Schallplatten digitalisieren: Weil Vinyls im Auto immer so sperrig sind

Schallplatten digitalisieren ist wie Kobe-Rind durch den Fleischwolf drehen! Es gibt nur einen guten Grund für dieses Unterfangen seine wertvolle Zeit zu opfern: Im Auto kann man nur Singles hören.

Schallplatte im Auto

Schallplatten digitalisieren ist eine Alternative zum Vinyl-Falten

Im Ernst: ich habe mir lange überlegt in mein Auto einen Plattenspieler einzubauen. In der Bucht findet man immer wieder mal gut erhaltene Einzelstücke aus US-Besitz. Drei Gründe sprechen aber eindeutig gegen dieses Unterfangen:

Erstens: Angesichts des Volumens dieser Geräte würde aus meinem Zweisitzer wohl ein Einsitzer. Wobei: braucht man bei guter Musik unbedingt einen Beifahrer? Oder gar eine Beifahrerin?

Zweitens: Die Dinge schlucken nur 7-Zöller, also Singles. Und alle fünf Minuten rechts raus fahren zum Plattenwechsel – wohlgemerkt nicht wegen eines Plattens, sondern wegen der Platten – nervt auf lange Strecken auch.

Drittens: Würden irgendwelche wohlmeinende Freunde kräftige Burschen in weißen Kitteln schicken, um mich abzuholen? Ich will das nicht ausschließen.

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Aber ich will das natürlich ausschließen. Deshalb komme ich gar nicht drumherum ausgewählte Vinylschätze in den Computer zu schieben.  Und mangels geeigneter Laufwerke gestaltet sich dies ein wenig komplex. Man kann es machen, wie mein Mitdigisaurier Rainer Bartel, der seine Scheiben halbautomatisch in MP3-Files verwandelt und diesen Weg auf dem Digisaurier-Blog auch schon perfekt beschrieben hat. Man kann es sich noch einfacher machen und seine Platten einem dieser angesagten MP3-fähigen Scheibendreher anvertrauen, der automatisch MP3 speichert. Aber was um Hendrix willen will ich mit MP3-Dateien? Und welch seriöser Musikhörer vertraut seine wertvollen Vinylschätze einer digitalen Flexmaschine an?

Nochmal: MP3 ist Kobe-Rind aus dem Fleischwolf

Noch mag MP3 in vielen Auto-Playern Standard sein. Aber ich höre heute schon mobil mindestens in CD-Qualität, häufig in einem High-Definition-Format vom Astell & Kern junior.

Astell & Kern junior

Mobile HD-Qualität mit dem Astell & Kern junior

Ich will deshalb hier mal meinen Weg von der Vinyl-Musik zum digitalen Geräusch für Autofahrer heute und morgen nachzeichnen. Quasi als Ergänzung des Rainer’schen Beitrags für Erwachsene. (Lieber Rainer Barthel: nicht böse sein. Wir sind doch Brüder im Geiste und hören beide Neil Young. Und ob Jack the ripper mit einer Klinge aus Solingen oder von der Themse ritzt, ist dem Opfer im Zweifel ja auch egal …)

Also: wie digitalisiere ich mein schwarzes – und oft auch buntes – Gold?

Vom Vinyl zum „kleinen“ HD-File: Schallplatten digitalisieren mit dem Notbook und Tascam US-144

Wenn ich mir schon die Arbeit mache, Schallplatten in ein digitales Format zu pressen, dann soll das Format auch zukunftsfähig sein. Schon deshalb kommt MP3 für mich niemals in Frage. Da ich andererseits nur überschaubare Teile meiner Vinyl-Sammlung digitalisieren will und ich über einen ordentlichen Notebook und Adobe CC mit der feinen Audio-Recording-Software Audition verfüge, brauche ich auch keinen digitalen Recorder. Für computerphobe Musikfreunde würde ich als Alternative den Tascam DA-3000 empfehlen. In Sachen Qualität toppt der das hier beschriebene Recording-Verfahren noch ein wenig. Das Gerät kostet aber auch 1.000 Euro.

Mit genügt als Interface zwischen Notebook und Musikanlage ein Tascam US-144 MKII:

Tascam US-144 MKII

Der Tascam US-144 MKII ist ein prima Interface zwischen PC und Audio-Anlage.

