Problemzone Porno im Internet… Jetzt wird hart durchgegriffen

Ausschnitt aus Hieronymus Boschs Gemälde „Garten der Lüste“: Bald wegen frauenfeindlicher, pornographischer Darstellung auf dem Index und im Netz nicht mehr ansehbar?

Pornographie…

Sie sind doch auch dagegen, oder? ODER?
Na also. Dann gehören Sie zu den Gutmenschen, die Pornographie aus moralischen, ethischen oder sonstigen Gründen ablehnen. Alles in bester Ordnung.
Wirklich?
Der schwedische EU-Parlamentarier Christian Engström, Abgeordneter der Piraten sieht das auch nicht anders. Trotzdem will er – so verkündet er in seinem Blog in der kommenden Woche gegen eine Anti-Porno-EU-Resolution stimmen: I will be voting against this resolution next week.
Die nämlich, also die Europäische Union, debattiert gerade über ein Verbot von Pornografie in allen Medien, das sie gern durchsetzen möchte.
Wie jetzt?
In ihrem Bericht vom 06.12.2012 über den Abbau von Geschlechterstereotypen in der EU (2012/2116(INI)), vorgelegt von dem Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter, heißt es u.a.

… in der Erwägung, dass junge Frauen und Männer am meisten von dem neuen kulturellen Status der Pornographie betroffen sind; in der Erwägung, dass die „Verbreitung von Pornographie“, d. h. der derzeitige kulturelle Prozess, in dem sich Pornographie als ein universell immer mehr akzeptiertes, oft idealisiertes kulturelles Element in den Alltag schleicht, sich besonders ausgeprägt in der Jugendkultur manifestiert: von Fernsehprogrammen und Lifestyle-Magazinen für Jugendliche, über Musik-Videos bis hin zu Werbung, die sich speziell an Jugendliche richtet…

… fordert die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, auf ihre Entschließung vom 16. September 1997 zur Diskriminierung von Frauen in der Werbung, die ein Verbot aller Arten von Pornographie in den Medien sowie von Werbung für Sextourismus fordert, konkrete Maßnahmen folgen zu lassen1…

Gegen eine solche Aufforderung des Ausschusses, die EU solle ihre Mitgliederstaaten auffordern, konsequente Pornoverbote in allen Medien einzuführen, kann man doch nichts haben. Oder etwa doch?

Und schon sind wir wieder bei Christian Engström. Dem nämlich stößt nicht so sehr das Pornoverbot grundsätzlich auf, als viel mehr die Tatsache, dass diese Initiative der ganzen ACTA-Problematik sehr nahe steht:

In the battle against the ACTA treaty, the fact that ACTA contained similar ”self-regulation” proposals to get internet service providers to start policing their customers was one of the reasons why the European Parliament rejected the treaty in the end.
Many members of the parliament (including me) felt and feel that this kind of ”self-regulation” is nothing more than an attempt to circumvent the article on information freedom in the European Convention on Human rights, which says that everyone has the right to receive and impart information without interference by public authority and regardless of frontiers, and that any restrictions to this right have to be prescribed by law and be necessary in a democratic society.

Und noch etwas stellt Engstöm klar: Die Entschließung ist ein Initiativbericht des Parlaments, eine Meinungsäußerung, nicht automatisch ein Gesetz. Allerdings  bilden Initiativberichte Grundlagen für Gesetzesinitiativen der Europäischen Kommission an das EU-Parlament.

Natürlich muss sich die EU keine Gedanken machen, ob und wie entsprechende Gesetze praktisch umsetzbar sind. Sie muss sich auch nicht überlegen, wie (und was) in Zukunft pornographischen Inhalts ist und im Netz nicht mehr gezeigt werden darf. Die Regeln sind klar und doch schwammig. Denn was der Eine als eindeutig pornographisch auffasst, muss der andere  noch lang nicht so sehen.

Die berühmte Grenze vom errigierten Penis greift dann wohl nicht mehr: Nehmen wir mal das Beispiel Intimpiercing. Während sich Fans und Freunde in Foren austauschen und Bilder miteinander teile, Wikipedia in Text und Bild sachlich alles erklärt und beschreibt und Piercingstudios Informationen liefern, mögen andere Menschen hier klare pornographische Inhalte erkennen: Die Darstellung entblößter Geschlechtsteile, vor allem der weiblichen. Das allein könnte ja schon eine, wie man in entsprechenden Kreisen sagt, geile Wichsvorlage sein…

Albrecht Dürers „Eva“. Seit 500 Jahren ein pornographisches Bild?

