Der Blog, das Blog?

Gut, es gibt wichtigere Fragen zu beantworten. Wie kriegen wir die globale Erwärmung in den Griff? Ist Obama wirklich ein Liberaler? Darf eine Bundeskanzlerein Busenansatz zeigen? Trotzdem will ich sie stellen, die Frage, die mich gerade am heftigsten herumtreibt: Heißt es eigentlich „der Blog“ oder „das Blog“?

Gleich vorweg: Ich sage „der Blog“. Ich darf das, denn ich bin Amerikaner, und es ist unsere Wortschöpfung, da könnt Ihr Deutschen Euch auf den Kopf stellen. Aber als ich die Frage per Mail an Michael Kausch richtete, kam von ihm sofort ein schroffes „nein nein. DAS blog. unbedingt.“

Wie ernst es ihm ist, merkt man daran, dass er in einer Mail Großbuchstaben verwendet. Das tut er sonst nie.

Das heisst aber nicht, dass er recht hat. Leider hilft uns auch der Duden („Blog, das, auch der)“ nicht wirklich weiter. Man hat es sich in Mannheim offenbar seit der Right-Write Reform ganz abgewöhnt, eindeutig zu irgendeinem Thema Stellung zu beziehen und sagt statt dessen im Grunde: „Macht doch grad was ihr wollt!“
Weiterlesen

Traue keinem Wiki, den du nicht selbst gefälscht hast

Im Jahre 2004 schrieb schließlich der Amerikaner James Surowiecki ein Buch, das er „The Wisdom Of Crowds“ nannte, in dem er die kollektive Intelligenz der Gruppe beschreibt: Gemeinsam sind wir Menschen laut Surowiecki in der Lage, besser zu denken und zu entscheiden, als es ein Einzelner je könnte.

Im Zeitalter des „Mitmach-Internet“ ist die Gruppenweisheit gefragter denn je, und nirgendwo zeigt sich das deutlicher als bei Wikipedia, dem Online-Lexikon, das von den Lesern selbst erstellt wurde und ständig fortgeschrieben wird. Der Einzelne trägt sein Wissen in Form von Fachaufsätzen oder Einträgen bei, die anderen Leser nehmen sozusagen eine fortlaufende kollektive Schlusskorrektur vor.

Wikipedia ist heute für die meisten Menschen, die im Internet recherchieren müssen, das was Google für die Online-Suche ist, nämlich die erste und wichtigste Anlaufstelle. Und was da steht, das glaubt man auch, denn schließlich wacht ja die Menge mit ihrer Weisheit darüber, dass keiner mogelt oder lügt.
Weiterlesen

angie allein im web?

der jugend- und online-ableger der süddeutschen zeitung jetzt.de bringt ein interview mit markus beckedahl von re-publica zu dessen studie über politiker im web 2.0.  die ergebnisse der untersuchung sind nicht überraschend: deutsche politiker scheuen das soziale netz wie  ministranten katholische priester.

„In den USA hat Barack Obama über eine Million Unterstützer bei Facebook. In Deutschland haben wir von Angela Merkel ein Profil bei Facebook gefunden, sonst aber von so gut wie keinem Politiker in einem sozialen Netzwerk“  (beckedahl). deutsche parteien investierten noch zu wenig in online-wahlkämpfe, so der deutsche online-politik-papst.

aber liegt das nur an der unfähigkeit der pr- und marketingprofis hinter unseren politikern? daran, dass die moritz hunzingers ihren kunden zwar die anzüge kaufen, aber kein blog einrichten?
Weiterlesen

Blüm, Marx, Zumwinkel und der ganze Wahnsinn

„Wo die Moral abhanden kommt, da gerät der freiheitliche Rechtsstaat in Gefahr.“ Dies lies Horst Köhler vor wenigen Tagen bei der Verleihung des Max-Weber-Preises für Wirtschaftsethik in Berlin verlauten. Aber stimmt das eigentlich?

