Himmel auf Erden

Heaven

Einmal im Jahr ziehen meine Frau und ich uns an den schönsten Ort der Welt zurück. Er heisst „Phenix“ und liegt an der zerklüfteten, menschenleeren Südwestküste Kretas, der so genannten Sfakia. In Phenix gibt es ein einfaches Gasthaus, das kleine Zimmer vermietet mit großen Balkonen, eine mit Weinreben umrankte Terrasse und einen halbmondförmigen Steinstrand – und sonst nichts. Und vor allem: Es gibt keinen Handyempfang!

Leider haben sie inzwischen einen Internet-Anschluß, aber der ist wahnsinnig langsam und tut auch nur sporadisch. Und das ist gut so, denn für mich gibt es nichts Erholsameres, als 14 Tage ohne Kommunikationsstress.

Ein Kilometer weiter liegt der wahnsinnig malerische Ort Loutro, wo es etwa 10 Kneipen gibt und leider auch zwar schlechten, aber immerhin Verbindung zum Mobilfunknetz. Wenn wir etwas Abwechslung wollen und nach Loutro rüberwandern, setzen wir uns immer in ein Restaurant, wo der Empfangsbalken meines Handys nichts anzeigt.

Ich bin offensichtlich nicht alleine mit meiner Vorliebe für Funkschatten. Wie eine Karikatur in der heutigen Ausgabe der „International Herald Tribune“ (siehe Oben) beweist. Nur kann ich von mir behaupten, ich habe meinen Himmel schon gefunden, und zwar auf Erden.

8 Gedanken zu „Himmel auf Erden“

  1. als agnostiker sind mir ja beschreibungen des himmels fremd. die hölle wiederum bedarf keiner deskription, sie ist allgegenwärtig. vor allem in zügen der deutschen bundesbahn. dabei liebe ich bahnfahrten. eigentlich.

    die bahnfahrt eröffnet dem reisenden ein gespür für raum und zeit, da beide dimensionen synchron durchfahren werden. fliegen hingegen ist ganz und gar unhistorisch. fliegen ist das gegenteil von er“fahren“.

    im zug erinnere ich stundenlange bahnfahrten, die ich als heranwachsender oft unternahm. hinter dem fenster des abteils (eines richtigen abteils, in dem man mitreisende noch kennenlernen durfte, weil deren anzahl auf fünf begrenzt war) lief stets ein neuer phantastischer film ab. fuhr man durch die ddr, gabs sogar gelegentlich filme mit untertiteln. fuhr man etwa anfang der achtziger jahre von münchen nach berlin konnte man gleich hinter der grenze eine der seltsamsten botschaften lesen, die je durch fenster der deutschen reichsbahn drangen: „die thüringischen schokoladenwerker arbeiten an der hauptaufgabe des sozialismus“ – ach deshalb!

    so buche ich noch heute gerne bahnfahrkarten (die leider auch keine mehr sind) und hoffe stets erneut auf die wiederkehr jener kontemplativen er-fahr-ungen. und natürlich buche ich wenn möglich ein „abteil“ und erst recht einen wagon mit handyverbot (jetzt mit ich bei deinem thema, tim). solange aber die bahnverwaltung sich weigert störsender in solchen zugabteilungen zu installieren, die empfang und sendefähigkeit mobiler kommunikationsgerätschaften technisch verunmöglichen, werden unsere sinne auch in solchen zügen keine ruhe mehr finden. die kakophonie von klingeltönen ist mit vorschriften alleine schon lange nicht mehr zu verhindern.

    „ich bin jetzt im zug“ (ach!)
    „gleich kommt bebra“ (wo kommt das denn wieder her?)
    „ich fand gabi gestern auch unmöglich“ (toyota!)
    „wann können sie denn die schrauben liefern“ …

  2. Der Zug, lieber Michael, ist durch!

    Wenigstens will die Lufthansa, ausweislich eines Gesprächs, das ich kürzlich mit der Pressestelle hatte, weiterhin am Verbot von Handygesprächen in der Luft festhalten – obwohl das Märchen von der angeblichen Störung empfindlicher Bordsysteme inzwischen als Lüge enttarnt worden ist. Der Kranich-Mann meinte, man befürchte inzwischen nicht mehr technische, sondern vielmehr zwischenmenschliche Störungen…

  3. Loutro scheint mit ähnlichen Raten gewachsen zu sein, wie der Mobilfunkmarkt. Ich kenne das noch als 1-Kneipen-Ort, an einem der schönsten Fleckchen Erde.

  4. Auf den Malediven war das früher auch so ähnlich – leider haben sie da angefangen, auf den Inseln auch Handynetz-Antennen aufzubauen. Aber zum Glück immer noch extrem teuer, weshalb man dann eh keine Lust zum telefonieren hat.Ich hab gehört, in der Antarktis gibt es auch noch handyfreie Zonen …

  5. Was seid Ihr? Neoluditen? Maschinenstürmer also? Wer nicht erreichbar sein will, braucht doch nur abzuschalten. Mich ärgern schlechte Verbindungen viel mehr als überhaupt keine. Und das Mithören von Handy-Gesprächen im Zug sehr aufschlussreich. Okay nicht immer. Aber in den Fällen, dienen sie der Face-to-face-Kommunikation im Großraumwagen: „Geht´s auch leiser?“ oder den fand ich besonders gut: „Es reicht vollkommen, wenn ich Ihr Gerede mitanhören muss. Also stellen sie Ihr Telefon doch bitte leiser, damit ich die blöden Antworten Ihres Gesprächpartners nicht auch noch hören muss.“

  6. Lothar Dörr von der Agentur A&B One hat da noch eins draufzusetzen: Richtiger Urlaub ist, wenn du nach Hause kommst und du kannst deinen Computer gar nicht mehr starten, weil du das Passwort vergessen hast! Ist ihm tatsächlich gerade passiert. Nach sechs Wochen auf einem Hügel in der Toskana mit Meerblick und wisperde Pinienbäume war er offenbar derart entspannt, dass er keine Ahnung mehr hatte, mit was für einem Begriff er seinen PC abgesperrt hatte. Er hat mir erzählt, dass er alle denkbaren Kombinationen von Vornamen der Ehefrau und der Kinder und sogar des Hundes durchprobiert hat, aber leider ohne Erfolg. Er musste den Tech-Support seiner Firma bemühen, was ihm natürlich sehr peinlich war. Aber die Kollegen fanden es sogar toll – und haben ihn beneidet…

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