Nächste Frage: Die vielen nackten Tatsachen, die uns Botticelli, Rubens, Bosch, Caravaggio, Goya, Dürer und andere Maler präsentieren… Ist das nicht auch frauenfeindlich? Immerhin sind es für männliche Betrachter gefertigte Darstellungen nackter Frauen in sehr animierender und stimulierender Pose? Ist das noch Kunst oder schon Porno? Und selbst, wenn es kein Porno ist: Es definiert doch die Frau als Objekt der Begierde. Müsste man nicht gleich die ganze Kunstgeschichte online, in Büchern und in den Museen auf Diskiminierungen durchforsten und „säubern“. So talibanmäßig nur mit einem anderem, dem  ♀-Vorzeichen?

Besonders irritierend bei der EU-Entschlussvorlage nämlich ist, dass es hier nicht etwa um Moral, um die Würde der betroffenen Personen, um die Ausbeutung von Menschen, um Pornographie im allgemeinen, sondern wieder einmal in erster Linie um die Genderisierung geht.

Ich mach Pause. Ich hol Kaffee.

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XXX Ich kapere jetzt diesen Blogpost-Entwurf ganz dreist in Piratenmanier und mache an dieser Stelle hier weiter (Alexander Broy) XXX

Ausserdem finde ich die darin enthaltene Behauptung, dass Pornographie automatisch sexistisch und diskriminierend ist, unhaltbar. Möglicherweise ist das bei Klassikern wie „Blutjunge Pfläumchen zum Anal-Sex gezwungen“ der Fall, aber nicht „zwingend“ notwendig…

Was ist zum Beispiel mit gleichgeschlechtlicher Pornographie? „Harte Kerle in Lack und Leder“ kann wohl nicht mal von der fundamentalistischsten Feministin als frauenverachtend und genderdiskriminierend bezeichnet werden. Wird es, dieser Logik folgend, bald nur noch Schwulen- und Lesbenpornos im Internet geben? (Lesbenpornos dürfen selbstverständlich nur noch von Menschen mit einer weiblichen IP heruntergeladen werden … die Provider können das bestimmt mal eben programmieren, gell @Sebastian!)

Wenn ihr meine Meinung hören wollt, dann ist das wieder mal ein Beweis für den fortschreitenden Wahnsinn einer immer debiler werdenden Gesellschaft.

Ich denke gerade über ein wahrhaft warholeskes Filmprojekt nach, in dem eine nackte Frau rauchend ohne Fahrradhelm auf dem Gehweg radelt und werde damit auf dem verbotensten Index aller verbotenen Indexe landen …

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Nach dieser von Alex betriebenen feindlichen Übernahme dieses Textentwurfs überlasse ich das Feld gern den Gutmenschen.
Beschimpfen Sie uns…
Sie sind schließlich auch gegen Pornos. Oder? ODER?

5 Gedanken zu „Problemzone Porno im Internet… Jetzt wird hart durchgegriffen“

  1. Oh toll! Wir kriegen Prohibition. Funktioniert(e) ja mit Alkohol, Waffen, „illegalen“ Büchern, etc. wunderbar! Die Geschichte ist voll von Beispielen für erfolgreiche Prohibition – NOT!

    Dieser Moral- und Tugendterror geht mir so was von auf den Senkel.

    Soll doch jeder Pornos gucken, der will. Und die Behauptung, daß Pornos die Sexualität von Jugendlichen negativ beeinflussen ist durch Studien schon mehrfach widerlegt worden.

  2. Ich sehe es schon vor mir: Produzenten in der EU machen dicht oder wandern aus. Darsteller_innen drehen Filmchen weiter, nun aber in kleinen schmuddligen Buden, die zwielichtige Gestalten ihnen zur Verfügung stellen. So sind sie natüüüürlich viel besser vor Übergriffigkeiten am Set geschützt. *facepalm*

    Das mag natürlich plakativ sein, aber genau so etwas passiert doch immer, wenn Dinge verboten werden. Ein Drängen in die Halblegalität oder Kriminalität, welches Ausbeutung doch gerade erst Tür und Tor öfnet. Entsetzlich.

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