Ich meine, es stimmt auf gefährliche Weise nicht! Angesichts der zahllosen aktuellen Skandale um offene Rechtsbrüche unserer Vorzeigeunternehmen von Siemens bis zur Deutschen Telekom vermischt die öffentliche Diskussion zwei grundsätzlich voneinander unabhängige Probleme:

Natürlich ist es wahr, dass die soziale Ungleichheit in unserem Land zunimmt. Natürlich orientieren sich die Vorstände unserer börsennotierten Unternehmen in erster Linie an den Interessen ihrer Shareholder und nicht an den Interessen ihrer Mitarbeiter. Natürlich schanzen sich Vorstände hohe Abfindungen zu, wenn sie ihr Unternehmen mitsamt ihrer Mitarbeiter an den Wettbewerb verkaufen. Und natürlich ist das alles nicht schön und manchmal auch auf lange Sicht für unsere Gesellschaft, die auf Konsens beruht, gefährlich. Aber das ist eine Wertedebatte, die es in privatwirtschaftlich verfassten Wirtschaftssystemen immer schon gab und auch immer geben muss. Es ist die alte Diskussion um die neuerdings wieder so beliebten paternalistisch organisierten Familienunternehmen einerseits (siehe Handelsblatt vom 17. Juni) gegen die modernen und anonymen Aktiengesellschaften, die für Karl Marx eine Vorlage für sozialistische Unternehmen und für Norbert Blüm eine prima Voraussetzung zum sozialen Ausgleich über die Arbeitnehmerbeteiligung am Produktivvermögen, darstellen. Da scheinen heute in der Diskussion die Fronten gehörig durcheinander zu geraten. Aber das ist ein eigenes Thema …
Weiterlesen

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Es gibt nur eine richtige Art, seine Telefonnummer auf die Vistenkarte zu schreiben – nämlich so, dass sie der Computer versteht!

Ich habe mir neulich einen Vistenkarten-Scanner gekauft. Das ist eine wunderbare Erfindung, denn jetzt kann ich endlich den Stapel an Vistenkarten abarbeiten, die bei mir neben dem Schreibtisch liegen und wo ich nie die Zeit fand, sie in mein Outlook einzugeben.

Es gab allerdings schon bald erste Probleme. Ich bin es nämlich gewohnt, meine Outlook-Daten mit meinem Mobiltelefon zu synchronisieren, damit ich meine Kontakte auch unterwegs anrufen kann. Als ich aber die erste eingescannte Nummer wählen wollte, kam den typischen dreifachen Piepston, gefolgt von der vorwurfsvollen Frauenstimme: „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“

Schuld war die Visitenkarte. Genauer: die Art und Weise, wie der Mensch seine Telefonnummer auf seiner Karte angegeben hatte.
Weiterlesen

Wir, die Techno-Beduinen

Wireless-Technologie und „always on“ Internet werden die Art und Weise verändern, wie wir arbeiten, leben, lieben und uns selber sehen: 10 Thesen zum Thema „Der Mobilmensch“

1. Der „Road Warrior“ von gestern war wie ein Astronaut, der seinen eigenen Sauerstoff mit sich führen musste. Statt ihn zu befreien, hat ihn das Gewicht seiner mitgeschleppten „Gadgets“ – Laptop, PDA, Mobiltelefon – gefesselt. Der Techno-Beduine trägt sein Wasser nicht mit, weil er weiß, wo er eine Oase findet.

2. Diese neue Freiheit verändert alles: Der Online-Nomade findet immer eine Möglichkeit, sich einzuwählen. Als echter Mobilmensch hat ein anderes Verhältnis zu Zeit, Ort und zu anderen Menschen als sein stationärer Zeitgenosse. Mobilität verändert nicht nur unser Verhalten, es verändert auch unsere Sprache – und damit unser Denken.

3. Während stationäre Menschen immer mehr Papier produzieren, reist der Techno-Beduine stets mit leichtem Gepäck. Er druckt nichts mehr aus, sondern speichert wichtige Dokumente entweder auf seinem mobilen Gerät oder auf einem Server daheim oder in der Firma. Für ihn ist das papierlose Büro heute schon längst selbstverständlich.
Weiterlesen

Schalentiere werben für Potenzmittel

Alles, was unsere Aufmerksamkeit erregt wird von Werbern genutzt, um uns mit Reklame zu bombardieren. Werbung folgt uns überall hin. Wenn es genügend Taucher gäbe, wären die schönsten Korallenriffe der Welt begehrte Werbeumfelder. Dann würden Schalentiere auf ihrem Rücken für Potenzmittel werben oder für Verhütungsmittel (Condomi), Barsche würden Fähnchen hinter sich herziehen, auf denen die Vorzüge der neuesten Bademode beschrieben stünden und Haie trügen schwarze Schriftzüge auf weißem Bauch, die den dahin ziehenden Taucher für Kickboxen als Aggressionsventil gewinnen wollen. Weiterlesen

Cyzslanskys Tante

Cyzslanskys Tante

Die Cyzlansky-Forschung steckt bekanntlich noch in den Kinderschuhen. Wir wissen noch viel zu wenig über diesen genialen Kosmopoliten und Vordenker des digitalen Zeitgeistes. Doch schon erste, zaghafte Spatenstiche in der Krume der den Czyslansky-Mythos überdeckenden Bodenschichten fördern geradezu erstaunliche Erkenntnisse zutage.

