Kultur jenseits von Joghurt

Es gibt Probleme, die sind nicht einfach zu lösen, und es gibt welche, die wären einfach, dächte nur einmal jeder der Beteiligten vernünftig und vorurteilsfrei nach. Und es gibt Probleme, da verkünden alle Beteiligten, alles wäre so ein­fach, aber bei näherer Betrachtung wird es nur immer komplizierter.

Das Urheberrecht im Jahr 40 nach Erfindung des Internet ist da so ein Fall. Die einen sagen, klare Sache, was Recht ist, muss Recht bleiben, hinter den Rechten der sogenannten Rechteinhaber müßte sich alles einreihen. Bürgerrechte, Ver­hält­nis­mäßig­keits­grund­satz, alles ganz nett, solange die Umsätze stimmen. Die anderen sagen, simple Sache, jeder bezahlt seinen Obolus und darf darauf­hin kopieren aus dem Netz, wonach ihm der Sinn steht. Alles, was irgend­wie unter den Be­griff Kultur fällt. Und von den Ein­nahmen werden die Künstler bezahlt. Das nennt sich dann Kultur­flatrate.

Klingt doch prima, das zweite. Dem Recht Gehör verschaffen, indem man es abschafft und durch etwas Zeitgemäßeres ersetzt. Simpel und genial. Aber es gibt Einschränkungen. Zuerst, ganz klar, wieviel darf die Flatrate denn kosten? Ein Obolus kann viel sein oder wenig. In der Antike war ein Obolus immerhin der achte Teil einer Drachme und damit ausreichend Geld, um Charon zu bezahlen, den Fährmann, welcher die Toten über den Styx bringt. Jedem Griechen wurde bei seiner ordentlichen Beerdigung ein Obolus unter die Zunge gelegt, damit er nicht schwarz fahren müsse. Immerhin also eine Silbermünze, nicht zu verwechseln mit wirklich geringfügigen Beträgen. So wird als Preis für die Kulturflatrate bereits durchaus ein Betrag von 50 Euro gehandelt.

Viele geben mehr für Kultur aus. Viele aber auch wieder nicht. Viele haben keine 50 Euro im Monat übrig, aber sie haben 20 Euro für Internet. Ist eine Internetkulturflatrate ein Angebot, das man nicht ablehnen kann? Oder gibt es, vermutlich im sozialdemokratischen Lager, die Ansicht, Kultur sei ein Menschenrecht, das allen Menschen notfalls also auch kostenlos zustünde? Wird somit die sogannte Flatrate zum weiteren Rädchen in der Umverteilungsmaschinerie? Darüber muß sich die Gesellschaft erst noch klar werden.

Aber es gibt weitere Fragen. Zum Beispiel, was ist Kultur? Zeitungen, Bücher, Fachliteratur, Theater, Oper und Konzerte, Malerei und Bildhauerei, Graphiken, Spielfilme, Musik. Und wer soll das Geld bekommen, nur die Künstler? Oder auch Rechteverwerter und Händler? Kommt es vielleicht gar „darauf an“? Sind Interpreten Künstler? Sind Übersetzer Künstler? Sind Hörbuchsprecher Künstler? Hoffentlich ja, aber wer bekommt nun das Geld für eine Coverversion eines alten Hits? Der Komponist, der Studiomusiker, der Remixer, das Label? Bei näherer Betrachtung läßt sich das alles nicht über einen Kamm scheren. Bücher lassen sich nicht verlustfrei kopieren, nur ihre Inhalte. Aus dem Inhalt wieder ein Buch zu machen, eines zum Anfassen mit Papier, Einband und Schutzumschlag, kostet vermutlich mehr als das Buch ordentlich zu kaufen. Dennoch haben Verleger große Schwierigkeiten mit dem Netz – vor allem im schnellebigeren Bereich der Zeitungen und Magazine. Aber auch wenn die Verlegerlobby derzeit ordentlich Staub aufwirbelt, so ist es doch hauptsächlich die Musikindustrie, denen ihre Milliardengewinne wegbrechen und die nun schon seit geraumer Zeit zum Krieg blasen.

Beschränken wir uns für heute also zunächst auf die Musik. Tun wir so, als gebe es eine Kulturflatrate für Musik, ein gerechtes Modell. Wie sähe das aus? Alles Flat? Natürlich nicht. Nur das, was man aus dem Internet zieht. Genauer, das, was man derzeit illegal aus dem Internet zieht. Denn was man derzeit legal bekommt, ist entweder bezahlt, wie bei itunes und anderen Online-Musikläden, oder eben frei ins Netz gestellt, mit der Lizenz zur freien Kopie. Nun, damit wäre schnell Schluß in Zeiten der Flat Rate. Online-Musikläden wären sofort tot und ganz freie Projekte wären zwar idealistisch, aber ungeschickt. Heute könnte so etwas durchaus ein Geschäftsmodell sein, die kondensierte Abstraktion des Independent-Label, wie sie durch das Internet erst möglich würde. Mit einer Kulturflatrate wäre es gerade noch ein Hobby, eine Liebhaberei. Aber wenigstens alle Musik für jeden?