Der TASCAM US-144 MKII umgeht die limitierende Sound-Karte des PC und schafft – unbedingt notwendig – die Möglichkeit der Lautstärkeregulierung der Quelle. Der Straßenpreis auf der Datenautobahn liegt derzeit bei rund 150,- €. Früher nahm der Handel fast 200,- für das Teilchen. Dafür bietet er eine sehr vernünftige Qualität. TASCAM ist eben ein Studio-Ausrüster für Profis. Das merkt man bei allen Geräten, auch beim kleinen Besteck.

[Nachtrag für Test-Gläubige: Das TASCAM gibt es ja schon eine ganze Weile. es wurde von der connect 2011 im Vergleichstest sehr gut bewertet. Man kann aber auch einfach den Ohren trauen.]

Der TASCAM wird an den Recording-Ausgang des Vor- oder Vollverstärkers angeschlossen. In meinem Fall also an einen Röhrenvorverstärker von Reussenzehn:

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Meine Vorverstärker der deutschen Röhren-Manufaktur Reussenzehn.

Alternativ könnte man den TASCAM auch direkt an den Ausgang des Phono-Vorverstärkers anschließen:

Die Digitalisierung einer Schallplatte kann auch direkt am Ausgang des Phono-Vorverstärkers ansetzen.

Die Digitalisierung einer Schallplatte kann auch direkt am Ausgang des Phono-Vorverstärkers ansetzen.

Die Tonquelle kann ja über Kopfhörer direkt am TASCAM abgehört werden („kein Hinterband!“).

Ein Wort zum Thema Adapter: Der TASCAM kommt ja aus dem Studio-Bereich. Als Eingänge bietet er deshalb 6,3er Klinkenbuchsen im Line-Eingang und XLR-Buchsen für den Mikrofoneingang. Der Anschluss des Vorverstärkers sollte unbedingt am Line-,keinesfalls am Mikrofoneingang erfolgen. Man benötigt also einen Adapter von Cinch auf große Klinke!

Per USB-Kabel wird der TASCAM dann auf der anderen Seite mit dem Rechner verbunden:

Notebook

Aufgenommen wird über den PC

Schallplatten digitalisieren mit Adobe Audition

Die Recording-Software sollte folgenden Mindestanforderungen genügen:

  • Unterstützung des FLAC-Format (komprimiert, aber verlustfrei)
  • Abtastrate mindetens 96 kHz
  • Mindestens 24 Bit

Diese Werte sind durch den TASCAM US-144 vorgegeben. Eine Abtastrate von 192 kHz oder gar die Unterstützung des DSD-Formats ist „nice to have“, erfordert aber eigentlich auch ein aufwendigeres Interface. Lieber wäre mir eine Bittiefe von 32 Bit. Aber es geht auch so.

Ich arbeite gerne mit Adobe Audition. Eine gute und kostenlose Alternative ist aber in jedem Fall Audacity. Damit habe ich Aufnahmen in sehr guter Qualität gemacht. Ich selbst komme aber mit der Bedieneroberfläche des Adobe-Produkts deutlich schneller zurecht. Beide Programme verfügen über brauchbare Editierfunktionen um zum Beispiel Knackse und Rauschen zu eliminieren. Ich nutze solches Zeugs aber kaum. Die meisten meiner Platten rauschen und knacksen nicht. Dafür werden sie vor der Aufnahme und auch sonst immer wieder mal gründlich gewaschen. Aber über Schallplattenwaschmaschinen habe ich mich hier auf diesem Blog ja schon mal ausführlich ausgelassen.

Adobe Audition CC

Adobe Audition CC oder alternativ das kostenlose Audacity sind für das Home recording ordentliche Lösungen

Für die Aufnahme selbst hat so ziemlich jeder kleine Heim-Tonmeister seine eignen Prozesse. Grundsätzlich aber nimmt man immer eine Schallplatte in einem Rutsch – na ja, eher in zwei, also ein Rutsch pro Plattenseite – auf. Vorher den Aufnahmepegel gründlich einstellen. Übersteuerungen sind im Digitalen tödlich und irreparabel! Anschließend speichere ich die einzelnen Songs mit der Titelangabe ab. Die ID-Tags (Titel der Platte, Künstler, Track, Genre) gebe ich über den Dateimanager von Windows ein. Bis auf den Namen des Stücks geht das dann für die ganze Platte wieder in einem Aufwasch.

