Heute ein Hodscha

Vor Jahr und Tag hat mir ein lieber Mensch von einer seiner vielen Reisen einen Hodscha-Hut mitgebracht. Ein Hodscha (kasachisch Қожа, türk. hoca, von neupers. ‏خواجه‎ / ḫwÄǧa) ist ganz allgemein ein Lehrer, speziell ein islamischer Religionsgelehrter, z. B. ein Religionslehrer osmanischer Prinzen. So steht es auf Wikipedia

Die Kopfbedeckung sei ein Ausdruck für einen Gelehrten, einen Gebildeten, einen klugen Kopf. Ich nahm das Geschenk dankbar und geehrt an. Dann irgendwann verschwand der Hut in einer Schachtel im Schrank. Seit unserem Umzug steht er auf einem Kleinmöbel im Schlafzimmer. Natürlich ungenutzt, denn ich bin kein Hodscha, nicht mal Muslim.

hodscha

Nachdenklich habe ich ihn jetzt in die Hand genommen. Nachdenklich, weil ich vor kurzem ein unter Bloggern kursierenden Aufruf gelesen habe. Die Verfasserin Sherry fordert Deutschlands Blogger auf, ein deutliches Zeichen gegen Ausländerhass zu setzen: „Ja, ihr habt das Recht, eure Blogs und Medien frei von Schmutz zu halten, euch nicht mit allzu negativen Dingen in jedem Raum eures Lebens zu belasten. Aber ihr habt ein weitaus mächtigeres Mittel in der Hand, als ihr denkt: Ihr könnt anderen vermitteln, was das Richtige ist, ihr steckt die bereits vorhandenen ähnlichen Gedanken an, ihr zündet sie quasi an wie Fackeln, die in ihrer Mehrzahl mehr Licht spenden als allein und ungeäußert.“

Und ich lese in einem anderen Blog: Für tagespolitische Themen taugt mein Blog nicht; das können andere bedeutend besser als ich. Dennoch folge ich dem Appell  von Bloggerin Sherry. Sie hat recht — wenn ich schweige, setze ich dem Wahnsinn nichts entgegen.

Wie gern hätte ich gesagt: Meine Blogs eigenen sich auch nicht. Es geht in dem einen um Satire, um Spitzen, um die absurden Momente des Alltags. In dem anderen geht es um’s Schwimmen. Aber das wäre zu billig. Allenfalls hier im Czyslansky-Blog, an dem ich mitbeteiligt bin, könnte ich meine Meinung zum Thema äußern. Und genau das werde ich tun.

 

Ich komme noch einmal zurück zu dem Hodscha-Hut. Je länger ich ihn betrachte, je länger überlege ich, wie und wo ich mich als Teil unserer Gesellschaft durch den Islam bedroht fühlen müsste: In meinem Leben, in meiner Tradition. Und so lange ich auch suche: Ich kann nichts finden.

Seit meiner Schulzeit, und das ist verdammt lange her, kenne ich Menschen islamischen Glaubens. Ich kenne sie als Mitschüler, als Freunde, ich kenne sie als Kollegen, ich kenne sie als Händler, Handwerker, als Nachbarn, als Gastronomen… so wie nahezu jeder von uns. Natürlich weiß ich: Es gibt sie auch als Kriminelle, als Steuerbetrüger, als Menschen, die staatliche Leistungen erschleichen, als Arbeitslose, als aggressive, gewaltbereite Menschen – genauso wie es ebensolche Katholiken Protestanten, Juden, Buddhisten, Mormonen, Jehovas Zeugen… gibt.  Für Athetisten gilt das sowieso und von den Scientology-Anhängern müssen wir in diesem Zusammenhang auch nicht reden.

Keiner von den Muslimen, die ich bisher kennengelernt habe, trachtet nach meinem Job. Und ich nicht nach deren. Ich möchte weder Änderungsschneider sein noch IT-ler, Dönerverkäufer, nicht Taxifahrer, Arzt, Schauspieler, Anwalt, Restaurantbesitzer, Lehrer, Fotograf, Apotheker, Politiker oder Filmregisseur. In all diesen Berufen sind mir Muslime begegnet, und in vielen anderen mehr. Sie machen ihren Job, ich den meinen. Weil sie ihren können und ich meinen. Es ist egal, zu welchem Gott man betet oder ob man es ganz lässt. Die Bedrohung der Arbeitsplätze hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit Qualifikation, mangelndem Engagement, mangelnder Bildungsbereitschaft.

