Jenseits aller Wirklichkeit: Hans Zehetmairs Vorschläge

Si tacuisses, philosophus mansisses.

„Wenn du geschwiegen hättest, so wärest du ein Philosoph geblieben.“ So manches Mal möchte man Boethius  Sinnspruch diversen Menschen ins Stammbuch schreiben – uns selbst nicht ausgenommen. Schweigen aber ist eine Kunst, die man vor allem dann beherrschen sollte, wenn man von bestimmten Dingen keine Ahnung hat. Sehr viel einfacher hat es der Linux-Pinguin mit der charmanten Synchro-Stimme von Dieter Nuhr vor einigen Jahren ausgedrückt:



Dieser Clip ist zwar mittlerweile uralt, aber die Botschaft trifft noch immer den Nagel auf den Kopf.

Weniger treffsicher war, was der oberste Gralshüter der deutschen Sprache, der ehemalige bayerische , einst bayerischer Bildungsminister, heute Vorsitzender des Deutschen Rechtschreibrates Hans Zehetmair kurz vor Weihnachten von sich gegeben hat. Spiegel online zitiert ein Interview, das Zehetmair der dpa gegeben hat, mit den Worten: „Die deutsche Sprache wird immer weniger gepflegt“, beklagte Zehetmair in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Das Deutsche verarme in den neuen Medien zu einer „Recycling-Sprache“, werde immer mehr verkürzt und vereinfacht und ohne Kreativität wiedergekäut.
Das Interview ist zwar schon ein Weilchen her, aber Zehetmair ist Jahrgang 1936, da nimmt man es mit dem Tempo nicht mehr ganz so genau. Außerdem war zwischenzeitlich Weihnachten, da mussten wir  neuen Smartphone-Modelle auf ihre SMS- und Twittertauglichkeiten hin prüfen. Aber wir sind ja erwachsen und dürfen das. Daher erst jetzt unser Post.
Was will denn nun der greise und wenig fachkompetente Herr Zehetmair eigentlich?
Der Sprachverfall betreffe vor allem die junge Generation. Das Vokabular der Jugendlichen sei bei SMS und Twitter generell sehr simpel, die Rechtschreibung fehlerhaft „ wird sein Interview in der Computerwoche zusammengefasst.
Und so kommt Zehetmair auf den glorreichen Vorschlag, diese Messaging-Dienste erst dann Jugendlichen zugänglich zu machen, wenn diese in ihrer Sprache gefestigt seien. Als Einstiegsalter rät er 14 Jahre. Realitätsferner geht es nicht mehr.  Die vollständige dpa-Meldung liest sich so schön, dass wir den Czyslansky-Lesern dringend empfehlen, diese über den angegebenen Klick der Computerwoche aufzurufen.
Philosophisch ist das nicht, was der 76jährige da von sich gibt. Auch nicht sachkundig. Es ist der übliche Schmäh vom Verfall der deutschen Sprache. Das Lied, das immer gesungen wurde und immer wieder gesungen wird. Mal ist es das Französische, dann das Englische, dann die Fäkalsprache oder die Klospruchphrase, die der deutschen Sprache den Garaus zu machen droht. Passiert ist das nie, und das wird es auch nicht Aber da ist ja vor allem der Todbringer AKF, der Abkürzungsfimmel.
Der nämlich macht – so Zehetmair – aus SMS, Tweets und WhatsApp-Nachrichten ein Sprachgerippe. Statt schmucker, lyrischer Adjektive wimmelt es von lol, rofl, hdgdl und ähnlichen Sprachcodes, die der Jugend von heute wahre, herzliche und herzenswarme Kommunikation unmöglich macht: „Alles ist super, top, geil, aber nicht mehr authentisch“, wird Zehetmair zitiert.
Dabei hat es Abkürzungen schon immer gegeben, viele sind längst als eigenständige Wörter in der deutschen Sprache angekommen, von der Apo zur Stasi, von der Gestapo zur Nato, vom VauWe über den BeeMWe zu Hartz4, von ko bis zu ok. Wesenseins ist diesen neuen Wörtern, dass sie aussprechpar sind und entsprechend genutzt werden. Aussprechbar ist hdgdl nicht und deshalb wird wohl kaum jemand dies in absehbarer Zeit seinem Mitmenschen von Angesicht zu Angesicht sagen – und auch lol sagt normalerweise niemand. Er lacht einfach los…
Die neue Kommunikationsform mache die Sprache nicht kaputt, sondern eröffne neue Möglichkeiten des Ausdrucks, der Zwang zur Verdichtung rege die Fantasie an, halten laut heise.de Sprachwissenschaftler dagegen.
Dass die Generation Twitter sich für ihre Kommunikation auf 140 Zeichen reduziert hat, ist hanebüchener Unfug. Kaum eine Generation ist sprachlich so produktiv, bloggt, twittert und postet sich durch die ganze (digitale) Welt, wie die heutige. Eine Gefahr für die Sprache besteht nicht.
„Ich will die moderne Technik nicht verurteilen, aber die Jugend darf sich von der schwindelerregenden Entwicklung nicht vereinnahmen lassen“, hat Zehetmair gesagt.
Fragt man sich, ob die Jugend (wie immer wird unter diesem Begriff eine Generation zusammengefassst, die man vor Schaden bewahren und aufs richtige Gleis bringen muss) die aktuelle technologische und komunikative Entwicklung überhaupt als schwindelerregend empfindet.
Oder ob der greise Sprachhüter nicht derjenige ist, der zu Recht Angst hat, nicht mehr mitzukommen…

3 Gedanken zu „Jenseits aller Wirklichkeit: Hans Zehetmairs Vorschläge“

  1. Dann, werter Herr Gassner, kann es nur daran liegen, was Herr Zehetmair uns Eltern mit ins Stammbuch geschrieben hat:
    Kinder sollten wieder mehr Gedichte lernen und Bücher lesen, um die Schönheit der Sprache zu erleben,
    Bitte nutzen Sie also die Ferien und forsten Sie gemeinsam mit ihrem Sohn Goethes, Fontanes, Schillers, Brechts und anderer Autoren Balladen durch. Am besten gleich auswendig lernen lassen. Spätestens dann sollte ihrem Sohn das Lachen – Entschuldigung, das „LOL“ – vergehen.

  2. +++ ANKOMME 17H HBF MUC +++ STOP + + + FEUE MICH A. +++ STOP +++
    Telegramme kennt der Herr Zehetmair bestimmt auch noch und die deutsche Sprache hat das Telegramm überlebt, sie wird Twitter überleben, SMS und auch Herrn Zehetmair, dessen Uhrgrossvater den Maier auch gleich verkürzt hat, damit er einen Buchstaben spart …

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