Öffentlich-Rechtlicher (Online-)Rundfunk, die Zwoote

Angesichts der erfreulich angeregt geführten Diskussion um die Öffentlich-Rechtlichen Sender im Internet erlaube ich mir einfach noch einen Nachschlag zum Thema. Nicht nur weil dabei so wunderbar die kontroversen Positionen auf der Plattform selbst (siehe die Kommentare von Tim Cole, Michael Kausch und Christoph Witte) und weit darüber hinaus (Dank an Stephan Fink et al.!) deutlich wurden, sondern weil mir im Verlauf der Debatte auch einige neue Ideen und Anregungen durch den Kopf gingen, die die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema vielleicht ja noch weiter anregen könnten.

Zunächst erscheint unbezweifelt, dass die öffentlich-rechtliche „Kernkompetenz“, trotz Pilawa und Kerner, Nebel und Pilcher, noch immer in einer von keiner Kommerzialität getrübten Qualität bei News und Events im weitesten Sinne besteht. Angesichts der Konvergenz digitaler Medien (sie dazu weniger den Artikel denn die wunderbare Headline „You’re looking for a „TV“? Oh, you mean a living-room monitor with the entertainment interface“ auf „Good Morning Silicon Valley“) kann auch das dafür genutzte Distributions-Netzwerk eigentlich nicht der zeitgemäße Punkt einer informiert geführten Debatte sein.

Eigentlich geht es also um die (Zwangs-)Gebühren, die wir alle für das öffentlich-rechtliche Medien-Angebot zu zahlen haben und die mit stetig wachsender Höhe für ebenso stetig wachsenden Unmut sorgen. Und wenn wir uns alle dann auch noch den Umstand ins Gedächtnis rufen, dass „Paid Content“ ein von vielen Anbietern, allen voran übrigens Verlagen und privaten TV-Veranstaltern, oft propagiertes, aber nur selten erfolgreich praktiziertes Geschäftsmodell war und ist, nehme ich mal an, dass auch die Gebühren nicht der eigentliche Kritik-Punkt sind, sondern der Zwang sie entrichten zu müssen. Und genau hier wäre dann Zeit und Raum für ein wirklich groß angelegtes, bisher weltweit einmaliges Experiment.

Warum werden die Gebühren für öffentlich-rechtliche Medien-Angebote eigentlich nicht „modularisiert“? So könnte eine obligatorische Basis-Gebühr für den Erhalt der „Grundversorgung“ (deren Inhalt und Umfang dann allerdings noch genau zu definieren und öffentlich zu diskutieren wäre!) mit öffentlich-rechtlichen Inhalten (in reinen TV- und Radio- sowie auch in Online-Netzen) sorgen. Alle darüber hinaus gehenden Veranstaltungen, von der unseligen Volksmusik bis hin zu Sport-Events, aber auch der Mediathek- und noch weiter gehender Archiv-Nutzung könnten dann Gegenstand freiwillig und individuell zu bezahlender Zusatz-Optionen werden. Wobei Pay-Per-Use wie auch komplette „Zusatz-Pakete“ denk- und machbar wären.

Im Gegenzug sollten sich die Öffentlich-Rechtlichen Sender ebenso freiwillig vom Werbekuchen fern halten. Und diese Abstinenz sollte sich mindestens auf die klassischen Formate von TV- und Online-Werbung beziehen, so dass bestimmte „Sonder-Werbeformen“, wie etwa das Sponsoring von Groß-Events davon nicht betroffen sein müssten.

Das würde den Sendern eine gewisse Planungssicherheit und auch eine Entwicklungs-Garantie verschaffen, während wir alle, ob als Zuschauer oder Nutzer uns endlich darüber klar werden könnten, was uns ein öffentlich-rechtlicher, unabhängiger und qualitativ herausragender Mediendienst denn nun wirklich wert ist.

Nun hoffe ich, mit diesem Vorschlag endlich (wenn noch nicht geschehen) zwischen allen Stühlen und mitten in den Nesseln zu sitzen.

10 Gedanken zu „Öffentlich-Rechtlicher (Online-)Rundfunk, die Zwoote“

  1. Wie wär’s, wenn wir noch einen Schritt weiter gehen und das Modell „alter Hut“ von Courtney Love anwenden: Jeder, der Inhalte schafft und sie im Internet (oder sonstwo) anbietet, stellt einen alten Hut auf, in dem Leute bei Zufriedenheit Geld einwerfen können. Digitales Strassenmusikantentum, sozusagen. Da stellt sich ganz schnell heraus, wofür die Leute bereits sind zu bezahlen und wofür nicht.

  2. Diese Zwangsgebühren machen mich auch immer wieder unglaublich zornig, aber die Aussicht das öffentlich rechtliche Radio ohne sie zu verlieren (bes. Bayern 2, D-Radio, Deutsche Welle), welches ich inzwischen fast ausschließlich als Podcast konsumiere, macht mir Angst.
    Ich wäre absolut bereit, für Podcasts von hoher Qualität, Geld zu bezahlen.

  3. Naja, Tim, das Modell „Alter Hut“ (Nomen est Omen!) ist auch keine ganz frische Idee: Was tun wir Blogger denn heute anderes? Allerdings werfen nicht die Nutzer ihre Münzen rein, sondern wenn’s gut geht, die werbende Industrie, vertreten durch Google. An den Topf bzw. Hut wollen wir alle: Verlage, Medienhäuser usw. Wäre doch nett, für die öffentlch-rechtliche Qualitäts-Publizistik einen neuen Hut zu finden. Oder?

