurichten habe, wie ein Kannibale einen Säugling. Dieses Bild habe ich immer geliebt.

Die Landkarte der Zeit

Morgen wird heute gestern sein. Oder etwa nicht? Was, wenn wir durch die Zeit reisen könnten? Dieses Thema hat schon viele Autoren zu so vielen Büchern inspiriert – niemals hätte ich gedacht, daß mich ein weiteres Zeitreisebuch so in seinen Bann schlagen würde wie „Die Landkarte der Zeit“ von Félix J. Palma, genial übersetzt aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.

Die eigentliche Zeitreise macht der Leser. Bereits nach wenigen Seiten befinden wir uns im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert, in London, dem damaligen Nabel der Welt. Wir lernen Andrew kennen, einen jungen Mann und Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten. Doch dann tritt Jack the Ripper auf, ermordet Marie, Andrews große Liebe und stürzt ihn in tiefe Trauer, so sehr, daß ihm nur der Selbstmord zu bleiben scheint. Da tritt George auf den Plan, der angeblich oberflächliche, aber dann doch so mitfühlende und geistreiche Cousin, der mit ihm zu „Zeitreisen Murrays“ geht. In der Vergangenheit, so hoffen sie, können sie Marie vor ihrem schrecklichen Schicksal bewahren.

Nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft sucht währenddessen Claire ihr Heil. Sie hat keine Lust, sich als Ehefrau im viktorianischen Zeitalter zu Tode zu langweilen, und wünscht sich ins Jahr 2000. Ob „Zeitreisen Murray“ ihr helfen kann? Inspektor Garrett hat in seiner Gegenwart ein Problem zu lösen: Er hat Morde aufzuklären. Die tödlichen Wunden der Opfer stammen von einer Waffe, die noch nicht erfunden ist. Er hat diese Waffe aber schon einmal gesehen, in der Zukunft.

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Mein Kindle

Eines ist jetzt schon klar. Ich gebe ihn nicht wieder her. Auf Reisen ist er absolut Gold wert, nur leichter als das Edelmetall und viel leichter als die vielen Paperbacks, die ich sonst immer mitschleppen muss.
Als ich allerdings das auch E-Reader genannte Gerätchen zum ersten Mal in Händen hielt, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es ein ganzes Buch geschweige denn bis zu 1400 (Herstellerangabe) ersetzen könnte. So unscheinbar, ohne Touchscreen (ich habe einen Kindle 4) nur dunkelgrau/hellgrau anzeigend, wirkte er. Und auch der Bildschirm mit seinen in den Seitenpanelen eingelassenen Tasten zum Vor- und Zurückblättern beeindruckt eher durch seine Mickrigkeit. Dafür passt er, wie ich später feststellte, in die Innentasche jedes Sakkos.
Aber wild entschlossen, nicht weiter am althergebrachten Papier zu kleben – Print-Sozialisierung hin oder her – habe ich den Kindle ins WLAN eingeklinkt und das erste Buch heruntergeladen. Dabei machte ich mit einer weiteren Besonderheit Bekanntschaft. Weiterlesen

“Der Darm denkt mit” – Von seltsamen Buchtiteln

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Eckart, Luzia und Bodo suchen hier seltsame Buchtitel. Sie werden wohl fündig werden. Im Zweifel schreibt sich diese Jury ihre Bücher einfach selbst. Aber das wird wohl gar nicht nötig sein, werden Eckart von Hirschhausen (Die Leber wächst mit ihren Aufgaben – Rowohlt, 2008), Lucia Braun (Da-Da-Da-Sein. in: Die ZEIT, September 1989) und Bodo Mrozek (Jury-Chef des Wettbewerbs “Das schönste bedrohte Wort”, 2007) doch von uns allen im Internet unterstützt bei ihrer Suche nach dem “Kuriosestem Buchtitel”.

Auf der nächsten Frankfurter Buchmesse werden sie dann einen Preis überreichen. Vielleicht an Ulrike Thiel für ihr aufklärerisches Werk “Geritten werden: So erlebt es das Pferd” oder aber an Christiane Kautz, die ihrem Namen mit dem Titel “Kaninchen besser verstehen” alle Ehre macht. Frauen dominieren übrigens bei den kuriosika literaris, man denke nur an Kerstin Höckel (“Wie wir damals auf dem Bauernhof geheiratet haben, und der Alois am Tag drauf fast den Hund erschossen hat, weil er was gegen die Stadtmenschen hat und das Glück überhaupt”), Aimee Bender (“Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen”) oder Christina Eibel ("Nicht alle Russen haben Goldzaehne, sind immer betrunken und auch nicht jeder russische Beamte ist korrupt"). Aber vielleicht ist das ja auch alles nur die Rache für ein Buch, das selbstverständlich ein Mann verfasst hat: Juckel Henke “Frauen, die nach Schinken stinken”.