Grundsätzlich macht das ganz schön viel Arbeit – selbst wenn man auf Restaurierung wie Entknacksen verzichten kann. Ich werde mich hüten, alle meine Vinyls zu digitalisieren. Warum auch? Nie klingen Sie besser, als direkt vom Plattendreher. Aber schon eine gründliche wie hier beschrieben digitalisierte Version  hängt viele CDs qualitativ ab.

Schallplatten digitalisieren Schritt für Schritt

Schallplatten digitalisieren

Schallplatten digitalisieren in der Übersicht

  1. Schallplatte waschen (links am Boden sieht man die Waschmaschine)
  2. Schallplatte auflegen
  3. Signal über PhonoPre und Vorverstärker an den TASCAM US-144 leiten. Dort Lautstärker einpegeln
  4. Aufnahme über Computer mit Adobe Audition oder Audacity mit 96 kHz und 24 bit im FLAC-Format, Titel trennen und taggen

Und schon kann man auch im Auto vinylieren – ohne Plattenfalten!

3 Gedanken zu „Schallplatten digitalisieren: Weil Vinyls im Auto immer so sperrig sind“

  1. Den Gedanken einen Plattenspieler ins Auto einzubauen habe ich auch verworfen, Im Sommer hat es die kostbaren Scheiben verbogen, im Winter war die Aufhängung des Auto-Drehers zu träge und die Platten sind gesprungen. Beschleunigungen im alten Ford Thunderbird ’58 mochte dei Nadel überhaupt nicht. Nicht nur aus diesem Grund ist bei mir und meinen AUDIO-Dinos die Idee entstanden einen sehr hochwertigen Digitalisierer aufzubauen, den wir dann via Kickstarter finanziert haben. Vielleicht macht es Sinn, sich den ADICON von ssb-audio.com einmal näher anzusehen. LG

  2. Wer mehr als eine Handvoll Schallplatten überspielen und auf Komfort nicht verzichten möchte, dem sei VinylStudio ans Herz gelegt. Das Programm für PC und Mac verfügbare Programm automatisiert Aufnahme, Vergabe von Tags, Coversuche und die wesentlichen Schritte der Nachbearbeitung, unter anderem auch das Entfernen von Knacksern und die schonende Restaurierung der dadurch entstandenen Lücken im Signal. Wer mag, kann auf seine Aufnahmen auch unterschiedliche Entzerrungen anwenden oder bekannte Schwächen des verwendeten Tonabnehmers (soll es ja geben) ausgleichen.

    Die Testversion der Software erlaubt die Überspielung von fünf Platten – genug also zum ausgiebigen Test.

  3. Mit etwas zeitlichem Abstand mein aktuelles Setup, bei dem meine Aqvox Phonostufe bleibt arbeitslos bleibt. Ich gehe dabei direkt vom dynamischen Tonabnehmer in den Mikrofoneingang eines Tascam USB-Interfaces.

    Ganz grob sieht der Workflow so aus: TD524 mit TMC63 > Tascam US-2×2 > Audacity > flac > Vinylstudio > flac+mp3

    Waschen und legen wie von Michael Kausch beschrieben. Ich nehme mit 24/44 in Audacity via Notebook auf – ein Blick auf das Spektrum meiner Aufnahmen zeigt, dass dies eigentlich schon ein Overkill ist bezüglich des Frequenzumfangs; die 24 Bit sind für die Nachbearbeitung hilfreich. Das Signal wird zur Aufnahme grob so eingepegelt, dass es an keiner Stelle zu einer Übersteuerung kommt. Als Archivformat für die Rohdaten verwende ich flac. Das lässt sich verlustfrei entpacken, taggen, bringt rudimentäre Sicherungsmechanismen mit und trägt nicht auf. Die eigentliche Bearbeitung erfolgt in VinylStudio, das jeden einzelnen seiner 30 Euro wert ist. Ich mache das auf dem PC, weil mehr Screen-Estate und komfortablere Bedienung. Man könnte übrigens auch in VinylStudio aufnehmen, aber weil ich eh Dateien transportieren muss, nutze ich dieses Feature nicht.

