Schlaflos, aber serendipitär

Es fing alles ganz harmlos an bei einem Bier und einer schönen Zigarre im „Y Julietta“ in München, als mich mein Freund und Mit-Cyzslansky Christoph Witte fragte: „Was bedeutet eigentlich ‚Serendipity‘?“ Als Muttersprachler  wusste ich es natürlich (oder ahnte es jedenfalls), konnte es aber nicht in Worten ausdrücken.

Wie sich herausstellt, bin ich da in bester Gesellschaft.

Die Frage ließ mich nämlich nicht schlafen, und so habe ich irgendwann gegen 3 Uhr morgens bei Google folgenden Eintrag bei tribe.net gefunden:

„The most untranslatable word in the English language was reckoned to be plenipotentiary, which even many native English-speakers may not know means a special ambassador or envoy, invested with full powers.

Whimsy, bumf and serendipity (the faculty of making happy and unexpected discoveries by accident) were other words among the top ten.

The survey was conducted by Today Translations, a London-based translation and interpreting agency, which asked a thousand of its linguists across the world to nominate the words that they found hardest to translate.“

Die britische Übersetzungsfirma Today Translation hat also demnach „serendipity“ als eines der zehn Wörter im Englischen aufgelistet, die am schwersten zu übersetzen sind. Und das stimmt: Es gibt einfach keine wirklich gute Übersetzung. Im Online-Wörterbuch finde ich „Entdeckung“, „glücklicher Zufall“ oder „Spürsinn“, die sind aber alle leicht daneben. Am ehesten fände ich „Zufallsfund“ noch halbwegs richtig. Man kann es auch figurativ umschreiben mit „mehr Glück als Verstand haben“, aber das ist auch nicht ganz korrekt. Voraussetzung für Serendipity ist nämlich zusätzlich auch die intelligente Schlussfolgerung oder Findigkeit des Betrachters.

Man kann das Wort eigentlich nur über Beispiele wie die Entdeckung des Penicillins, der Röntgenstrahlung oder des Sekundenklebers erklären. Kolumbus suchte ja Indien und fand Amerika. Das war Zufall, aber er wäre nicht zustande gekommen, wenn Kolumbus nicht ein intelligenter und entschlossener Forscher gewesen wäre. Serendipty beschreibt also auch die Fähigkeit eines Menschen, glückliche und unerwartete Funde per Zufall zu machen, sich also sozusagen auf sein Glück und seinen Spürsinn zu verlassen.

Serendipity ist also eine Fähigkeit. Ist sie aber auch eine Gabe – oder lässt sie womöglich sich erlernen?

Diese Frage ist im Internet-Zeitalter wichtiger denn je, denn seit wir alle ständig im Web unterwegs sind auf der Suche nach verwertbaren Informationen, entwickelt sich die Fähigkeit, richtig zu suchen, zu einem zentralen „job skill“. Surfen wird demnach ein Teil des Kreativprozesses und damit zu einem Bewertungskritierium für die persönliche Produktivität. Das gleiche gilt auch für die Recherche in professionellen Datenbanken und vergleichbaren Informationssystemen.

In der Computerwissenschaft gelten so genannte „Serendipity-Effekte“ deshalb als Kennwert für die Beurteilung der Fähigkeit eines Informationssystems, im Fluten unnützer Informationen die Perlen zu finden, nämlich Informationen, die womöglich in einem anderen als dem eigentlichen Suchkontext wertvoll sein können. Aber auch für den ganz normalen Internet-Nutzer ist sie mittlerweile unverzichtbar, denn Google weiß zwar alles und liefert uns auch Hunderttausende von Fundstellen zu noch so banalen Suchbegriffen – lässt uns aber beim Versuch, daraus verwertbare Schlüsse zu ziehen, leider immer noch im Regen stehen. Spätestens da trennt Serendipität die Spreu vom Weizen.

Im Übrigen ist das Wort Serendipity vielleicht deshalb so schwer zu übersetzen, weil es kein gewachsenes, sondern ein Kunstwort ist. Diese unverhoffte, aber vielleicht eines Tages nützliche Entdeckung machte ich gestern Nacht, als ich beim Surfen herausfand, dass es vom britischen Autoren Horace Walpole (1717–1797) erfunden (oder sagt man bei einem Wort „geschöpft?“) wurde. In einem Brief an Horace Mann schreibt er, den Begriff habe er in Anlehnung an ein persisches Märchen  „Die drei Prinzen von Serendip“ geprägt. Serendip ist die alte persische Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka, und die drei Helden, die von dort stammen, machen im Laufe der Geschichte unvermutete, aber äußerst positiven Entdeckungen und werden reich und berühmt. Die Tatsache, dass ihnen laufend nützliche Erkenntnissein unerwartet in den Schoß fallen, wird von dem Märchenschreiber jedoch vor allem der Tatsache zugeschrieben, dass sie intelligent, weise und klug sind, also etwas aus ihren Erkenntnissen machen können.

Klingt fast schon wieder wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Plus meiner eigenen schlaflosen…

4 Gedanken zu „Schlaflos, aber serendipitär“

  1. das hättest du aber einfacher haben können, lieber tim: czyslansky hat nämlich in seinem brief an nelly obermann im dezember 1968 davon berichtet, dass er das werk ‚cybernetic serendipity‘ von eugenio carmi „zu einem spottpreis“ erworben habe. den titel erklärt er nelly als „kybernetische srilankerei“. du siehst: die übersetzung war unserem vordenker auch schon bekannt.
    das bild steht übrigens derzeit auf ebay für knapp 170 euro zum kauf: http://cgi.ebay.de/Eugenio-Carmi-1920-Original-Serigraphie-s-n_W0QQitemZ180195446514QQcmdZViewItemQQptZGrafiken?hash=item180195446514&_trksid=p3286.c0.m14&_trkparms=72%3A1229%7C66%3A2%7C65%3A12%7C39%3A1%7C240%3A1318

    immer gerne mit aktuellen ergebnissen der czyslansky-forschung zu diensten
    mik

  2. Mensch Jungs, wann treffen wir uns denn mal auf eine Zigarre im yJulieta?
    War leider schon lange nicht mehr da. Interesse? Dann meldet euch. E-Mail ist ja bekannt 😉

    Schöne Grüße
    Sascha

  3. @ Sascha

    sie haben in der tat – so sie wollen – recht bald gelegenheit einige czyslanskys im münchner y julieta zu treffen: nach aktueller planung werden wohl die meisten von uns am kommenden donnerstag (das ist dann der 11. märz 2010) abends irgendwann dort sein. vielleicht sieht man sich. wäre nett. man erkennt uns unschwer an der leidenschaftlichen geschwätzigkeit.
    im zweifel einfach hinhören, ob ein älterer herr mit kurzhaarschnitt immer wieder mal mit lauter empörung den namen „SCHIRRMACHER“ ausstoesst. das ist dann tim cole. das leise brummelnde zischeln „nun lass doch den mal“ stammt vermutlich von christoph witte. das entschiedene „tim hat nicht recht, mit dem was er da wieder von sich gibt. von was spricht er eigentlich?“ kommt wohl von mir, während während alexander broy ein „ihr seid ja so was von webeinsnull“ in den raum gurgelt und svb wieder keiner versteht, weil er so viele lateinische wörter kennt. kann aber auch sein, dass sie kein wort verstehen, weil wieder alle gleichzeitig reden, was aber auch nichts ausmacht, da wir uns in der regel ohnehin am liebsten nur selbst zitieren. hören sie doch mal vorbei. man riecht sich.

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