Mein persönlicher Favorit ist übrigens auch das Werk eines Mannes, die eher wissenschaftliche Abhandlung“Deutsche sehen dich an: Reise zu den Quellen des Irrsinns” von Dietmar Wischmeyers.

Haben auch Sie schon mal seltsame Dinge gelesen? Oder gar geschrieben? Dann reichen Sie doch Ihren Tipp an Eckart, Luzia und Bodo weiter: http://kuriosesterbuchtitel.de.

Warum sich neue Medien immer schwer tun

Aber wie soll man damit Geld verdienen?

Das Internet wird im Englischen häufig als eine „dispruptive technology“ beschrieben. Leider ist der Ausdruck schwer zu übersetzen, auch wenn Wikipedia etwas vorlaut Synonyme vorschlägt wie „etwas Bestehendes auflösend“ oder „ zerstörend“. Im Englischen ist der Begriff viel subtiler und suggeriert einen schleichenden Niedergang, eine unverhoffte Zeitenwende, deren Bedeutung sich den meisten erst sehr viel später erschließt. Es ist kein Säurebad, in dem eine Cleopatra ihre Perle vor den Augen eines staunenden Markus Antonius auflöst und trinkt, sondern schon eher ein saurer Regen, der eine mächtige Kathedrale über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg auffrisst und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet.

Das Internet wird gerne als die endgültige „disruptive“ Technologie beschrieben, und die Auswirkungen werden gerne mit denen der Druckerpresse verglichen. Wenn der Sprecher allerdings gebeten würde zu sagen, was genau die disruptiven Folgen der Erfindung beweglicher Lettern sei, geriete er vermutlich (ich schließe mich da ausdrücklich mit ein) schnell ins Stottern: Na ja, die Kopisten in den Klöstern waren irgendwann arbeitslos, aber sonst? Irgendwie scheint der Übergang vom Handgeschriebenen zum Bedruckten doch rückblickend ziemlich glatt über die Bühne gegangen zu sein.

Deswegen bin ich Andrew Pettegree dankbar, dem britischen Historiker, der an der ehrwürdigen St. Andrews-Universität die Geschichte der Reformation lehrt und der jetzt ein wunderbares Buch geschrieben hat, „The Book in the Renaissance“, in dem er einen Überblick über die turbulenten Frühtage des Buchdrucks gibt.
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Rezensionen nichtgelesener Bücher – Nr.1

Beginnen möchte ich die neuen Czyslansky-Reihe „Rezensionen nichtgelesener Bücher“ mit dem neuen Buch von Tim Cole und das hat mehrere Gründe: Erstens hat er mir das Buch geschenkt, was schon mal ein sehr  guter Grund ist und zweitens ist es ganz neu und deshalb für mich nicht ganz so peinlich, dass ich es nicht gelesen habe. Ausserdem bin ich wahrscheinlich das einzige Mitglied der Czyslansky-Gesellschaft, das es es noch nicht gelesen hat, was ja die Grundvoraussetzung für diese Kolumne ist.

Tim Cole: Unternehmen 2020 – Das Internet war erst der Anfang. Praxiskonzepte für den Mittelstand

Dieses unverzichtbare Handbuch für jeden Unternehmer oder Manager, der die Zukunft nicht verschlafen will, ist gelb. Ein schönes Gelb. Es hat sogar ein leichter Verlauf von einem zarten Orange (oben) in ein sattes Gelb (unten).
Es hat 142 Seiten und auf dem Schutzumschlag ist sogar ein Foto von Tim.

Das epochale Werk ist ein Wegweiser in die Zukunft unseres Arbeitslebens. Der Autor erklärt nicht nur, wie sich Unternehmen durch die weiter fortschreitende Vernetzung verändern, sondern auch wie sich das auf uns als Mitarbeiter, Kunde und Mensch auswirkt – ein ausserordentlich spannendes Thema.
Trotz allem Wohlwollen muss ich auf einen eklatanten Fehler bereits im ersten Kapitel hinweisen: Tim spricht von den zwei Vätern des Internets, obwohl er weiss, dass das Internet drei Väter hatte, oder vielleicht besser zwei Väter und eine Mutter: Czyslansky!

Mein Fazit: Unbedingt kaufen