So sind im Nachlass von Arthur B. Rostenheimer, einem Nachbarn der Familie von Hermann und Pauline Einstein, den Eltern von Albert Einstein, kürzlich Briefe an dessen Oheim in Moses Lake im US-Bundesstaat Washington aufgetaucht die belegen, dass eine gewisse Hindel Cislanski oder Czyslansky ungefähr um 1886 als Hausangestellte und später als Haushälterin im Anwesen der Familie im Hinterhof der Adlzreiterstraße 14 (heute: Lindwurmstraße 127) in München-Sendling beschäftigt gewesen ist.

Rostenheimer erinnert sich in einem Brief an „Tante Hindels legendären Satz, den sie, wie Ihr, lieber Oheim, sicher noch wißt, am Tage stets zu wiederholen pflegte, wenn der junge Einstein wieder einmal von seinem Vater beim Kirschenklauen oder einem der anderen Streiche erwischt wurde, zu denen ihn sein unbändiger jugendliche Übermuth hinriß: ‚Ach, gnädiger Herr, der kleine Farstinkener hat doch nichts Schlimmes getan. Ist doch alles relativ!’“
Weiterlesen

Mensch, der Computer!

Der Computer sei ein „ausgelagerter Teil des Körpers“, sagt Verfassungsrichter Winfried Hassemer in einem Interview der „Süddeutschen„. Fragt sich nur welcher?

Wie wäre es mit dem Bewegungsapparat? Ich träume schon lange von einem Gerät, das mir die Mühe des Fitnesstrainings abnimmt, etwa durch gezielte Stimulation von Muskelgruppen.

Und was ist mit den Geschlechtsorganen? Unterhalb der Gürtellinie hat die Computerrevolution ja längst begonnen: „Cyberdildonics“ nennt sich eine Unterdisziplin der Informationstechnologie, bei der es um die computerisierte Fernsteuerung des Lustempfindens mittels Sensoren und Stimulatoren an besonders empfindlichen Körperstellen geht. Ich erinnere mich an eine Cybersex-Messe in Frankfurt, auf der sich Paare, in Latex gehüllt und mit Drähten gespickt, sozusagen fernliebten. Für Sadomachoisten gab es damals schon die Variante mit spitzen Nadeln, um sich per Hyperlink gegenseitig am Po (oder sonst wo) zu pieksen.

An diesen Messebesuch denke ich nur fröstelnd zurück. Aber wenn wir schon beim Erinnerungsvermögen sind: Ich fände es toll, wenn wir Teile unseres Denkapparats auslagern könnten. In meiner aktuellen Lebensphase beginnt bekanntlich das Langzeitgedächtnis nachzulassen. Einfach in regelmäßigen Abständen eine Backup-Kopie machen! Fehlt dann nur noch der Stirnschlitz für die Memorycard. Am besten jeden Morgen das Gehirn mit Outlook synchronisieren!
Weiterlesen

war czyslansky ein verfechter der kleinschreibung? nein!

tim cole hat mich vor wenigen tagen darauf angesprochen, ob czyslansky wirklich ein verfechter der konsequenten kleinschreibung gewesen sei. frühe kontakte zu den gestaltern des bauhauses, aber vor allem ein heute verschollenes traktat czyslanskys über die brüder grimm und ihr wörterbuch würden auf eine solche radikale position czyslanskys hinweisen. (an dieser stelle sei auf jacob grimms berühmte verteidigung der minuskel verwiesen: „den gleichverwerflichen misbrauch groszer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heißsen kann, habe ich … abgeschüttelt.“)

ich glaube das nicht. vielmehr arbeitete czyslansky, soweit ich weiss, immer schon auf einer alten remington noiseless no.6. das gute stück stammte aus der ersten fertigung von 1929 und die umschalttaste hakte von beginn an ein wenig. czyslansky hat sich damit arrangiert, in dem er sie – so gut es eben ging – ignorierte. „die anderen tasten schnurren noch immer wie ein jaguar“, so czyslansky am 6. mai 1959 in einem brief an seine damalige geliebte eireen brokenshire. das erklärt doch einiges …

das blog zur analog- und digitalkultur