    1. Entzerrung, Rumpelfilter und gegebenenfalls Korrektur des Tonabnehmers. Mein TMC63 ist mit einer SFL-Nadel ausgestattet, die gegenüber der klassischen EMT-Bestückung mit einem sphärischen Diamanten bei 20 kHz 4db bis 6db mehr Pegel liefert. Bei EMT werden zur Korrektur Kondensatoren (0,33µF parallel) verbaut, für die im Gehäuse des TMC63 kein Platz ist. Ich verzichte auf den Kondensator und korrigiere das auf der digitalen Ebene. In der Regel wähle ich die RIAA-Entzerrung, für ältere Aufnahmen stehen zahllose Presets zur Verfügung. Ist nichts Passendes dabei, kann die Entzerrung selbst über die Eingabe der entsprechenden Parameter definiert werden. Bei der Entscheidung für oder gegen das Rumpelfilter hilft ein Blick auf das Spektrum der Aufnahme. Oft genug ist in den ganz tiefen Lagen kein Nutzsignal vorhanden, also weg damit.

    2. Entfernen von Kratzern. Dazu gibt es eine komfortable und fein dosierbare Funktion, die unter anderem Rücksichtnahme auf Perkussionsinstrumente oder Bläser erlaubt. Wer mag, kann sich jede Korrektur einzeln anschauen und entscheiden, ob und wie er sie nun haben will. Mir ist das zu mühsam, ich nehme das Ergebnis der Automatik.

    3. Optimierung von Aussteuerung und Kanalabgleich über die kanalgetrennte Normalisierung des Signals auf einen Zielpegel von -6 dB. Dabei wird da Nutzsignal mit seinem bescheidenen Dynamikumfang von maximal 60 dB, eher aber 40 dB in dem 24-Bit-Rahmen verlustfrei so verschoben, dass beide Kanäle über jeweils eine Plattenseite im Durchschnitt gleichen Pegel haben und die Dynamik des 16-Bit-Zielformats möglichst gut nutzen.

    4. Trennung in Einzeltracks

    5. Tagging

    6. 24>16 Bit, Erzeugung der Zielformate. Auf Dither verzichte ich, weil das Rillengeräusch den D/A-Wandlern bei der Wiedergabe genug Abwechslung bietet. Könnte man aber dazu packen, bei Bedarf. Verloren geht durch das bei der Umstellung von 24 auf 16 Bit nichts, die gute alte Langspielplatte kommt selbst in Bestform nicht auf 12 Bit.

    Einschränkungen und Bemerkungen:

    1. Das Audiointerface hat eine Eingangsimpedanz von 1 Kiloohm. Das ist für die meisten MC-Systeme unkritisch und ok, aber echte Analogfrickler hätten hier wohl gerne mehr Möglichkeiten (nach dem Motto: Innenwiderstand des Tonabnehmers mal 10…). Wer’s hört…

    2. Die Pegelsteller des USB-Interfaces sind winzig und ungünstig neben den Mikrofoneingängen gelegen. Dadurch wird die Einpegelei und der Kanalabgleich ziemlich fummlig. Ich kriege das in der Regel trotzdem auf etwa ein dB hin. Den Rest erledigt dann die Software.

    3. Aus dem Plattenspieler geht es asymmetrisch raus, das Signal wird nicht symmetriert. Damit fehlen 6 dB Pegel, kein Beinbruch.

    4. Ältere Platten taste ich wohl besser mit einem DL103 ab, die konische Nadel passt da besser als die extrem schnittige SFL-Nadel im TMC63, das wirklich alles an Rillengeräuschen herausholt was da ist.

    5. Ich habe mit 44,1kHz digitalisiert, weil ich immer die CD als Zielmedium im Hinterkopf hatte und eine Konvertierung der Samplerate vermeiden wollte. Ist aber Blödsinn, weil ich und der Rest der Welt in der Regel eh nur die Files abhört. Künftig also 24/48.

    6. Zum Für und wider der digitalen Entzerrung gibt es bei channld.com (http://www.channld.com/purevinyl/pure-vinyl-faq.html#anchor3459) eine ganze Menge Informationen.

    7. Alternativ könnte ich zur Bearbeitung Sound Forge mit den hervorragenden izotope-Tools verwenden. Ich werde das mal versuchen, befürchte aber einen erheblich höheren Zeitaufwand.

    8. Die Eigenheiten des verwendeten Tonabnehmers leite ich momentan aus dem Frequenzschrieb ab. Soweit das meine Zeit erlaubt, versuche ich mich in den nächsten Monaten an einem Mess- und Kompensationsverfahren zu entwickeln, das da etwas mehr Ordnung reinbringt.

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