Keiner von den Muslimen, die ich bisher kennengelernt habe, hat jemals versucht, mich zu bekehren oder mich daran gehindert, in eine Kirche zu gehen, wenn ich es wollte. Die Aushöhlung der christlichen Traditionen, den „Werteverfall“ treiben meiner Meinung nach viel stärker diejenigen voran, die aus den Kirchen austreten, sonntags offene Geschäfte fordern, an stillen Feiertagen auf Partymeilen gehen wollen, den Weg nicht auf Friedhöfe finden und mit dem Thema Mildtätigkeit abgeschlossen haben: Die westlich geprägte Ego-Gesellschaft. Der Ruf, in den Schulen die Kreuze abzuhängen, kam – erinnern wir uns – noch mal von wem? Die Aufhebung des Tanzverbots an stillen (zumeist kirchlichen) Feiertagen von wem? Wer möchte sonntags unter dem Schutz des kirchlich begründeten Ruhetags nicht arbeiten aber shoppen gehen? Wer nimmt selbstverständlich alle kirchlichen Feiertage als arbeitsfrei an, ist aber längst aus allen Glaubensgemeinschaften ausgetreten, um Steuern zu sparen?

Keiner von den Muslimen, die ich bisher kennengelernt habe, hat mich je kritisiert, missionarisch auf mich eingeredet oder angewidert angestarrt, wenn ich einen Schweinebraten oder eine Halsgratsteaksemmel esse. Vegetarier und Veganer allerdings schon… und zwar auf heftigste, aggressivste und beleidigendste Art und Weise.

Keiner von den Muslimen, die ich bisher kennengelernt habe, trachtet nach unserem kleinen Häuschen, unserem Hab und Gut, unserem Wohlstand. Und wenn mir irgendetwas davon verloren gehen sollte, dann liegt es an mir selbst, dass ich den Lebensstandard nicht halten konnte oder wollte; nicht an einem Muslim, der darauf lauert und mir Böses wollte.

Aber wenn ich in der Zeitung von Bürgerwehren lese, die vor Flüchtlingsunterkünften patrouillieren sollen, von Unterschriftenaktionen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in der Nähe von Spielplätzen, weil diese Leute ja die Kinder verstören könnten, dann wird mir schlecht vor so viel Borniertheit (Beispiel Forstern/Obb.). Wenn ich höre, dass Kommunen sich freikaufen können von der Verpflichtung, Flüchtlinge unterzubringen und das tun, „weil die nicht zu uns passen“ (Beispiel Bad Tölz), dann frage ich mich: Da kommen Menschen, wie könnt ihr so mit denen umgehen? Wo ist denn bitte Eure so hochgehaltene Fahne der abendländisch-christlichen Tradition. Gehört nicht Nächstenliebe auch dazu? Oder ist der Nächste nur dann der Nächste, wenn er keine Hilfe braucht, keinen Schutz, kein Obdach?

Wenn ich von einer befreundeten nebenberuflichen Rettungssanitäterin höre, die Einsätze in der Massenunterkunft in der Münchner Bayernkaserne hatte, wie es dort zugeht, dann denke ich mir: „Wenn Ihr Pegida-Leute nur einen einzigen Tag so leben müsstet, wie diese Menschen dort, dann möchte ich Euch zetern hören.“ Keiner möchte sein ganze Hab und Gut in einem kleinen Schrank unterbringen können, weil er mehr nicht hat. Keiner möchte mit einem anderen Menschen über Wochen und Monate ein einfaches Bett teilen müssen, weil die Schlafplätze nicht für alle reichen. Ich übrigens auch nicht.

Und vielleicht sollte mal den hass-schürenden Pegida-Leuten und ihren Gefolgschaften jemand klar machen, dass längst nicht alle Flüchtlinge Muslime sind. Viele Christen fliehen aus Afrika, auch viele Syrer, die sich hierzulande um Asyl bemühen, sind Christen. Welche Bedrohung geht von ihnen für unser Abendland aus?

Ich weiß, das sind sehr subjektive Eindrücke. Aber ich fühle mich, wenn ich ehrlich bin, durch den Islam weder bedroht noch bedrängt. Mehr möchte ich damit nicht zum Ausdruck bringen. Wenn Pegida von sich behauptet, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, oder ihr sogar zu entspringen, dann bin ich stolz und froh zum Rand der Gesellschaft zu gehören, in diesem Fall als „Hodscha“ zur Bildungselite.

Ein Gedanke zu „Heute ein Hodscha“

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