  4. Schön, dass es möglich ist, von einem Thema aus so viele Fässer aufzumachen.

    Fass 1: Offenbar besteht Einigkeit darüber, dass die Grundversorgung durch die ö-r in gewissem Maße Finanzierung benötigt, die unabhängig von Werbung ist (Fass 1a: Was ist Grundversorgung? Fass 1b: Wieviel Geld wird benötigt?).

    Fass 2: Ich kenne keine statistische Erhebung die ermittelt, wie hoch der Anteil der Zuhörer von Straßenmusikanten ist, die auch bezahlen. Wie wir nun endlich alle gelernt haben sollten, liegt im Internet ein vergleichbares kostenloses Angebot nur einen Mausklick entfernt. Deshalb: ich bezweifle das freiwillige Bezahlmodelle funktionieren. Wer spendet denn den vielen Open Source-Programmierern, die tolle Tools kostenlos anbieten und dann einen „Donate“ Button auf ihrer Seite anbringen?

    Fass 3: Einen wesentlichen Hinderungsgrund beim Bezahlen sehe ich in der immer noch nicht ausgereiften Bezahltechnik. Es gibt bisher kein System, das sicheres Bezahlen von Cent-Beträgen per Mausklick möglich macht. Erst dann ist vermutlich mit Umsätzen zu rechnen.

  5. Jetzt wechseln wir mal in der Betrachtung die Zeitebene und gehen 15-20 Jahre in die Zukunft. Die heutigen Studenten sind 45 Jahre alt und Entscheidungsträger:

    – Aktuelle Nachrichten werden überwiegend übers Internet konsumiert und zwar in einer Mischform von Text und Bewegtbild, wahrscheinlich interaktiv, selektiv und hochgradig vernetzt

    – Spielfilme, Serien, Dokus, Musik, Spiele etc. werden nach Bedarf vom Internet gestreamt oder über ein eigenes Home-Videoarchiv geladen, wahrscheinlich über ein sehr schnelles WLan

    – Überregionale Tageszeitungen haben fusioniert, regionale Zeitungen haben überlebt

    – Content-Geschäftsmodelle mit Zwangsgebühren sind Standard

    – Werbefinanzierter Content ist gefloppt

    Vor diesem Szenario sind die heutigen Bemühungen der Öffentlich Rechtlichen Sender nur folgerichtig.

  6. Das Zahlen für eine Grundversorgung ist keine schlechte Idee. Allerdings würde ich dann noch analog zur Gesundheitsreform einen Fond einrichten, in den alle Gebühren hineinfließen und aus dem heraus die Rundfunkanstalten dann nach einem Punktesystem bezahlt werden. Punkte gibt es nur Politiksendungen, Bildungsfernsehen, Nachrichten und Dokumentationen. So wird auch noch etwas für die Beschäftigung in Deutschland getan. :-))
    Ohne Spaß: Die Idee, Rosamunde Pilcher, Hitparade der Deutschen Volksmusik und Wetten dass als Pay-TV anzubieten, hat viel Charme. Allerdings möchte ich an dieser Stelle dafür plädieren, dass Fussballberichterstattung zur Grundversorgung zählt.

  7. Na da hänge ich mich dann mal wieder rein. Ich gehöre den Millionen Bundesbürgern (sind vielleicht sogar fast alle), die öffentlich-rechtliche Angebote häufig und gerne nutzen. Ich bin sogar bereit, dafür in einem gewissen Rahmen Gebühren zu zahlen. Natürlich gehört, wie in anderen Kommentaren gesagt, auch ein Stück online dazu. Nur wo ist die Grenze?

    Zum Thema Gebühren möchte ich noch auf ein Gebührenmodell der Medienpolitischen Kommission des Landes Hessen hinweisen, das im Zuge der Diskussion um Gebühren für „PCs und anderes“ im Herbst 2007 vorgestellt wurde. Das aufwendig gegen deutsches und europäisches Recht abgestimmte Modell strebt die Entkopplung der Gebühren von den „Empfangsgeräten“ an und hat durchaus auch die Aufmerksamkeit der Politik gewonnen.
    Mein Blog-Beitrag dazu findet sich hier – http://www.mediacoffee.de/stephanfink/item/390

    Die komplette Fassung des „Hessischen Modell“ findet sich hier: http://www.ihk-hessen.de/imperia/md/content/ag/pdf/medien/Rundfunkmodell_Version_1-3_2007-10-04.pdf

  8. Natürlich hast Du recht, Stephan, das „hessische Modell“ ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung – weg von einer „PC-Maut“ (das wohl abstruseste Ansinnen in diesem Zusammenhang) und anderen geräteabhängigen Modellen. Aber es reicht meines Erachtens eben noch nicht aus. ich denke, dass erst eine Modularisierung in Form einer Haushalt-Grundgebühr, sowie die freiwillige Zuzahlung für darüber hinaus benutzte Zusatzdienste – ob Online, oder wie auch immer verbreitet – eine sinnvolle Entwicklung und Finanzierung öffentlich-rechtlicher Medien-Dienste erlaubt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .