Klangkunst kann mich mal…

Tür auf für die Kunst...

Kunst im öffentlichen Raum regt zu Diskussionen an. Schnell arten Selbige zu handfesten Streitereien aus – zumeist findet sich eine Klientel, die dem ausgestellten Artefakt jeglichen künstlerischen Wert abspricht. Soweit nichts Neues.
Manchmal aber wird Kunst im öffentlichen Raum gar nicht als solche erkannt. Das geht mir  hin und wieder so, denn ich bin ein Ignorant und Schnösel gleichermaßen. Ein Beispiel:
Vor einiger Zeit führte mich eine Geschäftsreise ins Schwäbische. Ein paar Tage verbrachte ich in einem Hotel der gehobenen Kategorie, also in einem Haus, das sich intensiv um das allzeitige Wohlbefinden der Gäste kümmert. Die einen mögen diesen Schnickschnack sehr, die anderen bezeichnen es als esoterischen und sonstigen Unfug. Das hat mit Kunst nichts zu tun.
Noch weniger hat es mit Kunst zu tun, dass eiligst herbei gerufene Handwerker es nicht schaffen, innerhalb dreier Tage, die unser Aufenthalt im Spätzleland dauert, den zweiten Fahrstuhl wieder in Gang zu bringen – im Gegenteil. Aber das ist eine andere Geschichte.
Hier geht es schließlich um Kunst im öffentlichen Raum, bzw. im Hotel.
Wie das nun mal so ist, nutzen alle Gäste den verbliebenen Fahrstuhl. Bei nur fünf Stockwerken ist das kein großes Thema, zu Gedränge oder längeren Wartezeiten kommt es nie.

Wie wenig überrascht es mich, als ich den Fahrstuhl das erste Mal betrete und mir ein indifferenter Klangbrei entgegenwabbert. Aber es ist nicht etwa die kaufhausartige Fahrstuhlmusik, die als funktionelle Musik unaufdringlich das Befinden und damit die Kauflust steigern soll. Neuerdings hört man solche Töne gern auch in Parkhäusern, vor allem in denen, in denen ansonsten das Grauen herrscht. Soll das Frauen „entängstigen“ oder potentielle Kriminelle von ihrem Vorhaben abbringen? Man weiß es nicht. Man kann nur vermuten.
Zurück ins Hotel: Hier beschallen mich sphärische Klänge, deren Ursprung mir ebenso verschlossen bleibt wie ihr Sinn.
Vielleicht trifft es bei mir nicht den richtigen Nerv, muss es auch nicht. Ich verbuche den Klangteppich als Versuch, die Schockstille zu übertünchen, die immer dann entsteht, wenn zwei Gäste sich im Fahrstuhl angeregt unterhalten und ein weiterer zusteigt. Lediglich Handynutzer werden mitten im Gespräch und im Schacht zundhmend indiskreter und  lauter, wenn das Netz eher dünn wird.
Zwei Stunden später, im selben Fahrstuhl ist es still. Angenehm: Plötzlich ein Schaben und Scharren, vermutlich von den Handwerkern aus dem Nachbarschacht. Es klingt wie das langsame Sterben der Kühlung im Milchregal unseres heimischen Supermarktes (Und ja: Genauso ist es, ich höre das Geräusch öfter beim Einkaufen). Natürlich denke ich mir nichts dabei. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und so lange es keine Aufzugkabinen sind, die fallen, ist alles gut. Wer arbeitet, soll auch Geräusche machen dürfen.
Des Nachts aber, als mein amerikanischer Freund Dan und ich den Fahrstuhl betreten, sind wir mehr als irritiert: „Did you hear that?“ fragt er mich. „Listen! Crickets!“.
Ich hatte das bisher nicht wahrgenommen, aber es stimmt: Leise zirpen Heimchen. Terrarianer kennen das Geräusch von daheim nur allzu gut. Aber in einem Hotel? Hat da jemand ein Terrarium to go im Zimmer?
Ein freundlicher Herr im dunklen Anzug, das Hotellogo am Revers, klärt uns auf: „That’s art…“ schwäbelt er. Er zeigt auf ein kleines Täfelchen, das mir tatsächlich entgangen war. Und da erkenne ich: Wabernde Klänge, Schaben, Stille, Heimchen – das ist Kunst. Eine Klanginstallation des französischen Komponisten Henri Scar Struck , wie ich  später auf der unternehmenseigenen Website nachlese:
Es ist eine Verbindung zwischen Kunst und Unterkunft… Das Lied eines Vogels. Ein samtweicher Pianoakkord. Ein Herzschlag. Das Geratter einer Straße in der Stadt. Der Rhythmus galoppierender Pferde. Interpunktion der Stille. Der französische Komponist und Produzent Henri Scars Struck verbrachte sein Leben mit dem Zusammenstellen von Klängen, Rhythmen und Melodien mit einem einfachen Ziel: Leute zum Anhalten und Zuhören zu bringen.
Na wunderbar: Im Fahrstuhl ohne eigenes Zutun zum Anhalten und Zuhören gebracht zu werden, ist nicht gerade das, was ich möchte. Und schon gar nicht zwischen den Stockwerken…
Dann lieber kunstlos bei den Handwerken einsteigen. Da weiß man wenigstens, woran man ist.

Nachtrag: Tage später weiß ich, dass ich einem Trend auf der Spur bin. In einem Berliner Hotelfahrstuhl  zwitschern in Endlosschleife Meisen, Amseln und sonstiges Federvieh. Der Flur wird von Klangtropfen und nachts von Uhu-Rufen berieselt – wie originell. Allerdings reagieren selbige erst, wenn man durch sie hindurchschreitet. Ein Bewegungsmelder setzt die Beschallung in Gang. Auch das ist nicht gerade Kunst, aber ebenso lästig…

5 Gedanken zu „Klangkunst kann mich mal…“

  1. So lange das Zirpen nicht irgendwelche liebeshungrigen Kakerlaken anlockt, ist es ja nicht so schlimm. Aber vielleicht ist das der heimliche Sinn des Ganzen: sie kriechen in den Fahrstuhlschacht und stürzen dort ab bis auf den Boden, wo sie von der Kabine zerdrückt werden, sobald diesie in den Keller fährt. Raffiniert, diese Schaben, äh, Schwaben…

  2. Fährt die besagte Kabine oder fällt sie?
    Da Schaben bekanntlich ziemlich hartnäckig sind, wäre ein Fallen vielleicht nicht unangebracht.
    einzig der Verschleiß an Kabinen (und damit verbunden an unbedarften Hotelgästen) wäre enorm.

  3. Fahrstuhlmusik wird seit Längerem gerne durch Realtime-generierte Streams erzeugt, das wird an der Uni auch gerne als Fingerübung zu neuronalen Netzen verwendet:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Algorithmische_Komposition

    Im Grunde basiert das nur auf der good-ol‘ Harmonielehre.
    Eigentlich hat man das vor langer Zeit erforscht, um Chart-Hits am Fließband zu komponieren. Das klang aber alles so, wie McDonald’s schmeckt. Also konnte man die Ergebnisse dieser Forschung nur für die Fahrstühle verwursten. Zwölftonmusik lässt sich natürlich richtig einfach und sehr überzeugend auf jedem haushaltsüblichen Toaster generieren – aber wer will das hören?

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