Gefangen im der Facebook-Nebula

Nein, mein Shit Sherbet ess ich nicht!

Das Internet hat eine neue Kunstform entstehen lassen, nämlich das “flaming”. Man muss sich das so vorstellen, als ob jemand einen verbalen Flammenwerfer anzünden und auf eine andere Person, eine Firma oder eine Institution richten würde, bis nur noch ein Haufen glühender Asche übrig bleibt. Es hat legendäre „flame wars“ gegeben und sogar eine „Flamer’s Bible„, bis Web 2.0 kam und auf einmal alle ganz brav und höflich wurden, weil sie Angst hatten, von anderen „de-friended“ oder sonstwie bei der Online-Gestapo angezeigt zu werden, die einen abholen und unsanft aus der Nutzerliste entfernen. Einen richtigen Flame habe ich schon lange nicht mehr gelesen, und ich dachte schon, es gibt sie vielleicht gar nicht mehr.

Jedenfalls so lange, bis mich Eve Maler (a.k.a. „@xmlgrrl“) gerade auf einen Blogpost von Jason Scott hinwies, ein ziemlich abgefahrener Typ (wer sonst würde sein Leben der Dokumentation der Entstehungsgeschichte von ASCII widmen?), der auf die eher harmlos klingende Frage „Was ist deine Meinung bezüglich der Langlebigkeit und den Herausforderungen bei der Archivierung von [Facebook]?“ zu einer seitenlangen Hetzirade ansetzte, die in Sachen Fäkalsprache ganz neue Dimensionen eröffnet („People aren’t just eating Facebook’s Shit Sherbet  […] they are shoveling it down.“). Man kann nach der Lektüre mit einiger Sicherheit sagen: Jason mag Facebook nicht. Nein, er mag es überhaupt nicht. Und er hält uns FacebookNutzer alle für geisteskrank, pure and simple.

Nun, über Geschmack und Geisteskrankheit kann man sicher streiten („Ich soll verrückt sein? Nein, die anderen sind‘s!“). Aber es ist schon etwas dran an seinen Argumenten, auch wenn man sie nur mit Asbesthandschuhen anfassen kann. Ich habe mir die Mühe gemacht, den zweiten Teil seines Ejakulats ins Deutsche zu übertragen, erstens deshalb, weil er hier meines Erachtens wirklich ernstzunehmende Dinge über Facebook zu sagen hat, und zweitens weil der in Puncto Obszönität blutarmen deutschen Sprache einfach die Wortgewalt fehlt, um den ersten Teil seines Traktats gerecht werden zu können.

„Facebook ist ein lebender Computer-Albtraum. So wie Viruse die Möglichkeit ausnutzten, Informationen auf Floppies oder per Modem auszutauschen und dabei den verheerenden Unterbau des ganzen Vorgangs offenbarten, was jede Transaktion per Computer unter Generalverdacht stellte… und genau wie Spyware/Malware die wunderbaren Fortschritte in der PS-Leistung von Computern ausnützte, um deine vielgeliebte Selbstverwirklichungsmaschine in ein Maschinengewehr des Leids und der Arschlöchrigkeit zu verwandeln… so steht Facebook nun heute nach mehr als anderthalb Jahrzehnten Traum vom World Wide Web da und verwandelt ihn in einen erbärmlichen IT Großraumbüro aus menschlicher Pseudo-Interaktion, mit einer bastardisierten Form von E-Mail, von Mailing Lists, Fotoalben und Freundschaften.

Ich verwende Facebook jeden Tag. Aufgrund von Facebooks Ekel und Abneigung gegen Grenzen und Hierarchieebenen habe ich es tatsächlich geschafft, mit einigen Leuten wieder in Kontakt zu kommen, die in meiner Vergangenheit für mich wichtig waren, und ich habe Facebook benützt, um Informationen über eine Reihe von Menschen und Figuren zu sammeln, die relevant waren für meine Arbeit in der Geschichtsforschung und der Wissenschaft. Ich kann das, weil Facebook dir erlaubt, Millionen von Profilen zu durchrasen und aus der wilden Flut von Besitzstörungen und Enthüllung genau das Wissen mit der Harpune herauszupicken, das du brauchst. Du kannst jemand anderen am Rockzipfel seines Lebens packen und ganz, ganz fest ziehen. Anders ausgedrückt: Ich verwende Facebook als Menschen-Suchmaschine. Und dafür ist es wirklich großartig!

Die Tatsache aber, dass jemand irgendwas Einzigartiges dort reinstellen könnte, etwas das ihm wirklich wichtig ist, ist mehr als geisteskrank – es ist Idenitäts-Selbstmord. Es ist so, als würdest du absichtlich die Straße des Lebens entlangfahren und dabei Seiten aus deinem Tagebuch und deinen Fotoalben herausreißen und sie zum Fenster rauswerfen. Viel Glück, etwas davon wiederzufinden. Viel Glück zu wissen, dass in sechs Monaten oder einem Jahr nichts davon wieder auffindbar sein wird. Versuch mal, mit jemandem über das „Message“-System zu kommunizieren, das offenbar von einem Fötus im zweiten Trimester gebaut worden ist, der keine Ahnung von den Funktionen hat, die in den letzten 30 Jahren entwickelt worden sind. Geh zurück und versuchmal nach eine richtige Suchfunktion zu finden, eine Themengliederung, echten Nutzwert. Nichts. Gibt’s nicht, haben wir nicht, kriegen wir auch nicht rein. Alles auf Facebook ist Jetzt! Nichts, wirklich nichts auf Facebook ist Damals. Oder auch nur letzten Monat.

Wenn du mich also nach der Archivierbarkeit oderdem Containering oder der langfristigen Nachhaltigkeit von Facebook für irgendwas fragst, dann ist die Antwort: Nichts. Nicht einen Deut oder ein Punkt oder ein Spur. Es ist, wie wenn unser Gedächtnis ein Kaminfeuer wäre, in das wir endlose Mengen von Informationen und Selbsterkenntnis und Wissen werfen, nur um zuzusehen, wie die Werbetreibenden unsere Erinnerungen mit unzähligen Fakten anreichern, die wir weder sehen noch kontrollieren noch verstehen können.

Und während wir dieser Maschine zuschauen, diesem Motor, der unsere Erinnerungen und unsere Identität verbrennt, während wir also zusehen, wie sie jeden kleinen Rest von uns an jeden verscherbelt, der bereits ist, dafür zu bezahlen, wie man unser Selbst und unsere Träume und unsere Ideen in Kompost verwandelt, in eine graue Paste, die sich höchstens als Beilage für die volle Mahlzeit der menschlichen Online-Erfahrung eignet, währenddessen bin ich mir sicher, dass viele von uns sagen werden: Na und?

Es sagt bestimmt etwas, dass ich mich nicht einmal dagegen wehre angesichts dieser Situation, nachdem ich gesehen habe, was alles geschehen ist und was vermutlich noch geschehen wird. Ich verschwende nicht einen einzigen gottverdammten Gedanken darauf, Dinge zu extrahieren oder zu archivieren, denke nicht nach über Langlebigkeit oder Bedeutung. Ich kann nur hoffen, dass all die Projekte und Prozesse und Erinnerungen und Geschichten, auf die ich mich tatsächlich konzentreiere, mich trotzdem glücklich machen werden in der farblosen Nullsummen-Wolke einer vor dem Kollaps stehenden Galaxis namens Facebook-Nebula.“

2 Gedanken zu „Gefangen im der Facebook-Nebula“

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