Nun, ist die Musik der Spätrenaissance Kultur? Nach sicher doch. Nur werden es sich außer mir vermutlich nur noch ein paar tausend Leute anhören, im Gegensatz zu der im Moment angesagten Musik, die von Millionen gehört wird. Könnte man hier noch von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen, so werde ich aber leider große Schwierigkeiten haben, „meine“ Musik im Netz zu finden. Flat rate, da schwingt wieder dieser all you can eat-Gedanke mit. Bleiben wir bei der Musik. Wußten Sie, daß taube Menschen von der Bezahlung der Rundfunkgebühr befreit sind? Wohnen sie nicht allein, müssen sie nachweisen, daß sie das Radio nur für sich selbst haben. Dasselbe gilt für Blinde und ihre Fernseher (Quelle: www.schwerbehinderung-aktuell.de). Müssen also Taube auch für Musik im Netz bezahlen? Oder nur, wenn sie nicht nachweisen können, dass alle Musik, die sie runterladen, ausschließlich von ihnen gehört wird? Gehen wir also davon aus, daß sich das nur lösen läßt, wenn alle bezahlen, vom Tauben zum Blinden, vom Säugling zum Greis.

Und wer bekommt das Geld? Und wie viel davon? Was sich bei Musik zweifelsfrei messen läßt ist die Länge und die Anzahl der Downloads. Letztere ist ungeeignet, denn sie muß mit der Anzahl der Hörer nichts zu tun haben. Die einen laden das Musikstück einmal und hören es von früh bis spät, die anderen laden das Musikstück im Stundentakt, aber sie hören es nicht, weil sie nur Software sind, um die Statistiken aufzuhübschen. Also die Länge. Wirklich? Wollen wir uns darauf einlassen, dass Musik nach ihrer Dauer bezahlt wird nach einem festgelegten Schlüssel, x% für den Komponisten, y% für die Interpreten, und irgendwer bezahlt sicher auch das Aufnahmestudio. Aber dann werde ich Komponist. Ich schreibe vor allem lange Stücke in C-Dur. Streit ist also vorprogrammiert.

Die Musikindustrie beäugt die Diskussion sicher auch argwöhnisch. Bis jetzt kam sie nicht vor in der Liste der Geldempfänger, höchstens als Sponsor des Aufnahmestudios. Oder als Betreiber einer kostenlosen Downloadplattform. Die Kulturflatrate ist also vermutlich nicht die Lösung, viel zu viele Fragen sind noch nicht geklärt. Eine interessante Liste von Fragen hat beispielsweise der Börsenverein des Buchhandels und ein paar andere Verbände gestellt. Klare Lobbyarbeit, aber doch geeignet aufzuzeigen, dass auch außerhalb der Musikbranche eine Kulturflatrate schwer einzuführen ist. Gruselig, dass einige Parteien die Einführung bereits in ihren Grundsatzprogrammen stehen haben.

Natürlich gab es einmal eine Kulturflatrate, nämlich bei den Römern. Kultur zum Einheitstarif. Nur daß bei den Römern dieser Tarif der Nulltarif für die Besucher war und die Künstler aus der Tasche des Veranstalters bezahlt wurden, zumindest die Künstler, die die Veranstaltung überlebten. Vielleicht retten sich die Parteien ja mit panem et circenses?

2 Gedanken zu „Kultur jenseits von Joghurt“

  1. keine renaissance musik im internet?
    na hör mal: http://www.jsayles.com/familypages/earlymusic.htm

    wir brauchen keine allgemeine flatrate, sondern intelligente, benutzerfreundliche und mit mehrwert-services angereicherte bezahlsysteme im internet. und hätte die musikindustrie nicht in unerträglich arroganter attitüde jahrelang das internet ignoriert, weil man es nicht in silberscheiben presse konnte, dann wäre sie später auch nicht gar so in bedrängnis geraten. ich erinnere mich mit grausen an eine diskussion mit thomas m. stein auf einer csu-medientagung so um das jahr 2003, in der er stundenlang über illegale musikdownloads jammerte, nachdem er wenige jahre zuvor als sony music-chef sich geweigert hatte, sich an einer kampagne zur aufklärung über copyrights zu beteiligen. ignoranz wird bestraft.

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